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Interview

Johnny Depp
Johnny Depp liebt Frankreich

Timing ist alles

Johnny Depp nimmt in der Filmbranche eine besondere Rolle ein. Er gilt als intelligenter und experimentierfreudiger Unterhalter. Simplicissimus ist für ihn kein Understatement. Seine Karriere begann der außergewöhnliche Unterhalter als Rockmusiker bis er für die Teenie-Serie "21 Jumpstreet - Tatort Klassenzimmer" entdeckt wurde. In "Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2" mimt er zum zweiten Mal Piratenkapitän Jack Sparrow. Wir trafen uns mit dem Kapitän der Black Pearl zum Gespräch.
Von  Markus Tschiedert, Filmreporter.de,  6. August 2006

Johnny Depp alias Kapitän Jack Sparrow in seinem zweiten Abenteuer

Johnny Depp alias Kapitän Jack Sparrow in seinem zweiten Abenteuer

Ricore: Ihre komödiantischen Einlagen sehen einfach und improvisiert aus. Wie stimmen Sie ihr Timing ab und wie schaffen Sie es, komisch zu sein?

Johnny Depp: Das ist der Punkt. Wie hält man es frisch? Wie sorgt man dafür, dass es klappt? Für mich gibt es eine feine Kunst des Timings. Ich arbeite immer noch daran. Wenn man Komiker wie Chaplin und Keaton oder sogar Lon Chaney in seinen dramatischen Rollen betrachtet, ist das Timing, insbesondere in den Stummfilmen, überwältigend. Im modernen Film kann das Timing durch das Editieren verbessert oder zerstört werden. Ich versuche einfach nur mein Bestes zu geben.

Ricore: Sie haben das neuen Pirates of the Caribbean Fahrgeschäft im Disneyland getestet. Wie komisch war es für ihre Kinder einen robotischen Vater als Jack Sparrow zu sehen?

Depp: Meine Kinder waren genauso aufgeregt wie ich. Die fanden das schon sehr seltsam, mir ging es da nicht anders. Um noch mal auf das Thema Timing zurückzukommen. Als man mir "Fluch der Karibik" anbot, gab es kein Drehbuch, keine Rollen, nichts. Damals war meine Tochter zweieinhalb Jahre alt, also habe ich drei Jahre damit verbracht, alte Disneyfilme anzuschauen. Ich habe mir auch Tex Avery Cartoons und noch jede Menge anderen Kram angesehen. Das war sehr hilfreich für mich, weil ich den Gedanken entwickelt habe, dass die Cartoonfiguren sich nicht an dieselben Regeln halten, die für lebende Schauspieler gelten. Die Grenzen des Machbaren sind großzügiger angelegt. Die können viel mehr herumfliegen. Es hat mich fasziniert, dass ein Dreijähriger, ein 40-jähriger und ein 75-jähriger sich diese Figuren mit denselben Gefühlen anschauen können. Man fühlt sich wieder wie ein Kind. Das ist für mich der Hauptaspekt von Kapitän Jack.

Ricore: Wie haben Sie auf die Panikreaktion des Disneyvorstandes reagiert, als erste Klatschgeschichten über die Alkoholabhängigkeit und die sexuelle Orientierung von Jack Sparrow spekuliert haben?

Depp: Das ist jetzt zwar absolut unverantwortlich von mir, aber ich fand das wahnsinnig komisch. Das fand ich toll, weil die so besorgt und erschrocken waren. Es war eine ernste Angelegenheit. Die hatten ernsthaft überlegt mich aus dem Projekt zu werfen und das wäre für mich kein Problem gewesen. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass ich meine Rolle gut im Griff habe und ich wusste was ich mache. Sie mussten mir vertrauen oder mich feuern. Am Ende haben sie mich nicht gefeuert.

Ricore: Stimmt das Gerücht, dass Sie in einem Film Michael Hutchence spielen werden?

Depp: Das stimmt nicht. Das Lustige daran ist, jemand hat mir den Artikel zum lesen geschickt hat. Ich habe mir gedacht, Wow, das ist ganz schön interessant, weil mich niemand darauf angesprochen hat. Ich bin nicht der Richtige, um Michael zu spielen. Ich habe ihn recht gut gekannt und man braucht jemand der ein bisschen mehr drauf hat. Michael war wie ein Gott oder ein Schamane. Ich denke nicht, dass ich das sein könnte.

Johnny Depp auf der Londoner Premiere von Fluch der Karibik 2

Johnny Depp auf der Londoner Premiere von Fluch der Karibik 2

Ricore: Was haben Sie gedacht als Keith Richards von der Palme gefallen ist. Waren Sie besorgt, dass er im dritten Teil nicht mitmachen könnte?

Depp: Ich dachte das war ein schlechtes Timing. Aber das hat meine Überzeugung bestätigt, dass er der perfekte Vater für Kapitän Jack sein würde. Anfangs haben wir uns große Sorgen gemacht - mein Gott, was hat er bloß getan? Aber wir waren mit seinen Leuten in Kontakt und ich weiß, dass es ihm gut geht. Das war nur ein Ausrutscher und er wird bald wieder auf den Beinen sein.

Ricore: Könnten Sie sich vorstellen, den jungen Keith Richards zu spielen?

Depp: Das würde mir Spaß machen.

Ricore: Im ersten Teil basiert ihre Rolle auf Richards. Was hat er dazu gesagt und welche Einflüsse auf Jack werden diesmal zu sehen sein?

Depp: Ich hatte Angst. Aber er hat super reagiert. Er hat mich seitdem immer unterstützt. Wir haben uns gemeinsam die Zeit vertrieben bevor ich "Fluch der Karibik" gedreht habe. Ich habe ihm da nicht gesagt, dass ich Teile seiner Persönlichkeit aufsaugen werde. Es hat ihn nicht gestört. Was Kapitän Jack angeht, ist er immer noch derselbe. Sein Charakter hat eine gewisse Reinheit. Man hat ihn in Panik gesehen, man hat gesehen wie er um sein Leben rennt, aber dieses Mal hat er richtig Todesangst. Als Davy Jones sagt, "Die Zeit ist abgelaufen. Du musst zahlen", bricht er in Panik aus, er weiß, dass seine Uhr läuft. Das habe ich versucht darzustellen.

Ricore: Es heißt, dass Sie während dem Dreh immer in ihrer Rolle bleiben. Sind Sie gegenüber ihren Kindern ein anderer Vater, wenn sie am Set dabei sind?

Depp: Schauen Sie. Es ist ja nicht so, dass man die Rolle nicht ablegt. Aber wenn man den ganzen Tag eine bestimmte Rolle spielt, bleibt immer etwas von der Rolle übrig. Es kann passieren, dass ich nach Hause komme und sage (mit der Stimme von Jack Sparrow), "In Ordnung Kinder, ist alles OK"? Aber sie antworten nur: "Dad, komm schon, Ich schaue gerade "Spider-Man". Zu sagen, dass sie sich daran gewöhnt haben ist sehr nett ausgedrückt.

Johnny Depp auf der Londoner Premiere von Fluch der Karibik 2

Johnny Depp auf der Londoner Premiere von Fluch der Karibik 2

Ricore: Also ist Tobey Maguire ein Held in Ihrem Haus?

Depp: Oh ja, Spider-Man, Justice League. Mein Sohn befindet sich in der Superhelden Phase. Aber ich weigere mich standhaft, Strumpfhosen zu tragen.

Ricore: Wenn Sie Jack's Kompass hätten, in welche Richtung würde es zeigen?

Depp: Es würde dorthin zeigen, wo sich gerade meine Familie befindet.

Ricore: Wie war es, Keira Knightley zu küssen?

Depp: Ach die Knutscherei. Das ist immer etwas komisch, vor allem weil Keira und ich noch nie gemeinsam so eine Szene hatten. Sie ist drei und ich bin 1.000 Jahre alt. Ich bin so alt wie Methusalem und sie ist ein Kleinkind. Wir kennen uns schon seit ein paar Jahren und plötzlich müssen wir uns fragen, ob wir dafür bereit sind. Man macht es einfach. Die ganze Sache ist eher wie ein Stunt. Wo ist mein Double? Sie hat es gut gemacht und war richtig süß.

Ricore: Sie mögen 1.000 Jahre alt sein, haben aber dennoch kindliche Eigenschaften. Woher kommt das?

Depp: Es ist wahrscheinlich Ignoranz. Vielleicht bin ich auch nur dumm. Ich weiß es nicht. Kinder sorgen dafür, dass man selbst ein Kind bleibt. Man ist von ihnen umgeben, man bekommt mit wie sie zum ersten Mal Dinge erleben, Neues entdecken und ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Für mich ist das wichtig. Für mich ist es ein Wunder die Zeichnungen der Dreijährigen zu sehen und sie mit einer der Vierjährigen zu vergleichen. Da gibt es große Unterschiede. Wenn sie sechs oder sieben sind, zieht man kleine Picassos auf.

Johnny Depp in: Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2

Johnny Depp in: Pirates of the Caribbean - Fluch der Karibik 2

Ricore: War "21 Jump Street - Tatort Klassenzimmer" ein wichtiger Wendepunkt in Ihrer Karriere?

Depp: Ich habe sehr viel gelernt. Die dreieinhalb bis vier Jahre waren meine Ausbildung, mein College. Es war gutes Training fünf Tage die Woche, sieben bis neun Monate im Jahr vor der Kamera zu stehen. Man lernt viel über das Filmhandwerk, die Kameras, die Linsen, und das Licht. Aber die andere Sache, die sehr wichtig für mich war, war eine unangenehme Erfahrung, die ich gemacht habe. Die Produzenten haben den Charakter meiner Rolle den Massen als mein wahres Ich verkauft. Als dieser Ball ins Rollen kam, konnte ich ihn nicht mehr aufhalten. Ich konnte nichts tun und nichts mehr sagen. Ich musste mich nur wie dieser Typ aufführen. So miserabel diese Erfahrung für mich gewesen sein mag, war sie wichtig für meine Entscheidung in welche Richtung meine Karriere gehen soll. Nachdem mein Vertrag abgelaufen war, habe ich mir geschworen, nie wieder so zu sein. Ich würde nie wieder so etwas mit mir machen lassen.

Ricore: Danach haben Sie "Cry-Baby" mit John Waters gemacht.

Depp: "Cry-Baby" hat mich aus dieser Situation herauskatapultiert. Die wollten es anders haben und ich habe gesagt, Nein, nein, nein, schafft mir John Waters her.

Ricore: Wie war die Zusammenarbeit mit Chow Yun Fat?

Depp: Wenn man erst mal in den Ring steigt, egal woher Du kommst, hat jeder seine eigen Art, eine andere Einstellung zum Arbeitsprozess. Ich wusste natürlich, dass er ein guter Schauspieler ist. Ich hatte ihn in "Tiger & Dragon" gesehen und wusste, dass seine Arbeit hervorragend ist. Ich war erstaunt wie bodenständig er ist und wie viel Spaß man mit ihm haben kann. Man beschreibt ihn am Besten mit liebenswert. Er ist ein sehr netter und zentrierter Mann. Es hat mich sehr gefreut ihn kennen zu lernen.

Ricore: Warum geht es Ihnen in Frankreich so gut?

Depp: Frankreich hat eine wunderbare Kultur. Es ist eine perfekte, in ihre Geschichte verankerte Kultur. Das fasziniert mich. Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. Ich glaube, es gibt in Hollywood keine Filmkunst mehr. Aber in Frankreich gibt es eine ernste Anerkennung für den Filmemacher und den Autor. Die Franzosen respektieren Schriftsteller, Maler, Filmemacher, den Film und Kreativität. Die Kunst wird gefeiert. Und der Wein schmeckt recht gut.

Ricore: Wie gut ist ihr Französisch? Werden wir Sie in einem französischen Film sehen, in dem Sie auch französisch sprechen?

Depp: Es ist ganz gut. Ich kann eine halbwegs vernünftige Unterhaltung führen. Vor ein paar Jahren habe ich gleich nach "Das geheime Fenster" "Ils se marièrent et eurent beaucoup d'enfants" mit Yvan Attal gesehen. Um ehrlich zu sein habe ich den Film nicht gesehen. Aber er ist ein Filmemacher, der mir sehr gut gefällt. Er ist sehr talentiert. Wenn ich einen Film auf Französisch drehen würde, dann mit Yvan. Oder mit Patrice Leconte, auch er gefällt mir auch sehr gut, vor allem sein Film "Der Mann der Friseuse". Vanessa war in "Die Frau auf der Brücke" sehr überzeugend. Mit ihm würde ich auch gerne zusammen arbeiten. Ich hätte auch sehr gerne mit Jean Gabin und Louis De Funès zusammen gearbeitet. Ich liebe De Funes. Er zählt zu den größten Schauspielern aller Zeiten
Markus Tschiedert, Filmreporter.de - 6. August 2006

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