Jean-François Martin/Ricore Text
Spike Lee (Venedig 2006)
Spike Lee über das Versagen der US-Regierung
Interview: Glauben Sie Bush kein Wort
Am 29. August jährt sich der Jahrestag von Hurrikan Katrina. In seiner vierstündigen Dokumentation "When the Levees Broke: A Requiem in Four Acts" erhebt Filmemacher Spike Lee (39) schwere Vorwürfe gegen die US-Regierung: Die Aufräumarbeiten verlaufen schleppend, viele Totenscheine wurden bis heute nicht ausgestellt, Versicherungen haben nicht gezahlt, und die Firma, die für die unzulänglichen Bau der Dämme eigentlich belangt werden sollte, genießt wegen ihrer Nähe zum Militär volle Immunität. In Venedig erklärte uns Spike Lee die Hintergründe.
erschienen am 6. September 2006
Ricore: Mr. Lee, normalerweise drehen Sie Spielfilme. Wie kam es zu dieser Dokumentation?

Spike Lee: Alles begann 2005 bei den Filmfestspielen in Venedig. Ich saß in meinem Hotelzimmer und war außerstande, mir auch nur einen einzigen Film anzusehen. Die Bilder, die CNN aus New Orleans sendete, waren einfach zu schrecklich. Was hat unsere Regierung dagegen getan? Nichts. Also beschloss ich zu handeln. Ein Jahr später bin ich wieder auf dem Lido - und habe diese Dokumentation im Gepäck.

Ricore: Was soll Ihre Dokumentation bezwecken?

Lee: Wir haben angesichts zahlreicher Reaktionen das Gefühl, Bush und seiner Regierung blamiert zu haben. Vielleicht handeln sie nun etwas schneller. Bush ist kürzlich nach New Orleans zurückgekehrt, um ein paar nette Bilder von sich machen zu lassen und zu verkünden, dass die Situation auf dem Weg der Besserung ist. Glauben Sie ihm kein Wort! In vielen Gegenden sieht es immer noch so aus, als wäre der Hurrikan gestern gewesen. Viele Bezirke haben kein Strom, kein Gas, kein Wasser. Nur 25 Prozent der ursprünglichen Bevölkerung wohnen wieder in der Stadt.

Ricore: Wehren Sie sich also wegen dieses Schwebezustands dagegen, Ihre Dokumentation als abgeschlossen zu betrachten?

Lee: Korrekt, es handelt sich bei meiner Arbeit nicht um ein historische Abhandlung. Das Werk ist solange nicht abgeschlossen, solange es in New Orleans nach wie vor Probleme gibt.

Ricore: Was genau werfen Sie der Regierung vor?

Lee: Dass sie nichts gegen die Katastrophe getan hat. Weder davor noch danach. Als ich die Fernsehbilder sah, ist mir aufgefallen, dass das Elend fast ausschließlich farbige Mitbürger betraf. Das weist auf einen Zwiespalt hin, der in Amerika - wenn auch unterschwellig - stets omnipräsent ist: Wir sind die reichste und effektivste Nation und tun trotzdem nur wenig gegen das große Elend, das es in unserem Land gibt. Den meisten Amerikanern ist das nur nicht bewusst. Warum? Weil die Regierung sehr gut ist, die negativen Aspekte zu vertuschen. Aber man braucht nicht tief graben, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Bush kümmert sich nicht nur einen Dreck um die schwarze Bevölkerung, nein, auch die armen Weißen sind ihm egal. Bei ihm und seinen Schergen brauchst du ein dickes Bankkonto, um etwas wert zu sein.
Jean-François Martin/Ricore Text
Spike Lee in Venedig auf seinem Kreuzzug gegen George Bush
Ricore: Wie schätzen Sie die Stimmung der Amerikaner ein? Angesichts täglicher Horrormeldungen müssten sich Ihre Augen doch allmählich öffnen?

Lee: Ich bin in der Tat zuversichtlich. Der Hurrikan wie der Irakkrieg haben viel im Bewusstsein der Öffentlichkeit geändert. Und was tut Bush nun dagegen? Er wählt eine neue Methodik, den Irakkrieg zur rechtfertigen: Er spricht davon, dass die Nation in der Vergangenheit auch schon erfolgreich gegen Hitler, die Nazis, die Kommunisten und Faschisten vorgegangen ist, dass dieser Weg zwar ein schwerer, aber erfolgreicher war. Ich hoffe, dass niemand auf diesen Querverweis aufspringt. In meinen Augen sind Bush, Cheney, Rize und Rumsfeld schreckliche Menschen.

Ricore: Was wäre denn Ihre erste Amtshandlung als Präsident?

Lee: Dazu würde es gar nicht kommen. Ich würde ermordet werden, noch bevor ich meine Hand auf die Bibel legen könnte. Ich bleibe lieber Filmemacher.

Ricore: Sie haben ehrbare Ziele, doch wer soll sich diese vierstündige Dokumentation ansehen? Kinos dürften angesichts der Länge nur mäßig begeistert sein...

Lee: Wir sind zuversichtlich, den Film auch in Europa verkaufen zu können. Alles ist möglich. In den USA beeilen wir uns, den Film auf den DVD zu veröffentlichen. Wir wollen auch ein paar tausend Kopien an Schulen und Universitäten senden, um dort ein Bewusstsein zu schaffen. Vielleicht beschleunigt sich der Hilfsprozess dadurch.

Ricore: Haben Sie nie überlegt, statt einer Dokumentation einen Spielfilm über die Thematik zu drehen?

Lee: Das wäre natürlich durchaus möglich gewesen. Aber jeder, der diesen Film gesehen hat, wird einsehen, dass kein Schauspieler so authentische Bilder hätte liefern können, wie das die Menschen getan haben, die die Katastrophe vor Ort miterlebt haben. Genau das war aber mein Anspruch: Ich wollte zeigen, was sich wirklich abgespielt hat. Es gab kein Drehbuch, nichts. Wir sind zu den Menschen gereist und haben den Menschen mit der Kamera ein Sprachrohr gegeben. Was sie zu erzählen haben, ist für jeden einzelnen von Relevanz.
erschienen am 6. September 2006
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Geboren in Atlanta, Georgia, USA.
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