Interview: Jo Baier zu Dr. zu Nicht alle waren Mörder | FILMREPORTER.de
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Interview

Dr. Jo Baier
Jo Baier über Patriotismuswellen

Patriotismus beobachten

Im Filmcasino am Münchener Odeonsplatz hat Regisseur Jo Baier seine TV-Verfilmung der Kindheitserinnerungen von Schauspieler Michael Degen präsentiert. In "Nicht alle waren Mörder" beleuchtet er die erschreckenden Fakten einer jüdischen Kindheit in Nazideutschland. Aus der Zusammenarbeit mit dem Darsteller entstand während der Dreharbeiten eine enge Freundschaft. Der Filmemacher geht entspannt in unseren Termin. In einem roten, samtbezogenen Kinosessel der ersten Reihe des Vorführsaals, beantwortet er geduldig unsere Fragen.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  5. November 2006

Nicht alle waren Mörder

Nicht alle waren Mörder

Ricore: Herr Baier, inwieweit dürfen erschreckende historische Fakten den Zuschauer unterhalten?

Jo Baier: Das ist schwer zu sagen. Es kommt darauf an, wie man den Begriff Unterhaltung definiert. Man kann sich etwas angucken und sich danach denken: Das war aber nett! Wenn jemand meinen Film "Nicht alle waren Mörder" als nett bezeichnen würde, dann wäre das für mich allerdings eine Beleidigung. Ein Film muss mich packen, erst dann werde ich unterhalten. Unterhaltung ist mehr als einfacher Genuss. Am liebsten sehe ich Filme die mich beschäftigen, die mit guten Schauspielleistungen und optischen Eindrücken ködern. Am Ende muss etwas hängen bleiben. Das ist die Idealform der Unterhaltung.

Ricore: Was halten sie von der Arbeitsweise des TV-Historikers Guido Knopp?

Baier: Seine Arbeiten sind mir zu oberflächlich. Ich empfinde es als problematisch, dass seine Sendungen total auf Unterhaltung getrimmt sind. Dem Zuschauer wird dabei im Grunde nichts zugemutet, er bleibt unbeteiligt. Das ist zu vergleichen mit einer Zeitung, die nur aus Headlines besteht. Beim Zuschauen habe ich das Gefühl nicht ausreichend informiert zu werden.

Ricore: Wie beurteilen sie die "Neue deutsche Patriotismuswelle"?

Baier: Solange der Patriotismusgedanke von einem friedlichen Selbstverständnis ausgeht, bewerte ich sie positiv. Denn Minderwertigkeitskomplexe führen leicht zum aggressiven Gegenteil. Wenn Patriotismus allerdings in Nationalismus umschlägt, dann ist das natürlich eine Katastrophe. Man muss die Entwicklung mit offenen Augen beobachten. Patriotismus ist Identitätstiftend und erhöht das Selbstwertgefühl einer Bevölkerung. Von daher ist es ein wichtiger sozialer Faktor. Es darf aber niemals dazu führen, andere auszugrenzen.

Nicht alle waren Mörder

Nicht alle waren Mörder

Ricore: Glauben sie das die aktuelle Patriotismusdebatte in Deutschland überfällig war?

Baier: Ich denke jede Generation hat einen anderen Blickwinkel und muss sich gesondert mit dem Begriff auseinandersetzen. Die Deutschen sind nach der Wende zu einer Kombination zweier Völker geworden, an deren Nahtstellen es noch knirscht. Das Land muss seinen Platz als Nation erst noch finden. Allein deshalb ist diese Diskussion wichtig. Bei den Feierlichkeiten rund um die Fußballweltmeisterschaft in diesem Jahr hatte ich nicht das Gefühl, dass andere Nationen ausgegrenzt wurden. Wenn die kleinen Fahnen an den Autos im Laufe der Zeit wieder verschwinden ist das in Ordnung. Mit dieser Art des Patriotismus kann ich gut leben. Vor 30 Jahren wurde ich in Amerika erstmals mit dieser Form der Vaterlandsliebe konfrontiert. An den Wochenenden haben dort viele Leute ihre 'Stars & Stripes '-Flaggen vors Haus gehängt. Das hat mich irritiert. Soweit sollte es in Deutschland nicht kommen. Mir hat gefallen, wie die jungen Deutschen während dieses Sommers mit ihrer Euphorie umgegangen sind.

Ricore: Wie beurteilen sie die Zunahme von historischen Stoffen bei der Filmentwicklung in jüngster Zeit?

Baier: Auch das hat mit der jeweiligen Generation zu tun. Meinen Sohn beispielsweise kann ich nicht mit einem historischen Filmbeitrag von vor 30 Jahren locken. Die Betrachtungsweise hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Man muss versuchen den Jugendlichen historische Inhalte schmackhaft zu machen. Dazu haben wir die Verpflichtung. Die schrecklichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts ermahnen uns, es besser zu machen. Die Deutschen haben in meinen Augen ihre Lektion durchaus gelernt. In anderen Ländern würde man sich diese intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte wünschen. Der aufklärende Prozess darf aber nicht aufhören, weil ein Großteil der Opfer und Täter bald ausgestorben ist.

Ricore: Würden Sie gerne Kinofilme drehen?

Baier: Natürlich, keine Frage. Ich hätte auch schon gerne "Nicht alle waren Mörder" ins Kino gebracht, aber das war nicht möglich. In diesem Kinosaal habe ich damals "Der Pianist" von Roman Polanski gesehen und war tief beeindruckt. Eine große Leinwand spricht den Zuschauer viel mehr an als der kleine Fernsehbildschirm.

Ricore: Was machen sie an einem ungemütlichen Sonntagnachmittag in München?

Baier: Ich mag generell Städte an Regentagen und liebe es hier in der Innenstadt umher zu wandern. Der Odeonsplatz ist für mich, mit seiner unmittelbaren Nachbarschaft von Hofgarten und Theatinerkirche, einer der schönsten Plätze in Deutschland. Der Novemberanfang gibt München etwas, was ich sehr mag. Er macht die Stadt bescheiden und liebenswert.

Ricore: Herr Baier, wir danken für das Gespräch.
Timo Buschkämper, Filmreporter.de - 5. November 2006

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