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Interview

Til Schweiger macht sich Gedanken über den Umgang mit Behinderten

Timo Buschkämper/Ricore Text

Einblicke in das soziale Koordinatensystem
Rollstuhlfahrer sind nur Menschen
Der Raum wirkt ausgeräumt. Nur ein Tisch und ein paar unscheinbare Stühle sind stehen geblieben. Mineralwasserflaschen und Orangensaft verbreiten einen bürokratischen Charme. Til Schweiger im grauen Longsleeve mit V-Ausschnitt streckt mir seine Hand zur Begrüßung entgegen. Er wirkt etwas müde, ist aber Profi genug, das nicht allzu deutlich zu zeigen. Hin und wieder zuckt gar ein Lächeln über seine Mundwinkel. Im Sitzen beklagt er sich kurz, dass er wieder mit dem Rauchen angefangen habe.
Til Schweiger als Rollstuhlfahrer mit dem begehrten Basketball

Senator Film

Ricore: Herr Schweiger, war die Doppelrolle in "Wo ist Fred?" schwer zu spielen?

Til Schweiger: Nein, eigentlich ganz einfach. Weil ich keinen richtigen Behinderten spiele, sondern jemanden der versucht, einen Behinderten darzustellen. Die ersten die merken, dass Fred nicht behindert ist sind dann die Behinderten.

Ricore: Der Film wurde im Vorfeld als diskriminierend eingestuft? Haben Sie mit solchen Angriffen gerechnet?

Schweiger: Wir wussten im Vorfeld, dass einige laut aufschreien werden: Diskriminierung von Behinderten oder Humor auf Kosten einer Randgruppe. Sie sind diejenigen die den Behinderten einen Platz in einer Randgruppe zuweisen und sie nicht als normal betrachten. Geistig behinderte Menschen haben Gefühle und Humor wie ganz normale Menschen. Aus den Erfahrungen die ich mit Behinderten gemacht habe weiß ich, dass sie keine Sonderbehandlung wünschen. Mir ist vor drei Monaten die Achillessehne beim Sport gerissen. Ich musste fünf Wochen mit Krücken laufen. Was soll da einer sagen, der querschnittsgelähmt ist?

Ricore: Hat es von Behinderten ein Feedback auf den Film gegeben?

Schweiger: Wir haben Vorführungen nur für Behinderte gemacht. Die Behinderten, die mitgespielt haben, hatten einen Riesenspaß. Da saß niemand griesgrämig in der Ecke und hat gedacht, dass man sich auf seine Kosten lustig macht. Der ganze Humor geht auf meine Kosten. Deswegen ist das auch gerade ein Film für alle die mich nicht mögen, weil ich ständig auf die Mütze kriege. Ich bin der Idiot und nicht die Behinderten.


Kollege Jürgen Vogel betont die humoristische Seite des Rollenspiels

Senator Film

Ricore: Sind sie generell verletzungsanfällig?

Schweiger: Ja. Als ich früher noch Fußball gespielt oder Kick-Boxen gemacht habe war ich ständig verletzt. Ich hatte immer irgendwelche Bänderrisse, Bänderdehnung oder Knochenbrüche. Das kommt, weil ich 42 Jahre alt bin aber immer noch denke, ich sei erst 20. Man überschätzt sich leicht.

Ricore: Linus verkörpert unter anderem die Problematik von übergewichtigen Kindern in Deutschland.

Schweiger: Wenn ich in ein Freibad gehe und mich umgucke was da so herumläuft, begreife ich das oft nicht. Man sieht dort mehr dicke als schlanke Kinder. In Amerika gibt es viele Leute die so arm sind, dass sie sich nur das Essen bei McDonalds leisten können. Natürlich gibt es auch hierzulande zuviel Armut, aber es gibt auch Leute die genug Geld haben und deren Kinder ebenfalls fett sind. Da könnt ich die Eltern schlagen. Die tun ihren Kindern damit etwas an, was sie ihr ganzes Leben negativ begleiten wird.

Ricore: Ein zweiter Kritikpunkt der im Film anklingt ist das modernisierungswürdige Pflegesystem. Haben Sie sich da genauer informiert?

Schweiger: Das ist eine Frage die geht an den Regisseur und Produzenten, weil ich mich mit dem Zustand der deutschen Pflegeheime nicht auskenne. Es soll keine direkte Kritik sein, aber man macht sich über diese Überbesorgnis schon lustig. Behinderte sind keine Hamster die man einfach wegsperren kann. Das kenn ich zum Teil noch aus meiner Zeit im Krankenhaus, als Zivildienstleistender. Unterm Strich gibt es nur eine kurze Phase in der du nicht entmündigt wirst. Bei Arbeitslosen ist das ähnlich. Die sind für das Amt nur irgendeine Nummer. Wenn du einen normalen Job hast bleiben ein paar wenige Jahre, in denen man autonome Entscheidungen fällen kann.

Ricore: Was war denn das verrückteste, was Sie aus Liebe zu einer anderen Person schon einmal gemacht haben?

Schweiger: Um jemanden zu überzeugen, würde ich das was Fred macht, nicht machen. Das einzige was man tun kann um seine Liebe zu beweisen, ist dass man authentisch ist. Wenn ich mich in der Beziehung für jemanden anderen ausgebe, habe ich ein Fundament ohne Statik gebaut. Ich war immer authentisch. Ich würde jetzt nie irgendetwas machen, um einer Frau meine Liebe zu beweisen.


Til Schweiger und Jürgen Vogel staunen über Alltagsschwierigkeiten eines Rollstuhlfahrers

Senator Film

Ricore: Ist Comedy das Genre, das Sie am meisten mögen?

Schweiger: Am meisten mag ich eine Mischform wie bei "Knockin' on Heaven's Door" oder "Barfuss". Da kann ich lachen, aber es berührt mich auch emotional. Als Schauspieler macht mir Comedy am meisten Spaß. Man hat beim drehen einfach den meisten Fun. Ein Actionfilm hat auch seinen Reiz, aber einen Actionfilm herzustellen ist verdammt langweilig. Es geht einfach zuviel Zeit fürs Warten für irgendwelche Spezialeffekts, Kameraeinstellungen, Umbauten oder fürs Umleuchten drauf.

Ricore: Wann werden Sie wieder Regie führen?

Schweiger: Ich hab jetzt gerade mit "One Way" meine erste englische Produktion gemacht. Da hatte ich mit Reto Salimbeni einen Regisseur. Ich war aber immer am Set und vor allem an der Postproduktion beteiligt. Wir wollen noch ein paar Filme zusammen machen. Es ist angenehmer, wenn du Arbeit aufteilen kannst, weil einzelne Abläufe produktiver ablaufen.

Ricore: Juckt es den Regisseur Til Schweiger in den Fingern, auf das Drehbuch Einfluss zu nehmen?

Schweiger: Klar. Ich bin immer schon zu den Regisseuren gegangen und hab mich versucht einzubringen. Es gibt einige wenige die das sogar einfordern. Ich gehöre zu dieser Art Regisseur. Viele Filmemacher sind unsicher und wollen das nicht. Die sagen dann: "Das ist mein Film. Halt du dich da raus, geh mal auf deine Marke, sag jetzt mal den Satz und verschone mich". Als Schauspieler ist man eben Dienstleistender. Dem bin ich mir bewusst und trotzdem versuche ich mich für Ideen einzubringen an die ich glaube.

Ricore: Ihre erste Produktionsfirma "Mr. Brown" haben Sie nach einer Figur aus Quentin Tarantinos "Reservoir Dogs - Wilde Hunde" benannt. Haben Sie Tarantino mal getroffen und wie war der Eindruck?

Schweiger: Einmal. Für mich war der Eindruck nicht gut. Ich bin ein ganz großer Verehrer von seinen Filmen, vor allem von "Pulp Fiction". Irgendwann hat mich aber dieses Movie-Gig-Ding genervt und ich hab gedacht, der zieht auch nur eine Masche ab. So nach dem Motto: Ich bin so herrlich anders als die anderen. Auf der Abschlussparty von "Replacement Killers" hab ich ihn dann persönlich getroffen. Damals war er noch mit Mira Sorvino zusammen und sie hat mich dann zu ihm rübergezogen. Sie sagte zu ihm: "Ey Quentin you have to meet this guy". Und dann hat sie ihm erzählt das ich meine Produktionsfirma nach "Reservoir Dogs" benannt hatte. Quentin war aber total besoffen und mit dreißig Leuten en tourage. Von denen war einer unsympathischer als der andere. Alles Tarantino-Jünger und mächtig stolz auf ihre Bekanntschaft. Da hab ich nur gedacht. "Nein danke, not my cup of Tea".


Ricore: Sie haben sechs Jahre in den USA gelebt. Vermissen Sie Amerika manchmal?

Schweiger: Manchmal schon. Ich vermisse die Sonne und das Meer. Ich liege aber jetzt nicht nachts Bett und denke: Ach scheiße ich wäre wieder so gerne dort. Die Stadt Los Angeles finde ich furchtbar. Wenn ich etwas vermisse dann ist es meine Anonymität. Aber ich bin auch Realist und weiß, dass ich nicht gleichzeitig Deutschland zurück will und dann anonym sein kann.

Ricore: Sind die Leute wirklich so aufdringlich? Inwieweit lernt man mit seiner Bekanntheit mit der Zeit umzugehen?

Schweiger: Jeder der sich traut zu mir zu kommen, kriegt ein Autogramm. Es sei denn ich bin in einem engagierten Gespräch. In der Regel wird man aber total freundlich gefragt. Ich verstehe zwar den Sinn nicht, aber wer eins haben will, der kriegt auch eins. Man würde sich ja kein Autogramm von jemandem holen, den man total scheiße findet. Es ist eine Form der Anerkennung.

Ricore: Wo und wann wird Ihre Privatsphäre in der Öffentlichkeit nicht gewahrt?

Schweiger: Das kommt immer darauf an. In Berlin-Mitte oder Prenzlauer Berg ist es für mich perfekt. Die Leute sind viel zu cool um einen anzureden. Sie würden es auch niemals zeigen, wenn sie mich erkennen. Für Hamburg gilt das gleiche. Wenn ich jetzt in Berlin tagsüber jedoch über den Kurfürstendamm gehe, ist das schon wieder ein bisschen was anderes. Je kleiner die Stadt ist, in die ich komme, desto weniger Berührungsängste haben die Leute.

Ricore: Wer wird Ihrer Meinung nach Fußball-Europameister 2008?

Schweiger: Deutschland. So weit kann man natürlich nicht in die Zukunft gucken, aber was die Jungs da momentan leisten ist super.

Ricore: Herr Schweiger, vielen Dank für das Gespräch.

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