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Interview

Hilary Swank
Paramount Pictures

Hilary Swank dringt tief in die Erde vor

Space Kadett
Hilary Swank ist die einzige Oscarpreisträgerin, die sich auch nach dem Academy Award traut noch, Spaß in ihrer Karriere zu haben. Anstatt sich, immer mit dem Hintergedanken an den übernächsten Oscar, auf gepeinigte Frauenrollen festzulegen, spielt sie knallharte Cops in Alaska, dreiste Frauenzimmer in Kostümschinken und nun eine harte Astronautin, die als einzige Frau unter Männern die Welt im SciFi-Abenteuer The Core - Der innere Kern rettet. Zum Interview in New York erscheint sie in Jeans und fuchsienfarbener ärmelloser Seidenbluse. Sie ist dünner als üblich, aber kann daran wohl kaum Hollywoods Modekrankheit Magersucht Schuld geben.
Von  Rico Pfirstinger/Filmreporter.de,  27. März 2003
Szene aus: The Core - Der innere Kern
Paramount
Szene aus: The Core - Der innere Kern
Zum Interview in ihrer Wahlheimat New York erscheint Hilary Swank, die mit Rob Lowes kleinem Bruder Chad verheiratet ist, in Jeans und fuchsienfarbener ärmelloser Seidenbluse.

Ricore Medien: Mrs. Swank, Sie haben mal gesagt, dass Sie nur Rollen spielen, die Sie herausfordern und inspirieren. Was in aller Welt hat Sie am Science-Fiction-Film "The Core - Der innere Kern" gereizt?

Hilary Swank: Stimmt, ich bin ja eigentlich kein Science-Fiction-Fan. Aber die Rolle hat mich einfach angesprochen: eine starke, entschlossene Frau, die in einer Männerwelt erfolgreich ist.

Ricore: Trifft das nicht auch auf Ihr richtiges Leben zu: Sie müssen in einem von Männern dominierten Business erfolgreich sein.

Swank: Ja, für Frauen ist es schwerer, in diesem Geschäft Erfolg zu haben - das spüre ich heute mehr denn je. Schon meine Mutter hat mir beigebracht, dass man als Frau besonders hart arbeiten muss, wenn man es zu etwas bringen will. Ich sehe oft, dass Filme nur dann gemacht werden, wenn ein männlicher Filmstar die Hauptrolle übernimmt. An eine Frau denkt man erst gar nicht, lieber lässt man das Projekt ganz fallen. Das ist ärgerlich.


Szene aus: The Core - Der innere Kern
Paramount
Szene aus: The Core - Der innere Kern
Ricore: Als Kind wollten Sie selber einmal Astronautin werden. Wie ist es dazu gekommen?

Swank: Ich sah ein aus dem Weltall aufgenommenes Bild der Erde und dachte: Wie aufregend, dort hinauf zu reisen! Das Geheimnisvolle daran hat mich fasziniert. Für meine Rolle habe ich mit Susan Helms gesprochen, einer Astronautin, deren Lebenslauf dem meiner Filmfigur sehr ähnlich ist: Sie war in der Air Force so erfolgreich, dass die NASA sie für das Astronautenprogramm herausgepickt hat. Ich habe ihre Story einfach schamlos übernommen. (lacht)

Ricore: Wie groß war nach dem Oscar eigentlich der Druck, nur noch ganz bestimmte Rollen anzunehmen, nur noch dramatische Filme zu machen?

Swank: Diesen Druck habe ich erst gar nicht zugelassen. Der Oscar öffnete mir Türen, gab mir mehr Spielraum. Auf einmal hatte ich wesentlich mehr Auswahl - davon träumt man als arbeitsloser Schauspieler doch immer! Der eigentliche Druck war das Zeitlimit. Ich hatte fünf gute Drehbücher, die ich alle liebe, die aber alle gleichzeitig verfilmt wurden - welches soll man machen? Das ist hart.

Ricore: In Ihren beiden letzten Filmen "Insomnia - Schlaflos" und "The Core - Der innere Kern" spielen Sie harte Frauen - in "Boys Don't Cry" waren Sie sogar ein Junge...

Swank: Als kicherndes Mädchen wäre ich doch völlig fehl am Platz. Das bin ich nicht, und es würde mir auch keinen Spaß machen, so etwas zu spielen - und das, obwohl ich immer wieder etwas Neues machen muss, wohl auch mal eine romantische Komödie oder so. Ich muss meine Karriere in erster Linie für mich selbst interessant gestalten. Vielleicht ende ich so ja noch als kicherndes Girlie in einem Film!


Szene aus: The Core - Der innere Kern
Paramount
Szene aus: The Core - Der innere Kern
Ricore: Wieso nun ausgerechnet ein Science-Fiction-Abenteuer?

Swank: Es ist so neu und anders als alles, was ich bisher gemacht habe, und das hat mich gereizt. Dabei bin ich ja wie gesagt kein Science-Fiction-Fan! Doch als ich das Drehbuch bekam, fand ich es einfach unglaublich. Da sind nicht nur Spezialeffekte, sondern da gibt es auch noch etwas anderes: eine gute Story! Für Regisseur Jon Amiel war die Story das Wichtigste des ganzen Films. Deshalb besetzte er auch gute Schauspieler - Namen wie Stanley Tucci, Aaron Eckhart und Delroy Lindo verbindet man nicht automatisch mit Special Effects.

Ricore: Im Gegensatz zu Stanley Tucci spielen Sie Ihre Rolle sehr geradlinig...

Swank: Ja, denn wenn wir alle so wie er ausgeflippt wären, hätte dies das Publikum sehr schnell ermüdet. Es ist schon beinahe unglaublich, dass jemand das tatsächlich durchziehen kann, ohne dabei lächerlich zu wirken. Stanley war fantastisch. Und wirklich witzig.

Ricore: Wie gehen Sie persönlich mit extremen Situationen um?

Swank: Unter Druck arbeite ich ziemlich gut. Ich glaube, dazu erzieht einen dieses Geschäft, bei dem ja irgendwie ständig unter Druck steht - ob in Meetings oder bei Rollen, die sich als schwieriger herausstellen, als man zunächst dachte. Auch Zeitdruck ist ein Faktor. Aber je länger ich arbeite, desto mehr lerne ich auch, damit fertig zu werden. Ricore: Rasten Sie nie aus?

Swank: Mein Ausrasten ist mehr ein Zusammenbrechen, weil ich so überarbeitet bin. So wie jetzt: Ich stehe mit "Musicbox" achtmal pro Woche auf der Bühne, probe für "The Miracle Worker" am Broadway und mache Promotion für "The Core". Ich hatte seit sechs Wochen keinen einzigen freien Tag. Heute wäre der Erste gewesen. Stattdessen sitze ich hier und gebe Interviews - was mir aber überhaupt nichts ausmacht, denn für diesen Film lohnt es sich. Es ist nicht so, als ob ich lügen müsste: "Ja, er ist wirklich gut, ich hatte ganz viel Spaß..." Wenn man sich mit dem Endprodukt identifizieren kann, ist alles leichter.


Szene aus: The Core - Der innere Kern
Szene aus: The Core - Der innere Kern
Ricore: Vermutlich bereuen einige der Filmemacher zwischenzeitlich, dass sie im Film Rom und nicht Paris in die Luft sprengen und dass ein Franzose in "The Core" kein Schurke sondern einer der Helden ist? Würde das im derzeitigen Klima in den USA nicht besser ankommen?

Swank: (lacht) Naja, jedenfalls in den kommenden Wochen!

Ricore: Wie wird das Publikum auf den Beginn des Streifens reagieren, wenn das Space-Shuttle eine Notlandung machen muss?

Swank: Es ist sehr interessant, denn ich war in ein paar Vorführungen: Als das Shuttle landete anstatt zu zerschellen, applaudierte das Publikum ganz wild. Das ist doch fantastisch!

Ricore: Dachte man nach dem Columbia-Absturz nicht daran, die Szene zu ändern oder ganz herauszuschneiden?

Swank: Nein, denn wir haben ja nie einen Crash gedreht. Deshalb mussten wir auch nichts nachdrehen, um aus Rücksichtnahme etwas zu ändern.

Ricore: Wie gut kamen Sie mit dem ganzen Technik-Jargon klar?

Swank: Furchtbar schlecht. Ich musste mir einen Satz fünf Tage lang vorsagen, ehe ich ihn vor der Kamera aussprechen konnte. Das ist eine eigene Sprache. Viele Leute sagen jetzt, dass mit "The Core" wieder die Wissenschaft im Science-Fiction-Genre Einzug hält. Meiner Meinung nach stimmt das, denn die meisten so genannten Sci-Fi-Filme sind doch nur Fiktion, keine Spur von Wissenschaft. Was in "The Core" passiert, ist heute zwar unmöglich, aber der Hintergrund ist richtig - und in der Zukunft könnte es durchaus geschehen. Es gibt ein elektromagnetisches Feld rund um den Erdball, und der Kern könnte aufhören, sich zu drehen. Die Chance, dass das passiert, ist allerdings so winzig, dass man darüber einen unterhaltsamen Film drehen kann.


Szene aus: The Core - Der innere Kern
Szene aus: The Core - Der innere Kern
Ricore: Sie waren die einzige Frau am Set. Wie kamen Sie mit dem ganzen Testosteron um Sie herum klar?

Swank: Viele Leute meinten: Okay, du bist vier Monate lang mit einem Haufen Typen in einem Cockpit eingepfercht - wie sehr stank es denn? Aber so war es natürlich nicht, obwohl ich nicht glaube, dass sie das aus Nettigkeit zu mir geschah! (lacht) Nein, wir machten jede Menge unsinniger Scherze. Ich hatte bei Dreharbeiten noch nie mehr Spaß.

Ricore: Wie wird sich der Krieg auf Hollywood auswirken? Welche finanziellen und inhaltlichen Beschränkungen wird es geben?

Swank: Ich glaube, keine. Entertainment wird es immer geben. Das ist es, was die Leute auch in den schlimmsten aber auch in den besten Zeiten aufrecht hält. Es wird immer Geschichten geben, die die Menschen sehen wollen. Auch in Kriegszeiten braucht man auch die Ablenkung.

Ricore: Was tun Sie, um trotz Ihrer Prominenz normal zu bleiben?

Swank: Einer der Gründe, weshalb wir von Los Angeles nach New York gezogen sind war, dass es hier einen ganz tollen Mix an Menschen gibt. Hier kann man aus dem Haus gehen, ohne Tag und Nacht vom Hollywoodbusiness aufgefressen zu werden. Unsere Freunde sind Ärzte und Börsenmakler und - fast hätte ich jetzt Busfahrer gesagt, aber ich glaube nicht, dass ich einen Freund habe, der Busfahrer ist, tut mir leid. Uns gefällt es hier. Ich fahre so oft ich kann mit der U-Bahn.


Szene aus: The Core - Der innere Kern
Paramount
Szene aus: The Core - Der innere Kern
Ricore: Und die Leute erkennen Sie nicht?

Swank: Doch, aber ich fahre ja nicht im Glamour-Outfit mit der U-Bahn. Ich trage kein Make-up und habe Jeans und Baseballkappe an. Und wenn New Yorker dich erkennen ist das anders als anderswo: Sie zwinkern dir zu, geben dir das High-Five-Zeichen und widmen sich dann wieder ihrer Zeitung. Viele Stars bewegen sich nur noch in dieser Star-Welt, wo man total das Gefühl dafür verliert, was wirklich in der Welt vorgeht. Meiner Meinung nach wirkt sich das sehr negativ auf die Arbeit eines Schauspielers aus. Wenn du echte Charaktere spielen willst, musst du dich mit richtigen Menschen umgeben. Sonst ist es todlangweilig, und alles was man sieht, ist ein Star auf der Leinwand.
Von  Rico Pfirstinger/Filmreporter.de,  27. März 2003

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