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Interview

Alejandro González Iñárritu
Tobis

Alejandro Iñárritu über seine düstere Weltsicht

Wir fürchten, was wir nicht kennen
Mit dem Cannes-Wettbewerbsbeitrag "Babel" bringt der mexikanische Regisseur Alejandro González Inárritu seine Trilogie über Gewalt, Tod und menschliche Abgründe zu einem apokalyptisch anmutenden Ende. Wie in "Amores perros" und "21 Gramm" vermischt der Filmemacher dabei mehrere Schicksale und erzählt von den Auswirkungen eines einzigen Schusses auf das Leben von vier voneinander unabhängigen Menschengruppen aus drei Kontinente. Wir trafen den 43-jährigen Regisseur in Toronto.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  27. Dezember 2006
Eine Seite von Alejandro González Iñárritu
Tobis
Eine Seite von Alejandro González Iñárritu
Ricore: Mr. Iñárritu, warum heißt Ihr Film "Babel"?

Alejandro Gonzáles Iñárritu: Der Titel kommt von einer mythischen Erzählung aus dem Alten Testament. Die Bevölkerung der Stadt Babel wollte einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel bauen, und weil Gott dieser Größenwahn missfiel, zerstreute er sie, indem er aus ihrer einen Sprache viele machte. Wenn man so möchte, ist diese Geschichte die biblische Erklärung dafür, warum es auf unserer Welt so viele verschiedene Sprachen gibt.

Ricore: Also eine Metapher für die mangelnde Kommunikationsfähigkeit unserer Gesellschaft, die Sie in Ihren Filmen immer wieder thematisieren?

Iñárritu:Ja, auch wenn ich der Meinung bin, dass nicht die Sprache uns voneinander entzweit. In erster Linie sind das unsere Vorurteile, unsere Vorstellungen und Ängste. Mit "Babel" versuche ich von unseren Unterschieden und Gemeinsamkeiten zu erzählen - davon, was uns voneinander trennt und zusammenhält.

Ricore: Warum liegt Ihnen das so sehr am Herzen?

Iñárritu: Ich bin in den letzten sechs Jahren sehr viel gereist, habe viel erlebt. Wenn jemand wie ich, der aus der Dritten Welt stammt, all das sieht, was Leben auch bedeuten kann, wirft das automatisch bestimmte Fragen auf. Ich wollte davon erzählen, was mich beschäftigt und bedrückt, wollte politische Missstände und Globalisierung thematisieren. An einem bestimmten Punkt habe ich allerdings gemerkt, dass man das Ganze am besten dadurch erzählen kann, indem man es in intime Geschichten verpackt - in das Schicksal einzelner Menschen auf unterschiedlichen Kontinenten.

Ricore: Was missfällt Ihnen an der heutigen Gesellschaft?

Iñárritu: Reiche Länder wenden sich von dem Problem einfach ab. Sie schließen ihre Augen und tun einfach so, als ob das wirtschaftliche Ungleichgewicht nicht existieren würde. Viele wollen einfach nicht begreifen, dass Globalisierung unfair ist und wundern sich auch noch, wenn solche Attentate passieren wie am 11. September. Dabei kann man doch fast schon erwarten, dass so ein Verhalten auf Dauer Hass produziert. Am meisten stört mich allerdings, dass wir verlernt haben, uns gegenseitig zuzuhören. Die Technik sollte uns helfen, mit anderen besser in Kontakt zu bleiben. Doch statt Kommunikation zu fördern, verlernen wir durch die Isolation immer mehr, uns gegenseitig wirklich zuzuhören.


Hat noch keine neuen Projekte, Regisseur Alejandro González Iñárritu
Tobis
Hat noch keine neuen Projekte, Regisseur Alejandro González Iñárritu
Ricore: Was wäre eine mögliche Lösung?

Iñárritu: Ein Ansatz ist mit Sicherheit, durch Reisen unsere Unterschiede schätzen zu lernen. Neunzig Prozent der Amerikaner haben noch nicht einmal einen Reisepass, sogar der Präsident hatte vor seiner Amtszeit nicht ein einziges Mal das Land verlassen. Erst diese Ignoranz führt zu Problemen. Wir fürchten was wir gar nicht kennen. Würden sie andere Länder öfters bereisen, käme es sicherlich zu einer besseren Verständigung und Interaktion untereinander.

Ricore: Eine Ihrer Ensemble-Geschichten in "Babel" wird von Brad Pitt und Cate Blanchett gespielt. Wie konnten Sie die beiden von Ihrem Vorhaben überzeugen?

Iñárritu: Brad Pitt kannte ich von einem Jeans-Werbespot, den wir vor fünf Jahren gemeinsam gedreht hatten. Seitdem wollten wir unbedingt zusammenarbeiten. Bei Cate Blanchett war es etwas schwieriger: Sie spielt im Film eine Frau, die den Großteil der Geschichte blutüberströmt am Boden liegt. Cate konnte anfangs nicht nachvollziehen, warum gerade jemand wie sie so eine Rolle spielen sollte. Also habe ich ihr erklärt, dass ich gerade wegen dieser körperlichen Einschränkung eine Schauspielerin brauche, die dieser Rolle mit wenigen Nuancen Dramatik verleihen kann. Das hat sie irgendwann eingesehen.

Ricore: Obwohl die Geschichte der beiden im gesamten Film nur etwa 25 Minuten einnimmt?

Iñárritu: Das ist doch völlig egal! Genau darum geht es ja in meinem Film: Es ist keine Geschichte, die ich für Hollywoodstars konzipiert habe. Es ist keine Geschichte, die ich spezifisch für die amerikanische Bevölkerung oder eine andere Gruppierung in der Welt geschrieben habe. Es ist eine Geschichte von Menschen für Menschen. Helden gibt es bei mir nicht.

Ricore: Mit "Babel" bringen Sie nach "Amores perros" und "21 Gramm" Ihre Trilogie über Gewalt, Tod und Sterben zu einem apokalyptischen Ende. Was haben die doch sehr unterschiedlichen Geschichten in Ihren Augen gemein?

Iñárritu: An sich hat jeder Film seine eigene Struktur: "Amores Perros" baut auf Zeitsprünge, "21 Gramm" erzählt ein und dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, und "Babel" schildert Schicksale verschiedener Menschen, die sich untereinander nie begegnen werden. Dennoch atmen sie alle denselben Geist. Ich erzähle mit Hilfe kleiner Geschichten aus dem Mikrokosmos einer Familie von den wesentlich größeren Problemen einer Gesellschaft.

Ricore: Was bleibt nach so einem künstlerischen Gewaltakt als nächstes Projekt?

Iñárritu: Eine düstere Komödie, bei der am Ende alle tot sind! (lacht) Nein, um ehrlich zu sein, würde ich eine gewisse Zeit lang am liebsten gar nichts tun. Ich arbeite seit Jahren ununterbrochen und könnte eine Pause gut vertragen. Ob ich mich allerdings dazu zwingen kann, ist eine andere Frage...
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  27. Dezember 2006

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