Timo Buschkämper/Ricore Text
Regisseur Joseph Vilsmaier
Joseph Vilsmaier über den American Way of Life
Interview: Ich bin kein Ekel
In einem Kellerraum von Alfons Schubecks Schlemmertempel nahe dem Münchener Hofbräuhaus treffen wir Joseph Vilsmaier zum Interview. Er ist einer der renommierten Regisseure Deutschlands. In seinem Fernsehfilm "Das Weihnachts-Ekel" thematisiert er Weihnachtsphobie und Einsamkeit am Heiligen Abend. Entspannt stemmt Vilsmaier seine Ellbogen auf den kleinen runden Tisch und schaut sich um. Vom Typus passt er hervorragend in die urige Räumlichkeit. Sichtlich gelöst plaudert der erfolgreiche Filmmacher drauflos, die Zeit vergeht wie im Flug.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  20. Dezember 2006
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Das Weihnachts-Ekel
Ricore: Herr Vilsmaier, mögen Sie das Weihnachtsfest?

Joseph Vilsmaier: Ich liebe das Weihnachtsfest und auch die Dinge drum herum. Schon Wochen vorher freue ich mich auf die gemeinsame Zeit mit meiner Familie. Wir feiern im Böhmerwald auf einem kleinen Bauernhof in einer kleinen Gemeinde. Am Heiligabend fahr ich mit den Kindern in die Glasbläserei nach Bayerisch Eisenstein, während meine Frau und die Schwiegereltern Zuhause alles vorbereiten.

Ricore: Was steht zu Weihnachten auf der Speisekarte im Hause Vilsmaier/Vávrová?

Vilsmaier: Es gibt traditionell Karpfen mit Kartoffelsalat. Das ist insofern erstaunlich, als ich Karpfen lange gehasst habe. In der ersten Zeit habe ich deshalb immer etwas anderes gekriegt, bis mich meine Schwiegereltern zum Probieren überredet haben. Mittlerweile bin ich ein Fan vom Karpfen. Ich esse ihn am liebsten paniert wie ein Schnitzel.

Ricore: Gibt es einen festen zeremoniellen Ablauf?

Vilsmaier: Wir schmeißen uns zunächst einmal alle in feine Garderobe. Ein Umstand der mir als T-Shirt Mensch recht schwer fällt, aber da wird keine Ausnahme gemacht. In einem alten Pferdestall stellt sich dann die ganze Familie auf und singt Weihnachtslieder. Spätestens dann fällt mir wieder auf, dass ich die Texte gar nicht kann. Danach folgt die Bescherung. Alles läuft komplett stressfrei ab. Ich freue mich richtig darauf und bin keiner der sich gegen das Weihnachtsfest wehrt wie Fritz Wepper in "Das Weihnachts-Ekel".

Ricore: Haben Sie schon Weihnachtsgeschenke für Ihre Familie eingekauft?

Vilsmaier: Darin bin ich furchtbar. Weihnachtsgeschenke habe ich schon ewig nicht mehr gekauft. Die Geschenke für meine Kinder besorgt meine Frau und die Geschenke für meine Frau besorgen meine Kinder. So ist das bei uns aufgeteilt. Dadurch habe ich keinerlei Stress und muss nicht in die überfüllte Innenstadt. Ich habe es gehasst kurz vor Ultimo schwitzend durch die Kauhäuser zu jagen. Also hab ich das jetzt anders geregelt. Außerdem besorge ich sowieso immer das Falsche und Dinge die nicht passen

Ricore: Glauben Sie, dass die Verweigerungshaltung des Weihnachts-Ekels eine typisch deutsche Eigenschaft ist?

Vilsmaier: Nein, das glaube ich nicht. Ich bin auf der ganzen Welt herumgekommen und Weihnachten wird in den betroffenen Ländern wenn auch in abgewandelter Form überall gerne gefeiert. Auch das Weihnachts-Ekel mag im Grunde seines Herzens das Fest. Das kenne ich aus jüngeren Jahren, in denen ich dem ganzen Weihnachts-Brimborium ablehnend gegenüberstand. Als das Fest dann näher kam, abends die Glocken anfingen zu läuten und das Fernsehprogramm nur noch ein Thema kannte, dann wurde man langsam doch unruhig. Man geht aus dem Haus, weil man es zuhause alleine nicht aushält und besucht Gleichgesinnte.
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Joseph Vilsmaier
Ricore: Hat "Das Weihnachts-Ekel" eine gesellschaftsrelevante Aussage?

Vilsmaier: Ich denke schon. Vor dem Hintergrund dass viele mit dem Weihnachtsfest wegen ihrer Einsamkeit ein Problem haben. Trotzdem denke ich, dass auch diese Leute das Fest im Grunde gar nicht verteufeln. Das ist beim Weihnachts-Ekel nicht anders. Er boykottiert alles, was damit zu tun hat, aber seine versteckte Leidenschaft wird dann am Ende aufgedeckt.

Ricore: Sehen Sie privat viel fern?

Vilsmaier: Manchmal kriegt man im Fernsehen anspruchsvollere Beiträge zu sehen als im Kino. Wenn ich einschalte, dann sehe ich streng nach Programm. Ich lass mich nicht einlullen indem ich auf Bewertungen achte sondern suche mir meine Filme komplett subjektiv aus. Wenn ich auf etwas Bock habe, dann guck ich mir das auch an.

Ricore: Ihre drei Töchter sammeln erste Erfahrungen als Schauspielerinnen. Ist das eine Entwicklung die Sie begrüßen?

Vilsmaier: Zum Teil haben sie ja auch schon in meinen Filmen mitgespielt. Die Älteste, Janina, studiert in England und hat keine weiteren Ambitionen in der Richtung. Das ist eigentlich auch nie ein Thema zwischen uns beiden. Theresa ist da anders. Die hatte vor einem halben Jahr ein großes Angebot aus Frankreich gekriegt. Da hat sie mich dann um Rat gefragt. Da sie gut in der Schule ist und die Lehrer damit einverstanden waren, habe ich mein Okay gegeben. Eine Woche später jedoch hat sie dann zu mir gesagt, dass sie sich doch lieber auf ihr Abitur konzentrieren will. Sie hat daraufhin das Projekt abgesagt. Aus freien Stücken. Bemerkenswert wenn man bedenkt das sie damit auf eine Menge Geld verzichtet hat. Da war ich als Vater schon stolz. Bei Josefina hab ich diesbezüglich die größten Befürchtungen. Sie dreht jetzt schon eine Menge und viele Regisseure sind scharf darauf, sie zu besetzen. Sie hat vor allem sehr viel Spaß am Set. Sie ist aber erst 14 und muss zunächst einmal das Abitur schaffen. Wir Eltern stellen allen unseren Kindern die Entscheidung frei.

Ricore: Sind Ihre Kinder immer einverstanden mit ihren Filmen?

Vilsmaier: Da ich und meine Frau Dana Vávrová oftmals wegen Dreharbeiten unterwegs sind, nehmen wir die drei oft mit auf unsere Premieren. Damit sie nachvollziehen können, was ihre Eltern in der Zeit machen, in der wir nicht für sie da sind. Unsere Kinder sind unsere schärfsten Kritiker. Dagegen ist das was ich manchmal in der Zeitung über mich lese harmlos.

Ricore: Fällt ihnen als Regisseur der Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung schwer?

Vilsmaier: Das fällt mir nicht schwer. Ich bin jetzt schon so lange dabei und hab auch schon einige Filme in den Sand gesetzt. Nebenbei natürlich auch schon etliche hervorragende Arbeiten abgeliefert, aber mit diesem Spannungsverhältnis Qualität/Nichtqualität muss ein Regisseur leben. Kein Filmemacher kann Qualität garantieren. Oftmals braucht man einfach Glück oder man hat ein hervorragendes Drehbuch zur Adaption. Aus einem schlechten Drehbuch kann niemand einen guten Film machen. Man sollte aber zu jedem seiner Werke stehen können.
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Joseph Vilsmaier fühlt sich überall wohl!
Ricore: Welche Filme haben Sie Ihrer Meinung nach in den Sand gesetzt?

Vilsmaier: Zunächst einmal hatte ich 1989 mit der Verfilmung von "Herbstmilch" auch ein bisschen Glück. Da hat einfach alles gepasst. Die Geschichte, das Umfeld und der Moment der Veröffentlichung. Manchmal macht man einen guten Film, aber er passt nicht in die jeweilige Zeit. Das war bei "Herbstmilch" anders. Im Gegensatz zu "Marlene" im Jahr 2000. Vieles von der Kritik an dem Film kann ich ohne weiteres nachvollziehen. Vielleicht hätte man sich der historischen Figur Marlene Dietrich wie Heinrich Breloer nähern sollen. Halb dokumentarisch, halb mit Originalaufnahmen. Das ganze Kinoprojekt "Marlene" stand aber von Anfang an unter keinem guten Stern. Bevor ich in das Projekt eingreifen konnte wurden schon zu viele falsche Entscheidungen getroffen. Ich habe aber nicht die Absicht die Schuld im Nachhinein umzuverteilen. Trotz aller Kritik haben immer noch 650.000 Menschen den Film gesehen. Davon gibt es auch nicht allzu viele deutsche Filme.

Ricore: War die Figur Marlene Dietrich das Hauptproblem?

Vilsmaier: Natürlich. Wir haben eine Umfrage gemacht und da kam heraus, dass die Deutschen die Dietrich größtenteils ablehnen. Otto Normalverbraucher steht dieser Frau noch immer höchst kritisch gegenüber. Das liegt vielerorts auch an dem geschichtlichen Unwissen der Leute. Letztendlich hat "Marlene" aber sogar den ersten Preis beim Hollywood-Filmfestival in Los Angeles gewonnen. So schlecht kann das dann ja auch nicht gewesen sein.

Ricore: Was wohl auch an Dietrichs Beliebtheit in den USA liegen mag, oder?

Vilsmaier: Spätestens als Katja Flint den Preis dann aus den USA mitgebrachte, habe ich mir das auch gedacht. Wir Deutschen haben einfach ein großes Problem mit unserer Vergangenheit. Das wird sich auch in den nächsten Jahrzehnten nicht ändern. In dem unabänderlichen Bewusstsein unserer Schuld müssen wir trotzdem auch ein kollektives Selbstbewusstsein entwickeln.

Ricore: Inwieweit wirkt sich durch die Herkunft von Ehefrau Dana Vávrová der tschechische Einfluss auf Ihr Leben aus?

Vilsmaier: Der tschechische Einfluss wirkt sich bei uns allgemein auf Feierlichkeiten aus. In der alten Tschechoslowakei hat man immer im Umfeld der eigenen Familie gefeiert. Dort hat man sich sicher und unbeschwert gefühlt. Im diktatorischen Kommunismus hat man nach innen gelebt. Daraus ergeben sich diese Familientraditionen und die Unbeschwertheit aufgrund der veränderten politischen Verhältnisse. Die Tschechen feiern generell sinnlicher als wir Deutschen. Insgesamt hält sich der tschechische Einfluss auf mich aber in engen Grenzen, weil ich der tschechischen Sprache nicht mächtig bin. Ich bin generell ein Sprachenmuffel.

Ricore: Was haben Sie für ein Verhältnis zur Tschechei?

Vilsmaier: Der Böhmerwald ist einfach herrlich. Die Hauptstadt Prag kenne ich seit 1972. Auch meinen letzten Kinofilm "Der letzte Zug" haben wir dort gedreht. Ich fahre auch mit meiner Frau privat oft hin. Prag gehört für mich zu den drei schönsten Städten der Welt. Das pulsierende Flair der Stadt ist fantastisch. Dagegen ist mein geliebtes München ein Dorf. Prag ist genial.
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Joseph Vilsmaier bei der Arbeit
Ricore: Könnten Sie sich vorstellen, in Prag zu leben?

Vilsmaier: Ich könnte mir vorstellen in Prag zu leben, wenn ich Tschechisch könnte. Das ist die Vorraussetzung. Wenn man die Sprache nicht beherrscht, bleibt einem die Mentalität der Menschen auf ewig rätselhaft. Deshalb werde ich wohl bis an mein Lebensende in Bayern zuhause sein.

Ricore: Gibt es kein Land, das sie ansonsten zum Auswandern reizen würde?

Vilsmaier: Wo soll ich denn hin. Mein Englisch ist okay, aber zum Auswandern wahrscheinlich nicht gut genug. Nach Amerika hätte ich sowieso keine Lust. Da würde ich lieber nach Russland gehen. Auf meinen zahlreichen Reisen hab ich das Leben der Menschen gut kennen gelernt. Oft sind wir während der Dreharbeiten privat untergekommen, bei Freunden oder Bekannten. Nicht in abgeschotteten Hotelburgen. Bei Dreharbeiten lernt man immer viele unterschiedliche Leute kenne. Ich liebe Europa, da es für mich neben China und Ägypten der herausragende Kulturkreis ist.

Ricore: Warum kommt Amerika für Sie nicht in Frage?

Vilsmaier: Da muss ich jetzt aufpassen, dass ich meine amerikanischen Freunde nicht vergrätze. Sagen wir mal so: Außer der Landschaft und einigen wenigen tollen Menschen kann ich an Amerika nichts finden. Das ist mir alles zu oberflächlich.

Ricore: Bezieht sich das auch auf die US-Außenpolitik?

Vilsmaier: Zu 100 Prozent. Das Problem sind natürlich diejenigen Amerikaner, die diese Politik per Volksentscheid wählen. Natürlich will ich jetzt nicht alle Amerikaner über einen Kamm scheren, aber das sind Dinge, die mir Sorgen bereiten.

Ricore: Diskutieren Sie auch mit ihren amerikanischen Kollegen darüber?

Vilsmaier: Ja, natürlich. Ich mache meinen Mund immer auf, wenn ich es für richtig halte. Das amerikanische Volk ist ganz groß, aber ich verstehe nicht warum sie sich von ihrer politischen Führung so einfangen lassen. Vielleicht würde die Welt anders aussehen wenn man ein bisschen sensibler miteinander umgehen würde. Meiner Meinung nach müsste sich George W. Bush direkt mit Osama Bin Laden treffen. Egal wo. Vielleicht lebt der Bin Laden sowieso schon lange in den USA. Mit einem anderen Gesicht irgendwo in Boston. Was ich damit sagen will ist, dass alle Entscheidungsträger in einen Dialog treten müssen, damit die Welt nicht aus den Fugen gerät. Es geht nicht darum, den harten Max zu markieren, wir müssen endlich anfangen zu kommunizieren.

Ricore: Aus diesem Grund, bedanken wir uns ganz ausdrücklich für das Gespräch Herr Vilsmaier.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  20. Dezember 2006
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