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Interview

Joachim Masannek

Viola Wich/Ricore Text

Kicken war als Proll-Sport verschrien
Ein Kahn-Fan packt aus
Die Verfilmungen seiner Bücher um die Kinder-Fußballtruppe der "Wilden Kerle" sind sehr erfolgreich. Die Geschichten von Regisseur und Autor Joachim Masannek entführen in eine Welt, in der Jungen noch kämpfen und Freundschaften noch etwas zählen. Auch in "Die Wilden Kerle 4" wird das sportliche Ensemble wieder vor schwere Aufgaben gestellt. Masannek erwartet uns bei Buena Vista in München, nachdem er zuvor sein aktuelles Werk vorgestellt hat.
Die Wilden Kerle 4

Buena Vista

Ricore: Spielen Sie Fußball, Herr Masannek?

Joachim Masannek: Ja, ich habe früher Fußball gespielt, außerdem ich war bis 2004 Trainer der "Wilden Kerle". Jetzt habe ich keine Zeit mehr. Mein jüngerer Sohn spielt noch, der Große nicht mehr. Das Fußballspielen ist insgesamt ein wenig in den Hintergrund geraten.

Ricore: Welches ist Ihr Lieblingsverein?

Masannek: Seit dem ich sechs Jahre alt bin, ist mein Lieblingsverein Bayern München, obwohl ich aus dem Ruhrgebiet komme. Eigentlich hätte ich also Dortmund- oder Schalkefan werden müssen. Ich war damals Torwart und 1966 hat Sepp Maier bei Bayern München angefangen. Der hat mich sehr beeindruckt.

Ricore: War das für Ihre Eltern ein Problem?

Masannek: Meine Eltern wollten nicht, dass ich überhaupt Fußball spiele. Kicken war als Proll-Sport verschrien. Erst mit 13 Jahren durfte ich in einem Fußballverein beitreten. Dort war ich dann drei oder vier Jahre.

Ricore: Glauben Sie, dass die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2006 mit Mehmet Scholl Weltmeister geworden wäre?

Masannek: Ich glaube, dass wir mit Oliver Kahn im Tor Weltmeister geworden wären.


Leon (Jimi Blue Ochsenknecht) führt seine Wilden Kerle an.

BuenaVista

Ricore: Obwohl es keinen eklatanten Torwartfehler seitens Jens Lehmanns gab?

Masannek: Ich glaube aber, dass Kahn die entscheidenden Treffer verhindert hätte. Ich bin Kahn-Fan und verstehe nicht, warum man den einzigen Mythos den wir in Deutschland haben nicht bei einer Weltmeisterschaft spielen lässt. Das habe ich nicht verstanden. Ich glaube die Entscheidung war ein internes Machtding von Klinsmann.

Ricore: Kennen Sie Oliver Kahn persönlich?

Masannek: Nein, überhaupt nicht. Mir ist auch egal ob das ein Arschloch ist oder ein netter Kerl. Er war einfach der Beste, den wir bisher hatten. Das war der Weltstar aus Deutschland. Für mich nicht nachvollziehbar.

Ricore: Können Niederlagen 'wild' sein?

Masannek: In den ersten zwei Jahren meiner Trainertätigkeit bei den "Wilden Kerlen" haben wir alles gewonnen. Das wurde schnell langweilig. Als ich gemerkt habe, dass die Jungs lieber gegen schwächere Teams antreten als gegen stärkere, habe ich sie bei einem höheren Jahrgang angemeldet. In der Hinrunde haben wir jedes Spiel verloren. Daraufhin kamen die Eltern und beklagten sich ob des Wohles ihres Kindes. Meine Spieler haben in der Zeit aber gelernt, dass man hoch verlieren kann und trotzdem mit erhobenem Haupt das Feld verlassen kann, wenn man alles gegeben hat. Die Rückrunde lief dann besser.

Ricore: Hat sich das Verhalten der gegnerischen Mannschaften mit wachsender Bekanntheit der "Wilden Kerle" verändert?

Masannek: Klar, denn nach dem ersten Kinofilm waren die Jungs bekannt. Auf einmal gab es Turniere, zu denen wir sonst nicht eingeladen worden wären. Beispielsweise sind bei einem Turnier in Rüsselsheim auf einmal 1.000 Kinder gekommen, um die Jungs zu sehen. Da sind sie gefeiert worden. Auf dem Platz ging es vereinzelt schon anders zur Sache. Vor einem Finalspiel ist die Truppe auch schon mal als "Wilde Schwuchteln" beschimpft worden. Daraufhin haben meine Jungs das Spiel verloren. Nachdem ich aufgehört habe, haben sich die "Wilden Kerle" aufgelöst.


Der Wilde Kerl Marlon (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) schaut skeptisch

BuenaVista

Ricore: Was ist für sie wild?

Masannek: Wenn man sich traut das zu tun, woran man glaubt, weil man denkt das es richtig ist, auch wenn andere Leute denken, dass es falsch ist.

Ricore: Sind Sie wild?

Masannek: Dafür bin ich viel zu feige. Sonst würde ich nicht die Bücher schreiben. Ich bin auch eher Mama als Papa. Das ist für mich ein Lernprozess.

Ricore: Kann sich früher Ruhm in jungen Jahren negativ auswirken?

Masannek: Es kommt darauf an, wie das Umfeld mit dem Ruhm umgeht. Jeder Mensch will etwas besonderes sein, speziell bei Kindern ist das so. In der Pubertät verstecken sich viele und entwickeln ein überhöhtes Markenbewusstsein. Haben zählt in diesem Alter mehr als Sein. Ich versuche meinen Kindern beizubringen, dass es egal ist wie viel Geld sie haben oder was ihr Vater von Beruf ist. Es ist wichtig, Dinge zu tun. Also Fußball spielen, anstatt Fußball gucken. Die meisten werden nicht berühmt, sondern werden etwas Besonderes. Kinder haben ein Gespür dafür, wenn Leute sie nur nach ihrer Medienpräsenz beurteilen. Dann gehen sie schnell auf Distanz.

Ricore: Haben sich Ihre Kinder durch den Ruhm verändert?

Masannek: Auf der einen Seite werden sie durch die Bewunderung selbstbewusster, andererseits haben sie im direkten Umfeld oft mit Neid zu kämpfen. Wenn sie das durchstehen, haben sie etwas gewonnen. Das ist eine harte Zeit. Mein Jüngerer steckt noch voll drin, der andere hat es schon geschafft.


Horizon (Anne Mühlmeier) verdreht den Wilden Kerlen den Kopf

BuenaVista

Ricore: Finden Sie es gut, das ihre Kinder schauspielern?

Masannek: Momentan wollen die Schauspieler werden oder in die Wirtschaft gehen und in Harvard studieren. Das wäre für mich allerdings schon seltsam, wenn meine Kinder in Harvard studieren würden. Das ist eine Welt, der ich mich freiwillig nie genähert hätte. In den 1970er Jahren war Harvard eher Feindbild. Beide können noch nicht beurteilen, was es wirklich heißt, Schauspieler zu sein. Sie sind verwöhnt, denn sie haben drei Filme gemacht, die alle erfolgreich waren. Sie kennen es nicht, wochenlang auf einen Anruf zu warten, um engagiert zu werden oder sich mit negativen Kritiken auseinanderzusetzen. Ich fand es spannend, die Filme mit meinen Kindern zu machen, denn es war genauso, als wenn man gemeinsam auf die Jagd geht.

Ricore: Wie verhält es sich mit dem Einfluss Ihrer Söhne auf die Drehbücher?

Masannek: Als ich das erste Buch geschrieben habe, waren wir gemeinsam im Urlaub. Sie kamen immer vom spielen zurück und haben gelesen, was ich zu Papier gebracht habe. Daraufhin haben sie Änderungsvorschläge gemacht, die wir dann abends vor dem schlafen gehen nochmals am fertigen Text besprochen haben. Es ist lustig, gemeinsam seinen Lebensunterhalt auf diese Weise zu verdienen. Wenn ich von der Bequemlichkeit ausgehe, würde ich sagen: "Lieber ohne meine Kinder." Aber ich finde es einfach spannender mit ihnen zu arbeiten und glaube, dass wir auch voneinander lernen.

Ricore: Sind Sie anti- oder autoritärer Vater?

Masannek: Ich lerne gerade autoritär zu werden. Ich bin bereit, die Konsequenzen die ich androhe auch durchzusetzen. Mein Jüngster war beispielsweise zu unserer Haushälterin letztens ziemlich unverschämt. Da habe ich ihn dazu verdonnert, für eine Zeit ihre Aufgaben zu erledigen. Daraufhin hat er ein ganzes Wochenende im Keller verbracht, worauf er im Nachhinein unwahrscheinlich stolz war. Der will das so. Der Ältere hat - obwohl er zurzeit nur Spott für seinen Bruder übrig hat - sich ihm dann angeschlossen und sich zu ihm in den Keller gesetzt. Das war ein großer Kampf, aber trotzdem habe ich festgestellt, dass es allen gut getan hat.

Ricore: Finden Ihre Söhne Mädchen noch blöd?

Masannek: Ich glaube nicht mehr. Jungs reden darüber nicht so locker. Ich beobachte gerade, dass sich mein jüngerer Sohn scheinbar in eine der Schauspielerinnen aus "Die Wilden Kerle 4" verknallt hat. Er benutzt nämlich meinen Computer zum chatten und ich habe einige Fotos von ihr entdeckt. Der Andere ist auch viel unterwegs und hält die Augen auf. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob sie schon mal richtig verliebt waren oder eine Beziehung hatten. Beide interessieren sich auf jeden Fall dafür und haben diesbezüglich keine Berührungsängste. Sie sind dabei herauszufinden, ob Mädchen wirklich so spannend sind wie ich in dem Film behaupte.


Leon (Jimi Blue Ochsenknecht) und Horizon (Anne Mühlmeier) kommen sich näher

BuenaVista

Ricore: Wirkt sich dieses Interesse an Mädchen auf ihre Arbeit an den "Wilden Kerlen" aus?

Masannek: Klar. Ich versuche immer auf Augenhöhe der Kinder zu sein. Grundthema ist dabei, dass Jungs Angst vor Mädchen haben. Die Mutter ist die erste Bezugsperson für ein Kind, sie müssen selber rauskriegen das sie stark sind und das sie von Mädchen begehrt werden, weil sie stark sind. Mädchen testen das aus. Horizon versucht herauszufinden ob Leon wirklich so stark ist, wie er tut.

Ricore: Versteckt sich hinter der Themenkombination Krieg und Fußball ein pädagogischer Unterton in "Die Wilden Kerle 4"?

Masannek: Die Fußballsprache ist mit kriegerischen Begriffen gespickt. Der Bomber, der Schuss oder Fußballschlacht. Ich habe mich diesmal entschieden, nicht zu kämpfen, sondern alles was mit Auseinandersetzung zu tun hat mit dem Fußball zu koppeln. In den vorherigen Teilen war das noch anders. Ich habe eine Freundin, die eine 18 jährige Tochter hat. Deren Freund hat mir erzählt, dass er mit sechs oder sieben Jahren auch im Fußballverein war. Wenn seine Mannschaft ein Spiel verloren hatte, begann er regelmäßig zu weinen. Irgendwann haben die Leute dann über ihn gelacht. Daraufhin ist er zu seiner Mutter gerannt und hat ihr vorgeworfen: "Du hast mich zu einem Weichei erzogen." Mütter nehmen ihre Kinder immer in Schutz, dabei geht es gerade auch im Sport darum, Grenzen zu erreichen und auszuloten. Kinder wollen Abenteuer. Kampf ist ein Bestandteil des Abenteuers. Kinder spielen Ritter oder Star Wars. Das ist vorgegeben

Ricore: Haben Sie als Fußballtrainer Erfahrungen mit Gewalt auf dem Sportplatz gemacht?

Masannek: Natürlich. Das Problem ist, dass Gewalt sich heutzutage nur noch ein körperlicher Ausdruck von Frust verhält. Aggressivität ist eine Sache mit der wir geboren wurden. Früher war es wichtig aggressiv zu sein, damit wir überleben. Wenn ich einen Film mache, dann gibt es Hindernisse die ich nur mit einem gewissen Maß an Aggressivität überwinde. Eine Kraft um etwas gegen Widerstände durchzusetzen. Das ist eine gute Kraft. Wenn jemandem nicht beigebracht wurde, mit Aggressivität umzugehen, dann gibt es Probleme.

Ricore: Haben Sie diesbezüglich eigene Erfahrungen gesammelt?

Masannek: Einer meiner Jungs ist mit vier Jahren während eines Thailandurlaubs zum Kickboxduell gegen eine einheimischen Jungen gleichen Alters angetreten. Meiner hat blind auf den Anderen zugeschlagen, während der geschickt ausgewichen ist und seine zahlreichen Treffer nur angedeutet hat. Das war eine gelungene Demonstration von kontrollierter Aggression. Wir haben mal mit den "Wilden Kerlen" einer Mannschaft die Meisterschaft versaut. Die sind dann auf uns los. Plötzlich stand ich 40 gewaltbereiten Leuten gegenüber. Aus der Situation kam ich nur raus, weil ich so getan habe, als sei ich auch ganz stark. Das ist Gewalt die aus der Schwäche kommt. Momentan haben die Jungs eine unwahrscheinliche Sehnsucht nach diesem Ghetto-Zeug. Musik von 50 Cent oder Snoop Doggy Dogg. Das sind die heutigen Vorbilder, weil sie zeitgemäß die Sehnsucht nach Durchsetzungsstärke demonstrieren.

Ricore: Was hat ihre Sehnsucht als Heranwachsender gestillt?

Masannek: Western oder Ritterfilme. Ich habe Karl May und Huckleberry Finn gelesen. Das hat sich alles grundlegend geändert. Ritter- und Indianerfiguren sind heute Vorschulthemen. Heutzutage wird vieles ausgeklammert. Man darf sich nicht mit Waffen beschäftigen, dabei sind die faszinierend. Man muss nur lernen damit umzugehen. Man darf sie Kindern nicht verbieten. Kinder die nicht mit Waffen spielen dürfen, werden schneller aggressiv. Meine Kinder hatten immer Spielzeugwaffen und die liegen jetzt unbeachtet in der Ecke.


Wilder Kerl Marlon (Wilson Gonzales Ochsenknecht) oder ein Tuareg?

Buena Vista

Ricore: Ist der Kinderfilm das Genre, in dem Sie zuhause sind?

Masannek: Ich wachse momentan mit meinen Kindern. Wenn die groß sind mache ich vielleicht irgendwann Filme für Erwachsende. Ich finde aber auch nicht, dass ich Kinderfilme mache. Ich kann in meinen Filmen vieles machen was man sonst in Deutschland nicht machen kann. Die Freiheit der Fantasie oder das Mischen von Genres. Das finde ich spannend.

Ricore: Finden Sie das es deutschen Filmen an Fantasie mangelt?

Masannek: Es gibt nicht so viele Genres die in Deutschland erfolgreich sind. Alles was hier ins Fantastische geht, funktioniert nur als Parodie. "7 Zwerge" oder "(T)Raumschiff Surprise" sind da passende Beispiele. Große deutsche Filmerfolge, die sich nicht mit dem Dritten Reich beschäftigen, gab es in den letzten Jahren nicht. "Das Parfum" betrachte ich dabei nicht als deutschen Film, auch wenn Regisseur und Produzent aus Deutschland kommen. Für mich sind "Poseidon" oder "Troja" auch keine deutschen Filme nur weil Wolfgang Petersen Regie geführt hat.

Ricore: Welche Filme würden Sie reizen?

Masannek: Es gibt einen Stoff, der mir sehr am Herzen liegt und ich vor 15 Jahren die Rechte gekauft habe. Das ist der Roman "Tuareg" von Albert Vasquez Figueroa, dessen Adaption mir bisher immer geplatzt ist, weil irgendwelche Araber Bomben gegen die Amerikaner geworfen haben. Das ist ein Projekt das mich unwahrscheinlich reizen würde.

Ricore: Können Sie umreißen worum es in "Tuareg" geht?

Masannek: Mythos gegen Moderne. Glauben gegen Willkür. Die Geschichte spielt in den 1960er Jahren in Algerien. Das Land ist für kurze Zeit unabhängig. Die Regierung ist ein Marionettenverein an deren Strippen die Franzosen sitzen, um Kontrolle über das Erdöl zu behalten. Rebellen planen einen Putsch gegen das Regime. Die staatlichen Truppen überfallen die Revolutionäre und ihr Anführer rettet sich in die Obhut der Tuareg. Für diese Menschen ist das Gastrecht, das höchste Recht. Der Anführer wird nicht an die algerische Armee ausgeliefert, denn das Gastrecht ist Teil der Identität der Tuareg. Im Jahr 2001 wollte ich den Stoff mit der Hilfe eines französischen Produzenten mit Johnny Depp in der Hauptrolle verfilmen. Nach den Anschlägen des 11. Septembers und der Weigerung der afghanischen Taliban, Osama Bin Laden auszuliefern, hat sich der Produzent leider nie mehr gemeldet.

Ricore: Herr Masannek, viel Glück für die Zukunft und Vielen Dank für das Gespräch.

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