Berlinale
Regisseur Cao Hamburger
Unterschiede bewundern
Interview: Brasilien ohne Rassismus?
Der brasilianische Wettbewerbsbeitrag "Das Jahr als meine Eltern im Urlaub waren" schildert die Geschichte des 12-jährigen Mauro, der die Ferien im multikulturellen Bezirk Bom-Retiro bei seinem jüdischen Großvater in Sao Paulo verbringt. Auf der Berlinale-Pressekonferenz stellten sich Regisseur Cao Hamburger sowie die Darsteller Michel Joelsas und Germano Haiut unseren Fragen.
Von  Andreas Eckenfels/Filmreporter.de,  14. Februar 2007
Berlinale
Der junge Michel Joelsas mit Germano Haiut in "Das Jahr als meine Eltern im Urlaub waren"
Ricore: War die Fußballweltmeisterschaft 1970 in Brasilien eine Waffe der Regierung?

Cao Hamburger: Ja. Die Regierung hat den Fußball für sich ausgenutzt. Sie hat verheimlicht, was eigentlich im Land ablief. Aber das gilt nicht nur für diese Regierung. Ich glaube, dass der Sport von allen Regierungen dazu genutzt wird, das Volk für sich zu gewinnen. Fußball ist das Opium der Brasilianer. Dennoch war der Fußball in Brasilien eigentlich immer viel stärker als die Regierung. Diese Weltmeisterschaft hatte viel mehr mit sportlichen Dingen zu tun hat, als mit der Politik.

Ricore: Sowohl der chilenische "Mala Leche" als auch der argentinische Film "El Abrazo partido" behandeln das gleiche Thema wie ihr Werk...

Hamburger: Ich finde es sehr interessant, dass unser Film mehr oder weniger zur gleichen Zeit, wie diese Filme entstand. So wurde eine unfreiwillige Trilogie von Filmen geschaffen, die über diesen Zeitraum der Militärdiktatur in Lateinamerika durch die Augen von Kindern erzählen. Das ist der Blick meiner Generation. Die anderen Autoren der Filme haben etwa das gleiche Alter wie ich. Wir empfanden also die Notwendigkeit über diesen Zeitraum in unserem Land zu sprechen. Wir zeigen unseren Standpunkt so, wie wir diese Zeit erlebt haben. Aber unser Film ist trotzdem anders und dies ist auch ein wesentlicher Bestandteil dieser Trilogie.

Ricore: Michel, waren die Dreharbeiten anstrengend für dich?

Michel Joelsas: Ja, Filme drehen ist sehr anstrengend, macht aber auch viel Spaß. Am Ende des Tages kommt man nach Hause und sagt: "Die Arbeit war toll" und nicht "Das war total langweilig".

Ricore: Magst Du Fußball?

Joelsas: Ich bin nicht sehr gut. Ich spiele nur mit meinen Freunden, aber nichts Ernstes.

Ricore: Herr Hamburger. War es bei Ihnen ähnlich wie bei dem Jungen im Film, dass ihnen der jüdische Glaube zunächst fremd war und erst später näher gekommen ist?

Hamburger: So habe ich es persönlich nicht erlebt. Ich entstamme aus einer Mischehe. Mein Vater ist ein deutscher, in Berlin gebürtiger Jude. Meine Mutter stammt aus einer katholischen-italienischen Familie, die in Brasilien geboren ist. Dieser Film diente mir dazu, etwas mehr über die jüdische Kultur zu erfahren. Für mich war es die Möglichkeit, mir diese Seite meiner Vorfahren zu nähern. Ich finde, dass dieser Film auch über diese Möglichkeit spricht. Es gibt die Möglichkeit zu einer friedlichen Koexistenz mit vollem Respekt. Und zwar gegenüber den anderen Religionen, Kulturen und verschiedenen Altersgruppen. Es ist möglich friedlich zusammen zu leben, und dass dies auch sehr reichhaltig sein kann. Das habe ich auch zu Hause so erlebt. Dort wurden auch immer die Unterschiede sehr respektiert und bewundert. Dieses Thema spielt auch im Film eine große Rolle.
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Michel Joelsas spielt privat auch gern Fußball
Ricore: Germano Hauit: War Bom-Retiro schon immer ein Bezirk mit einer starken jüdischen Bevölkerung?

Germano Haiut: Ich bin eigentlich im Nordwesten des Landes geboren und lebe auch dort. Ich komme nicht aus einer religiösen Familie. Aber ich war immer aktiv in der jüdischen Gemeinde, aber nicht religiös gesehen. Bom-Retiro war mir bekannt, da ich als Jugendlicher häufig nach Sao Paulo gereist bin. Ich habe Erinnerung aus meiner Gemeinde. Dort leben Menschen, die in den 1920er Jahren von Europa hierher ausgewandert sind. Und diese Lebensweise habe ich auch in Bom-Retiro angetroffen. Ich habe versucht diese persönlichen Erlebnisse in meiner Rolle mit einfließen zu lassen. Ich bin Analphabet im Jiddischen. Ich habe nur zu Hause Jiddisch mitbekommen. Wir sprachen es nur zu Hause, im tagtäglichen Leben hingegen portugiesisch. Dieses Jiddisch musste ich für den Film erst wieder lernen. Dadurch konnte ich auch diese Rolle ausfüllen.

Ricore: Herr Hamburger: Ist Fußball das einzige, was Brasilianer zusammen bringt oder gibt es noch andere?

Hamburger: Fußball ist in Brasilien eine Leidenschaft die ganz allgemein verbreitet ist. Aber das ist natürlich nicht das Einzige, was wir alle gemeinsam haben. Der Film zeigt ja, dass die Mischung der Kulturen ein weiteres verbindendes Element ist. Mit dem Fußball wird daraus ein Modell, das wir exportieren können - ein friedliches Zusammenleben. Koexistenz, der Erfahrungsaustausch zwischen den Kulturen. Brasilien kennt keinen Rassismus. Wir haben andere Probleme, aber nicht dieses.

Ricore: Spielen die politischen Ereignisse von damals noch eine große Rolle in Brasilien oder sind diese bereits weitgehend vergessen?

Hamburger: Ich glaube, es ist immer gut, wenn die Leute sich an die schlechten Dinge aus der Vergangenheit erinnern. Damit man diese nicht wiederholt. Ich glaube, wir zeigen in dem Film recht gut wie das damals passierte. Auf der einen Seite wird gezeigt, wie diese Epoche in Brasilien aussah, auf der anderen Seite erzählen wir aber auch eine universelle Geschichte. Ein Kind, das allein überleben muss. Er muss lernen wie man mit anderen kommuniziert. Diese Geschichte steht viel mehr im Vordergrund als die politische Komponente des Films.

Ricore: Wollten Sie mit ihrem Film die Gemeinplätze bekämpfen, die mit dem Erscheinungsbild Brasiliens verbunden sind?

Hamburger: Das hatte ich eigentlich nicht vor. Der Film handelt aber von einer Welt, die Leute, die noch nie in Brasilien waren, überrascht. Eine städtische Mittelklasse, ein Land, das von Immigranten geprägt ist. Sie kommen von überall her. Wir haben Europäer, Afrikaner, Araber oder auch Indianer. Brasilien ist ein exotisches Land. Wir haben viele unterschiedliche Landschaftsformen und sehr eigenständige kulturelle Aspekte. Aber es ist eben das Land von Immigranten. Und das ist sehr überraschend für manche Leute, da dies nicht oft gezeigt wird.
Von  Andreas Eckenfels/Filmreporter.de,  14. Februar 2007
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