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Interview

Edward Norton in: 25 Stunden
Ungestüm nach durchtanzter Nacht

Rosario Dawson zu '25 Stunden'

Mit klackenden High Heels stürmt Rosario Dawson ("Men in Black 2") das Hotelzimmer. Die Dame von der Promotion kommt kaum nach. Bis das Aufnahmegerät gestartet ist, hat die ungestüme Latina bereits einen wahren Wortschwall von sich gegeben. Nein, man sieht ihr die durchgefeierte Nacht nicht an. "25 Stunden"-Regisseur Spike Lee war gerade mit Kopfschmerzen und leicht angeschlagener Laune aus dem Zimmer geschlichen. Rosario zeigt keinerlei Spuren von Müdigkeit, ihr Gesicht strahlt, die großen schwarzen Augen leuchten geradezu.
Von  Richard Rendler, Filmreporter.de, 14. Mai 2003

Rosario Dawson in: 25 Stunden

Rosario Dawson in: 25 Stunden

Rosario hat allen Grund, fröhlich zu sein. Nach ihrem sexy Auftritt in "Men in Black 2" zeigt sie, dass ihr auch anspruchsvolle Rollen durchaus liegen. In Spike Lees knallhartem Großstadtdrama "25 Stunden" brilliert sie als Freundin von Drogenhändler Monty Brogan alias Edward Norton. Obwohl Rosario jede Menge Verehrer hat, bleibt die gebürtige New Yorkerin auf dem Teppich. Familie und alte Freunde sind ihr wichtiger als Gamourbekanntschaften. Spike Lee wusste ganz genau, wen er Norton an die Seite stellte, schließlich bezauberte Rosario bereits in seinem Frühwerk "Spiel des Lebens". Auf der Berlinale 2003 waren nicht nur Filmpremieren und Parties angesagt, es galt Werbung zu machen, wenn auch nicht 25 Stunden...

Ricore: Rorario, Sie sehen viel frischer aus als Spike Lee... Rosario

Dawson: Da bin ich froh, denn ich war die ganze Nacht auf der Partie. Ich tanzte mit diesem deutschen Typen, der sich so fantastisch bewegte. Wir tanzten spanische Tänze, wir tanzten Salsa und wir hörten gar nicht mehr auf. Ich tanzte und schwitzte, gab einfach alles! Wir tanzten ohne Ende zu diesen klasse Hits, sie spielten ganz viele amerikanische Hits. Es war eine verrückte Nacht.

Ricore: Auch mit Edward?

Dawson: Auch Edward [Norton a.d.Red.] und Spike [Lee, a.d.Red.] tanzten, aber sie tanzten so wie Jungs das eben tun - cool. Ich wollte gar nicht mehr nach Hause gehen. Ich weiß auch nicht, warum ich jetzt schon wieder hohe Absätze trage, das ist ganz schön dumm von mir. Denn eigentlich tun mir meine Füße total weh. Aber ich freue mich, dass die Jungs auch leiden, denn sie waren diejenigen, die nicht nach Hause gehen wollten. Ich wollte irgendwann ins Bett gehen, doch sie sagten nur: "Was, jetzt schon? Es ist doch noch so früh" Ich sagte darauf nur: "Hey, ich bin die 23-Jährige hier. Eigentlich solltet Ihr diejenigen sein, die ins Bett wollen." Spike blieb bis 6 Uhr oder so.

Ricore: Ja, Spike sieht wirklich müde aus.

Dawson: Oh, freut mich zu hören. Aber letzte Nacht sah er wirklich klasse aus. Ich tanzte ein paar Mal mit ihm, er war so cool.

Rosario Dawson in: 25 Stunden

Rosario Dawson in: 25 Stunden

Ricore: Ist Spike eher ein ruhiger Tänzer?

Dawson: Nein, er hat schon den richtigen Rhythmus drauf, wenn er einmal den richtigen Dreh gefunden hat. Und dann sieht er einfach fantastisch aus.

Ricore: Kann er sich bewegen?

Dawson: Ja, das kann er wirklich. Er tanzt auch ein wenig Salsa. Das hat er auch drauf. Und ich bin mir sicher, das hat er von den Frauen gelernt. Salma ist eine tolle Tänzerin und ich bin mir sicher, dass sie ihm die Bewegungen beigebracht hat. Oh Mann, ich glaube ich habe nach dieser Nacht eine brummige Stimme wie George Clooney. Es ist doch immer toll, wenn man als 23-Jährige aufwacht und dann eine Stimme wie George Clooney hat. Das ist doch sexy oder?

Ricore: Im Film ging es ja auch viel ums Tanzen, nicht wahr?

Dawson: Ja, da ging's ganz viel ums Tanzen. Irgendjemand hat mir die Frage gestellt, für welchen Film ich mich entscheiden würde, wenn ich nur noch 24 Stunden Zeit hätte und nur einen Film drehen könnte. Das hört sich seltsam an, so als hätte ich nur 24 Stunden an diesem Film gearbeitet. Aber bei dieser Frage kamen mir natürlich alle meine vergangenen Filme in den Sinn. Filme mit tollen Schauspielern und starken Szenen. Das Besondere an diesem Film war aber, dass ich hier einfach tanzen konnte. Wochenlang war es so, als hätte ich nichts anderes zu tun. Spike rief "Action" und ich fing einfach an zu tanzen. Das war ein toller Job. Ich fühlte mich an Bette Midler erinnert, als sie noch mit Barry Manilow als ihrem Pianisten in den schwulen Bath Houses in New York auftrat und sang. Sie war anfangs Go Go Tänzerin in kleinen Clubs, als sie nach New York kam, und ich dachte immer: Was für ein klasse Job! Es ist toll, wenn man sagen kann: "Hey, ich muss arbeiten gehen", und sich dann einfach einen kleinen Bikini anzieht und zu tanzen anfängt.

Ricore: Wäre das eine Perspektive für Sie gewesen?

Dawson: Ich habe zu einem Freund gesagt: Es wäre klasse, eine Go-Go-Girl-Vergangenheit zu haben. Oder wenn das nicht möglich ist, wäre ich auch gerne eine Karaoke-Sängerin, die auf all diesen Postern erscheint und auf den Karaoke-Videos zu sehen ist, die in Bars immer im Hintergrund laufen. Diese Videos, bei denen man softe Musik hört und ein verliebtes Pärchen am Strand herumläuft. Das wäre ich gerne. Ich liebe solche verrückten Jobs, denn ich denke, das macht einfach jede Menge Spaß. Aber ich mache ja auch einen verrückten Job. Normalerweise sage ich immer: Ich wäre zur Uni gegangen, ich hätte eine richtige Ausbildung gemacht und etwas Richtiges gelernt, wenn ich nicht diesen verrückten Job hätte. Ich habe gerne so Fantasiegedanken, dass ich wirklich cool geworden wäre, viel herumgereist wäre und die Früchte meiner Anstrengungen geerntet hätte. Aber das wäre wohl alles nicht so gekommen. Ich wäre wohl einfach Arzt oder so etwas geworden.

Ricore: War es Schicksal, dass Sie für "Kids" entdeckt wurden?

Dawson: Ja, ganz bestimmt. Ich habe gerade über etwas gelacht, dann kam Larry Clark mit Harmony Korine [dem Drehbuchautor von "Kids, a.d. Red.] zu mir und fragte mich, ob ich diesem Film mitspielen wollte. Ich wurde also gewissermaßen von der Straße aufgepickt und war plötzlich in dieser anderen Welt, von der ich niemals gedacht hätte, dass sie eines Tages meine Welt sein würde. Für mich gibt es also ganz eindeutig einen Tag, von dem ich sagen kann: Dieser Tag hat mein Leben komplett verändert. Es gibt mehrere solcher Tage und Momente in meinem Leben. Zum Beispiel als Spike zu mir sagte, dass diese Rolle mir gehören würde. Mein Leben nahm eine ganz andere Richtung. Ich musste nicht zur Uni gehen, sondern machte einfach mit der Schauspielerei weiter. Das Ganze ist schon verrückt, wo ich doch eigentlich jemand bin, der Veränderungen nicht so sehr liebt.

Ricore: Und die Kehrseiten?

Dawson: Das ganze Business, in dem ich mich jetzt befinde, ist natürlich eine Branche, in der Veränderungen an der Tagesordnung sind. Ich habe immer noch das Gefühl, dass das Ganze ein großes Risiko für mich ist und extrem verwundbar bin. Ich bin zwar nicht alt, knapp 24, aber ich kann nichts anderes als schauspielern. Und das macht mir natürlich Angst, denn wenn das mit der Schauspielerei nicht funktioniert, müsste ich Zeitungen austragen oder so (lacht). Deshalb will ich nun auch ein wenig die Produktionsschiene einschlagen und andere Bereiche des Business kennen lernen. Es ist nicht immer leicht, als Frau in diesem Business unterwegs zu sein. Deshalb möchte ich mir auch alternative Möglichkeiten aufbauen. Nicht weil ich Angst habe, aber weil ich gerne mein Leben fest in der Hand habe. Und in diesem Geschäft hat man oft die Dinge nicht in der Hand. Ich will gerne meine eigenen Entscheidungen treffen und mich in meinem eigenen Leben stark fühlen.

Ricore: Was unterschied die Zusammenarbeit mit Spike Lee von anderen Filmprojekten?

Dawson: Spike ist eine starke Persönlichkeit. Er bekommt immer das, was er will. Doch er bekommt die Dinge durch Geschick und Einfühlungsvermögen und nicht, indem er Leute herumschubst, herumschreit und ihnen sagt, was sie zu tun haben. Er stellt Fragen, gibt dem Schauspieler nicht das Gefühl, auf dem Bänkchen zu sitzen und zu hoffen, dass man eine Rolle von ihm bekommt. Er ist der Ansicht, dass er nicht schauspielern kann und wir können nicht Regie führen und deshalb reden wir einander nicht hinein. Er stellt sein Team zusammen und erwartet dann von jedem einzelnen, dass er den Job gut macht, den er gelernt hat. Er sieht sich als eine Art Coach, der zwar Anweisungen und Richtlinien gibt, doch letztendlich soll jeder seinen Job machen. Er sagt den Leuten: Macht Euren Job. Ich weiß, Ihr macht ihn gut, denn sonst wärt ihr nicht hier." Und so fühlte ich mich auch. Ich hatte die Möglichkeit, mich einzubringen, zu improvisieren.

Barry Pepper in: 25 Stunden

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Ricore: Wie groß ist der eigene Anteil, wenn man ein Film mit Spike Lee macht?

Dawson: Natürlich ist der Film Spikes Vision, die wir für ihn umsetzen. Doch alles, was ich von mir auf der Leinwand sehe, kommt von mir. Ich bin diejenige, die das, was von mir im Kino zu sehen ist, entwickelte. Deshalb fühle ich mich als Teammitglied wichtig und weiß, dass mein Beitrag zum Gelingen des Ganzen sehr wichtig ist. Spike lässt jeden seinen Teil zum Projekt beitragen. Es war wirklich ein tolles Projekt, für das wir viel geprobt haben, immer und immer wieder. Jeder hat sein Bestes gegeben und dadurch, dass wir ziemlich viel Spielraum hatten, haben wir uns als Team für das Projekt verantwortlich gefühlt. Und es ist wirklich ein großartiger Film dabei herausgekommen und ich bin so stolz, dass ich daran teilhaben durfte. Dafür werde ich Spike immer dankbar sein. Er sagt zwar, das ich ohnehin so viel Talent habe, dass ich auch ohne sein Zutun weiter gekommen wäre. Doch ich weiß, dass ich sicher nicht jetzt, zu diesem Zeitpunkt da wäre, wo ich jetzt bin.

Ricore: Im Film haben Sie einen süßen Hund. Mögen Sie Hunde?

Dawson: Ja sehr, aber ich bin leider allergisch gegen sie. Ich mochte den Hund aus dem Film wirklich sehr. Wir spielten mit ihm, in den Pausen war er immer bei uns. Es gab auch Szenen mit dem Hund, die rausgeschnitten wurden, die aber sehr viel Spaß gemacht haben. Dann war das Drehen wie ein Spiel; man musste nur mit dem Hund spielen, tanzen und das war's. Mein Job ist zwar oft auch harte Arbeit, aber ich liebe ihn und ich bin wirklich dankbar, diesen Job zu haben.

Ricore: Wurden Sie schon mal von einem Hund gebissen?

Dawson: Ja, das wurde ich. Ich hatte selbst einen Hund war aber leider allergisch gegen ihn. Mein Nachbar hat beispielsweise einen Rottweiler. Den liebe ich sehr, denn diese großen Hunde sind sehr lieb und zutraulich. Sie springen immer vor lauter Freude an einem hoch. Wenn kleine Kinder in der Nähe sind, muss man etwas aufpassen, dass sie den Kindern nicht aus Versehen weh tun. Ich liebe Hunde wirklich, doch meine Allergie ist so stark, dass es überall juckt, wenn ich ihnen zu nahe komme.

Ricore: Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch einen letzten Tag in Freiheit verbringen könnten?

Dawson: Da ja jeder von uns nur eine gewisse Lebenszeit zur Verfügung hat, hoffe ich, dass wir alle immer so leben, als hätten wir nur noch 24 Stunden Zeit. Ich lebe im Moment genau das, was ich gerne lebe: ich liebe es, hier zu sein und über diesen Film zu sprechen, ich liebe es, todmüde zu sein, weil ich die ganze Nacht getanzt habe. In meinen letzten Stunden möchte ich, genau wie jetzt, alles bei vollem Bewusstsein erleben und die Augenblicke ausschöpfen und genießen. Außerdem möchte ich sicher sein, dass die Menschen, die ich liebe, auch wissen, dass ich sie liebe und an sie denke. Das ist wichtig für mich. Wenn ich beispielsweise in einem abstürzenden Flugzeug sitzen würde, dann wäre mein letzter Gedanke: Ich hoffe, dass meine Familie weiß, dass ich sie liebe und an sie denke. Meine Familie weiß das auch, doch ich finde, man muss es den Menschen, die einem wichtig sind immer wieder ins Gesicht sagen.

Ricore: Schaffen Sie es, regelmäßig Kontakt zu alten Freunden zu halten?

Dawson: Ich bin so viel unterwegs, weit von zu Hause weg. Dann denke ich oft an Menschen, die mir wichtig sind. Doch das bedeutet nicht, dass diese Menschen das auch wissen. Also muss man es ihnen mitteilen. Viele meiner Freunde verzeihen mir Nachlässigkeiten aufgrund meines Berufs, doch das ist nicht richtig. Wenn ich jemanden seit der Grundschule kenne, dann will ich ihn zum Geburtstag anrufen. Ich will nicht, dass man mir solche Vergesslichkeiten nachsieht, nur weil ich viel unterwegs bin. Ich will nicht unhöflich sein und meine Freunde vernachlässigen, nur weil ich im Filmbusiness arbeite. Andere Leute arbeiten auch hart und kümmern sich trotzdem um die Menschen, die ihnen wichtig sind. Außerdem finde ich es schade, dass ich nicht die Möglichkeit habe, den Menschen einfach mal durch Zufall auf der Straße in meiner Heimatstadt New York zu begegnen. Ich muss mich also mehr anstrengen als andere, um den Menschen, die mir wichtig sind, das auch zu zeigen. Auch wenn ich mit Leuten wie Edward Norton befreundet bin, heißt das nicht, dass die Leute von früher keinen Platz mehr in meinem Leben haben.

Ricore: haben Sie eigentlich einen Freund?

Dawson: Nein, deshalb war es auch eine ziemlich einsame Reise so allein... (lacht) Wie stehts mit Ihnen?
Richard Rendler, Filmreporter.de - 14. Mai 2003

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