FILMREPORTER.DE
Best Entertainment
Filmreporter-RSS

Interview

Ang Lee über nackte Tatsachen und das süße Nichtstun

Dr. Jekyll und Mr. Hulk
Der vielfach preisgekrönte taiwanesische Regisseur Ang Lee ("Tiger & Dragon") versteht sich selbst zu allererst als Künstler. Diese Disziplin studierte er denn auch an Hochschulen in New York und Illinois. Folglich rief die Nachricht, dass ausgerechnet Lee das Marvel-Monster "Hulk" als knapp 140 Millionen Dollar teuren Hollywood-Blockbuster auf die Leinwand bringen würde, vielerorts Kopfschütteln hervor. Doch der 48-Jährige ließ sich von seinen Zweiflern nicht beirren und drehte einen Comic-Film, wie man ihn so noch nicht gesehen hat - ein außerordentliches Werk, das für Gesprächsstoff sorgt und dabei Publikum wie Kritiker entzweit.
Von  Rico Pfirstinger/Filmreporter.de,  27. Juni 2003
Ang Lee auf der Premiere von Hulk
United International Pictures (UIP)
Ang Lee auf der Premiere von Hulk
Das Risiko hat sich gelohnt: Die Geschichte des Wissenschaftlers, der sich, wenn er wütend wird, in ein zerstörerisches grünes Monster verwandelt, spielte in den USA bereits am ersten Wochenende über 60 Millionen Dollar ein. Die etwas misslungene Pressearbeit von UIP blieb folgenlos.

Ricore Medien: Mr. Lee, was müssen wir Sie eigentlich fragen, damit Sie richtig wütend werden?

Ang Lee: (lacht) Ach wissen Sie, ich habe "Hulk" erst vor fünf Tagen fertig gestellt - und das Ganze war für mich wie Therapie. Nach dem weltweiten Erfolg von "Tiger & Dragon" wurden mir einige große Hollywood-Filme angeboten, unter anderem auch "Hulk". Den kannte ich damals nur aus dem Fernsehen, also habe ich mich erst einmal eingelesen. Denn wenn überhaupt, dann wollte ich die Comics auf die Leinwand bringen, nicht die Fernsehserie. Dabei interessierte mich besonders des Aspekt des Verwandelns und Zurückverwandelns, das Unterdrücken und Ausleben von Emotionen, der Gegensatz von "Sinn und Sinnlichkeit". (lacht) "Hulk" ist ein großes Familiendrama und ein Abenteuer, das ich mit die Zeit und den Raum überbrückenden Split-Screen-Schnitten ins Kino bringen konnte. Und das Studio hat mich dabei unterstützt: Dort wollte man einen echten Ang-Lee-Film haben.


Hulk-Hauptdarsteller Eric Bana mit Regisseur Ang Lee
UIP
Hulk-Hauptdarsteller Eric Bana mit Regisseur Ang Lee
Ricore: Das Monster Hulk repräsentiert das Animalische im Menschen - doch der Aspekt der Sexualität wird dabei, typisch Hollywood, vollkommen unterdrückt.

Lee: Richtig, in diese Richtung darf man gar nicht gehen. Bei diesem Monster geht es alleine um die Aggression. In Verbindung mit Sex wäre das wohl etwas zu viel gewesen. Ich habe allerdings ein paar subtile Anspielungen gemacht, Dinge wie phallisch aufrecht stehende Felsen, aber nichts Offensichtliches. In einer Sequenz - dem Hundekampf - wollte ich auch Hulks Shorts loswerden. Wir verdeckten seine Blöße stattdessen mit Blättern, Gebäuden, Bäumen und Beleuchtungstricks - bis ich mir wie in einem "Austin Powers"-Streifen vorkam. Es wirkte einfach lächerlich, und ich habe das Ganze schließlich aufgegeben. (lacht)

Ricore: Gab es bei den Dreharbeiten auch Momente, wo Ihnen alles über den Kopf gewachsen ist?

Lee: Speziell in den letzten drei Monaten, in denen auch das Marketing voll einsetzte, habe ich den Druck und die Verantwortung gespürt. Es war ja klar, dass dieser immens teure Film weltweit ein großes Publikum erreichen muss - und dass ich deshalb gewisse Teile so konventionell gestalten muss, wie das auch alle anderen Filmemacher tun würden. Ich wollte zwar auf jeden Fall etwas Besonderes kreieren, doch das klappt nur bis zu einem gewissen Punkt. Ich denke aber, 80 Prozent des Films sind noch intakt, gerade auch der künstlerische Teil.


Szene aus Ang Lee`s Hulk
Szene aus Ang Lee`s Hulk
Ricore: Wie kamen Sie mit der aufwendigen Computer-Technologie zurecht?

Lee: Es ist wie beim Renovieren eines Hauses: Alles dauert doppelt so lang wie geplant. Ich wollte einen besonderen, persönlichen Film machen, deshalb musste jeder Effekt maßgeschneidert werden. Die hierfür notwendigen Ressourcen und die entsprechende Manpower hat nur George Lucas' Firma ILM. Computer sind sehr dumm. Es kommt auf das Talent der Menschen an, die sie bedienen.

Ricore: Aus diesem Grund schlüpften sie selbst für viele Szenen in einen Motion-Capture-Gummianzug und spielten für die Techniker den Hulk. Damit dienten Sie der Computerfigur als Bewegungs- und Ausdrucksmodell.

Lee: Richtig, für die meisten Szenen war ich selbst die Vorlage - nur nicht für den drei Meilen weiten Sprung. (lacht) Hulks Landung habe ich allerdings wieder selber vorgespielt.


Szene aus: Hulk
Szene aus: Hulk
Ricore: Eigentlich sind Sie also der Hulk!

Lee: Ja, und das was eine sehr therapeutische Erfahrung. Wie ein Kind, das im Sandkasten seine Fantasien ausleben darf.

Ricore: Nach diesem Film stehen Ihnen in Hollywood sämtliche Türen offen. Welchen Weg möchten Sie einschlagen?

Lee: Ich möchte jetzt erst einmal gar nichts tun. Früher hatte ich nach jedem Film schon mein nächstes Projekt im Auge, aber nun fühle ich mich zum ersten Mal erschöpft. Ich weiß noch nicht, was ich als Nächstes machen werde. Vielleicht ein kleineres Projekt, was ja ebenfalls eine große Herausforderung sein kann. Oder wieder ein chinesischer Film.

Ricore: Wie laden Sie Ihre Batterien wieder auf?

Lee: Mit Nichtstun. Meine Frau wird mich zuhause anbrüllen und mir vorwerfen, nutzlos zu sein. Und dann muss ich wieder Filme machen. (lacht)
Von  Rico Pfirstinger/Filmreporter.de,  27. Juni 2003

Zum Thema
Ang Lee auf der Weltpremiere von "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger 3D "
Nach seinem Studium an der New York University macht Ang Lee 1992 mit "Schiebende Hände" (Pushing Hands) erstmals von sich Reden. Ein Jahr später wird er für " weiter
Hulk
Hulk - Kinofilm
Wenn ausgerechnet ein aus China stammender Filmemacher die Essenz des uramerikanischen Marvel-Comics "Hulk" begreift und stilsicher ins Kino überträgt, entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Doch Regisseur mehr


Weitere Interviews
Stellan Skarsgård in "Pferde stehlen" ("Ut og stjæle hester", 2019)
Stellan Skarsgård zu "Pferde stehlen"
Stellan John Skarsgård, geboren 1951 in Göteborg, beginnt seine schauspielerische Laufbahn am... weiter
Daniel Brühl auf der Deutschlandpremiere von "My Zoe" (2018)
Daniel Brühl zu "My Zoe"
Mit "Das weiße Rauschen" und "Good Bye, Lenin!" spielt sich Daniel Brühl Anfang des 2. Jahrtausends über... weiter
Tom Schilling ("Lara", 2018)
Tom Schilling "Lara"
Tom Schilling wird als 12-jähriger für das Fernsehen der DDR entdeckt, Thomas Heise holt ihn 1988 zum... weiter
© 2020 Filmreporter.de