Dr. Jane Goodall
André Zacher
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Wissenschaft mit Verantwortung
Interview: Forscherin mit Herz: Dr. Jane Goodall
Die britische Verhaltensforscherin Dr. Jane Goodall hat sich in ihren Forschungen den Affen, insbesondere den Schimpansen, gewidmet. In ihren Studien wies sie nach, dass diese Persönlichkeit besitzen. Über ihre wissenschaftliche Laufbahn hinaus, engagiert sich die Forscherin unermüdlich für einen humanen und respektvollen Umgang mit Tieren. Die Dokumentation "Jane's Journey - Die Lebensreise der Jane Goodall" nimmt sich diesem mutigen Kampf an. Auch in unserem Gespräch sprach Goodall über die Würde der Tiere und drückte ihre Sorge über den unverantwortlichen Umgang der Menschheit mit der Natur aus.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  1. September 2010
Jane's Journey - Die Lebensreise der Jane Goodall
Universum Film
Jane's Journey - Die Lebensreise der Jane Goodall
Ricore: Frau Goodall, Sie leben und arbeiten in Gombe, Tansania. Wünschen Sie sich manchmal, wieder in England zu wohnen und von der restlichen Welt in Frieden gelassen zu werden?

Jane Goodall: Manchmal bin ich glücklich, wenn ich für eine Woche oder maximal drei Wochen im Jahr in meiner englischen Heimat verbringen kann. Meine Sachen lasse ich während dieser Reisen im Nationalpark in Gombe zurück, weil sie sonst zerstört würden. Aber meine Heimat ist England. Wenn ich dort bin, ist der Gedanke daran, wieder zu packen und abzureisen, schrecklich.

Ricore: Wie sähe Ihr Leben aus, wenn Sie nicht nach Afrika gereist wären?

Goodall: Das kann ich nicht sagen, keine Ahnung. Es war immer mein Traum, irgendwo an einem abgeschiedenen Ort mit Tieren zusammenzuleben. Wenn es nicht Afrika wäre, dann wäre es ein anderer Ort auf der Welt.

Ricore: Sie haben in Ihren Leben viel erlebt. Auch in "Jane's Journey" gibt es viele traurige Momente, die die Zerstörung der Umwelt zum Thema haben. Woher nehmen Sie Ihre Kraft und Ihren Optimismus?

Goodall: Wie kann ich darauf antworten? Es ist die Energie, das Engagement und die Hingabe, die mich antreiben. Unser Roots & Shoots-Programm gibt es in 120 Ländern und es gibt etwa 60.000 aktive Gruppen, die sich daran beteiligen. Wenn man sich ansieht, was sie tun und mit welchem Enthusiasmus sie ihre Arbeit verrichten, dann schöpft man Hoffnung.

Ricore: Glauben Sie, die Ölkatastrophe am Golf von Mexiko kann dazu beitragen, dass Menschen sich auf ihre Verantwortung gegenüber der Natur neu besinnen?

Goodall: Es wäre schön, wenn das die Menschen aufrütteln würde. Als sich die Wirtschaftskrise ereignete, hoffte ich, dass der Mensch zu alten Wegen zurückkehren und alte Strukturen wiederaufleben lassen würde. Dass er nicht mehr so verantwortungslos mit dem Geld um sich werfen und nicht mehr die Umwelt zerstören würde. Und dass er endlich aufhören würde, an eine unbegrenzte ökonomische Entwicklung zu glauben. Das alles ist sinnlos angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerung ständig wächst. Tragischerweise hat es schon viele Ölkatastrophen gegeben. Sie waren vielleicht nicht so groß wie die am Golf von Mexiko, aber sie ereigneten sich fast immer in den Entwicklungsländern. Meistens war die Konsequenz die, dass die Verantwortlichen mit hohen Entschädigungssummen kamen und so die Katastrophen aus den Köpfen der Menschen tilgten. Der Unfall am Golf von Mexiko hat wenigsten zum Stillstand von Tiefsee-Ölbohrungen geführt. Wenn diese Praxis wieder erlaubt wird, was sehr wahrscheinlich ist, dann muss sie im Hinblick auf den Umweltschutz sorgfältiger und gewissenhafter durchgeführt werden. In jedem Fall sollte die Katastrophe den Ölpreis in die Höhe schnellen lassen, damit der Mensch sich nachhaltiger über eine zukunftsfähigere Art des Lebens Gedanken macht.
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Richard Koburg
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Ricore: Aber ein höherer Ölpreis hat die Menschen noch nie zum Umdenken angeregt, wie wir vor zwei Jahren gesehen haben.

Goodall: Nein, aber er führte zu einer nachhaltigeren Entwicklung einer umweltfreundlicheren Technologie.

Ricore: Ist die Umweltzerstörung also ein Problem des Kapitalismus?

Goodall: Nein, das ist eine Kombination von vielen Problemen. Es gibt zwei wesentliche Momente der Umweltzerstörung. Das eine ist der umweltschädliche Lebensstil der Industriegesellschaften. Am anderen Spektrum der Skala gibt es die Armut in den Entwicklungsländern, deren Lebensraum wir zerstören und den Menschen dadurch die Möglichkeit nehmen, ihre Familien zu ernähren.

Ricore: Was kann man dagegen unternehmen?

Goodall: Eine Möglichkeit ist unser Take Care-Programm im Rahmen von Roots & Shoots. Das hat funktioniert. Das hat die Menschen für die Armut in der Welt sensibilisiert. Es hat sie zu unseren Partnern gemacht. Als eine wissenschaftliche Studie vor zwei Jahren untersuchte, wie vielen Menschen der Klimawandel bewusst ist, kam sie zu dem Ergebnis, das das Problem durchaus in den Köpfen präsent ist. Doch dieses Wissen führte nicht zu Veränderungen ihres Verhaltens. Die Frage ist: warum? Ich glaube, die Antwort ist, dass die Menschen einfach nicht wissen, was sie tun sollen. Aus diesem Grund verfallen sie in Apathie. Wenn wir sie überzeugen könnten, dann hätten wir eine Chance. Diese Aufgabe können Kinder übernehmen. Sie können ihre Eltern zu kleinen Veränderungen überreden. Wenn 20 Millionen Menschen zu kleinen Veränderungen bereit wären, wäre das ein großer Gewinn für die Umwelt.
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Lorenz Knauer
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Ricore: Können Sie Beispiele anführen, was jeder Mensch im Alltag anders machen könnte.

Goodall: Es gibt viele kleine Dinge, die man machen kann. Zum Beispiel den Wasserhahn zudrehen, das Licht ausschalten, Energie sparen. Anstatt Auto Fahrrad fahren oder auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. Die Menschen sollten sich auch einige Minuten Zeit nehmen und über die Konsequenzen nachdenken, die ihre Entscheidungen zur Folge haben. Könnten sie zum Beispiel auch Produkte essen, die nicht so weit weg von ihrem Wohnort hergestellt wurden. Gingen damit massive Umweltschäden einher, indem etwa Pestiziden zu seiner Herstellung benutzt wurden? Oder wurden sie ökologisch angebaut? Wurden Tiere für ihre Herstellung gequält. War Sklaverei in bestimmten Teilen der Welt damit verbunden? Außerdem sollten die Menschen anders miteinander umgehen. Jeder könnte dazu beitragen, die Denkweise eines anderen zu ändern. Damit kann man vieles erreichen. Ich habe mich einmal mit einem Taxifahrer unterhalten. Er hatte eine Schwester, die in einer Tierschutz-Organisation tätig war. Sein Kommentar dazu war, dass so viele Menschen auf der Welt hungern, doch die Menschen denken über nichts anderes nach, als über Tiere. Ich ließ ihn reden. Dann erzählte ich ihm meinerseits Geschichten. Ich sagte ihm, wie ähnlich Schimpansen dem Menschen sind, wie Hunde dem Menschen helfen können, usw. Als wir am Flughafen ankamen, hatte er kein Wechselgeld. Also gab ich ihm das Geld und sagte ihm, er könne es seiner Schwester geben. Ich dachte nicht, dass er das machen würde. Aber er tat es. Vier Wochen später kam ich von der Reise zurück und fand Zuhause einen Brief von der Schwester des Taxifahrers. Sie bedankte sich darin für die Spende. Und dann fragte sie mich, wie ich auf ihren Bruder so einwirken konnte. Er hat ihr plötzlich zugehört und war ihr behilflich. Ich war glücklich darüber. Ich fand heraus, dass die Wirkung auf Menschen sehr groß sein. Solche kleinen Dinge sagen uns, dass es sich lohnt zu kämpfen.

Ricore: Afrika wird immer als die Dritte-Welt wahrgenommen. Entgeht den Menschen nicht viel, wenn sie Afrika nur als armen Kontinent betrachten?

Goodall: Ja, wir verstehen nicht, dass Afrika Dinge zu bieten hat, von denen wir profitieren können. Wir versuchen immer wieder, Afrika unsere Kultur und Wertevorstellung aufzuzwingen. Das ist schlimm. Wenn wir uns bestimmte ursprüngliche Regionen in Afrika ansehen, dann assoziieren wir ihre Lebenskultur als Armut. Wenn sich diese Menschen dem Einfluss der westlichen Kultur aussetzen würden, würden sie wahrscheinlich auch glauben, dass ihnen etwas fehlt. Aber sehen sie sich die afrikanischen Kinder an. Sie spielen und sie sind glücklich. Sehen Sie sich die erwachsenen Menschen an. Sie sitzen abends zusammen und unterhalten sich. Es ist so viel Liebe vorhanden Sie hungern nicht, sie pflanzen ihr eigenes Essen an. Aber wir haben entschieden, dass das keine gute Art zu leben ist. Ich bin davon überzeugt, dass diese Wahrnehmung aus dem Wunsch resultiert, diesen Kulturkreis zu verändern. Wir wollen ihn ändern, damit wir ihnen unsere Produkte verkaufen können. Afrika ist aber lebendig und aufregend. Afrika ist mehr als nur Armut. Afrika ist Musik und Tanz, es hat Kultur und eine besondere Einstellung zum Leben. Es ist fantastisch.
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André Zacher
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Ricore: Nach allem, was sie bis jetzt erreicht haben, was ist ihre wichtigste Errungenschaft?

Goodall: Vielleicht dass wir dazu beigetragen haben, den Menschen die wahre Natur der Tiere näher zu bringen. Tiere sind nicht leblose Dinge und Objekte. Es sind Wesen mit Persönlichkeit und Gefühlen und sie verdienen es, entsprechend behandelt und respektiert zu werden. Sie verdienen es, an der Welt teilzuhaben wie die Menschen. Die andere Sache ist, dass wir der Jugend Hoffnung gegeben haben. Wenn die Jugend die Hoffnung verliert, dann können wir gleich aufgeben. Ich weiß, dass der Erfolg vom Roots & Shoots-Programm immens ist. Es funktioniert überall, sowohl in den ländlichen als auch in den städtischen Gegenden.

Ricore: Wie wird die Welt in hundert Jahren aussehen?

Goodall: Entweder wird es fundamentale Änderungen geben, oder die Welt wird einen ökologischen Kollaps erleben. So kann es nicht weiter gehen. Wir befinden uns näher an einem ökologischen Zusammenbruch, als ich darüber nachdenken will. Die Natur ist sehr belastbar, doch es gibt eine Grenze. Wenn diese Grenze erreicht ist, dann kollabiert die Natur. Bis jetzt haben wir es geschafft, die Wunden der Erde mehr oder weniger zu heilen. Aber so können wir nicht mehr weitermachen.

Ricore: Glauben Sie, wir werden uns ändern?

Goodall: Das ist die Aufgabe meines Lebens: sicherzustellen, dass wir uns ändern. Es sind die Kinder, auf denen unsere ganze Hoffnung liegt. Man kann nicht alles retten. Aber wenn ich es schaffe, die Kinder zu inspirieren und sie etwa für Tiere aller Art zu sensibilisieren, dann kann ich mich entspannen. Denn sie geben die Ideen weiter. Meine Aufgabe ist die Inspiration, sie müssen den Rest erledigen. Und Sie müssen es unterstützen. Es gibt zu viele schlechte und nicht genug gute Nachrichten auf der Welt. Die schlechten und die guten Nachrichten müssen ausbalanciert werden.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  1. September 2010
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