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Mann an der Strippe: Joan Collins in "Wo alle Straßen enden"
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Menschenschicksale auf Reise

Endstation "Wo alle Straßen enden"
Regisseur Victor Vicas hat aus John Steinbecks Roman "Autobus auf Seitenwegen" ein Roadmovie mit dem Titel "Wo alle Straßen enden" inszeniert. Ein Bus voller Menschenschicksale wird darin durch Kalifornien chauffiert. Entstanden ist ein Drama, das vor allem aufgrund des Vehikels nicht filmischer hätte ausfallen können, berichtet die Zeitschrift Film und Frau in ihrem dritten Quartalheft 1957. Dadurch bleibe das Geschehen immer in Bewegung und außerdem offenbare sich der Mensch auf Reisen so unmittelbar und ungehemmt, wie der Film in "seiner bildhaften Deutlichkeit und knappen zeitlichen Zusammenraffung des Geschehens erfordert".
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  17. Januar 2014
Dan Dailey und Jayne Mansfield in "Wo alle Straßen enden"
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Dan Dailey und Jayne Mansfield in "Wo alle Straßen enden"

Leinwandadaption als Roadmovie

Leider hat Drehbuchautor Ivan Moffat die Adaption mit allzu vielen Zwischenfällen und Ereignissen angereichert. Im Buch bleibt der Wagen im Schlamm stecken, wodurch der Rahmen für die seelische Entblößung der Charaktere gebildet wird. In der Verfilmung entgeht er außerdem um ein Haar einer niederdonnernden Steinlawine, überquert eine labile Brücke, die hinterher zusammenkracht und rast schließlich mit versagenden Bremsen endlose Serpentinen herab. Trotzdem bleibt vieles vom Zynismus Steinbecks im Film erhalten. In der feuchtheißen Luft des subtropischen Sommers werden Körper und Seelen erhitzt, Hemmungen und Scham schmelzen dahin, bis der Mensch in seiner nackten Kreatur dasteht.

Die dramatische Zuspitzung der Handlung hat auch ihr Gutes, da sie die Wende zum Guten motiviert. Bei John Steinbeck müssen die Reisenden nur die Unannehmlichkeiten einer Panne überstehen und zwei Nächte auf die Gemütlichkeit von Bett und Schlaf verzichten. In der Adaption werden sie mehrmals von einer Todesangst erschüttert. Eine Angst, die kathartische Wirkung hat und die gequälten Seelen einer Reinigung unterzieht. Die Menschen erkennen in diesen Augenblicken, was wertvoll und wertlos im Leben ist und gelangen durch diesen Erkenntnisprozess zur Reife.


Betty Lou Keim und Joan Collins in "Wo alle Straßen enden"
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Betty Lou Keim und Joan Collins in "Wo alle Straßen enden"

Kosmopolitischer Regisseur Victor Vicas

Victor Vicas gelingt es, die Balance zwischen spannungsreicher äußerer Handlung und innerem Drama der Protagonisten zu halten. Für das Lexikon des Internationalen Films ist "Wo alle Straßen enden" eine 'formal ansehnliche, mit handfester Spannung inszenierte Literaturverfilmung.'

Der in Moskau geborene, in Berlin und Paris aufgewachsene Regisseur Vicas beginnt seine Kinokarriere als Kameraassistent unter anderem bei Abel Gance. Später wird er Regisseur von Dokumentar- und Kurzfilmen. Er ist ein regelrechter Kino-Kosmopolit. Sein Arbeitsweg führt ihn anfangs nach Israel, wo er unter anderem "48 Hours a Day" und "Jerusalem My City" dreht. Später zieht es ihn über die USA nach Europa.

Seinen ersten abendfüllenden Spielfilm inszeniert Vicas 1953 mit "Weg ohne Umkehr". Zu seinen erfolgreichen Arbeiten gehört auch "Herr über Leben und Tod", eine Verfilmung von Carl Zuckmayers gleichnamiger Novelle mit Maria Schell und Ivan Desny in den Hauptrollen. Ab 1957 arbeitet Vicas in Hollywood ("Wo alle Straßen enden"). Noch im selben Jahr dreht er in Großbritannien "Ring der Gejagten". 1961 machte er das geteilte Berlin zum Thema in "Zwei unter Millionen".
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  17. Januar 2014

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