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Interview

Moritz Bleibtreu in "Die schwarzen Brüder"

StudioCanal Germany

"Gute Antagonisten sind dramatische Figuren"
Moritz Bleibtreu: Filme nicht aus moralischen Gründen
In "Die schwarzen Brüder" spielt Moritz Bleibtreu einen fiesen Kinderschlepper, der im 19. Jahrhundert armen Eltern aus dem Tessin ihre Kinder abkauft, um sie in Mailand an Schornsteinfeger zu verkaufen. Im Interview mit Filmreporter.de diskutiert Bleibtreu, was es so reizvoll macht, den Antagonisten zu spielen. Zudem spricht er über seine nicht vorhandene Bandenvergangenheit und erklärt, warum Kinderfilme früher besser waren.
Die schwarzen Brüder

StudioCanal Germany

Nicht nur pink und hellblau

Ricore Ricore: Wieso haben Sie sich für die Rolle des Kinderhändlers Luini entschieden?

Moritz Bleibtreu: Ich finde, er ist eine gute Figur, schön gebrochen. Er ist kein narzisstischer, aalglatter Antagonist, sondern eine Figur, die selbst viele schlimme Dinge erlebt hat. Außerdem ist "Die schwarzen Brüder" ein Film, der sich traut Kindern eine Geschichte über Dinge zu erzählen, die nicht nur pink und hellblau sind. Ich finde es schade, dass sich die meisten Filme heute nicht mehr trauen, Kinder in ihrem Verständnis ernst zu nehmen.

Ricore: Inwiefern ist die Geschichte der schwarzen Brüder noch aktuell?

Bleibtreu: Kinderarbeit ist heute ein aktuelleres Thema, als im 19. Jahrhundert. Früher gab es für die Menschen kaum eine andere Möglichkeit, aber heute fallen viele einer profitgierigen Industriewelt zum Opfer, obwohl Kinderarbeit gar nicht nötig wäre. Allerdings bin ich nie ein Mensch gewesen, der Filme aus moralischen Gründen macht. Ich mache Filme, um die Herzen der Menschen zu erreichen und nicht, um soziale Missstände aufzudecken. Wenn ich das wollte, hätte ich Politiker oder Journalist werden müssen.

Ricore: Für den Film haben Sie eine aufwendige Maske. Wie lange dauerte es, bis die fertig war und wie war es, sich damit im Spiegel zu sehen?

Bleibtreu: Das hat eineinhalb Stunden gedauert, mit der Narbe und den fusseligen Haaren. Aber es hat Spaß gemacht, ein bisschen wie verkleiden. Die Hälfte einer solchen Figur besteht ja aus ihrem Aussehen. Wenn man so aussieht, strahlt das auch was aus. In der Schauspielerei machen Kleider Leute, gerade bei so einer Figur.

Ricore: Luini ist zwar böse, aber dennoch eine Figur in einem Kinderfilm. Wie halten Sie da die Balance, dass er nicht zu unheimlich wird?

Bleibtreu: Ich muss als Schauspieler wissen, wo etwas herkommt. Ich muss mir die Charakterzüge einer Figur erklären können. Luini wurde als Kind selbst an die Schornsteinfeger verkauft und ist durch die Kaminschlote gekrochen. Es ist leicht, über Dinge und Menschen zu urteilen, wenn man einen Hintergrund nicht kennt. Aber wenn man so groß geworden ist, ist es einfach schwer, sich für den richtigen Weg zu entscheiden, so wie es die Figur des Paters geschafft hat. Und ich glaube, dass Luini nicht ganz verloren ist, vielleicht findet er irgendwann wieder zurück.


Moritz Bleibtreu verkauft Fynn Henkel in "Die schwarzen Brüder"

StudioCanal Germany

Moritz Bleibtreu

Ricore: Spielen Sie lieber Bösewichte?

Bleibtreu: Gute Antagonisten sind dramatische Figuren, das macht sie für einen Schauspieler so interessant. Das sind Figuren, die ihre Abgründe vor sich hertragen und damit kämpfen. Ein gut geschriebener Antagonist ist für mich immer eine bessere Identifikationsfläche gewesen als der Held. Der klassische Hollywoodheld sieht gut aus, ist stark und intelligent und hat auch noch Glück. Das ist etwas, was die meisten Menschen aus ihrem eigenen Leben doch weniger nachvollziehen können. Wir sind doch alle keine James Bonds oder Gustav Gans, sondern wir haben unsere Probleme und Abgründe, machen Fehler, die wir versuchen, wieder gut zu machen.

Ricore: Im Film dürfen die Guten böse Dinge tun, ohne dass ihnen das vorgeworfen wird. Da herrscht doch eine grundsätzliche Ungerechtigkeit, wie man mit dem Bösen umgeht.

Bleibtreu: Das ist wie bei der Todesstrafe. Eine ultimative Doppelmoral. 'Der Zweck heiligt die Mittel' ist einer der schlimmsten Sätze, die es auf der Welt gibt. Man kann Gleiches nicht mit Gleichem vergelten, egal aus welchem Grund. Das ist vor jeder Logik und vor Gott vollkommen falsch.

Ricore: Die Jungs im Film organisieren sich in einer Bande. Waren Sie als Kind in einer Bande?

Bleibtreu: Nein, ich war immer eher der Außenseiter, der gerne in einer Bande gewesen wäre. Aber ich durfte nicht rein, weil ich zu klein und schmächtig war (lacht). Aber ich kann das total verstehen, dass sich Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen, denen die Bezugspersonen aus welchen Gründen auch immer fehlen, zu einer Bande zusammenschließen. Die suchen sich ihre Bezugspersonen und Vorbilder auf der Straße. Und die ersetzen dann die Familie. So ist das auch bei den schwarzen Brüdern, die sind eine Familie.


Moritz Bleibtreu auf dem "55th BFI London Film Festival"

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Dschungelbuch ist um Längen anspruchsvoller...

Ricore: Welche Gutenachtgeschichten lesen Sie Ihrem Sohn vor?

Bleibtreu: Er liebt "Wo die wilden Kerle wohnen", frühe Kindergeschichten von Papan, dem früheren Zeichner des Stern, er liebt natürlich den "Maulwurf Grabowski". Ich lese ihm jeden Abend eine Geschichte vor. Aber er ist noch in dem Alter, wo es mit Bildern sein muss. Nur Text findet er noch langweilig, da braucht er noch ein bisschen.

Ricore: Gehen Sie auch schon in Kino?

Bleibtreu: Na klar. Zuletzt haben wir "Tarzan" gesehen. Technisch sind diese Animationsfilme schon faszinierend. Aber emotional betrachtet, wenn man das zum Beispiel mit dem "Dschungelbuch" vergleicht, ist letzteres um Längen anspruchsvoller. Man hat sich damals mehr getraut, die Abgründe des Lebens in die Geschichte einfließen zu lassen. Ich glaube, seit "König der Löwen" ist in einem Disney-Film keine Figur mehr gestorben. Ich finde es sehr schade, dass solche ernsteren Themen in Kinderfilmen kaum noch vorkommen. Das, was Kino ausmacht, ist doch, dass man mit einer emotionalen Frage aus einem Film geht. Das finde ich auch bei Kindern überhaupt nicht schlimm. Natürlich muss es kindgerecht sein.

Ricore: Was glauben Sie, woran das liegt?

Bleibtreu: Kinder wissen ja gar nicht, was Tod bedeutet. Das wirft allenfalls eine Frage auf, was mit dem Löwen passiert ist. Und ich glaube, dass viele Eltern einfach Angst haben, solche Dinge mit ihren Kindern zu diskutieren. Wenn das Kind fragt, wo ist der Löwe denn jetzt und man antwortet, der ist im Himmel, dann fragt das Kind, wieso im Himmel. So was erklärt doch keiner gerne. Aber trotzdem ist da was schief gelaufen, dass visuelle Reize wie dreiköpfige Monster in Kinderfilmen in Ordnung sind und emotional ist alles verboten. Ich sehe das genau andersrum. Es ist doch viel intensiver für ein Kind, ein Monster zu sehen als den sterbenden König der Löwen. Vor dem Monster haben Kinder doch Angst.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.

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