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Interview

Alexandra Maria Lara in "Und der Zukunft zugewandt" (2018)

Neue Visionen Filmverleih

Wichtigster Film zum Scheitern der DDR

Bernd Böhlich zu "Und der Zukunft zugewandt"

Bernd Böhlich inszenierte etliche "Polizeiruf"-Episoden zu DDR-Zeiten und später für die ARD. Zweimal wurde er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Seinen ersten Kinofilm drehte er 2007, "Du bist nicht allein" thematisierte die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die Seele des Menschen. "Und der Zukunft zugewandt" ist der bislang wichtigste Film zum Scheitern der DDR, er findet eine der Ursachen in der mangelnden Bereitschaft, sich dem Erbe von Faschismus und Stalinismus zu stellen. Im Zentrum steht Antonia Berger, eine deutsche Kommunistin, die vom sowjetischen Diktator in den 30er Jahren unschuldig in einen GULAG in Sibirien verbannt wurde. Nach ihrer Rückkehr in die DDR im Jahre 1952 fordert die SED, über das Erlebte zu schweigen.

Alexandra Maria Lara in "Und der Zukunft zugewandt" (2018)

Neue Visionen Filmverleih

Spätentwickler im Kino

Ricore Text: Was sprach dafür, mit diesem Film die große Leinwand zu suchen?

Bernd Böhlich: Das Fernsehen fesselte mich jahrelang mit interessanten Stoffen, daher wurde ich zum Spätentwickler im Kino. Dieser Film war mir jedoch so wichtig, dass ich ihn mit den großen Bildern von Kameramann Thomas Plenert und so machen wollte, wie ich ihn für richtig halte. Mein Gefühl sagte mir, nur so werde ich dem Schicksal der Frauen gerecht, die 20 Jahre ihres Lebens und mehr unschuldig im Gulag schuften mussten und dann an dem ihnen von der DDR auferlegten Schweigegelübde zerbrochen sind. Und die mir dann ihre Geschichten anvertrauen.

Ricore Text: Wie sind Sie auf ihre Schicksale gestoßen?


Bernd Böhlich: Ich sah zufällig 1988 im Ausweis von Swetlana Schönfeld, dass sie in Kolymna geboren wurde und sprach sie darauf an. Ihre Mutter, die damals in einer kleinen Wohnung in Berlin-Adlershof wohnte, gehörte zu den Betroffenen. Am Samstagabend traf sie sich in ihrer Küche mit den Freundinnen aus dem Lager. Bevor sie anfingen zu erzählen und zu singen, machen sie das Radio an. In diesem Moment wurde mir wirklich bewusst, wie tief die Angst noch saß und dass das Leben dieser Frauen noch mehr als 30 Jahren nach ihrer Freilassung von Verfolgung und Misstrauen geprägt war. Das Trauma saß tief.

Ricore Text: Wurde Ihre Neugier auch durch den Artikel im "Sputnik" ausgelöst, der 1988 erstmals über das Schicksal der unschuldig unter Stalin verurteilten deutschen Kommunisten berichtete und in der DDR verboten wurde?


Bernd Böhlich: Die Zensur durch die DDR-Führung bewies, dass diese Verurteilungen durch Stalin weiter tabu waren. Die politische Elite fürchtete die Fragen, wo kommen wir her und welche Leichen habt ihr noch im Keller. Doch ohne es zu ahnen, hatten sie das Ende der DDR mit diesem Schweigegebot bereits vorweggenommen.

Ricore Text: Weil sie ein Zeichen dafür waren, Stalins Form der Machtausübung trotz Chruschtschows Abrechnung mit ihm und dem vermeintlichen Neuanfang überdauerte?


Bernd Böhlich: Das System veränderte seine Fassade, aber das Misstrauen gegenüber der eigenen Bevölkerung blieb. Der Staat wollte bestimmen, was in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Egal ob es um Versorgungsengpässe ging oder ein Manuskript, das nicht gedruckt wurde. Mit der Idee des Sozialismus hatte das nichts gemein.


Und der Zukunft zugewandt (2018)

Neue Visionen Filmverleih

Alexandra Maria Lara ist eine grandiose Schauspielerin

Ricore Text: Im Gegensatz zu Marx' Theorien war es ein Sozialismus ohne bürgerliche Freiheiten?

Bernd Böhlich: Die Gesellschaftsordnung brach 1989 nicht zusammen, weil die Bürger zwölf Jahre auf einen Trabant warteten oder irrwitzige wirtschaftliche Reformen umgesetzt wurden. Die Idee war in dieser Ausprägung am Ende.

Ricore Text: Erstaunlich ist aber auch, dass nicht nur die Betroffenen schwiegen. Meine Mutter, die 1933 geboren wurde, warf ein, das wusste jeder, als ich ihr von dem Film erzählte.


Bernd Böhlich: Aber wir, die erst später geboren wurden, wussten es nicht. Alle haben geschwiegen. Einzig Klaus Schlesinger schrieb eine in kleiner Auflage publizierte Geschichte über eine der Frauen, die in Dresdens Prager Straße wohnte und sich zu Tode trank. Sie hatte keine Familie mehr, ihren Arbeitskollegen bei der MITROPA durfte sie sich nicht anvertrauen. Aber diese Geschichte entdeckte auch ich erst nach der Wende.

Ricore Text: Swetlana Schönfelds Familie kehrte 1957 in die Heimat zurück. Warum verlegen Sie die Handlung in die Jahre 1952/53?


Bernd Böhlich: Ich habe die Fakten etliche Male geprüft. Die Lager wurden erst nach Stalins Tod langsam aufgelöst, 1955 war bekanntlich Adenauer in Moskau, um über die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen zu verhandeln. Seine sowjetischen Gesprächspartner sprachen ihn auf die Kommunisten an, die noch zu Tausenden im Gulag saßen. An deren Rückkehr hatte er kein Interesse. Swetlanas Familie konnte daher erst später in die DDR ausreisen. Ihre Mutter kaufte vom wenigen Geld, das sie im Lager verdient hatte, für jeden aus der Familie im Moskauer Vorzeigekaufhaus GUM einen Pelzmantel, mit denen sie im Mai 1957 in Schönefeld landeten.

Ricore Text: Aber sie zeigen Arthur Pieck, der sich schon früher für die Freilassung der Frauen eingesetzt hat?


Bernd Böhlich: In seinen Memoiren beschreibt er die inoffiziellen Freilassungen vor Stalins Tod, für die er sich persönlich einsetzte und die unter dem Siegel der Verschwiegenheit abliefen. Nach der Reise aus Sibirien nach Moskau kümmerte sich der DDR-Botschafter um die Freigelassenen, Pieck organisierte den Weiterflug nach Warschau. Dort machte ihnen der Botschafter klar, steigt sofort wieder ins Flugzeug, erst in Berlin seid ihr sicher.

Ricore Text: Der Film lebt und fällt mit Alexandra Maria Lara, die die beste Leistung ihrer bisherigen Karriere zeigt. Was sprach für sie?


Bernd Böhlich: Sie ist eine grandiose Schauspielerin, es gab nie eine andere Option oder Idee. Beim Schreiben muss ich den Schauspieler vor mir sehen. Daher habe ich sie früh kontaktiert und war froh, dass sie sofort begeistert zusagte und mir während der nicht einfachen Finanzierungsphase die Treue hielt.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.

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