Andrea Niederfriniger/Ricore Text
Nikolaus Geyrhalter
Menschliches Nahrungsverhalten
Interview: Pseudoreichtum?
Mit "Unser täglich Brot" erfüllte sich der Österreicher Nikolaus Geyrhalter einen langen Wunsch. Obwohl seine Dokumentation gänzlich ohne Worte auskommt, erzählt sie mehr, als manch wortreiches Plädoyer. Mit uns sprach der engagierte Filmemacher über seine Einstellung zu Nahrungsmitteln und seine Einschätzung unserer industrialisierten Gesellschaft. Das Reiten auf der Bio-Welle schützt nicht vor der Gewohnheit, jederzeit alles kaufen zu wollen.
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Unser Täglich Brot
Ricore: Was gab den Anstoß, einen Film über die Verarbeitung von Nahrungsmittel zu machen?

Nikolaus Geyrhalter: Zum einen wird alles teurer, zum anderen werden billige Produkte immer billiger. Da war für mich klar, dass irgendetwas nicht stimmt.

Ricore: Welches Ziel verfolgt der Film?

Geyrhalter: Vorsichtig formuliert würde ich sagen, er verfolgt das Ziel, die Augen zu öffnen. Der Film beginnt den Diskurs. Als Dokumentarist muss man sachlich und fair bleiben. Ich halte nichts davon, Missstände aufzuzählen, die man bereits kennt. Ich halte es wichtiger nachzufragen, zu schauen, was ist der Stand der Technik und was ist Allgegenwärtig in der Lebensmittelbranche. Dann erkennt man, was Wert ist, unversehrt wiederzugeben.

Ricore: Glauben Sie, dass sich die Einstellung der Menschen in den letzten 50 Jahren zu Lebensmitteln verändert hat?

Geyrhalter: Natürlich hat sich unsere Einstellung verändert. Man hat den Bezug verloren. Dies ist unter anderem ein Resultat der perfekten Werbung und Verpackung. Das, was im Supermarkt ankommt, ist so weit weg ist von dem, was eigentlich einmal ein Nahrungsmittel war, vor dem man Respekt und Ehrfurcht hatte. Heute sind Lebensmittel meist nur Konsumartikel, die billig sind und die man später wegwerfen kann.
Alive
Die tägliche Nahrungserzeugung.
Ricore: Ist ihr Film also ein Weckruf für die Menschen?

Geyrhalter: Ja, noch dazu, weil das auch die Basis unseres Pseudoreichtums ist. Wir können uns unser Leben nur leisten, weil wir kaum mehr Geld für Lebensmittel ausgeben.

Ricore: Glauben Sie, dass der Film etwas in der Einstellung der Menschen verändert?

Geyrhalter: Vielleicht im Kleinen. Ich weiß nicht, wie lange das anhalten wird, da der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Irgendwo sind dann die Grenzen des Films erreicht. Mehr als darauf hinweisen kann ich nicht.

Ricore: Der Film ist in mehrfacher Hinsicht extrem. Gibt es Parallelen zu ihren anderen Projekten?

Geyrhalter: Mich interessiert immer Wahrheit. Ich finde es schön, Wahrheit möglich unverändert festzuhalten, wenn auch nur im künstlerischen Rahmen. Meine Bilder sind seit jeher komponierte Bilder, die viel Raum lassen. In diesen gestalteten Bildern geschieht nichts anderes, als Wirklichkeit. Da wird nicht weiter eingegriffen.

Ricore: Können Sie sich vorstellen, dass durch die gezeigten Schlachtszenen Fleischesser zu Vegetariern werden?

Geyrhalter: Erstens glaube nicht, dass der Film die Fleischproduktion brutal darstellt. Es wirkt schlimm, weil man mit den Tieren Mitleid hat. In Wahrheit ist das, was auf dem Quantensektor passiert, mindestens genauso schlimm. Es ist eine einseitige Lebensart, wenn man durch den Film zum Vegetarier wird, aber es passiert. In meinen Augen ist das ein ziemlich billiger Ausweg aus der Misere. Ich glaube eher, dass man darauf achten muss, hochwertige Lebensmittel zu kaufen, die verträglich hergestellt werden. Das rechtfertigt auch den Fleischkauf, nur muss man es nicht jeden Tag machen. Ich glaube tatsächlich, dass die Menschen in unserer Gesellschaft viel zu oft Fleisch essen, ohne darüber nachzudenken. Und das ist nicht mehr gesund.
Andrea Niederfriniger/Ricore Text
Nikolaus Geyrhalter im Gespräch.
Ricore: Hat sich Ihre persönliche Einstellung durch die Arbeit an diesem Film verändert?

Geyrhalter: Eigentlich nicht sehr. Meine Frau und ich haben schon immer darauf geachtet, überwiegend biologische Sachen zu kaufen und einigermaßen respektvoll mit Nahrungsmitteln umzugehen. Das war eine Grundvoraussetzung, um diesen Film zu machen. Was sich allerdings verändert hat, ist meine persönliche Einschätzung der Gesellschaft.

Ricore: Inwiefern?

Geyrhalter: Der Film hat mich sehr ernüchtert. Ich sehe den Film als Spiegel der Gesellschaft. Ich sehe wie eine komplette Parallelwelt entsteht, in der sich nur jene Menschen auskennen, die in dieser Branche arbeiten. Ganz langsam gerät sie aus dem Ruder. Fast alle, mit denen ich gesprochen habe, beklagen die Umstände, unter denen Lebensmittel hergestellt werden, aber niemand greift ein. Die Betriebe sind zum großen Teil Mitläufer eines Systems. Das war auch vor 50 Jahren so, und das erschreckt mich. Redet man darüber, gewöhnt man sich daran. Man gewöhnt sich überhaupt sehr schnell an vieles.

Ricore: Wie beurteilen Sie die neue Bio-Welle?

Geyrhalter: Ich glaube, dass das ein wichtiger Schritt in eine neue Richtung ist. Wobei man auch bei industriellen Bioprodukten vorsichtig sein muss. Sie sind zwar noch ein großes Stück besser als die konventionellen Sachen. In solchen Anlagen sind bestimmte Dinge verboten und manche sind besser als anderswo. Aber es findet nicht unbedingt ein liebevoller Umgang mit den Produkten statt. In ihrer Grundvoraussetzung sind sie sicher gesünder und ökoverträglicher. Was mich eher dabei stört ist, dass bei großen Bio-Eigenmarken von Supermärkten die Produkte genauso Tausende von Kilometern durch Europa geschleppt werden. Ich finde gerade bei Bio-Produkten müsste man dies noch mehr präzisieren und auf die Transportkilometer achten, um diese beim Produkt besser kennzeichnen zu können.

Ricore: Glauben Sie, dass durch diese Biowelle sich die Einstellung der Menschen ändern wird?

Geyrhalter: Das weiß ich nicht. Im Moment gibt es noch eine große Ignoranz. Die meisten Leute machen sich wenig Gedanken bezüglich ihrer Nahrung. Hauptsache es ist billig, man spart Geld und kann sich darauf verlassen, dass alles gesund ist. Was man einkaufen kann, ist wahrscheinlich alles hygienisch hergestellt und an sich nicht total ungesund. Trotzdem muss der Konsument für sich überlegen, wie er sich ernährt. Dadurch entstehen neue Begehrlichkeiten, die es eigentlich gar nicht gibt. Der Markt schafft Produkte mit der Ausrede, dass der Konsument sie fordert und umgekehrt. Wenn wir Menschen daran gewöhnt sind, dann wollen wir auch Erdbeeren im Winter haben.
Alive
Die Sterilität im Gewächshaus.
Ricore: Wo stehen wir Menschen und unsere Lebensmittel in 50 Jahren?

Geyrhalter: Ich glaube es wird eine Zwei-Klassen-Gesellschaft geben. Es wird einen größeren und besseren Bioprodukt-Markt geben, der sehr wahrscheinlich teurer wird, für jene Menschen, die sich das leisten können. Daneben wird es konventionelle Produkte geben. Diese werden aus jenen Fabriken kommen, wo noch ein bisschen effizienter und schneller gearbeitet wird.

Ricore: Was wollen Sie mit ihren Filmen konkret bewirken?

Geyrhalter: Ich möchte das Publikum auf keinem Fall von der Verantwortung ausnehmen. Alles was irgendwie ablenken könnte, muss weggelassen werden. Ich will damit aber nicht sagen, dass ich alles besser wüsste. Das wäre unglaubhaft. Experten zerbrechen sich den Kopf und wissen auch nicht weiter, warum also sollte ich mit guten Tipps daherkommen?

Ricore: Wie sind Sie auf den Titel des Films gekommen?

Geyrhalter: Der Titel ist am Anfang entstanden. Es ist mir nichts Besseres eingefallen. Lange Zeit war ich sehr unglücklich damit. Ich wollte ihn ändern, es hat sich aber nichts ergeben. Wie sich der Film aber in die Richtung verändert hat, wie er jetzt ist, habe ich den Titel passend gefunden. Inzwischen bin ich froh, dass wir nichts verändert haben. Er gibt ein gutes Motto vor. Jeder kennt das "Vater Unser", das geht weiter mit Zitaten wie "Vergib uns unsere Schuld". Das spielt alles mit. Es ist ein sehr schwerer Titel, der mit der Unromantik des Films im krassen Gegensatz steht.

Ricore: Steht eine religiöse Absicht dahinter?

Geyrhalter: Nein, jedenfalls nicht direkt. Das "Vater Unser" ist an und für sich ein sehr devoter Text, in dem man dankbar für die Lebensmittel ist. Und das fand ich gut daran. Daran habe ich zwar anfangs nicht gedacht, aber es geht genau darum: Man hält die Nahrung für selbstverständlich, respektiert sie aber nicht.

Ricore: Herr Geyrhalter, vielen Dank für das Gespräch.
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2021