Interview
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Marianne Faithfull in "Irina Palm"
Keine schmutzigen Filme
Liebe zum Leben
"Das aufregende Leben der Marianne Faithfull", so könnte eine mögliche Filmbiografie über die Ikone der 1960er und 1970er Jahre lauten. Ihr Bekanntheitsgrad wuchs im Laufe der Zeit weit über ihren Ruf als Muse der Rolling Stones hinaus. Auch ihre Heroinsucht war immer ein Thema der Medien. Heute steht die lebenslustige Faithfull mit beiden Beinen auf dem Boden. Ihre dunkle, rauchige Stimme beeindruckt nach wie vor. Wir sprachen mit ihr nicht über ihre Vergangenheit, sondern über die Zukunft. Auch "Irina Palm" erzählt von einer starken Frau, die im Rotlichtmilieu ihr Geld verdient - aus Liebe zur Familie.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  16. Juni 2007
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Marianne Faithfull nur auf der Leinwand im Rotlichtmilieu
Ricore: Gefällt Ihnen Berlin?

Marianne Faithfull: Es ist wunderbar, ich liebe Berlin. Ich kenne Berlin eigentlich sehr gut. Meine Mutter arbeitete hier als junge Tänzerin. Ich bin mit Geschichten über die Stadt aufgewachsen. Jetzt habe ich Berlin auf eigene Faust erkundet. Ich war Unter den Linden, bin über den Kurfürstendamm geschlendert, und war im ehemaligen Osten. Ich kann mich auch an wunderbare Auftritte hier erinnern. Zum Beispiel war ich hier mit "Intimacy" von Patrice Chéreau.

Ricore: Können Sie die Stadt neben der Arbeit genießen?

Faithfull: Glauben Sie mir, Ferien sind es keine, aber doch eine Art psychologische Pause von meiner Arbeit. Ich bin nun schon seit 42 Jahren Marianne Faithfull. Ich denke, dass ich eine gute Schauspielerin bin. Ich wusste das schon immer. Ich habe schon mit 19 Jahren in Filmen mitgewirkt, habe beispielsweise an der Seite von Glenda Jackson gespielt. 1969 war ich Ophelia in Tony Richardsons "Hamlet". Ich kann schauspielern. Aber die Figur "Irina Palm" ist meine erste ernste Hauptrolle.

Ricore: Kommt es daher, dass sie ihre Schauspielerei oder ihr Leben auf die leichte Schulter genommen haben?

Faithfull: Nein, ich habe mein Leben nicht auf die leichte Schulter genommen. Ich habe versucht, auf mich aufzupassen, mich gesund zu halten. Ich habe immer so gelebt, als gäbe es kein Morgen. Ich hatte Angst, etwas zu verpassen. Als ich an Brustkrebs erkrankte, habe ich erst gemerkt, wie kostbar das Leben ist. Das Leben lehrt seine Lektionen - nicht immer - aber oft. Hätten Sie mir letzten Oktober gesagt, das ich hier mit Ihnen sitzen würde und dass mein Film dem Publikum so gut gefällt, hätten sie mir von diesem wunderbaren Moment erzählt, ich hätte es Ihnen nicht geglaubt. So etwas ist mir noch nie passiert und wird vielleicht auch nie wieder geschehen. Ich habe sehr lange dafür gearbeitet. Die Arbeit ist der eigentliche Lohn. Das Gefühl zu wissen, dass man eine gute Show gemacht hat, eine gute Aufnahme oder einen guten Film. Meine Erwartungen bezüglich dem Film waren jedoch niemals so groß.

Ricore: Was hat Ihnen geholfen, den Krebs zu besiegen?

Faithfull: Ich habe Erfahrungen aus den letzten 20 Jahre verwendet. Jetzt geht es mir gut, ich bin glücklich, denn der Krebs wurde früh entdeckt. Ich wollte meine Enkel aufwachsen sehen und für meine Freunde da sein. Ich wollte sehen, was als nächstes passiert. Ich habe zwei wunderbare Enkelkinder, denen es gut geht und die mir sehr viel Freude bereiten.
Berlinale
Antonio Banderas mit Marianne Faithfull auf der Berlinale 2007
Ricore: Hat Ihnen Ihr Glaube geholfen? Woher haben Sie Ihre Kraft geschöpft?

Faithfull: In Menschen steckt unglaublich viel Kraft. So auch in mir. Ich weiß nicht woher das kommt, ich bin nicht religiös. Wahrscheinlich steckt irgendein göttlicher Funke dahinter. Und das ist auch der Grund, warum wir, wenn wir wollen, die Welt retten könnten. Meine Familie und Freunde haben mir natürlich auch unglaublich viel Kraft gegeben. So, nun aber genug davon.

Ricore: Warum haben Sie ausgerechnet einen Film über eine masturbierende Witwe gemacht?

Faithfull: Es ist ein unglaublich gutes Drehbuch und eine gute Geschichte mit einer überraschenden Wendung. Ich denke, ein guter Film beginnt mit einem guten Script.

Ricore: Haben Sie die Entscheidung wegen der Story getroffen?

Faithfull: Nein. Als ich das Script erhielt, bekam ich gleichzeitig einen Brief vom Regisseur Sam Garbarski. Es war von Anfang an klar, dass in keinem Moment des Films auch nur irgendetwas zu sehen ist. Ich werde niemals einen schmutzigen Film machen.

Ricore: Kennen Sie sich in dieser Sache aus?

Faithfull: Nein, das Ganze ist so ekelhaft. Ich weiß nicht viel über diese Welt, was gut für meinen Filmcharakter war. Ich war nie in einem Sexshop und habe nie einen pornografischen Film gesehen. Das ist einfach nicht meine Welt, ich bin auch gar nicht daran interessiert. Ich mag zwar gerne Sex, aber keinen Sex ohne Liebe.

Ricore: Was denken Sie über Frauen, die den Job von "Irina Palm" tatsächlich ausführen?

Faithfull: Mitgefühl. Ich verurteile keine Menschen. Ich bin nicht in der Position, um über wen auch immer zu urteilen. Das ist nicht mein Job.
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Marianne Faithfull: von der Muse zum Filmstar
Ricore: Wie verliefen die Dreharbeiten?

Faithfull: Nun ja, es war nicht immer leicht, denn ich bin einfach anders. Es gab Momente, wo ich dachte meine Leistung sei gut, und mir wurde dann gesagt, 'Nein, nicht so...' Ich bin ja auch sehr temperamentvoll! Ich schauspielere und es geht mir darum, meine Arbeit gut machen. Es ist wie ein Spiel.

Ricore: Was waren Ihre schlimmsten Momente?

Faithfull: Im Jahr 1985 habe ich eine sehr lange und schwere Zeit durchgemacht. Nach sechs Monaten Aufenthalt in einer Klinik habe ich mein Leben neu gestartet.

Ricore: Reflektieren Sie manchmal die Zeit mit den Rolling Stones und den Beatles?

Faithfull: Ja klar, wir hatten eine wunderbare Zeit. Ich war sehr glücklich, eine Muse zu sein. Es hat mich zwar beinahe zerstört, aber das war die Sache wert. Ich bin mit vielen nach wie vor befreundet, mit Yoko Ono, Bob oder Roger Waters. Sie sind großartige Menschen. Wir sind zusammen durch Dick und Dünn gegangen, solche Bindungen zerbrechen nicht so einfach.

Ricore: Bereuen Sie etwas in Ihrem Leben?

Faithfull: Oh ja, aber ich kann die Geschichte nun mal nicht verändern. Wäre ich nicht von Andrew auf einer Party entdeckt worden, damals war ich 17 Jahre jung, wäre ich wahrscheinlich zur Universität gegangen oder auf eine Schauspielschule, und wäre nun, wie ich es nenne, eine wirkliche Schauspielerin. Aber auf der anderen Seite bin ich eine wirkliche Schauspielerin!

Ricore: Sie waren Objekt mehrerer Songtexte. Lieben Sie Gedichte?

Faithfull: Ich liebe jede Art von Gedichten. Natürlich habe ich auch meine Favoriten.
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Irina Palm
Ricore: Sie arbeiteten auch am Theater. Was ist für Sie anspruchsvoller?

Faithfull: In Robert Wilsons Produktion "The Black Rider" habe ich den Teufel gespielt. Wir waren drei Monate lang in San Francisco und drei Monate in London. Ich habe mich dann verletzt und konnte leider nicht mit nach Australien kommen, wo die Tournee fortgesetzt wurde. Sich von einer Rolle zu lösen, aus sich herauszugehen, das finde ich am Theater viel schwerer. Man spielt die Rolle viel länger, jede Nacht.

Ricore: Wie sehen ihre Zukunftspläne aus?

Faithfull: Natürlich würde es mir gefallen, weitere Filme zu drehen. Aber auch eine Tournee ist nicht schlecht. Letztes Jahr musste ich eine Auszeit wegen meiner Krankheit machen und die Tournee abbrechen. Ich habe dieses Jahr schon sehr hart gearbeitet und gegen Ende dieses Jahres möchte ich eine neue Platte aufnehmen.

Ricore: Werden Sie nach Berlin zurückkehren?

Faithfull: Es gibt noch keine Termine, aber ganz bestimmt komme ich hierher zurück.

Ricore: Wie gehen Sie Ihre Arbeit an?

Faithfull: Ich bereite mich immer sehr gut auf meine Aufgaben vor. Ich bin überzeugt von einer guten Vorbereitung, sei es beim Film oder in der Musik. Bei einer Theater- oder Filmrolle gehört viel dazu: die Körpersprache, die Gestik, einfach alles. Ich bin und lebe meinen Filmcharakter. Ich bin seit meinem 16. Lebensjahr Künstlerin. Nach meinem Drogenentzug war es Patrice, der mir die Liebe zum Filmemachen zurückgab. Ich habe realisiert, dass ich es kann und dass ich es auch will. Daher habe ich auch die Maria Teresa in "Marie Antoinette" gespielt. Zwischen ihr und Maggie in "Irina Palm" gibt keinen großen Unterschied. Beide haben große Macht und das liebe ich.

Ricore: Vielen Dank für das nette Gespräch.
Von  Timo Buschkämper, Filmreporter.de,  16. Juni 2007

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