FILMREPORTER.DE
Best Entertainment
Filmreporter-RSS

Die Kinder von Paris

Originaltitel
La Rafle.
Alternativ
The Round Up; Vel' d'Hiv'; Die Razzia von Paris
Genre
Drama
 
D 2010
 
120 min, ab 12 Jahren (fsk)
Medium
Kinofilm
 
 
Kinostart
10.02.2011 ( D | D | D | D | D | A ) bei Constantin Film
 
 
Regie
Darsteller
Homepage
Links
Bewertung
7,5
7,0 (Filmreporter)     
 (2 User)
Die
Constantin Film
Inhalt/KritikCast & CrewTechn. DatenTrailerGalerieDVDsbewerten

Drama über die Deportation der französischen Juden

Frankreich gelte in Polen als sicherer Zufluchtsort für Juden und Marschall Petain sein kein Kosake. Auf ihn und die Vichy-Regierung sei Verlass, versichert Schmuel Weismann (Gad Elmaleh) seiner Familie, als deren Sorge angesichts der Judenpolitik ihres Landes immer größer wird. Die Auffassung Schmuels ist trügerisch, denn in den politischen Etagen werden schon Pläne geschmiedet, wie mit den Pariser Juden verfahren werden soll. In enger Zusammenarbeit mit der Vichy-Regierung beschließen die deutschen Besatzer, eine Razzia zu organisieren, bei der 28.000 Juden im Großraum Paris verhaftet und gen Osten deportiert werden sollen.

Am 16. Juli 1942 wird der Beschluss unter Einsatz von 9.000 französischen Polizisten durchgeführt, 13.000 Juden werden verhaftet. Alleinstehende und kinderlose Ehepaare werden in ein nördlich von Paris gelegenes Transitlager gebracht, der Rest der rund 7.000 verbliebenen Frauen, Männer und Kinder in ein überdachtes Radrennstadion zusammengepfercht. Mehrere Tage müssen die Gefangenen ohne Nahrung unter katastrophalen hygienischen Bedingungen ausharren. Nur durch den aufopfernden Einsatz von Schwestern des Roten Kreuzes, darunter auch Annette Monod (Mélanie Laurent), sowie des ebenfalls verhafteten jüdischen Arztes Dr. Sheinbaum (Jean Reno) kann ihre Not halbwegs gelindert werden. Als die Menschen in ein südlich von Paris gelegenes Transitlager deportiert werden, beginnt für sie eine Reise ins Ungewisse.


"Die Kinder von Paris" behandelt eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren französischen Geschichte. Der Film thematisiert die viele Jahrzehnte in Frankreich tabuisierte Frage der Zusammenarbeit Frankreichs mit den Nationalsozialisten während der Besatzungszeit. Er handelt von der Kollaboration einer Regierung, die die Forderungen der deutschen Besatzer nicht nur widerstandslos hinnahm, sondern diese auch ausführte. Zudem thematisiert er den latenten Antisemitismus, dem ein großer Teil der französischen Bevölkerung mit den deutschen Besatzern teilte. Der Mut, sich einem so schwierigen Thema zu stellen, verdient Anerkennung.

Als künstlerisches Werk muss sich "Die Kinder von Paris" dem Vergleich mit anderen filmischen Versuchen, die Shoah zu thematisieren, stellen. Die Parallelen zu Steven Spielbergs "Schindlers Liste" (1993), Roman Polanskis "Der Pianist" (2002) und Roberto Benignis "Das Leben ist schön" (1998) kommen einem bei der Betrachtung natürlich in den Sinn. Das zeigt sich nicht nur in der strukturellen Anlage des Dramas, etwa in der romantisierten Schilderung der Lebensverhältnisse vor der Katastrophe oder in der Dominanz des Kindes, womit der Film an Benignis preisgekrönte Tragikomödie erinnert. Das wird auch in etlichen Szenen deutlich, die Gemeinsamkeiten mit den genannten Vorbildern haben.

Dabei dürfen diese Vorbilder sicher nicht als Reverenzen oder Zitate angesehen werden. In den genannten Filmen wie auch in "Die Kinder von Paris" steht Unmenschliches neben Menschlichem, Feigheit neben Zivilcourage, Verrat neben Treue, eben weil die Geschichte solche Charaktereigenschaften hervorbrachte. Bedingt durch die historische Situation der französischen Polizei als Exekutive der Deutschen Besatzer, geht Bosch höchst sparsam mit Gewalt und Auswüchsen der menschlichen Grausamkeit um, die in anderen Filmen zu dem Thema so verstörend wirken. Dafür zeigt sie das Menschliche im Menschen. Szenen wie das aufopfernde Wirken des Arztes, der Krankenschwester oder einer Frau, die ihre jüdischen Nachbarn vor der Razzia warnt, verfehlen einerseits ihre angestrebte Wirkung nicht, durch sie bewegt sich der Film aber auch gefährlich nahe am Pathos.

Dennoch wird auch in "Die Kinder von Paris" deutlich, dass Krieg in erster Linie Zerstörung von Leben ist. Das gelingt Bosch, weil sie sich genug Zeit lässt, um dieses Leben zu schildern. Durch die romantische und verklärende Note dieser Momente und die Verlagerung der Erzählung auf die kindliche Perspektive wird dieser Verlust umso deutlicher. Ein schönes, unschuldiges Leben wird hier zerstört. Durch eine weitere Perspektiv-Verlagerung, nämlich auf die der politischen Schaltzentrale, wird die Brüchigkeit dieses Lebens zusätzlich verstärkt. Immer wieder zeigt Roselyne Bosch das kalte, unmenschliche Feilschen und Verhandeln um die Juden. Der Schuldaspekt, der durch das Aussparen von Gewalt und Grausamkeit, ausgeklammert wird, wird in diesen Szenen eindrücklich vorgeführt. Die Schuld verliert durch diesen dramaturgischen Kniff das individuelle Gepräge und wird auf die politische Ebene verankert.

Ein Schwachpunkt von "Die Kinder von Paris" ist seine Länge. Der komplexe Stoff verlangt ein episches Format. Durch die zeitliche Beschränkung auf knapp zwei Stunden verliert der Film an Lebendigkeit. Das wiegt umso mehr, als er panoramaartig viele Menschenschicksale beschreibt. Dass da einiges plastischer, anderes blutleerer ausgefallen ist, ist Folge dieser Kürze. Das Schicksal der jüdischen Familie Weismann geht ans Herz, auch die Figur der Krankenschwester, die moralische Mitte des Films, ist geglückt. Dagegen wird dem Arzt wenig Raum zur Entfaltung geboten, er bleibt blass. Am Ende erliegt Bosch leider der Versuchung des süßlichen Pathos. Die musikalische Untermalung ist übertrieben und dient allzu sehr der Emotionalisierung des Zuschauers.
Die Kinder von Paris (quer) 2010
Constantin Film
Die Kinder von Paris (Kino) 2010
13.000 Juden wurden in Frankreich während des zweiten Weltkrieges Opfer der sogenannten Säuberungen. Zu ihnen gehört auch Familie Weismann, die mit vielen andren Juden...  Clip starten

Auf eindrückliche Weise behandelt Roselyne Boschs "Die Kinder von Paris" die schuldhafte Verstrickung Frankreichs in die Deportation der französischen Juden während des...
Inhalt/KritikCast & CrewTechn. DatenTrailerGalerieDVDsbewerten
© 2020 Filmreporter.de