Feature
In 80 Tagen um die Welt ("Around the World in 80 Days", 1956)
Warner Bros.

Das ganze Leben ist ein Spiel

Verrückte Wetten und Spiele

Phileas Fogg ist unter den Mitgliedern des Londoner Reformklubs als Pedant bekannt, der Pünktlichkeit über alles schätzt. Sein Tagesablauf ist seit Jahren streng geregelt. Nur für eine Partie Whist ist der Exzentriker stets zu haben. Umso mehr sind seine langjährigen Bekannten aus dem Klub irritiert, dass ausgerechnet dieser Langeweiler sich auf eine waghalsige Wette einlässt. In 80 Tagen will er einmal die Welt umrunden. 20.000 Pfund Sterling setzt er als Wetteinsatz zudem auf sich selbst.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  30. November 2020
In 80 Tagen um die Welt
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In 80 Tagen um die Welt

Jules Verne: "In 80 Tagen um die Welt"

Als Jules Vernes Roman "In 80 Tagen um die Welt" 1873 erscheint, verblüfft er viele Zeitgenossen. Die Leser verorten die rasante Fahrt mit Kutsche, Bahn, Elefant, Schiff und Heißluftballon ins Reich der Phantasie. Doch der französische Science-Fiktion-Autor recherchiert stets genau und verbindet die Fakten zu detailreichen Geschichten um die Eroberer fremder Welten. Bis heute haben seine Abenteuer- und Science-Fiction-Klassiker nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Die Abenteuer gehen als Bücher Millionenfach über die Ladentheken, erleben eine zweite Geburt als Brett- und Online-Videospiel und natürlich reizen sie auch zahllose Filmemacher, ihre Version seiner Entdeckungsreisen zu erzählen. Aber auch andere Filme thematisieren verrückte Wetten und Spiele. Online tummeln sich viele Wett oder Spielaffine User auf Seiten wie Eurogrand.

Die beliebteste Filmadaption des achtzigtägigen Trips von Jule Verne stammt von Michael Anderson. Mit seinem opulent ausgestatteten Monumentalfilm aus dem Jahr 1956 heimst der Brite fünf Oscars ein. Er lässt das britische Empire darin mit Starbesetzung nochmals aufleben. David Niven - für viele Zuschauer der Inbegriff des charmanten Lords - spielt Phileas Fogg. Der mexikanische Komiker Cantinflas schlüpft in den Part seines umtriebigen Dieners Passepartout und die junge Shirley MacLaine erobert die Herzen des Publikums als indische Prinzessin Aouda. Sie wird von Fogg vor dem sicheren Tod gerettet und begleitet ihn fortan bei seinen Abenteuern.

Zahlreiche Stars kann Anderson zu Cameo-Auftritten überreden, darunter Buster Keaton, Fernandel, Marlene Dietrich, Sir John Gielgud und David Carradine. Ein ähnliches Konzept verfolgt Frank Coraci 2004 in seinem "In 80 Tagen um die Welt". Kathy Bates, Luke und Owen Wilson, John Cleese und Arnold Schwarzenegger brillieren in der Fassung, die im Studio Babelsberg und on Location in Deutschland gedreht werden. Görlitz wird dabei zum Paris und dem New Yorker Hafen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert, der Berliner Gendarmenmarkt zur Kulisse für die Bank of England und die Londoner Akademie der Wissenschaften. Auch in den Schlössern und Gärten von Park Sanssouci wird gedreht. Die Orangerie etwa wird als Istanbuler Palast des von Arnold Schwarzenegger gespielten Prinz Hapi dekoriert.

Im Gegensatz zum Roman stellt der Film Passepartout ins Zentrum der Handlung, der von Jackie Chan gespielt wird. Der aus zahlreichen Action- und Kung-Fu-Filmen bekannte Schauspieler aus Hongkong erfüllt sich mit dem Film ein lang gehegter Wunsch, er fungiert bei dem Projekt auch als Koproduzent.


In 80 Tagen um die Welt ("Around the World in 80 Days", 2004)
Universum Film
In 80 Tagen um die Welt ("Around the World in 80 Days", 2004)

In Klapperkisten über den Ärmelkanal

Eine unglaubliche Wette geht Lord Rawnsley (Robert Morley) 1965 in "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten oder wie ich in 25 Stunden und 11 Minuten von London nach Paris flog" ein. Der Verleger lobt 1910 zur Steigerung der Auflage seiner Zeitung eine stattliche Summe aus, um Flugpioniere aus aller Welt zu einem Wettflug von London nach Paris einzuladen. Bei den Vorbereitungen und während des Fluges eskalieren die Machtspielchen zwischen den Männern. Rawnsleys Technikverliebte Tochter Patricia (Sarah Miles) verdreht ihrem Verlobten, dem standesbewussten Richard Mays (James Fox), und dem wagemutigen amerikanischen Cowboy Orville Newton (Stuart Whitman) den Kopf und auch die Rivalität zwischen Franzosen und Deutschen sorgt für ebenso einfallsreiche wie komische Duelle.

Bei der Zeichnung der Teilnehmer der mit atemberaubenden Bildern der ersten Flugmaschine aufwartenden Luft-Ralley bedient sich Regisseur Ken Annakin genüsslich der Klischees über die verschiedenen Nationalitäten. Der Franzose Pierre Dubois (Jean-Pierre Cassel) stürzt sich an jeder Station Hals über Kopf in ein amouröses Abenteuer und ärgert die Deutschen, die den pedantischen Offizier Oberst Manfred von Holstein (Gert Fröbe) ins Rennen schicken. Er macht Dienst nach Vorschrift. Von Nationalstolz erfüllt ist auch der Japaner (Yujiro Ishihara), während der italienische Tüfftler Graf Emilio Ponticelli (Alberto Sordi) ständig von einer schnatternden Familie umringt ist. Soweit die Hollywood-typischen nationalen Klischees.

Mit den historischen Fakten nehmen es die Filmemacher natürlich auch nicht sehr genau und auch in der Bildgestaltung wird geschlampt. So sind im Hafen von Dover moderne Schiffe zu sehen und in einer Szene taucht eine Kraftwerks-Skyline auf, die es in dieser Zeit noch nicht gibt. Vor allem verwenden die Produzenten beim ersten Auftritt der Deutschen die heutige Nationalhymne "Einigkeit und Recht und Freiheit" mit der Melodie aus dem "Kaiserquartett" von Joseph Haydn, damals wird aber die Melodie der Hymne der Österreichisch-Ungarischen Monarchie eingesetzt. Die Verwechslung ist wohl Absicht, um Verwechslungen zu vermeiden. Die deutsche Hymne "Heil dir im Siegerkranz" und die britische "God save the King" werden damals zur gleichen Melodie gespielt.


Fight Club (Hollywood Collection)
Kinowelt Home Entertainment
Fight Club (Hollywood Collection)

David Finchers geniale Spielideen

Auch David Fincher ist ganz offensichtlich vom abenteuerlichen Wetten fasziniert. Zweimal schickt der amerikanische Regisseur seine Figuren in einen atemberaubenden Wettstreit. In "The Game - Das Geschenk seines Lebens" wird der reiche Investor Nicholas van Orton (Michael Douglas) von seinem Bruder Conrad (Sean Penn) mit einem seltsamen Geschenk überrascht. Ihn erwartet ein undurchsichtiges Spiel, bei dem er an seine nervlichen und physischen Grenzen gerät und sich seiner größten Angst stellen muss. Sein Vater nimmt sich 48-jährig mit dem Sprung von einem Hochhaus das Leben. Jetzt steht Nicholas 48. Geburtstag an... Der Film hat bis heute nichts von seiner Brillanz und Gültigkeit eingebüßt. Die amerikanische Elite, zu der Nicholas gehört, lebt noch immer abgehoben in einer völlig anderen Welt als jene, über deren Schicksal sie leichtfertig und oft rücksichtlos entscheiden.

Um Empathie- und Gefühllosigkeit rankt sich auch David Finchers genialer Psycho-Thriller "Fight Club" aus dem Jahr 1999. Der namenlose Erzähler (Edward Norton) leidet unter Schlaflosigkeit. Er versucht sie zu lindern, indem er sich in Straßenkämpfen körperlich auspowert. Langsam rutscht er über seinen neuen Freund Tyler (Brad Pitt) in eine Art Geheimloge, deren Angehörige sich untereinander prügeln und auf den Sieger wetten. Die eingeschworenen Mitglieder begehen auch etliche Angriffe auf öffentliche Institutionen. Nach Tylers Verschwinden wird der namenlose Held für den Anführer der paramilitärischen Trupps gehalten, die sich im gesamten Land bilden. Er muss der Wahrheit über seine Identität auf den Grund gehen.

Mit "Fight Club" revolutioniert David Fincher das Genre der Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Storys um dissoziale Bewusstseinsstörung und Persönlichkeitsspaltungen. Zugleich ist es ein eindrucksvoller Blick auf das menschliche Gewissen und unsere Kultur, die uns hindern, unsere aggressiven Triebe auszuleben. Der Film zählt bis heute zu den Meilensteinen der Filmgeschichte. Im Jahre 2015 wird eine Rock-Oper-Version angekündigt, die Fincher zusammen mit Julie Taymor inszenieren will. Trent Reznor, der auch für Finchers "The Social Network" die Komposition macht, komponiert die Musik.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  30. November 2020

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