Ulrich Blanché/Ricore Medien
Claus-Theo Gärtner in München
Claus Theo Gärtner selbstbewusst
Interview: "Wir überholen Derrick!"
Eigentlich wollte Claus Theo Gärtner nach sechs Folgen wieder aussteigen. Auf einem Bierdeckel notierte er 1981 spaßeshalber eine Zusage über 100 Folgen "Ein Fall für Zwei". Inzwischen verkörpert Gärtner bereits 28 Jahre, 30 Staffeln bzw. 269 Folgen Privatermittler Josef Matula. Ein Ende ist nicht in Sicht. Das nächste Nahziel? "Derrick" überholen: Der brachte es auf 281 Folgen in 24 Jahren. Mit uns sprach zwischen zwei Zigaretten ein entspannter Matula, äh Gärtner, der auf der Straße mit beiden Namen gleich oft angesprochen wird.
erschienen am 29. Mai 2009
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Claus Theo Gärtner und Paul Frielinghaus in München
Ricore: Sie wollen "Derrick" übertreffen und vielleicht die dreihundertste Folgen schaffen. Wie lange machen Sie noch weiter?

Claus Theo Gärtner: Das wird sich ja bestimmt irgendwann biologisch ergeben. Vorläufig mache ich noch weiter. Zum einen macht es immer noch Spaß. Zweitens gibt es Team von 50 Leuten. Die würden ja auf der Straße stehen, wenn wir aufhören. Es wird wohl noch ein Jahr oder zwei weiter gehen, solange die Zuschauer einschalten. Natürlich könnte ich auch etwas anderes machen. Fernseharbeit unterscheidet sich jedoch nicht sehr und gelegentlich drehe ich ja auch andere Sachen.

Ricore: Welche Folgen sind Ihnen den rückblickend am meisten in Erinnerung geblieben?

Gärtner: Das sind die Folgen, wo ein Anwalt den anderen ablöste. Jede neue Zusammenarbeit ist ja ein persönliches Abenteuer und bleibt besonders in Erinnerung. Wenn der Partner auf tragische Weise umkommt, endet auch die Zusammenarbeit. Das ging nicht so einfach an mir vorbei.

Ricore: "Ein Fall für Zwei" erscheint jetzt in neuem Gewand. Was ist anders?

Gärtner: Die Erzählweise ist eine ganz andere geworden. Das war kein Entschluss vor genau zwei Jahren. Vielmehr hat sich das im Laufe der Zeit fast aufgedrängt. Neu sind schnellere Schnitte und eine Erzählweise, die weniger episch als bisher ist. Ich glaube, dass tut der Serie ganz gut.

Ricore: Sie wurden vom Junior-Partner bei Günter Strack als Anwalt zum Senior-Partner bei Paul Frielinghaus. Wie fühlt sich das an?

Gärtner: Senior oder Junior war nie so wichtig. Einer war älter als der andere. Senior oder Junior war egal, da brauchte es keinen Chef. In Deutschland braucht es wohl immer einen Chef? Die beiden sind einfach Partner.
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Claus Theo Gärtner in München
Ricore: War eine Modernisierung nötig?

Gärtner: Der Gedanke war, auch ein jüngeres Publikum anzusprechen. Unser Stammpublikum macht die konsequent hohe Einschaltquote aus. Durch die Neuerungen sollen die Jungen mehr angesprochen werden.

Ricore: Was halten Sie von der "heutigen Jugend"?

Gärtner: Das kann ich nicht beantworten. Ich erwarte eher von den Erwachsenen, dass sie etwas für die heutige Jugend tun.

Ricore: Sie werden als Zugpferd der Serie auch in den Diskussionsprozess um Veränderungen mit einbezogen. Gegen welche Veränderungen haben Sie sich gesträubt?

Gärtner: Es kam nichts so Massives, dass ich hätte extrem reagieren müssen. Ich habe öfter gesagt: "Leute, überdenkt das mal." Ein Beispiel war das Auswechseln der Sekretärin Helga. Ich dachte an den Spruch: "Never change a winning team". Jetzt im Nachhinein tat das 'Facelifting' der Serie sehr gut. Vielleicht gewinnen wir dadurch tatsächlich neue und auch jüngere Zuschauer.

Ricore: Sie gelten als Auto-Narr. Viele Fans fragen sich, warum Sie in der Serie immer dieses alte Auto fahren.

Gärtner: Als wir mit der Serie begannen, stellten wir uns die Frage: 'Was fährt Matula für ein Auto?' Es wurde unter anderem Porsche vorgeschlagen. Doch wie soll sich ein junger Polizist einen Porsche leisten können? VW? Wie langweilig. Man fand keine Lösung. Irgendwann hatten wir den ersten Drehtag und es gab immer noch kein Auto. Da sagte ich: "Nehmen wir meins." Wir nahmen also mein Privat-Auto, einen Alfa Romeo. Da wir den schon hatten, spielte er mit, bis er den Geist aufgab. Wir blieben bei Alfa. Das schafft eine gewisse Kontinuität, die man zur Identifizierung braucht. Ich muss gar nicht drin sitzen. Wenn das Ding durch Frankfurt fährt, weiß man auch so, dass da Matula fährt. Wie Ihre persönliche Meinung zu dieser Marke ist, ist mir egal. Es ist dennoch ein gutes Auto.
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Claus-Theo Gärtner in München
Ricore: Haben Sie ein Lieblingsauto?

Gärtner: Wie Sie vielleicht wissen, fuhr ich 15 Jahre Autorennen. Dabei fuhr ich meist Porsche, was mir am besten gefiel.

Ricore: Als Matula haben Sie öfter Kampfszenen. Machen Sie selbst Kampfsport?

Gärtner: Das ist alles gefaked. Wenn wer blutig aus dem Bild geht, handelt es sich um Filmblut - garantiert. Manchmal fließt auch echtes Blut, das wird nicht gezeigt. Das ist dann ein Unfall. Mir passierte das noch nie. Ich hatte nur blaue Flecken.

Ricore: Sie hatten mal einen Motorrad-Unfall. Was ist da passiert?

Gärtner: Gottseidank nicht viel, sonst säße ich nicht hier. Der Unfall ereignete sich in Thailand, wo ich mir beide Knie ziemlich verbeulte. Ich konnte eine Woche lang nicht laufen. Meine Knie waren stark angeschwollen. Ich war unter einer Leitplanke durchgeschossen. Ich bin weggerutscht. Ich schaffte es zwar noch, unter der Leitplanke durch zu tauchen. Leider waren meine Knie noch angewinkelt. Die knallten gegen die Leitplanke. Was ähnliches passierte mir noch einmal, aber weniger tragisch. Mit 25 macht man solche Sachen: Ich setzte mich in Badehose auf eine Tausender Honda und fuhr in Thailand ohne Helm mit 200 auf der Autobahn. Heute würde ich das nicht mehr machen. Das war idiotisch!

Ricore: Mit 25 macht man vieles anders. Sie spielen jetzt fast 30 Jahre Josef Matula. Wie hat sich die Produktionsweise im Laufe der Zeit geändert?

Gärtner: Die Erzählweise änderte sich. Noch vor zehn oder 15 Jahren erzählten wir in epischer Breite mit langen Einstellungen. Das hat sich mit den Sehgewohnheiten der Zuschauer geändert. Ich persönlich finde das toll. Gelegentlich führe ich ja selbst Regie und bin jetzt in der Situation, dass ich mit Rückblenden arbeiten muss. Früher wehrte ich mich dagegen und dachte, dass man das doch auch anders erzählen können müsse. Früher galt das als antiquiert. Heute macht man das wieder, um die Erzählung zu verkürzen und zu straffen. Mir gefällt das gut.
Universal
Ein Fall für Zwei
Ricore: Als Regisseur bei "Ein Fall für Zwei" müssen Sie sich ja selbst Regieanweisungen geben.

Gärtner: Klar. Ds mache ich so aber auch. Nicht alles, was ich mache, gibt mir der Regisseur vor. Vieles biete ich ihm an und meist akzeptiert er das so. Wie soll er es auch besser wissen als ich. Wenn ich selbst Regie führe, kontrolliere ich das Aufgenommene anschließend in einem Kontroll-Monitor. Ich habe einen guten Kameramann, mit dem ich seit ewigen Zeiten zusammenarbeite: Ingo Hamer. Wenn der sagt: "Claus, noch mal!", dann weiß ich warum. Ich vertraue ihm. Auch habe ich zwei Assistentinnen, von denen eine meine Frau ist.

Ricore: Wie halten Sie sich für die Rolle fit?

Gärtner: Ich fahr gelegentlich noch Oldtimer-Rennen. Dazu muss man jedoch nicht sehr sportlich sein. Ich tauche jedoch und mache Paragliding. Wenn ich lange nichts zu tun hatte, geht ich auf den Hometrainer. Sonst bekomme ich Kreuzschmerzen.

Ricore: Welche Folgen waren die besten?

Gärtner: Ich kann bei 269 Folgen nicht sagen, welche die vier besten sind. Das ist Quatsch. Davon waren etwa 150 wirklich gut. Einige waren auch nicht so gut. Es ist unmöglich, zehn top Filme im Jahre zu drehen - aber sieben kann man!

Ricore: Wie wichtig sind Einschaltquoten?

Gärtner: Wenn man zurückschaut, hatten wir einst eine Einschaltquote von 19,4 Prozent. Da gab es aber auch noch keine Mitbewerber. Wir sind schon wichtig für das ZDF. Ein Fußball-Spiel und eine Folge "Fall für Zwei" im Fernsehen kostet etwa gleich viel. Nur das wir in etwa 60 Ländern gezeigt werden und x-Mal wiederholt werden.

Ricore: Sind Sie als Matula ein Berufsjugendlicher?

Gärtner: Ich sehe mich nicht als Berufsjugendlichen. Ich habe jedoch einen guten Draht zur Jugend. Unser Team besteht aus jungen Leuten und ich habe eine sehr junge Frau. Insofern fühle ich mich näher zu den jungen Leuten als zu meiner Generation. Meine Generation ist für mich schlicht zu alt - mit denen will ich nichts zu tun haben.
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Claus-Theo Gärtner in München
Ricore: Sie heirateten sehr spät. Warum haben Sie sich doch noch dazu entschlossen?

Gärtner: Ich habe früh geheiratet. Davor war ich schon zweimal verheiratet. Ich habe bereits mit 23 zum ersten Mal geheiratet. Im Nachhinein stellte sich heraus, das es zu früh war. Jetzt habe ich wieder geheiratet.

Ricore: Wenn 23 zu jung ist, wann ist denn ein Mann Ihrer Meinung nach im heiratsfähigen Alter?

Gärtner: Das kann ich nicht sagen. Ich war damals zu jung. Damals gab es auch noch andere Moralbegriffe und keine Pille. Da hieß es: "Das Kind muss einen Namen haben!" Heute ist heiraten nicht mehr unbedingt notwendig. Wenn kein Kind gekommen wäre, hätten wir nie geheiratet.

Ricore: Wie stellen Sie sich den Abgang oder Filmtod von Matula vor? Leise oder mit Explosion?

Gärtner: Ich habe keine Ahnung. Bisher habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Ich machte mir nur Gedanken darüber, wie spektakulär oder unspektakulär meine Partner abgehen. Leider konnte ich mich gegen Autoren und Produzenten nie durchsetzen. Ich wollte immer große Abgänge. Aber die Darsteller wollten das nicht. Rainer Hunold etwa wollte einfach irgendwie verschwinden, um später einfach durch die Hintertür wieder herein zu kommen. Das ist ein typisches Schauspieler-Raster. Für mich war der von mir geschriebene Hunold-Abgang spektakulär. Leider wurde er nicht genommen. Er hätte den gefangenen Matula aus einer Halle retten wollen. Doch der hat sich schon befreit und die Halle fliegt in die Luft. Draußen steht noch der Wagen mit seinem Hund, den Matula dann am Hals gehabt hätte. Hunold wäre weg und wir hätten den Hund behalten können. Hunold wollte das nicht, er wollte durchs Hintertürchen zurückkehren, was er als Staatsanwalt bei der gleichen Produktionsfirma ja auch geschafft hat. Statt diesem grandiosen Abgang verabschiedet er sich mit: "Tschüss, ich fahre nach Italien", oder so. Über meinen Abgang habe ich mir jedoch noch keine Gedanken gemacht.

Ricore: Sie spielen nicht nur in "ein Fall für Zwei". In der Verfilmung von Helmut Kohls Leben spielen sie Heiner Geißler. Kann man so eine Figur nur spielen, wenn man von der Person politisch überzeugt ist?

Gärtner: Nein. Man kann ja auch eine Mutter spielen, wenn man noch kein Kind bekommen hat. Wir sind Schauspieler und keine Schauseiner.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 29. Mai 2009
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Neben dem Tatort ist "Ein Fall für zwei" die langlebigste Krimi-Serie im Deutschen Fernsehen. In über 190 Folgen ermittelt Claus Theo Gärtner als Privatdetektiv Josef Matula für die im Lauf der Jahre mehrfach wechselnden Anwälte. Die Ermittlungen reichen von Ehebruch über Erpressung bis hin zu Mord. Immer ist der etwas raubeinige Matula der Key zum Erfolg.
Detektiv Josef Matula ist seit 1981 und 30 Staffeln das Alter Ego von Claus Theo Gärtner in "Ein Fall für Zwei". Auch privat fährt Gärtner Alfa Romeo und trägt meist Jeans und Lederjacke. Der 1943 geborene Berliner bekam bereits 1972 für sein Kino-Debüt in "Zoff" den Bundesfilmpreis. Er dreht zehn Monate im Jahr "Ein Fall für Zwei" und tritt daneben ab und zu in anderen Fernseh-Rollen auf. 2006 erhielt er das Bundesverdienstkreuz für sein soziales Engagement. Er ist seit 2008 in dritter Ehe..
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