Interview
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Kristen Wiig bei der Los Angeles-Premiere von "Brautalarm"
Hochzeit mit Melissa McCarthy
Kristen Wiigs Brautalarm
Kristen Wiig und Melissa McCarthy sind ein eingespieltes Duo. Die Schauspielerinnen spielten vor ihrer Film- und Fernsehkarriere bereits bei der renommierten Comedy-Truppe 'The Groundlings' zusammen. In der Komödie "Brautalarm" sind sie zum ersten Mal auf der großen Leinwand Seite an Seite zu sehen. Mit Filmreporter.de sprachen Wiig und McCarthy über ihre Arbeit an dem Film und den Mangel interessanter Frauen-Figuren in Komödien. Zudem erfuhren wir, was die männliche Perspektive in Hollywood mit einem Haarschnitt aus den 1980ern zu tun hat.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  21. Juli 2011
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Melissa McCarthy bei der Los Angeles-Premiere von "Brautalarm"
Ricore: Die Arbeit an "Brautalarm" begann bereits vor Jahren, oder?

Kristen Wiig: Ja, vor viereinhalb Jahren. Das lag daran, dass ich sechs Tage die Woche an "Saturday Night Live" arbeitete. Zudem wurde Annie [Mumolo] schwanger, als wir mit dem Drehbuch anfingen und dann wurde sie während der Dreharbeiten nochmal schwanger. Dadurch dauerte es so lange.

Ricore: Wie kamen Sie auf die Idee zu "Brautalarm"?

Wiig: Wir wollten schon länger ein Drehbuch schreiben und Annie kam schließlich auf die entscheidende Idee. Wir wollten eine Geschichte mit vielen witzigen, weiblichen Rollen, bei denen unsere Freundinnen mit uns arbeiten konnten. Wir sind sehr glücklich, dass es am Ende geklappt hat.

Ricore: Was macht den Erfolg des Filmes aus?

Melissa McCarthy: Ich denke, es liegt daran, dass man ein großes weibliches Ensemble sieht. Zudem wird eine wirklich schöne Geschichte zwischen den Charakteren von Kristen und Maya erzählt. Es wird eine komplizierte und realistische Freundschaft gezeigt, im Gegensatz zu den eher oberflächlichen Beziehungen, die man oft in Komödien zu sehen bekommt. Aus irgendeinem Grund sind Komödien in den letzten zehn oder 15 Jahren oberflächlicher geworden. Dieser Film hat dagegen Momente, die echt sind und mit denen sich die Leute identifizieren können.
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Kristen Wiig in "Brautalarm"
Ricore: Denken Sie, dass der Film die Regeln für Komödien mit weiblichen Charakteren verändern könnte?

McCarthy: Ich hoffe im positiven Sinne...

Wiig: Das ist schwer vorherzusagen. Doch ich hoffe, dass die Leute über den Film reden werden und erkennen, dass ein weibliches Ensemble die Zuschauer ins Kino locken kann.

Ricore: Im Film spielt Jon Hamm als Liebhaber der Protagonistin ein richtiges Arschloch. Haben Sie im wahren Leben Erfahrungen mit so einem Typ von Mann gemacht?

Wiig: Natürlich. Es gibt immer wieder mal solche Typen, mit denen du Verabredungen hast und denkst, dass mehr daraus werden könnte, auch wenn du tief im Inneren weißt, dass nicht mehr daraus werden wird. Doch man hält sich an den kleinen Dingen fest, etwa, dass man einmal von ihm angerufen wird. Ich glaube, das machen viele Leute durch.

Ricore: Wie war es für Sie, einen Charakter wie Megan zu spielen, der kein Blatt vor den Mund nimmt?

McCarthy: Ich habe es geliebt. Von dem Moment an, als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, war ich begeistert. Ich wusste, wie der Charakter auszusehen hatte. Megan ist eine selbstbewusste Figur, die exzentrisch und einzigartig ist. Ich liebe Männer als auch Frauen, die anders sind - die sich in ihrer Haut wohl fühlen. Das ist eine fantastische Charaktereigenschaft. Solche Figuren bekommt man nicht oft zu sehen und wenn doch, handelt es sich oft nur um Karikaturen und nicht um echte Menschen. Leute, die ihr eigenes Ding durchziehen, faszinieren mich.

Wiig: Wir arbeiteten bei den 'Groundlings' jahrelang zusammen. Für die Figur der Megan war sie die optimale Wahl.
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Brautalarm
Ricore: Arbeiteten Sie zur selben Zeit bei den 'Groundlings'?

McCarthy: Ja, das gilt auch für Maya und Wendi sowie meinen Ehemann, der im Film den Air-Marshall spielt.

Ricore: Wie hilfreich war es beim Dreh, dass Sie sich alle so lange kennen?

Wiig: Es ist immer sehr hilfreich, wenn man mit Leuten zusammenarbeitet, mit denen man befreundet ist, speziell in diesem Geschäft. Bei vielen Leuten weiß man nicht, wie sie wirklich sind. Wenn man dagegen zur Arbeit geht und weiß, dass es sich um einen guten Menschen handelt, kann man ihm beim Spielen und Improvisieren vertrauen. Vor allem peinlichere Szenen sind dann nicht mehr ganz so peinlich. [lacht]

Ricore: Manche Szenen sind so unangenehm, dass man sich kaum traut die Augen offen zu halten. Liegt Ihnen diese Art von Comedy?

Wiig: Ja, ich liebe diese Art von Humor. So schafft es Ricky Gervais in "The Office", dass man als Zuschauer ein so unangenehmes Gefühl bekommt, dass man nicht die Augen von ihm lassen kann - ich liebe das.

McCarthy: Auch ich liebe dieses schreckliche Gefühl, wenn man sieht, wie sich jemand total entblößt.

Wiig: Zudem ist es sehr realistisch, denn wir haben alle schon solch furchtbar peinliche Dinge getan, bei denen man heulen will. Wenn man sich dann aber zurück erinnert und davon erzählt, ist es irgendwie witzig.
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Melissa McCarthy in "Brautalarm"
Ricore: Wie schwer ist es speziell im Komödien-Genre komplexe Frauenrollen zu bekommen?

Wiig: Es ist schwer, gute Rollen zu bekommen.

McCarthy: Ich glaube, man verlässt sich immer wieder auf dieselbe Formel, obwohl sie nicht unbedingt funktioniert oder gut ist. Meiner Meinung nach ist sie nicht gut. Es wird immer wieder auf dasselbe Konzept zurückgegriffen, es geht um fünf witzige Typen und eine oberflächliche Blondine. Ich sage bereits seit Jahren, dass die Welt nicht untergehen würde, wenn man auch mal einen witzigen weiblichen Charakter sehen würde. In Wirklichkeit ist es ja auch so, dass ich sowohl männliche, als auch weibliche Freunde habe, die witzig sind. Ich kenne keine Gruppe von fünf witzigen Typen, die dauernd mit einer lahmen Frau rumhängen.

Wiig: Dabei werden diese Art von Frauen oft von Schauspielerinnen gespielt, die wirklich witzig sind, aber einfach nicht die Chance bekommen, das zu zeigen. Stattdessen müssen sie dauernd die nervige Ehefrau oder Nachbarin spielen. Ich erinnere mich an einen Autor und Regisseur, der eine Idee für eine Komödie mit mir hatte. Ich fragte: "Toll, worum geht es darin?" Und er sagte: "Nun, es geht um diesen Kerl..." [lacht]

Ricore: Führt die größere Anzahl an männlichen Filmemachern in Hollywood dazu, dass in den Filmen die männliche Perspektive dominiert?

Wiig: Die Anzahl männlicher Filmemacher ist tatsächlich höher. Ich weiß es nicht. Das ist auch einer der Gründe, warum wir nun schon seit Monaten darüber sprechen. Man kann es nicht wirklich erklären.

McCarthy: Es ist wie bei einem alten Haarschnitt aus den 1980ern, bei dem man sich fragt, warum ihn alle getragen haben. [lacht] Wir alle dachten, es würde gut aussehen. Doch im Rückblick erkennt man, dass es eine furchtbare Idee war. Dinge werden einfach zur Gewohnheit, ohne dass es einen guten Grund dafür gibt.

Ricore: Kristen, Sie waren vor kurzem auch in "Paul - Ein Alien auf der Flucht" zu sehen. Wie war es für Sie, mit den britischen Comedy-Kollegen zu arbeiten?

Wiig: Das ist ein gutes Beispiel für einen Film, bei dem ich mir nicht vorkam, als ob meine Figur die langweilige Frau an der Seite der Protagonisten wäre. Beim Schreiben des Drehbuchs wollten sie wirklich einen witzigen und interessanten weiblicher Charakter kreieren. Simon und Nick waren sehr kooperativ, so dass ich improvisieren konnte und vieles auf meine Weise machen konnte. Ich liebe es, mit den beiden zu arbeiten.
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Kristen Wiig bei der Dublin-Premiere von "Brautalarm"
Ricore: Wie schwierig ist es für Schauspielrinnen in Hollywood, wenn man nicht einem bestimmten Schönheitsideal entspricht?

Wiig: Wenn es um weibliche Hauptrollen geht, ist die Liste definitiv kleiner. Bei dramatischen Rollen spielt das Aussehen eine größere Rolle. Ich denke darüber aber nicht nach. Am Alter oder der Größe kann man eh nichts ändern. [lacht]

McCarthy: Ich interessiere mich ohnehin mehr für die seltsameren Charaktere, so dass ich nicht allzu viel darüber nachdenke.

Ricore: Hatten Sie bei der Serie "Mike & Molly" die Befürchtung, dass in erster Linie das Gewicht der Charaktere im Vordergrund stehen würde?

McCarthy: Ja, absolut, denn das wäre einfach unglaublich langweilig geworden. So eine Serie hätte ich nicht machen wollen, nicht weil es mich beleidigt, sondern einfach, weil es uninteressant gewesen wäre. Man kann auch über ein fliegendes Pony nur eine begrenzte Anzahl an Scherzen machen, bis es lächerlich und langweilig wird. Wenn es aber um Beziehungen und Familie geht, kann man eine Million Geschichten darüber erzählen.

Ricore: Gab es bei "Brautalarm" Ideen, die Ihnen schließlich doch zu weit gingen?

Wiig: Oh ja, man muss erst mal alles ausprobieren und sehen, was am Ende passt. Ursprünglich gab es etwa eine Szene, in der Lillian vermisst wird. Bei der Suche nach ihr finden wir eine Leiche, die wie Lillian aussieht und wir denken: "Oh mein Gott, sie ist tot." Doch dann merken wir: "Hey, das ist gar nicht Lillian." Doch die Frau ist trotzdem tot und wir gehen einfach weiter. [lacht] Das war wie bei einem "Pink Panther"-Film. Es war lustig, aber es passte irgendwie nicht zu unserem Film. [lacht]

Ricore: Gibt es bei Komödien generell eine Linie, die Sie nicht überschreiten würden?

Wiig: Letztendlich gilt: Je realer, desto besser. Es muss dem Ton des Films entsprechen und zur Geschichte passen. Man muss ausprobieren, ob der Humor funktioniert oder nicht. Das Tolle bei Judd und Paul ist, dass wir so viele zusätzliche Szenen drehen konnten. Die DVD wird sehr lang werden. [lacht]
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Melissa McCarthy in "Brautalarm"
Ricore: Verspüren Sie den Druck, immer witzig sein zu müssen?

Wiig: Nein, das ist bei mir nicht so. Ich weiß, dass ich schon viele Leute enttäuscht habe. [lacht] Selbst vor "Saturday Night Live" waren die Leute immer wieder überrascht, dass ich als Comedian arbeite. Sie sagten: "Wow, du bist wirklich langweilig." [lacht] Nein, nicht langweilig, aber die Leute denken immer, dass du als Comedian dauernd mit verstellter Stimme sprichst, Witze machst und "Heeeey!" rufst, sobald du ein Restaurant betrittst. Doch so sind wir nicht.

Ricore: Wie hat sich der Humor der Amerikaner im Laufe der letzten Jahre verändert?

McCarthy: In mancherlei Hinsicht sind wir wohl zugeknöpfter. In den 1970ern konnte man zum Beispiel offen zeigen, worüber man sich lustig macht. Heute ist man ängstlicher. Wenn man sich etwa über Rassismus lustig macht, heißt es gleich: "Das kann man doch nicht machen." Wir sind politisch so korrekt geworden, dass es albern wird.

Ricore: Trifft das auch auf "Saturday Night Live" zu?

Wiig: Politische Themen sind immer ein wichtiger Teil der Sendung gewesen. In gewisser Weise kommen wir mit vielem davon und zum Teil ist es auch so, wie Melissa es gerade beschrieben hat. Ich halte politischen Humor jedenfalls für sehr wichtig.

McCarthy: "Saturday Night Live" ist vielleicht der letzte Ort, an dem man noch so weit gehen kann.

Wiig: Vielleicht noch in der "Daily Show".
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Kristen Wiig bei der Los Angeles-Premiere von "Brautalarm"
Ricore: Was halten Sie von aufwendigen Hochzeiten wie in "Brautalarm"?

McCarthy: Ich denke, dass Leute, die im Hochzeitsgeschäft arbeiten, junge Frauen davon überzeugen wollen, dass das die Art von Hochzeit sei, von der sie träumen. Ich selbst finde sie albern. Dahinter steht eine ganze Industrie, die dir sagt, dass du auf eine bestimmte Weise aussehen oder bestimmte Sachen kaufen musst.

Ricore: Wie spektakulär war Ihre eigene Hochzeit?

McCarthy: Unglaublich spektakulär! [lacht]

Wiig: Ihre Hochzeit war sehr schön, aber im kleinen Rahmen.

McCarthy: Ja, es sollte eine kleine Hochzeit werden, bei der es einfach darum geht, dass ich meinen Mann heirate.

Ricore: Was können Sie uns über Ihren selbstgeschriebenen Film "Tammy" erzählen?

McCarthy: "Tammy" habe ich zusammen mit meinem Ehemann geschrieben. Er ist ein fantastischer Autor und das Drehbuch ist fertig. Momentan schreibe ich ein Drehbuch mit Annie Mumolo. Das ist sehr aufregend.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  21. Juli 2011

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