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Meryl Streep bei Screen Actors Guild Awards 2012
Eiserne Rolle, goldige Darstellerin
Interview: Meryl Streep braucht viel Schlaf
Meryl Streep greift jetzt eisern durch! Allerdings nur in ihrer Rolle als britische Premierministerin Margaret Thatcher in Phyllida Lloyds "Die Eiserne Lady". Dank ihrer beeindruckend präzisen Interpretation der ehemaligen Politikerin wurde sie erneut für zahlreiche Preise nominiert und hat ihren Status als goldene Lady Hollywoods ein weiteres Mal untermauert. Wie sich die Oscar-prämierte Schauspielerin auf die Verkörperung Thatchers vorbereitet hat und was sie an ihr besonders schätzt, erzählt der Kritikerliebling im Interview mit Ricore Text. Dabei blickt Streep auch auf ihr eigenes Leben zurück, spricht über Opfer, unumkehrbare Entscheidungen und ihre Vorbilder.
erschienen am 29. Februar 2012
Concorde Filmverleih
Die Eiserne Lady
Ricore: Was war die größte Herausforderung bei der Darstellung Margaret Thatchers?

Meryl Streep: Ich musste viel mehr lesen als gewohnt, um den Ereignissen in ihrem Leben gerecht zu werden. Ich musste mich in ihren Charakter hineinversetzen und zudem einen Zugang zu ihrer Persönlichkeit im hohen Alter finden, die nicht mit Fotos oder Videos dokumentiert ist. Das war eine große Herausforderung, allerdings war es wirklich unglaublich, dabei mehr und mehr über diese kontroverse Frau zu lernen.

Ricore: War es deprimierend, sich selbst als gealterte Frau zu sehen?

Streep: Ich sehe jeden Tag, dass ich alt bin [lacht]. Das Seltsame ist, dass man sich in Filmen dauernd als jüngeren Menschen sieht. Der Kontrast ist schockierend. Doch ich habe drei Töchter, so dass ich mich und meinen Ehemann immer als jung wahrnehme [lacht].

Ricore: Im Film sagen Sie, dass es früher darum ging, etwas zu tun und jetzt nur noch darum geht, jemand zu sein. Was denken Sie persönlich über diese Aussage?

Streep: Ich denke, es geht dabei um die fehlende Authentizität, die dadurch entsteht, dass man uns rund um die Uhr in der Embryonalstellung fotografiert und auf Video aufnimmt, noch bevor wir überhaupt geboren werden. Es ist, als ob man ständig mit einem Spiegel herumlaufen würde. Unsere öffentlichen Persönlichkeiten werden immerzu mit sich selbst konfrontiert. Dadurch sind wir im Informationszeitalter vorsichtiger als früher. Das trifft auch auf das Filmemachen zu. Für einen Regisseur ist es sehr schwer, an der eigenen Vision festzuhalten. Ihm wird gesagt, dass man es in Los Angeles ausprobiert hätte, es dort zunächst nicht verstanden hätte und mehr Action drin sein müsste. So werden heute Filme gemacht. Es ist also verständlich, warum Thatcher so etwas gesagt haben könnte.

Ricore: Sie sagt außerdem, dass sie nicht beim Abwaschen einer Teetasse sterben wolle, am Ende des Films sieht man sie jedoch beim Spülen einer Teetasse. Hat sie das im wahren Leben wirklich gesagt?

Streep: Nein, das sind fiktive Szenen. Damit kommt zum Ausdruck, dass junge Frauen oft sagen, dass sie nicht wie ihre Mütter werden wollen. Doch dann erreichen sie ein bestimmtes Alter und raten Sie mal, was dann passiert. Ein langes Leben zu leben fordert seinen Tribut, ob wir das wollen oder nicht. Im Grunde wollen sie nicht alt werden, doch wir alle werden alt, wenn wir Glück haben. Das ist eine interessante Angelegenheit.
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Meryl Streep in "Die Eiserne Lady"
Ricore: Geht es in der Politik heutzutage mehr um Gefühle, als um Ideen?

Streep: Was Drehbuchautorin Abi Morgan wohl meinte, war das Stillen der emotionalen Bedürfnisse der Wähler. Es soll nicht so aussehen, als ob man gemein und unbarmherzig wäre. Es hat nichts mit echten Gefühlen zu tun, sondern damit, positiver rüberzukommen.

Ricore: Wird trotz aller Kontroversen um ihre Person heutzutage die Klarheit von Thatchers Politik vermisst? Wie beurteilen Sie das etwa bei Präsident Obama?

Streep: Es ist sicherlich erfrischend, wenn Menschen exakt das sagen, was sie denken und es durchziehen. Auf diese Weise kennt man wenigstens seinen Feind. Ich maße mir nicht an, für Präsident Obama zu sprechen. Ich denke, dass er ein toller Präsident ist und den härtesten Job der Welt hat. Ich maße mir nicht an, zu wissen, wie man diesen Job zu erledigen hat. Doch man hat das Gefühl, dass die Leute eher sie selbst sein konnten, bevor all die Meinungsforscher involviert wurden. Ich denke, es hängt damit zusammen, dass man Kompromisse eingehen muss, um im Amt bleiben zu können.

Ricore: Im Film lautet eine weitere Aussage Thatchers: 'Das eigene Leben muss eine Bedeutung haben.' Auf welche Weise hatte Ihr Leben eine besondere Bedeutung?

Streep: Ich glaube, ich habe mehr Chancen als die meisten Schauspieler erhalten, wirklich interessante Charaktere zu spielen. Diese Chance zu bekommen, macht 90 Prozent des Jobs aus. Diese Gelegenheit zu ergreifen und sie zu realisieren, ist das, was ich in meinem Leben versucht habe. Doch den Job zu bekommen, ist heutzutage die große Herausforderung. Man hat nicht viele Möglichkeiten, als Schauspieler an seinen Überzeugungen festzuhalten, außer am Theater oder wenn man Filme selbst produziert und schreibt, was ich nicht tue.

Ricore: Welche Eigenschaften Thatchers haben Sie im Zuge Ihrer Recherchen zu schätzen gelernt?

Streep: Es gab Dinge, die mich wirklich überrascht haben, beispielsweise, dass sie keinen Koch hatte. Wenn ich Premierministerin von England wäre, hätte ich einen Koch [lacht]. Doch sie kochte gern selbst. Sie besaß bekanntermaßen große Ausdauer. Mehr als vier oder fünf Stunden Schlaf pro Nacht brauchte sie nicht. Die Belegschaft des Weißen Hauses beträgt um die 400 Leute, während das Personal in der Downing Street gerademal um die 60 Leute umfasste, als sie im Amt war. Es ist einfach erstaunlich, wie hart ihr Job war, auch im Hinblick auf das physische Durchhaltevermögen. Und doch schien sie nie krank zu werden und sie hatte kein Verständnis für Leute, bei denen das anders war. Sie hatte fürchterliche Probleme mit ihren Zähnen, doch man bekam davon nie etwas mit. Bei Konservativen in Amerika denken wir an Wertkonservative. Doch sie war keine Abtreibungsgegnerin. Sie wollte vielleicht die staatliche Krankenversorgung abbauen, doch sie verteidigte den staatlichen Gesundheitsdienst, was den Konservativen in Amerika ein Gräuel ist. Zudem hatte sie keine Vorurteile bezüglich der Herkunft von Menschen. Ihr ging es einfach nur darum, dass man seinen Job macht. Meiner Meinung nach würde sie in Amerika nicht als konservativ gelten.
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Meryl Streep in "Die Eiserne Lady"
Ricore: Am Ende haben Sie sie also gemocht.

Streep: Am Ende war ich überrascht. Wir denken alle, dass wir alles wissen, nicht wahr? Doch ich werde immer wieder überrascht.

Ricore: Wenn Sie sie getroffen hätten, was hätten Sie gefragt?

Streep: Das ist schwer zu sagen, da sie an Demenz leidet. Kürzlich ist sie auf einige Veranstaltungen gegangen, was für die Menschen erfreulich war, da man dachte, dass sie sehr krank sei. Sie ist inzwischen zum Mysterium geworden. 2002 habe ich mal eine Rede von ihr gesehen. Ich ging mit meiner Tochter zum Northwestern College und sie sprach vor der Studentenvereinigung. Sie sprach etwa 45 Minuten über das Ende des Kalten Krieges und dekonstruierte in gewisser Weise ihr Vermächtnis. Es wirkte wie eine vorbereitete Vorlesung. Danach beantwortete sie über eineinhalb Stunden lang jede Frage der Studenten auf respektvolle und durchdachte Weise. Das war sehr eindrucksvoll. Sie wirkte immer lebhafter und wurde einfach nicht müde. Das war 2002, also vor gar nicht so langer Zeit und heute ist sie 86.

Ricore: Haben Sie eine Frage gestellt?

Streep: Nein, nein. Dafür standen wir zu weit weg.

Ricore: Für ihre Arbeit musste sie einige Opfer bringen. Wie ist das bei Ihnen?

Streep: Jeder, der arbeitet und Kinder hat, muss Opfer bringen. Beim Film arbeite ich allerdings vier Monate und kann daraufhin eine Pause einlegen. Seltsamerweise ist es ein sehr Mütterfreundlicher Job. Wenn die Kinder klein sind, kann man sie ans Set bringen. Es ist nicht so, wie bei einem Anwalt oder Architekten. Mein bester Freund ist Architekt und seine Arbeitszeiten sind verrückt. Sie arbeiten das ganze Wochenende und versuchen, zwei Kinder großzuziehen. Das Showbusiness ist gut [lacht].
Andrea Niederfriniger/Ricore Text
Meryl Streep auf dem Filmfest von San Sebastian
Ricore: Im Film schaut sich Thatcher ein Video an, auf dem die Kinder am Strand spielen. Daraufhin fällt der Satz: 'Man kann es zurückspulen, aber man kann es nicht ändern.'

Streep: Empfinden wir das nicht alle so? Ich empfinde das jedenfalls so.

Ricore: Hätten Sie einige Dinge im Nachhinein anders gemacht?

Streep: Oh, viele Dinge, auf jeden Fall [lacht]. Es geht letztlich um die Entscheidungen, die man trifft. Es ist hart, man weiß nicht, ob man die richtigen Entscheidungen trifft und wird so lange beurteilt, bis deine Kinder eigene Kinder haben. Ich wollte den Film machen, um das Leben einer bedeutenden, öffentlichen Person zu zeigen und ihn ab einem bestimmten Punkt zu einer Geschichte über dich und mich und den letzten Gang von uns allen zu verwandeln. Auf welche Weise nehmen wir Abschied? Wie schließen wir Frieden mit den Entscheidungen, die wir im Leben getroffen haben? So gesehen, ist es ein existentieller Film [lacht].

Ricore: In gewisser Weise ist es auch eine Liebesgeschichte zwischen ihr und ihrem Ehemann. Haben Sie bei Ihrer Recherche besonderen Dinge in deren Beziehung entdeckt?

Streep: Viele, etwa, dass er die Kreuzworträtsel löst und die Zeitung liest, während sie nie etwas über sich selbst gelesen hat. Ich finde das interessant.

Ricore: Lesen Sie Artikel über sich selbst?

Streep: Ich habe damit aufgehört. Am Anfang habe ich es noch gemacht, doch es verletzt zu sehr deine Gefühle. Wenn man dünnhäutig ist, denkt man Monate, Jahre darüber nach. Warum sollten wir uns das also selbst antun? [lacht] Ihr Mann las alles und erzählte ihr davon. Er war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er spielte mit vielen Leuten Golf und ging mit seinen Freunden in den Pub. Dann erzählte er ihr, was die Leute so dachten. Er hat sie immer unterstützt.
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Jim Broadbent und Meryl Streep in "Die Eiserne Lady"
Ricore: Sie bekommen doch nur gute Kritiken und lesen sie trotzdem nicht?

Streep: Oh, vielleicht sollte ich das [lacht]. Ich denke nicht, dass das stimmt, aber nein, es wird so viel Zeug über die Leute geschrieben, Gott...

Ricore: Erinnern Sie sich an den Tag, als Thatcher Premierministerin wurde?

Streep: Ja, ich erinnere mich, dass ich das wirklich cool fand, obwohl ich mit ihrer Politik nichts gemeinsam hatte. Ich dachte: Wenn das in England, dem konservativsten Land der Welt möglich ist, würde das in ein paar Jahren auch bei uns so sein. Und hier stehen wir, 30 Jahre später.

Ricore: War das nicht im selben Jahr, als sie den Oscar bekamen?

Streep: Ich hatte meinen Sohn, 1979 wurde sie gewählt. Ich kann mich nicht mehr erinnern [lacht]. Ich glaube, es war 1980. Ich muss die CD checken [lacht].

Ricore: Die diesjährige Oscar-Kampagne läuft bereits. Wie gehen Sie nach so vielen Jahren damit um?

Streep: Ich mag die Kampagnen im Vorfeld nicht. Es fühlt sich merkwürdig an, so als ob man ein Auge entfernen würde, um zu zeigen, dass es ein wirklich gutes Auge ist. Doch man sollte das Auge nicht aus dem Gesicht entfernen, man sollte den Film als Ganzes betrachten. Ich fühle mich als Teil einer ganzen Geschichte, die erzählt wurde. Darauf bin ich sehr stolz, denn sie ist so geworden, wie wir uns das von Anfang an vorgestellt hatten.
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Meryl Streep in "Die Eiserne Lady"
Ricore: Sie haben schon so viele starke Frauen gespielt. Welche Frauen haben Sie in Ihrem Leben inspiriert?

Streep: Meine Mutter und meine Großmutter waren Vorbilder für mich, weil sie ganz sie selbst waren. Sie hielten sich mit ihrer Meinung nicht zurück und sie genossen ihr Leben. Das ist es, was ich immer angestrebt habe: hart zu arbeiten, aber Spaß zu haben [lacht].

Ricore: Im Film geht es in gewisser Weise auch um das Loslassen.

Streep: Das ist etwas, das mich an den alten Menschen, die ich kenne, fasziniert. Wie sie damit umgehen. Ich dachte immer an meine Mutter. Wenn sie am Telefon erfuhr, dass einer ihrer Freunde gestorben war, fand ich es immer unglaublich, mit welcher Ruhe sie dieser Wahrheit begegnete. Sie war traurig, lebte aber in jeder Sekunde bewusst ihr Leben.

Ricore: War es schwierig, sich Thatchers Art zu sprechen anzueignen?

Streep: Ja, die Engländer hören heraus, wo du geboren wurdest und wo du zur Schule gegangen bist. Das ist unglaublich. So hatte Alexandra [Darstellerin der jungen Margaret Thatcher, Anm. d. Red.] die Aufgabe, die Stimme der jungen Frau zu etablieren. Vor zwei Nächten habe ich in London Vanessa Redgrave Tribut gezollt. Dabei wurden Aufnahmen gezeigt, in denen sie in sehr jungen Jahren zu sehen ist. Sie war einfach unglaublich und man hört die Jugend aus ihrer hellen Stimme heraus. Und nun hat die Stimme, nach 50 Jahren mit Zigaretten und allem anderen, diese wundervolle Whiskyartige Qualität. Diese Bandbreite einer Frauenstimme hinzukriegen, war eine wirklich interessante Herausforderung.

Ricore: In letzter Zeit haben Sie mit vielen Regisseurinnen gearbeitet. Thatcher sagt ja, dass Männer bloß darüber reden, Dinge zu tun, während Frauen die Dinge tatsächlich erledigen...

Streep: Ja, wenn du über etwas reden willst, geh zu einem Mann, wenn es jedoch gemacht werden soll [lacht]...
Kool
Meryl Streep und Lindsay Lohan in "Robert Altman's Last Radio Show"
Ricore: Entspricht das Ihren Erfahrungen bei der Arbeit mit weiblichen und männlichen Regisseuren?

Streep: Ich glaube nicht, dass man das so einfach kategorisieren kann. Es gibt viele wundervolle männliche Regisseure, mit denen ich zusammengearbeitet habe und die ihren Job auf sehr durchdachte Weise erledigen. Doch bei den Frauen entspricht es eher einem offenen Kreis, in dem es ein wenig gemeinschaftlicher zugeht. Das ist möglicherweise ein kleiner Unterschied, doch eigentlich kann man die Dinge nicht auf diese Weise kategorisieren.

Ricore: Im Film sehen wir die bedeutenden Stationen in Thatchers Leben. Welche Dinge in Ihrem Leben sind momentan die wichtigsten?

Streep: Schlaf [lacht]. Das ist das Wichtigste. Ich bin erstaunt, wie Thatcher als Premierministerin mit so wenig Schlaf auskommen konnte und so viele Entscheidungen zu treffen hatte. So bin ich nicht. Ich muss weggehen, lasst mich allein [lacht]. Ich brauche meinen Schlaf, Musik und Poesie. Ich muss ich selbst sein können. Es ist interessant, wie sehr sich Menschen voneinander unterscheiden.

Ricore: Zudem braucht man Liebe und Familie...

Streep: Ja, das ist sehr wichtig. Ich habe Glück, ich habe sehr viel Liebe und eine Menge Telefonanrufe zu erledigen [lacht].

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 29. Februar 2012
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