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Interview

Tilda Swinton auf der Londoner Premiere von: "Der König von Narnia"
Buena Vista International (Germany)

Tilda Swinton über ihre Motivation als Künstlerin

Ich bin nicht so clever
Tilda Swinton ist die exotische Grand Madame des britischen Empire. Mit Unkonventionalität und Grazie gelingen der 45-Jährigen Auftritte, die durch ihren markanten Touch der Verfremdung in Erinnerung bleiben. So auch in Disneys Weihnachtsmärchen "Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia", in dem sie eine böse Hexe spielt. In Toronto trafen wir eine Künstlerin, deren liebste Rolle nichts mit dem Filmbusiness zu tun hat: Die Rede ist von Ihrer täglichen Aufgabe als Mutter der Zwillinge Xavier und Honor.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  11. Dezember 2005
Tilda Swinton als Weiße Hexe in "Der König von Narnia"
Buena Vista International (Germany)
Tilda Swinton als Weiße Hexe in "Der König von Narnia"
Ricore: Mrs. Swinton, ist das Fantasy-Abenteuer "Narnia" Disneys kindgerechte Antwort auf "Der Herr der Ringe"? Tilda

Swinton: Es geht in unserem Film um die Welt der Kinder - und das war bei "Der Herr der Ringe" ja nun wirklich nicht der Fall. Als Mutter von zwei siebenjährigen Kindern liegen mir Familiengeschichten natürlich ganz besonders am Herzen. Immer wieder stehe ich vor der Frage, welche Bücher gut für meine Kinder sind. "Narnia" hat meinen Geschmack voll und ganz getroffen. "Der Herr der Ringe" dagegen würde ich meinen Kids wohl eher nicht vorlesen.

Ricore: Sie spielen in dem Film eine böse Hexe...

Swinton: Sie repräsentiert den Inbegriff des Bösen. Ich habe mir vor den Dreharbeiten die Frage gestellt, was genau für kleine Kinder wirklich unfassbar ist. Zorn und Wut schon einmal nicht, denn damit können sich Kids auch selbst identifizieren. Coolness dagegen ist etwas, mit dem sie erst fertig werden müssen. Als Hexe erschaffe ich deshalb ständig eine persönliche Form von Coolness - dargestellt durch einen schier endlosen Winter.

Ricore: Dabei spielen Sie doch eigentlich mit Vorliebe in Kunstfilmen. Füllen Sie mir Projekten wie "Narnia" Ihre Kampfkasse, um Independent-Streifen wie die Coming-Of-Age-Story "Thumbsucker" zu finanzieren?

Swinton: Das klingt ja nach durchdachtem Kalkül. So clever bin ich wirklich nicht. Ich drehe größere Filme aus demselben Grund wie anspruchsvolle Kunstfilme. Ein Regisseur kommt auf mich zu, erzählt mir von seinem Vorhaben, und wenn es mir gefällt, sage ich zu. Mit Francis Lawrence hätte ich zum Beispiel fast alles gedreht, weil er ein phänomenaler Typ ist. Dass wir dann gerade für den 150 Millionen teuren "Constantine" zusammenarbeiteten, war reiner Zufall. Genauso wahllos stolpere ich auch in Low-Budget Projekte wie "Thumbsucker". Oder eben in das Disney-Märchen "Narnia".

Ricore: Kaum vorstellbar, dass eine Künstlerin wie Sie Ihre Karriere nicht genauer plant...

Swinton: Ach, hören Sie auf mit Karriere. Ich habe ein Leben! Und das ist so reich und erfüllt, dass ich es beim besten Willen nicht nötig habe, für zwei Monate an einem Filmset mein Leben zu verbringen - es sei denn, ich empfinde es als Herausforderung und Bereicherung.


Tilda Swinton als coole Hexe
Tilda Swinton als coole Hexe
Ricore: Was genau haben Sie durch die Arbeit an "Narnia" gelernt?

Swinton: Ich verstehe jetzt ein Stück besser, wie große Blockbuster entstehen und dass die eigentlich kreative Phase bereits Wochen vor Drehbeginn abgeschlossen ist. Weil so viel Geld im Spiel ist, muss alles genau geplant und abgesegnet sein. Bei Low-Budget-Drehs dagegen wird das Chaos zu deinem besten Freund. Du musst mit ihm leben, und manchmal entstehen in dem ganzen Trubel die besten Ideen. Ich habe mich bei "Narnia" deshalb auch ein bisschen wie ein Spion gefühlt. Es war eine Möglichkeit, die Komplexität großer Drehs zu begreifen und eine andere Form des Filmemachens mitzumachen.

Ricore: Wie genau sehen Sie den fertigen Film bei Drehbeginn vor sich?

Swinton: Ich werfe mich in Projekte hinein und versuche, einen Weg durch den dichten Wald zu finden - die intellektuelle Form einer Suche, deren Ausgang ich nicht kenne. Der fertige Film kommt mir meistens immer vor wie ein Trailer, wie eine Zusammenfassung dessen, was ich mir eigentlich vorgestellt hatte. Meinen Film "Orlando" zum Beispiel konnte ich erst nach zehn Jahren zum ersten Mal anschauen. Wir haben vier Jahre an dem Projekt gearbeitet, in meinen Vorstellungen war der Film mindestens vierzig Stunden lang. Das, was letztendlich dabei herauskam, war mir einfach zu wenig.

Ricore: Werden Ihre Kids "Narna" sofort zu sehen bekommen?

Swinton: Nein, sie wollen gar nicht. Sie schauen sich so etwas nicht an.

Ricore: Bitte was?

Swinton: Möchten Sie vielleicht sehen, wie Ihre Mutter die Inkarnation des Bösen spielt? (lacht) Außerdem sind sie mir immer noch ein bisschen sauer, weil ich sie wegen der Dreharbeiten so lange nicht gesehen haben. Sie stehen dem ganzen eher gleichgültig gegenüber. Meine Kinder bekommen Coolheit also schon ganz gut gebacken. (lacht)

Ricore: Für welches Projekt ist es Ihnen als nächstes Wert, Ihren Familienalltag zu unterbrechen?

Swinton: Ich spiele unter der Führung von "Young Adam"-Regisseur David Mackenzie die Sängerin Nico, die mit ihren Gesangseinlagen bei The Velvet Underground berühmt wurde. Unser Fokus liegt allerdings auf ihrer letzten Tour und ihren letzten Tagen als Heroinjunkie. Bei dieser Rolle konnte ich nun wirklich nicht Nein sagen...
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  11. Dezember 2005

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