Amusement Park Film, Warner Bros. Ent., Reiner Bajo
Daniel Brühl in "Nebenan" ("Next Door", 2021)
Duell um Erfolg & Geld
Interview: Daniel Brühl ist Nebenan
Als wir Daniel Brühl interviewen, ist er gerade aus Spanien nach Berlin zurückgekommen. Hier stellt er sein Regiedebüt "Nebenan" auf der Sommer-Berlinale vor. Er spielt darin den eitlen, in einem Loft mit eigenem Fahrstuhl lebenden West-Schauspieler Daniel. In einer Ostberliner Kneipe liefert er sich mit seinem Nachbarn - gespielt von Peter Kurth - ein Duell über Erfolg, Geld und unterschiedlichen Welten, in denen sie Tür an Tür leben. Brühl genießt den Blick auf Berlin von der Terrasse des Hotels.
Amusement Park Film, Warner Bros. Ent., Reiner Bajo
Nebenan ("Next Door", 2021)
Pandemiefreundlicher Film
Ricore Text: Hat die Pandemie den Dreh beeinflusst?

Daniel Brühl: Der Lockdown begann im März 2020, als die erste Probenwoche terminiert war. Ein paar Tage fürchtete ich, dass das Projekt zusammenbricht. Zum Glück hatte ich mir einen pandemiefreundlichen Film mit vier Schauspielern ausgedacht, die sich in einer im Studio gebauten Kneipe begegnen. Mein Produzent Malte Grunert, die Förderer und der Verleih Warner schufen die Bedingungen, damit wir mit Auflagen drehen konnten. Am letzten Drehtag, zufällig mein Geburtstag am 16. Juni, hatte ich Tränen in den Augen. Genau ein Jahr später feierten wir nun die Publikumspremiere bei der Berlinale. Als abergläubischer Mensch nehme ich das als gute Omen.

Ricore Text: Ging bei Ihnen ein langgehegter Wunsch in Erfüllung, hinter der Kamera zu stehen?

Daniel Brühl: Als Schauspieler ärgerte ich mich oft, von vielen Prozessen ausgeschlossen zu sein. Ich traue mir allerdings nicht zu, ein Drehbuch alleine zu schreiben, vor allem keine Dialoge. Ich war deshalb glücklich, einem Genie wie Daniel Kehlmann über die Schulter zu gucken, der das nie als lästig empfand. Auch In den Gesprächen mit dem Kameramann über die Auflösung einer Szene habe ich mehr gelernt als beigetragen. Und bei Schnitt und Mischung sind Schauspieler generell unerwünscht. Jetzt weiß ich, warum.

Ricore Text: Wie entstand die Zusammenarbeit mit Daniel Kehlmann?

Daniel Brühl: Wir trafen uns zufällig in einer Talkshow des ORF, wo er seinen Roman "Ich und Kaminski" vorstellte und Wolfgang Becker und ich mit "Good Bye, Lenin!" eingeladen waren. Jahre später drehten wir in dieser Konstellation "Ich und Kaminski". Daniel und ich freundeten uns an. Trotzdem musste ich meinen ganzen Mut zusammennehmen, ihm diese Idee vorzustellen. Er war für mich der einzige, der diesen dunklen Humor trifft, den ich mir vorstellte. Wenige Wochen später überraschte er mich mit der ersten Fassung. Im weiteren Schreibprozess stand er vor kleinen Sackgassen, zu denen ich ihn mit Ideen fütterte. Er filterte sie perfekt und baute sie an den richtigen Stellen ein. Die wichtigste positive Rückbestätigung kam dann von Peter Kurth, den ich standesgemäß in seiner Stammkneipe traf. Für uns Wessis war wichtig, dass sein Part für einen Ossi stimmig ist.

Ricore Text: Wieviel sollte die Filmfigur Daniel mit Ihnen gemein haben?

Daniel Brühl: Ich spüre zu ihm eine große Distanz und auch meine Frau findet diesen Menschen unangenehm. Das ist für mich ein gutes Zeichen. Dieser Daniel sollte nie privat werden, aber ich wollte bewusst mit Parallelen zu meiner Karriere spielen und den dunklen Seiten des Berufs einen Spiegel vorhalten. Nicht aus therapeutischen Gründen, obwohl ich selbst dem Ruhm aufsaß und mich verlor. Mir wurde unheimlich wichtig, nach außen die perfekte Fassade zu erhalten und mich ständig selbst zu präsentieren. Das gehört für einen Schauspieler natürlich dazu, kann aber ganz schnell nach hinten losgehen. Wenn ich die Gefahr spüre, versuche ich, dieses Verhalten schnell abzuschütteln. Dieser gocklige und arrogante Film-Daniel gefällt sich in diesem Dasein - bis ihm sein Gegenüber die Maske runterreißt und die perfekte Fassade zerstört.
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Nebenan ("Next Door", 2021)
Jedes Mal fühlte ich mich invasiv
Ricore Text: Unter der Gentrifizierung leiden Sie sicher nicht, sie gehören sicher eher zu den Verdrängern?

Daniel Brühl: Durch meinen Erfolg verdiente ich früh gut und konnte mir nach dem Umzug aus Köln die Miete im Szeneviertel Prenzlauer Berg leisten. Später zog ich auch in Barcelona in das angesagteste Viertel. Jedes Mal fühlte ich mich invasiv - nicht schuldig an der Gentrifizierung, aber als Teil des Prozesses. In Berlin kommt dazu, dass die Wessis nach Ostberlin ziehen. Mit meinen Nachbarn aus dem Osten musste ich, der Schauspiel-Futzi aus dem Westen, auch erst warm werden. Ich suchte bewusst das Gespräch, jetzt haben wir ein gutes Verhältnis.

Ricore Text: Wie schwer fiel es Daniel Kehlmann und Ihnen, dem Ossi gerecht zu werden?

Daniel Brühl: Zunächst waren die Figuren zu grob gezeichnet. Ich war der sympathisch unbedarfte Reaktive, dessen Leben von einem Wutbürger zerstört wird. Daniel feilte lange, diese Vereinfachung zu vermeiden und Bruno eine glaubhafte Lebensgeschichte zu geben. Seine Lebenstragödie muss der Zuschauer spüren. Sonst hätte er sich gefragt, warum ist der so gemein und gibt sich solche Mühe.

Ricore Text: Würden Sie dieser Generation die Demokratiefähigkeit absprechen?

Daniel Brühl: Ich habe bei meinen Nachbarn und den meisten Ostdeutschen nicht das Gefühl, sie seien für die Demokratie verloren. Ich habe keine Lösung für die Probleme, sehe aber eine Chance, wenn wir meine Erfahrungen im Kleinen auf die Gesellschaft übertragen. Ich habe meinen Nachbarn einfach zugehört und ihre Lebensgeschichten ernst genommen. Dadurch hat sich mir vieles neu erschlossen. Wenn wir diesen Dialog in der Gesellschaft nicht mehr führen und die Lebenswelt sowie die Erfahrungen des anderen abwerten, driften Gruppen und Schichten total auseinander. Diese Ignoranz hat auch dem Populismus zumindest Vorschub geleistet.

Ricore Text: Danke für das Gespräch
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  2. August 2021
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2021