Camino Filmverleih
Bibliothèque Pascal

Bibliothèque Pascal

Originaltitel
Bibliothèque Pascal
Genre
Drama
Land /Jahr
Deutschland, Ungarn, Großbritannien, Rumänien 2010
 
114 min, ab 16 Jahren (fsk)
Medium
Kinofilm
Kinostart
09.06.2011 ( Kino Deutschland ) bei Camino Filmverleih
Regie
Szabolcs Hajdu
Darsteller
Orsolya Török-Illyés, Ion Sapdaru, Philip Philmar, József Pacskovszky, Johnnie Lyne-Pirkis, Lujza Hajdu
Links
IMDB
|0  katastrophal
brilliant  10|
7,0 (Filmreporter)
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Verstörendes Drama über die Irrwege einer Frau
"Bibliothèque Pascal" setzt ziemlich nüchtern an: Die junge Mona (Orsolya Török-Illyés) befindet sich auf dem Jugendamt und muss vor einem Beamten begründen, aus welchem Grund sie einst ihre Tochter in die Obhut ihrer Tante Rodica (Oana Pellea) gab. Ihr droht der Verlust des Sorgerechts für das Kind. Aus Sicht der Behörde gingen sowohl die Frau, als auch die Tante, die das Kind regelmäßigem Alkoholkonsum aussetzte, höchst unverantwortlich mit dem Kind um. Um alle Ungereimtheiten auszuräumen, erzählt Mona ihre Lebensgeschichte. Mit dieser an die Struktur einer literarischen Novelle anklingenden Entwicklung schlägt "Bibliothèque Pascal" auch formal eine neue Richtung ein. Die Geschichte der Frau handelt von einer unglaublichen Odyssee, die Regisseur Szabolcs Hajdu einerseits mit märchenhaft-surrealen Elementen durchsetzt, andererseits in Form eines bitteren Sozialdramas entfaltet.

Auf ihrer "Reise" begegnet Mona Viorel (Andi Vasluianu), der sie auf der Flucht vor der Polizei als Geisel nimmt. Sie findet bald Gefallen an dem Mann und schläft mit ihm schon in der ersten Nacht. Als sie den Schlafenden verlassen will, überfällt sie eine seltsame Vision: Sie sitzt mit Viorel als verheiratetes Paar an einem Tisch, während sich die Tapeten langsam von den Wänden lösen. Später erfährt sie, dass die Vision ein in die Realität projizierter Traum von Viorel gewesen ist. Als nächstes sehen wir Mona, die mittlerweile ein Kind von Viorel bekommen hat, als Geschichten-Erzählerin auf einem Jahrmarkt.

Hier begegnet sie ihrem Vater. Dieser überredet sie, ihn nach Deutschland zu begleiten, wo der vermeintlich schwer Kranke geheilt werden soll. Die Erklärung entpuppt sich als Vorwand, um die Tochter in den Westen zu locken, wo der Vater sie an Frauenhändler verkauft. Kaum in Deutschland angekommen, wird der Vater getötet und Mona entführt. Nach einem Zwischenstopp an einer Börse für Prostituierte landet sie in einem Liverpooler Bordell, wo sie als Objekt diverser sexueller Vorlieben missbraucht wird. Derweil hat zu Hause ihre Tante die Begabung von Monas Tochter entdeckt, die diese von ihrem Vater geerbt hat. Um ihre Schulden zu begleichen, benutzt die Frau das Mädchen als Attraktion für zahlende Kunden.
In seiner rätselhaften, schwer zu fassenden Art befindet sich "Bibliothèque Pascal" ganz auf der Linie der besten Tradition des osteuropäischen Kunstfilms. Die Verschleierung des Inhalts und die Unkenntlichmachung der künstlerischen Intention gehört in den osteuropäischen Ländern der Vorwendezeit zur erzählerischen Strategie, um das Kunstwerk an der parteikonformen Zensur vorbei zu schleusen. Wenn sich heute Filmemacher in den mittlerweile deutlich liberaler eingestellten Ländern formal auf die Spuren von Andrej Tarkowskij oder Sergej Paradschanow begeben, dann mag dies wohl eher künstlerische als politische Gründe haben. So fällt auch Szabolcs Hajdus "Bibliothèque Pascal" durch seine nichtlineare Erzählstruktur und die enigmatisch-poetischen Bilder auf. In einem nächsten Schritt überrascht der ungarische Regisseur wiederum durch die Anknüpfung an die realistische Erzähltradition Westeuropas. Sein Film ist damit nicht nur produktionstechnisch ein Zwitterwesen (es handelt sich um eine rumänisch-ungarisch-deutsch-englische Koproduktion), sondern ragt auch durch sein eigenwilliges formales Konzept vom Gros des internationalen Erzählfilms heraus. Dieses ästhetische Wagnis macht das Werk Hajdus so bemerkenswert.

Der märchenhaft-entrückte Charakter von "Bibliothèque Pascal", der sich jeder Genreklassifizierung entzieht, ist Folge der zu Beginn etablierten Erzählsituation. Die surrealistischen Passagen sind die Manifestationen der Vorstellungskraft Monas, Projektionen ihres Inneren. Überhaupt ziehen sich Erzählungen und Träume wie ein Leitfaden durch die Handlung. So erscheint Mona innerhalb ihrer eigenen Geschichte einmal mehr als Märchenerzählerin. Geschichten werden später auch im Liverpooler Bordell vorgetragen, welche die perversen Fantasien der Kunden beflügeln. Das Traummotiv tritt am deutlichsten in Gestalt von Vater und Tochter hervor. Beide haben die Gabe, ihre Träume außerhalb ihres selbst dingfest werden zu lassen. Deren Inhalte sind dabei nicht nur Manifestationen ihrer eigenen Wunschfantasien, sondern auch die anderer. Viorel träumt von seiner Hochzeit mit Mona und verwirklicht damit auch ihren Wunsch nach Liebe, Geborgenheit und Ehe. Die Träume der Tochter sind direkter, naiver und kindgerechter. Erst später treffen ihre Visionen mit dem Freiheitsdrang ihrer Mutter zusammen.

Auf einer weiteren Ebene verdichtet Hajdu die Korrelation von Traum und dessen Manifestation zu einer wunderbaren Hommage an das filmische Träumen. Aus der magischen Bilderwelt von "Bibliothèque Pascal" spricht die Liebe des Regisseurs für die Fähigkeit des Films, fantastische und irreale Welten erstehen zu lassen. Man könnte das als Absage an den Realismus verstehen, wenn Hajdu eine solche Haltung mit seiner Hinwendung zum krassen Realismus nicht wieder vereitelt würde. Doch in erster Linie ist da seine Affinität für Künstler wie Sergej Paradschanows und den späten Federico Fellini. Der Traum Viorels etwa ist eine Reminiszenz an Paradschanows "Die Farbe des Granatapfels" (1968). Und die egoistische Instrumentalisierung des Mädchen durch die Tante: ein Zitat aus Fellinis "Das süße Leben" (1959).

Die zauberhafte Welt von Fantasie und Traum durchdringt Hajdu mit einem Realismus, der krasser und irritierender nicht hätte ausfallen können. Kaum hat Mona ihren Fuß in das westliche Europa gesetzt, gerät sie in ein Netz aus Gier und Ausbeutung. Vor allem in der Darstellung sexueller Abnormitäten verdichtet Hajdu seine harsche Kritik an den Westen. Es ist eine dekadente Welt gesättigter und gefühlsdumpfer Materialisten, die in einer Scheinwelt ausleben, was ihnen in der Realität verwehrt bleibt: das Gefühl von Kontrolle und Macht. Auf der anderen Seite - in Osteuropa - herrscht der schiere Existenzkampf. Das Bild des Vaters, der aus Verzweiflung seine eigene Tochter verkauft, gehört zu den erschütterndsten des Films. Es ist ein bezeichnendes Bild. Ist finanzielle Not die eine Triebfeder für das Verhalten des Menschen, sind defekte familiäre Strukturen, die einer emotionalen Bindung im Wege stehen, eine weitere. Am Ende von "Bibliothèque Pascal" steht einmal mehr ein Zitat an einen anderen großen des Kinos: Michelangelo Antonioni. Dessen "Blow-Up" endete damit, dass der desillusionierte Fotograf nach seiner Odyssee irritiert einer Gruppe von Pantomimen beim imaginierten Tennis-Match zuschaut. Zaghaft überschreitet er die Grenze zur Illusion und nimmt am "Spiel" der Clowns teil. Unter einem anderem inhaltlichen Vorzeichen wiederholt Hajdu diese Idee, um sie dann in eine ähnliche Erkenntnis münden zu lassen wie einst Antonioni: in die Erkenntnis von der Macht und der Notwendigkeit von Illusion und Fantasie.
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Mit "Bibliothèque Pascal" inszenierte Regisseur Szabolcs Hajdu ein intensives Drama, das durch seine stilistische Anlehnung an den osteuropäischen Kunstfilm überzeugt.
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2021