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Feature

Audrey Tautou ausgelassen
Die Poesie im Unscheinbaren

Audrey Tautou küsst

Audrey Tautou spielt in der Tragikomödie "Nathalie küsst" eine junge Frau, die ihren Ehemann bei einem Autounfall verliert. Nach intensiver Trauerzeit stürzt sie sich wieder ins Arbeitsleben. Mit ihrem Liebesleben hat sie jedoch abgeschlossen. Als ein Arbeitskollege in ihr Bürozimmer tritt, bedeutet dies nicht nur für sie den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Ein Kuss leitet die ungewöhnliche Wende ein.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de, 10. April 2012

Audrey Tautou ist Nathalie und die küsst...

Audrey Tautou ist Nathalie und die küsst...

Kaffee oder Aprikosensaft?^
'Wenn Sie einen Aprikosensaft bestellt und keinen Kaffee, dann spreche ich sie an', sagt François (Pio Marmaï), als Nathalie (Audrey Tautou) das Café betritt und an einem Tisch unweit ihres Platzes nimmt. Die junge Frau bestellt zu seiner Enttäuschung einen Kaffee, um nach kurzem Zögern ihre Entscheidung rückgängig zu machen. 'Ein Aprikosensaft bitte', sagt sie schließlich. Es folgt ein Schnitt, die Kamera hat das Café verlassen und nimmt das Geschehen nun von außen ins Visier. François und Nathalie kommen glücklich und eng umschlungen aus dem Gebäude, küssen sich vertraulich. Während der Zuschauer an dieser Stelle davon ausgeht, dass die Szene zuvor von dem Pärchen bloß gespielt war - etwa als Reminiszenz an ihre erste Begegnung - wird er wenig später eines Besseren belehrt. Ein Schnitt zurück ins Lokal zeigt auf dem Tisch zwei Aprikosengläser, die von François und Nathalie zuvor getrunken wurden.

Nathalie küsst

Nathalie küsst

Kleine Erzählform
Die ersten Bilder von "Nathalie küsst" sind symptomatisch für die elliptische Erzählweise von David und Stéphane Foenkinos. Zwischen den Aufnahmen im Lokal und jenen, die François und Nathalie als Paar zeigen, liegen keine Minuten, sondern eine längere, unbestimmte Zeit. In dem dazwischen liegendem Zeitraum passiert Wesentliches, wird von den Regisseuren jedoch ausgespart. François und Nathalie haben ihre Begegnung nicht gespielt. Er hat seine Annäherung tatsächlich von ihrer Bestellung abhängig gemacht und sie anschließend angesprochen. Dass sie sich ineinander verliebt haben und ein Paar geworden sind, kann der Zuschauer allenfalls erahnen. Erzählt wird dieser Moment nicht.

Das tatsächliche Geschehen erschließt sich dem Zuschauer auch und vor allem durch Zeichen und Gesten, welche die Foenkinos-Brüder subtil zu akzentuieren verstehen. Sie werden damit einer Erzählweise gerecht, die der Philosoph und Filmtheoretiker Gilles Deleuze einmal als 'kleine Erzählform' bezeichnete. Es ist eine Art des Erzählens, bei der das Entscheidende zwischen den Bildern verschwindet und die Situation 'danach' vom Zuschauer mittels 'Indizes' (Deleuze) erschlossen wird. Dass dabei den Dingen eine besondere Rolle zukommt, die zu Informationsträgern werden, versteht sich von selbst. In "Nathalie küsst" sind es die Saftgläser in der besagten Szene; später werden Kostüme, Frisuren und andere 'Zeichen' Situationen enthüllen und auf die vergangene Zeit deuten.

Noch ist die Anziehung nicht spürbar (Audrey Tautou und François Damiens)

Noch ist die Anziehung nicht spürbar (Audrey Tautou und François Damiens)

Das Kleine ist groß, das Große ist klein
Das Auslassen des Essentiellen steht nicht nur für die Erzählstrategie der Foenkinos, es gibt auch Aufschluss über ihr besonderes Weltbild. Wie einst in den wunderbaren Filmen Yasujiro Ozus ("Die Reise nach Tokio") über die Poesie des Alltäglichen einerseits und die Nichtigkeit vermeintlich erschütternder Ereignisse andererseits gibt es auch Ihrem Verständnis nach keine Hierarchie von Dingen und Erlebnissen, keine Unterscheidung von Gewöhnlichem und Ungewöhnlichem, Alltäglichem und Außergewöhnlichem, besseren und schlechteren Menschen. Das Leben besteht aus einem Nebeneinander von gleichgewichtigen Teilen einer Ordnung, von 'Gliedern einer Serie', wie Deleuze meint. Es sind lediglich die Menschen, die den 'kontinuierlichen Fluss des Universums' durcheinanderbringen und den Teilen Bedeutung verleihen.

Dieser Ansatz erklärt auch, wieso die Foenkinos das für ihre Protagonistin lebensverändernde Ereignis einfach zwischen den Bildern verschwinden lassen. Beide, Nathalie und François, leben mittlerweile in einer Wohnung zusammen. Sie sind für einander geschaffen, daran lassen die Bilder keinen Zweifel aufkommen. Ihr Zweisamkeit ist harmonisch, auch wenn der Alltag sich schon längst zwischen sie gedrängt hat. Dann passiert das Unglück, welches die Welt der jungen Frau auseinanderreist. François geht joggen, wie es offenbar seine Gewohnheit ist, und während sie über ihrem Buch einschläft - und das Filmbild sich verdunkelt - kommt er bei einem Autounfall ums Leben.

Hat diese Beziehung eine Chance? (Audrey Tautou und François Damiens)

Hat diese Beziehung eine Chance? (Audrey Tautou und François Damiens)

Schicksalhafter Kuss
Während Nathalie an der Tragödie fast zugrunde zu gehen droht, bleiben die Foenkinos in ihrer Anteilnahme am Schicksal der Frau verhalten. Mit einer ruhigen und unspektakulären Erzählweise zeigen sie, wie ihre Protagonistin ein neues Leben aufzubauen bemüht ist. Kurz nach dem Unfall geht Nathalie wieder arbeiten. Sie muss es tun, will sie nicht immer an die glückliche Vergangenheit und ihren schrecklichen Verlust denken. Mit den Männern hat sie jedoch abgeschlossen - sei es aus Treue zu François oder um ähnliche Verlusten zu vermeiden. Selbst ihren gutaussehenden und reichen Chef Charles (Bruno Todeschini) - eine gute Partie - lässt sie abblitzen.

Dann geschieht die nächste ungeheuerliche Begebenheit, die ihrem und einem weiteren Leben eine neue Richtung gibt. Während die Foenkinos sonst wegschauten, richten sie diesmal die Kamera dezidiert auf das Ereignis. Eines Tages kommt der unscheinbare und schüchterne Markus (François Damiens) wegen einer geschäftlichen Angelegenheit in Nathalies Büro, um von dieser aus heiterem Himmel geküsst zu werden. Wachgeküsst könnte man meinen. Denn der schüchterne, etwas lethargische Mann blüht plötzlich auf. Er, der sich mit seiner Unsichtbarkeit längst arrangiert hat, entdeckt seinen eigenen Wert. Während er sich Hals über Kopf in Nathalie verliebt, ist diese um Schadensbegrenzung bemüht. Sie sei in dem Moment nicht bei sich gewesen, versichert sie Markus, und hätte gedankenversunken und unbewusst gehandelt. Erst allmählich beginnt sie, ihn wahrzunehmen, sich sogar für ihn zu interessieren. So unspektakulär und durchschnittlich Markus auch sein mag, gibt er Nathalie durch seine Art den Halt, den sie braucht.

Audrey Tautou und François Damiens in "Nathalie küsst"

Audrey Tautou und François Damiens in "Nathalie küsst"

Würde des Einfachen
Das ist das Wunderbare und zutiefst Menschliche an diesem Film - dass die Foenkinos die Würde von Markus ebenso sehen, wie Nathalie. Dabei sehen sie das Besondere nicht etwa unter seiner unscheinbaren, ästhetisch wenig ansprechenden Oberfläche als geistige und moralische Schönheit. Markus ist und bleibt bis zuletzt der normale, liebenswürdige Typ von nebenan. Dennoch ist er wert, von der Kamera betrachtet - mehr noch - in den Mittelpunkt der Erzählung gestellt zu werden. Man kann dieses Figurenverständnis als Absage an das Mainstream-Kino Hollywoods betrachten, das in seinen Avarage Joes immer innere Größe entdecken will. Es steht aber auch für die grundlegende Überzeugung der Regisseure von der Schönheit und der Poesie der kleinen Dinge, der Würde und dem Existenzrecht des Unscheinbaren und Nebensächlichen.

Irgendwann äußert Markus den Satz: 'Ich will einen Platz in ihrem Leben einnehmen'. Das ist nicht die resignierte Aussage eines Menschen nach einer Serie von enttäuschenden und erniedrigenden Erlebnissen. Es ist vielmehr die Erkenntnis einer entscheidenden Wahrheit: Markus erhebt nicht den Anspruch, im Mittelpunkt von Nathalies Welt zu stehen. Er ist sich bewusst, lediglich ein Teil, eine weitere Erfahrung, nicht mehr und nicht weniger, ihres Lebens zu sein. Das ist genug, um ihn glücklich zu machen.
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 10. April 2012

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