Filmkritik: Französischer Sommer | FILMREPORTER.de
Filmreporter-RSS

Feature

Meeresfrüchte
Sommerliche Utopie der Liebe

Französischer Sommer

Das Ferienhaus nahe Marseille, der sanfte Mistral, delikate Meeresfrüchte und das glitzernde Meer: eigentlich die besten Voraussetzungen für einen entspannten Familienurlaub. Wenn die sommerliche Hitze nicht auch den Eros wecken würde. In heiter-beschwingten Tönen entwirft das französische Regieduo Olivier Ducastel und Jacques Martineau einen turbulenten Liebesreigen mit einer angenehm unkonventionellen Auflösung.
Von  Almut Steinlein/Filmreporter.de, 19. Juli 2005

Geht zwischen den süßen Knaben doch was?

Geht zwischen den süßen Knaben doch was?

Valeria Bruni Tedeschi gehört momentan ohne Zweifel zu den spannendsten Schauspielerinnen Frankreichs. Die Schwester des ehemaligen Topmodels Carla Bruni kannte man bislang vor allem aus Filmen, in denen sie leicht neurotische Frauenfiguren spielte, wie z.B. in Noémie Lvovskys "Oublie-moi" (1995). In Meeresfrüchte, frisch wie eine Sommerbrise, zeigt sich die Schauspielerin in der Rolle einer freizügigen Ehefrau und Mutter jedoch verführerisch und sinnlich wie nie zuvor.

Die attraktive Béatrix (Valeria Bruni Tedeschi) verbringt die Sommerferien mit ihrem Mann Marc (Gilbert Melki) und den beiden Kindern in dem Ferienhaus nahe Marseille. Hier verbrachte Marc bereits als Kind seine Urlaube. Tochter Laura (Sabrina Seyvecou) entflieht dem Familienurlaub mit ihrem Bikerfreund. Sohn Charly (Romain Torres) erhält Besuch von seinem Freund Martin (Edouard Collin), der weder aus seiner Homosexualität noch aus seiner Zuneigung zu Charly einen Hehl macht. Aufgrund einiger zweideutiger Situationen folgern Béatrix und Marc schnell, dass auch ihr Sohn schwul sei - was die Mutter amüsiert, den Vater aber sichtlich mitnimmt. Die Lage verkompliziert sich jedoch bald noch weiter, denn unerwartet taucht Béatrix' Liebhaber Mathieu (Jacques Bonnaffé) im Sommeridyll unerwartet auf. Er lauert nicht nur im nächtlichen Garten auf seine Chance. Auch der homosexuelle Klempner Didier (Jean-Marc Barr), der den Boiler reparieren soll, greift ins Geschehen ein. Ein turbulenter Beziehungs- und Liebesreigen beginnt, in dem sich nicht nur der Teenager Charly Klarheit über seine sexuelle Identität verschaffen muss.

Auch im Urlaub Zeit für saftigen Sex: Valeria Bruni-Tedeschi und Jacques Bonaffé

Auch im Urlaub Zeit für saftigen Sex: Valeria Bruni-Tedeschi und Jacques Bonaffé

Turbulent geht es vor allem in den originellen Gesangs- und Tanzeinlagen zu, in denen der Film die bunten Musicals von Jacques Demy zitiert - dessen Assistent Olivier Ducastel früher war. Der Originaltitel von Meeresfrüchte, Crustacés et Coquillages - zu deutsch "Schalentiere und Muscheln" - ist eine Verszeile aus einem Chanson, den Bruni-Tedeschi und Melki im Film singen. Die ersten beiden Liedzeilen zitieren den Anfang aus Brigitte Bardots legendärem Sommerlied "La Madrague", nur dass hier der nostalgische Ton des Originals einer frechen Sinnlichkeit und Frivolität gewichen ist. In der Tat dreht sich hier alles um ein einziges Thema: Sex. Er ist fast alleiniger Gesprächsstoff der Figuren und zentraler Motor der Handlung. Permanent wird er durch eine Fülle von kitschigen Symbolen - so etwa die zartviolette Meeresfrucht als Metapher des weiblichen Geschlechts - suggeriert, aber nie offen gezeigt. Am Ende aller emotionalen Irrungen und Wirrungen führt er die Familie in einer harmonischen Neuordnung zusammen. Meeresfrüchte ist eine Ode an die Freiheit der Gefühle und entwirft eine Utopie der Liebe, die sich mit Vergnügen sämtlichen gesellschaftlichen Konventionen und moralischen Urteilen entzieht. Jeder darf wie - und mit wem er will und das führt sogar noch zum beschwingten Happyend. "Meeresfrüchte" ist ein rundum gelungener Sommerfilm, der selbstbewusst zwischen poetischem Realismus und derber Posse schwankt. Er sprüht nur so vor Leichtigkeit und Frivolität. Ein Stück bonheur für den Zuschauer, der den Kinosaal garantiert beschwingt verlässt.

Zum Thema

Filmplakat zu Meeresfrüchte

Meeresfrüchte

Marc (Gilbert Melki) und Béatrix (Valeria Bruni Tedeschi) verbringen die Sommerferien mit ihrem pubertierenden Sohn Charly (Romain Torres) am Meer.... mehr

Porträt zu Olivier Ducastel

Olivier Ducastel

Regisseur, Drehbuch
weiter

Porträt zu Jacques Martineau

Jacques Martineau

Regisseur, Drehbuch
weiter

Porträt zu Valeria Bruni Tedeschi

Valeria Bruni Tedeschi

Schnitt, Darstellerin, Regisseur, Drehbuch
weiter

Porträt zu Gilbert Melki

Gilbert Melki

Darsteller
weiter
Eisenstein findet in Guanajuato Liebe und Tod (Elmer Bäck, Luis Alberti)

Weitere Kritiken: Peter Greenaway - Filmpoet und Mathematiker

In "Eisenstein in Guanajuato" erzählt Peter Greenaway vom Aufenthalt des sowjetischen... weiter
Steve Jobs (Michael Fassbender) repräsentiert Apple

Danny Boyle über Apple-Gründer Steve Jobs

Großartiges Filmportrait des Apple-Firmengründers Steve Jobs. Regisseur Danny Boyle... weiter
Dane DeHaan und Robert Pattinson in "Life"

Anton Corbijn auf den Spuren eines Mythos'

Mit "Life" hat Anton Corbijn einen Film über James Dean inszeniert. Gleichrangig neben... weiter
© 2018 Filmreporter.de