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Capelight Pictures

Biopics würdigen Sportlegenden

Die Helden der Arenen

Fürst Albert II wagt sich in seinen Sturm- und Drangjahren auf die eisige Piste und schiebt für Monaco einen Bob durch die Eisrinne. Der Blaublütige ist auf den Spuren von vier waghalsigen Jamaikanern, die 1988 bei den Olympischen Spielen im kanadischen Calgary die Konkurrenz aufmischen. Da einer der Sportler, die allesamt Angehörige der Armee sind, das Nachtleben in der Olympiametropole zu ausgiebig genießt, wird er ausgeschlossen und durch einen Sprinter ersetzt, der dort seine ersten Fahrten macht.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  23. Dezember 2020
Cool Runnings
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Cool Runnings

Jamaika I trudelt durch die Eisrinne

Das unerfahrene Team wird vom Bob beherrscht als der von ihnen gelenkt. Die Folgen sind vor allem für die nachfolgende Überflieger-Crew um DDR-Bobpilot Wolfgang Hoppe dramatisch. Sie müssen bei einem Lauf unmittelbar nach den Jamaikanern auf die lädierte Bahn und verlieren dabei so viel Zeit, dass sie in der Gesamtabrechnung die Goldmedaille verpassen. Die Karriere der vier Jamaikaner werden indes von Jon Turteltaub in seiner mitreißenden Komödie "Cool Runnings - dabei sein ist alles" aus dem Jahr 1993 frei nachgestellt. Bei Kosten von 15 Millionen US-Dollar spielt der Film 155 Millionen US-Dollar ein.

Bis heute hat die blendend fotografierte Komödie nichts von ihrer Faszination eingebüßt und versüßt den Fans die Weihnachtszeit, wenn die Wettkämpfe und mit ihnen die Wetteinsätze bei Seiten wie comeon.com/de ruhen. Wer damals auf die Jamaikaner als Letzte im Klassement gesetzt hat räumt ab. Wer auf den Dauersieger Hoppe gesetzt hatte, verlor seinen Einsatz. Exotische Wintersportler stehen mehrmals im Zentrum von Filmen, wogegen Filme auf den auch bei den Wettern heiß geliebten Fußball zu den Ausnahmen zählen. Selbst in Deutschland mit seinen vier Weltmeistersternen und legendären Persönlichkeiten traut sich lange kaum ein Regisseur an die Helden. In der DDR, wo die Förderung des Leistungssports die Überlegenheit des Sozialismus beweisen soll, fehlen solche Filme ganz.

Den Europäern fehlt vielleicht die Leichtigkeit des Erzählens und sie fürchten, dass ihnen die Fans jeden Fehler in den Details übel nehmen. Turteltaub ist bei "Cool Runnings" frei von Skrupeln. Er machte aus den Fakten - ein amerikanischer Versicherungsvertreter und Ex-Bobsportler baut dort das Team aus Sportlern auf, die ursprünglich von einer Karriere à la Usain Bolt träumen - eine typische Hollywood-Außenseitergeschichte auf. Die vier Jamaikaner Leon Robinson, Doug E. Doug, Rawle D. Lewis und Malik Yoba werden von ihren Konkurrenten belächelt, was ihren Ehrgeiz nur noch mehr anstachelt. Mit ihren Leistungen in der Eisrinne und ihrem Mut erarbeiten sie sich langsam den Respekt der Konkurrenz und erobern die Herzen von Sportreportern und Publikum.


Taron Egerton in "Eddie the Eagle - Alles ist möglich"
20th Century Fox
Taron Egerton in "Eddie the Eagle - Alles ist möglich"

Olympischer Geist von Hollywood gefeiert

Die Zuschauer drücken auch Eddy 'the Eagle' Edwards stets die Daumen, auf dass dieser den Sprung von der Skischanze sicher lande. Der kurzsichtige Brite hat es sich in den Kopf gesetzt, bei Olympischen Winterspielen teilzunehmen. Nachdem es in den alpinen Wettbewerben nicht klappt, entscheidet sich der Brite sich für das Skispringen. Das Skifahren erlernt er nach eigener Aussage auf den Hügeln der südwestenglischen Stadt Gloucester. Ohne Unterstützung des britischen Verbandes tritt der im Vergleich mit der Konkurrenz übergewichtige Brite mehrmals bei der Vierschanzentournee, bei der Nordischen Ski-WM 1987 und den Olympischen Spielen 1988 an. Als der Chef des Organisationskomitees, Frank King, den Athleten dankt "Ihr habt Weltrekorde gebrochen, persönliche Bestleistungen aufgestellt und einige von euch schwebten wie ein Adler", jubeln die 100.000 Zuschauer und schreien "Eddie, Eddie!".

Der Brite lebt seinen ganz persönlichen olympischen Traum wie die oben genannten vier Jamaikaner. Erst 2016 nimmt sich Dexter Fletcher in einer filmischen Biographie "Eddie the Eagle - Alles ist möglich" seiner an. Der Film ist inhaltlich ähnlich wie "Cool Runnings" aufgebaut, ohne dessen komödiantische Qualitäten zu erreichen. Er hält sich weitgehend an die Fakten. Edwards wird von Taron Egerton als ehrgeiziger Naivling gespielt, seinen Trainer, der nur mit großem Widerwillen die Aufgabe übernimmt, gibt Hugh Jackman aus dem nicht gerade als Wintersportland bekannten Australien.

Die Filme feiern den olympischen Geist, das dem Olympischen Komitee längst nicht mehr so wichtig ist. Es erlässt Anfang der 1990er Jahre Regularien, die Sportlern wie den Jamaikanern und Eddie 'The Eagle' das Leben ihres Traums beinahe unmöglich machen. Für die Spiele werden strenge sportliche Qualifikationskriterien aufgestellt. Außenseiter klagen sich seitdem sogar in den Wettbewerb. Dagegen ist eine andere Änderung des Reglements für einen fairen Bewerb tatsächlich sinnvoll. Heute wird die Startreihenfolge nicht mehr ausgelost. Die Sportler starten nach ihren Vorleistungen in Gruppen, damit sie annähernd die gleichen äußeren Bedingungen haben.


I, Tonya (2017)
dcm
I, Tonya (2017)

Eisprinzessinnenzwist: Harding vs. Kerrigan

Auf das spiegelglatte Eis führte auch ein blutig geführter Zickenkrieg, der den Wettbewerb im Eiskunstlauf der Damen bei den Olympischen Spielen 1994 überschattet und in "I, Tonya" filmisch thematisiert wird. Die aus einfachen Verhältnissen stammende Tonya Harding (Margot Robbie) steht als erste Amerikanerin den dreifachen Axel, bei den Weltmeisterschaften 1991 erringt sie eine Bronzemedaille. Die Olympischen Spiele von 1994 sind ihre letzte Chance, die jahrelange Schufterei als Eisprinzessin einer Revue auch finanziell zum Erfolg zu machen. Doch Harding erkennt, dass sie die elegante Nancy Kerrigan (Caitlin Carver) wohl nicht schlagen wird. Deshalb soll sie ihren Ex-Mann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) angestiftet haben, einen Schlägertrupp zu engagieren, der Kerrigans Knie vor den US-Meisterschaften zerschmettert.

Die später als 'Eishexe' verunglimpfte Harding belegt in Norwegen den achten Platz, Kerrigan gewinnt trotz der Trainingspause nach der Verletzung Silber. Drehbuchautor Steven Rogers erkennt schnell das filmische Potential der Auseinandersetzung. Sein Drehbuch schafft es 2016 auf die Black List der beliebtesten unverfilmten Drehbücher Hollywoods. Ein Jahr später kommt "I, Tonya" von Craig Gillespie in die Kinos und wird 2018 gar für einen Oscar nominiert.


Ali
Universum Film
Ali

Großschnauze und Vorkämpfer gegen Rassismus: Muhammad Ali

Seinen Frieden mit Muhammad Ali, eigentlich Cassius Clay, machen die USA mit dem Biopic "Ali", das Michael Mann 2001 mit Will Smith in der Titelrolle inszeniert. Der Megastar absolviert ein mehrmonatiges Fitness-, Box- und Sprachtraining, studiert den Koran und nimmt etliche Kilos zu, um in die Haut des Box-Großmauls und politischen Aktivisten zu schlüpfen, der zum Islam übertritt und den Wehrdienst verweigert. Der Film beginnt vier Jahre nach dem Olympiasieg von Cassius Clay im Halbschwergewicht mit dem Gewinn der Profi- Box-Weltmeisterschaft im Schwergewicht gegen Sonny Liston im Jahre 1964. Die handlung endet 1974 mit Alis legendären Boxkampf Rumble in the Jungle gegen George Foreman in Zaire.

Mann thematisiert neben dem gesellschaftlichen Engagement, das Ali zu einem Vorreiter im Kampf für die Gleichberechtigung von Schwarzen in den USA macht, auch dessen Privatleben. Alis erste Frau Sonji (Jada Pinkett Smith) weigert sich, die strenge muslimische Kleiderordnung einzuhalten, wie es Ali einfordert. Seine zweite Frau Belinda (Nona Gaye) macht ihm dagegen wegen etlicher Affären die Hölle heiß und will ihn verlassen.

Henry Maske spielt Max Schmeling
Deutschlands Box-Legende Max Schmeling steht ebenfalls im Focus eines Biopics. Trashfilmer Uwe Boll, selbst ein begeisterter Amateurboxer, nimmt sich 2010 dessen schillerndes Leben vor und gewinnt einen Großen des Boxsports für die Hauptrolle in "Max Schmeling". Gentleman-Box-Weltmeister Henry Maske, in den 1990ern der ungekrönte König im Ring, spielt den legendären Weltmeister der 1930er Jahre. Schmeling sucht ihn selbst für die Rolle aus. Die beiden deutschen Boxlegenden verbindet eine innige Freundschaft. Nach reiflicher Überlegung sagt Maske zu und nimmt acht Monte Schauspielunterricht für die Produktion, die von drei nicht genannten Hamburger Millionären finanziert wird.

Der Film wird von der Kritik zerrissen und floppt an der Kinokasse, obwohl gute Schauspieler wie Heino Ferch, R.P. Kahl und Susanne Wuest an Maskes Seite stehen und Boxprofis wie Yoan Pablo Hernández und Arthur Abraham für die Nachstellung der Kämpfe gewonnen werden. Maskes Trainer Manfred Wolke hat einen Kurzauftritt als Trainerlegende Jack Sharkey. Offenbar liegt das Projekt in keinen guten Regie-Händen. Bolls Ambitionen passen nie zu seinen Fähigkeiten. Insofern braucht es dringend einen zweiten Anlauf, um Schmelings Leben im Kontext von Anpassung an die Nazis, Erlebnissen als Soldat an der Front und Würdigung in Deutschland zu erzählen.


Freya Mavor & David Kross in "Trautmann" (2018)
SquareOne Entertainment
Freya Mavor & David Kross in "Trautmann" (2018)

Verpasster Weltmeister statt Helden von 1954

Als zeitloses Geschenk taugt dagegen "Trautmann" des Bayern Marcus H. Rosenmüller. Mit David Kross in der Titelrolle setzt er einem verhinderten Weltmeister von 1954 ein Denkmal. Weltmeistertrainer Sepp Herberger weigert sich, deutsche Spieler aus dem Ausland einzusetzen und verzichtet auf Bert Trautmann. Der einstige Kriegsgefangene hat in GB längst eine zweite Heimat gefunden und schlägt das Angebot von Schalke aus, zurückzukehren. Zur britischen Sportlegende wird der Torwart von Manchester City beim Pokalfinale 1965, als er einen Genickbruch erleidet, das Spiel aber dennoch bis zur letzten Minute durchsteht.

Rosenmüller verdicht die Lebensgeschichte 2018 zu einen Melodrama samt Love-Story und Versöhnungsgeschichte zwischen Briten und Deutschen. Die packenden Spielszenen stellt der Hobbyfußballer mit Amateuren aus München und Augsburg nach. Sein Erfolgsrezept: Er hat keine Angst, auf große Gefühle zu setzen und die Zuschauer zu Tränen und zum Lachen zu animieren.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  23. Dezember 2020

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