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RETRO Feature
Werner Krauß
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"Caligari" wird Hitlers Liebling

Scheusal Werner Krauß

Werner Krauß war selten ein positiver Held - meist eher das Scheusal: Im Theater wie im Film gab er oft geistig und körperlich deformierte Kreaturen. Nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde seine Person genauso dämonisiert wie sie vorher bejubelt wurde. Nur acht von mehr als 130 Filmen drehte der Charakterdarsteller Krauß zwischen 1933 und 1945. Besonders seine sechs Juden-Rollen im antisemitischen Propaganda-Film "Jud Süß" prägen die heutige Wahrnehmung seine schauspielerischen Verdienste und Person.
Von  Ulrich Blanché/Filmreporter.de,  20. Juli 2020
Werner Krauß in Die Hölle der Jungfrauen
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Werner Krauß in Die Hölle der Jungfrauen

Werner Krauß - der Getriebene

Werner Krauß brennt von Anfang an für das Schauspiel. Aus gutbürgerlichem Pfarrershause stammend, soll der 1884 geborene Krauß Lehrer werden. Weil er zu viel Zeit als Statist am örtlichen Theater verbringt, wird er vom Unterricht ausgeschlossen und tingelt ohne Abschluss mit Wandertheatern durch die deutsche Provinz. Von Max Reinhardt, dem wichtigsten Regisseur seiner Zeit, wird er ab 1913 zunächst als Zweitbesetzung und mit Nebenrollen bedacht. Schon ein Jahr später wendet er sich dem neuen Medium Film zu und spielt mehrere Rollen an der Seite von Emil Jannings, den er im Laufe seiner langen Karriere immer wieder treffen wird. Von Anfang an spielt er in den Melodramen, Detektiv-, Sitten- und Aufklärungsfilmen abstoßende, verkommene und leicht debile Widerlinge. So gibt er in "Die Bettlerin von St. Marien" den Buckeljörg, in "Dida Ibsens Geschichte" den sadistischen Peitschenschwinger Galen, den chinesischen Rauschgifthändler Nung-Tschang in "Opium" oder in "Totentanz" einen mordlüsternen Krüppel.


Werner Krauß als Cyrano de Bergerac
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Werner Krauß als Cyrano de Bergerac

Der böse Werner Krauß

Seinen internationalen Durchbruch hat Werner Krauß nach dem Ersten Weltkrieg mit "Das Cabinet des Dr. Caligari". Seine von expressiver Mimik und starker Körpersprache geprägte Darstellung des Schaustellers und Irrenarztes zählt heute noch zu seinen bekanntesten. Der Stummfilm ist sein Medium - hier kann Krauß mit seiner physischen Präsenz wirken und in immer neue Rollen und Kostüme schlüpfen. Dennoch bleibt er oft klischeehaft dämonisch, wie als Scapianelli in "Der Student von Prag". Doch Werner Krauß kann der Festlegung auf derartige Scheusal-Rollen entgehen. Immer wieder spielt er auch ambivalentere oder sogar positive Parts wie in "Scherben", wo er den Verführer seiner Tochter tötet oder dem Lustspiel "Alt-Heidelberg", wo er einen liberalen Hauslehrer spielt. Diese Rolle hatte er zuvor schon am Theater gegeben.


Werner Krauss inmitten einer Garde
Filmwelt
Werner Krauss inmitten einer Garde

Propaganda-Krauß

Nachdem Werner Krauß jahrelang mindestens fünf Filme pro Jahr gedreht hat, verlegt er sich Ende der 1920er Jahre wieder mehr aufs Theaterspielen und nimmt Engagements an renommierten deutschen und österreichischen Bühnen an. Zwischen 1929 und 1935 dreht er nur fünf Filme, was mit dem Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm zutun hat. Er lässt sich bereitwillig von der nationalsozialistischen Ideologie vereinnahmt. So gehörte er bereits 1934 zu den Künstlern, die den berüchtigten "Aufruf der Kulturschaffenden" unterschreibt, der die Zusammenlegung des Reichspräsidenten- und Reichskanzleramts in der Person Adolf Hitlers unterstützen. Noch im selben Jahr wird er Staatsschauspieler. In den folgenden Jahren wird Krauß mehrmals in "staatspolitisch besonders wertvollen" Filmen besetzt: Sowohl in "Robert Koch, der Bekämpfer des Todes" als auch in "Die Entlassung" tritt er als Gegenspieler von Emil Jannings auf. Einen makaberen Beweis seiner Wandlungsfähigkeit lieferte Krauß 1940 in dem antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß". Hier spielt er alle Juden außer der Titelrolle, um Regisseur Veit Harlans in Der Film vom 20. Januar 1940 geäußerte Nazi-These zu bestätigen: Der "tiefere Sinn" dieser Besetzung sei, zu zeigen, "wie alle diese verschiedenen Temperamente und Charaktere […] letzten Endes aus einer Wurzel kommen".


Werner Krauß in Der Student von Prag
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Werner Krauß in Der Student von Prag

Der Vorhang fällt

Nach dem Ende des Nazi-Regimes bekommt Krauß zunächst Auftrittsverbot, das schnell wieder aufgehoben wird. Bald spielt er wieder im Theater und bekommt in den 1950er Jahren drei Filmrollen. Krauß erhält sogar wieder hohe Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz. Seine allzu einfache Rehabilitation führt immer wieder zu Protesten. So werden Krauß' Auftritte teils unter Polizeischutz abgehalten. Er stirbt schließlich 1959 nachdem er ein Jahr zuvor auf der Bühne zusammengebrochen war.
Von  Ulrich Blanché/Filmreporter.de,  20. Juli 2020

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