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Interview

Liam Neeson in "96 Hours"

20th Century Fox

"Jeder Vater würde das Gesetz brechen"

Liam Neesons niedere Instinkte

In "96 Hours" spielt Liam Neeson den ehemaligen Geheimagenten Bryan. Durch die Entführung seiner Tochter verschiebt dieser seinen Ruhestand und begibt sich auf einen Rachefeldzug. Trauriges Detail am Rande: Während der Dreharbeiten in Paris 2007 sorgte der Entführungsfall der kleinen Madeleine McCann auch beim Filmteam für Unruhe und Besorgnis. Ihre fiktive Geschichte erhielt so einen realen Hintergrund. Auch sprach Neeson über geheimnisvolle Trainingstechniken der russischen Armee. Doch so richtig will er damit nicht rausrücken.

Harter Brocken: Liam Neeson in "96 Hours"

20th Century Fox

Ricore: Ist es nicht sehr kalt für Sie derzeit in Berlin?

Liam Neeson: Oh ja, es ist sehr kalt. Es ist sogar kälter als in New York.

Ricore: Haben Sie diese Rolle gewählt, um etwas total Konträres zu Ihren bisherigen Rollen zu machen? Ich meine, sie foltern Menschen in diesem Film…

Neeson: Ja, etwas davon spielte schon mit. Aber vor allem sprach das Drehbuch den elfjährigen Jungen an, der noch immer in mir steckt. Ich finde, es ist es ein gut geschriebenes Drama und natürlich mag ich Luc Besson sehr gerne. Ich mag seine Art, Filme zu machen. Und ich dachte mir, ich sollte das machen, bevor ich zu alt werde. Der Held ist mit Ende 40 ja auch nicht mehr der Jüngste. Man musste mich nicht allzu lange fragen, die Rolle zu übernehmen.

Ricore: Sie dachten sich also, lass es mich jetzt tun oder nie?

Neeson: Ganz genau, ich weiß nämlich nicht, ob ich sowas in Zukunft nochmal machen werde oder kann. Ich bin immerhin schon 56 Jahre alt.

Ricore: War es Luc Bessons Idee, ausgerechnet Sie für diese Rolle zu engagieren?

Neeson: Ich weiß nicht genau, wie der Ablauf war. Klar habe ich mit dieser Rolle eine selbst aufgestellte Tradition gebrochen. Bisher war ich nicht gerade bekannt dafür, ein physischer Darsteller zu sein, das heißt, der viele Actionszenen zu spielen hat. Ich wollte das zwar immer machen, aber irgendwie kam die Gelegenheit nie. Jetzt war sie da.


Liam Neeson in "96 Hours"

20th Century Fox

Ricore: In "96 Hours" spielen Sie einen Agenten. Hatten Sie einen Bezug zu der Rolle?

Neeson: Ich habe einige dieser Agenten getroffen. Sie sehen so normal aus, wie gewöhnliche Bibliothekare. Man würde sie nicht erkennen. Doch mitten in der Nacht bekommen sie einen Anruf, sollen ihre Ehefrauen, ihre Kinder verlassen und nach Afghanistan, Korea oder sonstwohin gehen.

Ricore: Haben Sie für den Film trainiert?

Neeson: Ich halte mich generell fit. Für diese Rolle musste ich mein regelmäßiges Training ein wenig intensivieren. Jeden Morgen oder jeden Abend nach dem Drehen haben wir die Kampfszenen geübt.

Ricore: Wie halten Sie sich fit? Reiten Sie oder machen Sie am Ende Gymnastik?

Neeson: Nein, ich habe mein eigenes Fitness-Ding (lacht)...

Ricore: Es ist also geheim. Ist Ihr Fitnessprogramm so besonders?

Neeson: Nein, es ist sehr langweilig. Mein Fitnessprogramm basiert auf Trainingstechniken der russischen und der britischen Armee. Es ist wirklich langweilig.

Ricore: Das hört sich nicht so an.

Neeson: Liegestützen, Sit-ups, Gewichte. Langweilig.


96 Hours

20th Century Fox

Ricore: Aber es funktioniert offenbar.

Neeson: Nun ja, es scheint zu funktionieren.

Ricore: Machen Sie Ihre Stunts selbst?

Neeson: Ich habe alle Kampfszenen selbst gemacht. Ich habe einen fantastischen Stuntman, Mark. Er machte all diese Stunts, springt für mich auf Boote, solche Sachen eben. Doch die Kampfszenen mache ich selbst.

Ricore: Rache ist eines der Motive in "96 Hours". Haben Sie sich gefragt, wie weit Sie selbst gehen würden um sich zu rächen? Ob Sie überhaupt Rache nehmen würden an jemandem?

Neeson: Nein, das habe ich nicht. Doch ich kann es als Vater nachempfinden. Man würde alles für seine Kinder tun. Wenn das nun hieße das Gesetz zu brechen… natürlich würde ich das tun, absolut. Wenn mein Kind in Gefahr ist, wohlgemerkt. Während der Dreharbeiten in Paris wurde Madeleine McCann entführt. Das war sehr präsent, wurde 24 Stunden am Tag von den Medien behandelt. Tag für Tag mit anzusehen wie die Eltern von der Presse bombardiert, später sogar noch beschuldigt wurden! Danach von den portugiesischen Behörden beschuldigt wurden! Ich ziehe wirklich meinen Hut vor diesen Eltern. Ich erinnere mich immer an dieses Bild von Mrs. McCann, wie sie den Teddybär ihrer Tochter festhält. Nur um sich an etwas von ihrer Tochter festzuhalten. Eine Art Talisman, der vielleicht das Leben retten kann. Das soll nicht falsch verstanden werden, doch dieses Bild inspirierte mich jeden Tag aufs Neue, wenn ich arbeiten ging.

Ricore: Haben Sie dadurch ihre Wut gefunden?

Neeson: Ja, das habe ich. Wirklich. Ich schäme mich fast, das zu sagen. Doch man wird eben von vielen verschiedenen Quellen inspiriert.


Liam Neeson in ungewohnter Rolle

20th Century Fox

Ricore: Wie waren die Dreharbeiten in Paris, sprechen Sie Französisch?

Neeson: Ich komme jedes Jahr nach Paris, seit 16 Jahren. Meine Frau spricht flüssig, meine Kinder sind dabei, es zu lernen. Ich selbst beherrsche vielleicht sieben Worte. Doch ich habe keine Angst, mache meine Einkäufe selbst.

Ricore: Franzosen haben eine sehr hohe Meinung von ihrer Sprache, wollen teilweise nicht mit Menschen sprechen, die ihre Sprache nicht beherrschen.

Neeson: Ja, besonders Pariser. Sie sind da ein bisschen arrogant.

Ricore: Das nächste Mal drehen Sie also in Deutschland?

Neeson: Ich habe vor 18, 19 Jahren einen Film hier gedreht. Mit Melanie Griffith und Michael Douglas. Ich war drei Monate hier. Es war kurz nach dem Fall der Mauer, eine Art Katerstimmung. Der gute Wein war getrunken, die schönen Frauen gegangen. Wir haben in Potsdam gedreht. Es war beeindruckend, wie eine Zeitreise in die Vergangenheit.

Ricore: Haben Sie manchmal das Gefühl, als Darsteller eines Films etwas Intimes von sich zu geben und nicht die volle Kontrolle darüber zu haben?

Neeson: Ja. Es ist nicht mehr unter deiner Kontrolle, wenn die Dreharbeiten abgeschlossen sind. Der Regisseur hat ab dem Zeitpunkt die Kontrolle über den Film. Das Endprodukt ist immer wieder überraschend. Welche Szenen haben es in den Film geschafft, welche Teile wurden rausgeschnitten?


Luc Besson

Jean-François Martin/Ricore Text

Ricore: Was mögen Sie an Berlin? Haben Sie die Zeit, etwas zu besichtigen?

Neeson: Es gibt eine großartige Skulptur hier, die ich gestern gesehen habe. Ich möchte sie nicht "Holocaust Mahnmal" nennen. Was ich daran so gut finde, ist die Tatsache, dass es keine Gedenktafel oder ähnliches gibt, die einem vorschreibt, was man zu denken oder zu fühlen hat. Das bleibt jedem selbst überlassen.

Ricore: Sie haben 1993 Oskar Schindler gespielt. War das für Sie eine Rolle wie jede andere oder bedeutete sie mehr?

Neeson: Natürlich bedeutete sie mehr, absolut. Auch war das öffentliche Interesse gewaltig. Ich erinnere mich an eine Pressekonferenz. Die deutschen Journalisten gingen so ins Detail, waren so wissbegierig. Sie wollten jeden Aspekt erfahren.

Ricore: Wird das Schauspielen mit der Zeit einfacher oder schwieriger?

Neeson: Ich denke, es wird schwieriger. Es ist natürlich toll, so viel Erfahrung anzuhäufen. Doch wenn du mit einer 17 oder 18-jährigen Schauspielerin arbeitest, wirst du umgehauen. Von ihrer Direktheit, ihrer Ehrlichkeit. Sie scheint sich ihren Text gerade auszudenken, ihn nicht aufzusagen. Und dann stehst du da, mit deinen 30 Jahren Erfahrung. Merkst, dass du dir ein System von Barrieren aufgebaut hast. Du denkst, dass du mit deiner Schauspielerei die Wahrheit erzählst, doch eigentlich bedienst du dich so vieler Tricks, die du dir über die Jahre angeeignet hast. Was das betrifft, wird es mit den Jahren schwieriger. Es wird schwieriger, einen Moment der Wahrheit zu schaffen. Es ist schwer, das Gefühl in Worte zu fassen. Beim Publikum soll am Ende folgender Eindruck entstehen: Über alles, was meinen Mund verlässt, habe ich vorher nachgedacht - es sind meine Gedanken, die meinen Mund verlassen. Die Zuschauer sollen nicht denken "Oh, da hat der Drehbuchautor wirklich einen tollen Satz geschrieben, der Schauspieler bringt das ziemlich gut rüber". Das versuche ich zu erreichen, das ist mein ständiges Ziel.


Liam Neeson am Set von "96 Hours"

20th Century Fox

Ricore: Es ist das erste Mal, dass Sie mit Luc Besson gearbeitet haben. Können Sie das beschreiben?

Neeson: Luc war während der gesamten Dreharbeiten nur zwei Mal am Set. Er sah sich täglich die Aufzeichnungen unserer Arbeit an, doch er kam nicht ans Set. Er wollte niemanden von der Crew beeinflussen. Denn sie sehen alle zu ihm auf, er hat ihnen schließlich Arbeit gegeben.

Ricore: Wie war es, in Frankreich zu arbeiten?

Neeson: Es war sehr gut. Ich fand die Zeit in Frankreich jedoch sehr anstrengend. Wir begannen um zehn Uhr Morgens mit den Dreharbeiten, arbeiteten ohne Pause bis sechs Uhr Abends durch. Bei mir kam dann noch das morgendliche oder abendliche Kampftraining hinzu. Manchmal sogar beides. Das war sehr, sehr anstrengend. In den USA oder Großbritannien gibt es wenigstens eine Stunde Mittagspause. Ich esse gewöhnlich sehr schnell, um anschließend noch 20 Minuten zu ruhen. Das war hier nicht möglich. Es war wirklich fordernd.

Ricore: Sie hegen eine große Liebe für das Theater, haben das Spiel auf der Bühne nie aufgegeben.

Neeson: Das ist mein Training, meine Ausbildung. Das Kino ist hundert Jahre alt, das Theater ist mindestens viertausend Jahre alt. Ich empfinde das als Huldigung, will dem Theater meine Schuld zurückzahlen.

Ricore: Doch man wird wesentlich schlechter bezahlt als beim Film...

Neeson: Ja, das ist das große Kontra. Mit dem Theater kannst du deine Rechnungen nicht bezahlen.


Liam Neeson

20th Century Fox

Ricore: Sie haben in Europa und in den USA Filme gedreht. Auf welcher Seite des Ozeans arbeiten Sie lieber.

Neeson: Ich mag beides. Bei Dreharbeiten hier in Europa gefallen mir das Tempo und die Energie. In den USA ist alles etwas langsamer, gemächlicher. Beides gefällt mir.

Ricore: Gibt es einen deutschen Regisseur, mit dem Sie gerne arbeiten würden.

Neeson: Ich habe im Sommer letzten Jahres mit einem großartigen deutschen Regisseur gearbeitet, Oliver Hirschbiegel. Wir haben diesen kleinen irischen Film gedreht, der auf dem Sundance Festival lief. Er war fantastisch, ich liebte es mit ihm zu arbeiten.

Ricore: Sie lieben guten Rotwein, sammeln Sie Wein?

Neeson: Ich sammle einige Weine, ich mag Pinot Noir. Ich habe einen winzigen Weinkeller mit einem kleinen Weinbestand.

Ricore: Was trinken Sie im Moment?

Neeson: Das ist ein Bordeaux, er schmeckt sehr gut (lacht). Tut mir Leid, ist das sehr unprofessionell?

Ricore: Nein, überhaupt nicht. Sie sprachen von einem kleinen Weinkeller. Von wie vielen Flaschen Wein reden wir?

Neeson: Er ist wirklich klein, vielleicht 500 Flaschen. Es sind sehr einfache Weine, keine teuren.

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