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Interview

Regisseur Julian Schnabel auf der Biennale 2007
Pietro Pesce/Filmreporter.de

"Ich habe keine Karriere"

Julian Schnabel zu "Miral"
Seit Jahrzehnten gehört der multibegabte Maler Julian Schnabel zum 'who is who' der internationalen Kunstszene. Doch auch als Regisseur gelingt dem 59-jährigen mit Filmen wie "Before Night Falls" oder "Schmetterling und Taucherglocke", sein Publikum immer wieder aufs Neue zu bewegen. Nun kommt mit "Miral" ein Film in die Kinos, der anhand der Lebensgeschichte eines palästinensischen Waisenmdächens von den Ursprüngen des Krieges in Israel erzählt und die Zuschauer aufrütteln soll, zu einer Beendigung dieses Konflikts beizutragen. Wir trafen Schnabel in Hamburg zum Gespräch.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  26. November 2010
Miral
Prokino
Miral
Ricore: Mr. Schnabel, Kritiker vermuten, "Miral" sei Ihr bislang persönlichster Film. Würden Sie zustimmen?

Julian Schnabel: Alle meine Film sind persönlich. Ich kann also nur schwer einschätzen, ob das wirklich stimmt. Es war auf alle Fälle der Film, der mich am weitesten von dem distanziert hat, was ich sonst tue. Denn von Politik habe ich nie viel verstanden.

Ricore: Warum haben Sie dann gerade dieses Thema gewählt?

Schnabel: Als ich den Roman las, habe ich mich der Thematik auf dieselbe Weise verpflichtet gefühlt wie Hind Husseini, als sie eines Tages die Straße entlanglief und in einer Ecke all die Waisenkinder fand. Was tun? Einfach vorbeilaufen? Oder sich verantwortlich fühlen, die Kinder mitnehmen und für den Rest des Lebens auf sie aufpassen? Ich fand es erstaunlich, dass jemand sich zu so einem lebensverändernden Schritt entschlossen hat.

Ricore: Sie haben vor Ort in Israel gedreht. Hat Sie diese Erfahrung verändert?

Schnabel: Mein Leben verändert sich ständig. Im August habe ich ein paar neue Bilder in meinem Atelier gezeichnet. Währenddessen habe ich mit niemandem gesprochen und mich nur damit beschäftigt, Farbe auf ein paar Objekte zu klatschen. Das hat mein Leben mindestens so sehr verändert, wie dieser Film, über den wir uns jetzt unterhalten und der hoffentlich viele Zuschauer im Kino bewegt. Alles, was ich tue, ist mir wichtig, das ist das große Privileg meines Lebens. Ich habe keinen Job, bei dem man irgendwann Feierabend macht, dann in Rente geht und seinen Lebensabend auf Kuba verbringt. Das haben vielleicht andere zum Ziel, aber sicher nicht ich.


Julian Schnabel mit Ehefrau Olatz López Garmendia
Jean-François Martin/Ricore Text
Julian Schnabel mit Ehefrau Olatz López Garmendia
Ricore: Was ist denn Ihr Ziel?

Schnabel: Mich jeden Tag aufs Neue mit Dingen zu beschäftigen, die mich berühren und die ich vielleicht auch verändern kann. So auch bei diesem Film. Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass es für mich nichts Wichtigeres gibt, als diesen Stoff zu verfilmen. Es geht immerhin um ein Problem, über das sich die ganze Welt Sorgen machen sollte. Der Konflikt ist wie eine offene Wunde, die nach allen Seiten ihren Schmerz ausstrahlt.

Ricore: Was soll Ihr Film bezwecken?

Schnabel: Indem ich erzähle, wie alles begann, indem ich die Gründe für den Konflikt vielleicht etwas begreifbarer mache, ebne ich vielleicht ein paar Zentimeter auf dem langen Weg, der noch bis zum Frieden zu gehen ist.

Ricore: Sie hätten es sich auch leichter machen können: mit einem Film über diese Thematik riskieren Sie, dass sich weitaus weniger Leute Ihr Werk ansehen, als Sie es gewohnt sind...

Schnabel: Ich hätte nach dem Erfolg von "Schmetterling und Taucherglocke" jeden Film drehen könnte, den ich wollte. Man hat mir "American Gangster" angeboten, auch "Catch me if you can". Aber war ich wirklich nötig, um diese Filme zu drehen? Nein. Buchautorin Rula Jebreal brauchte mich jedoch, um ihrem Stoff Gehör zu verschaffen. Also habe ich gemacht. Ich kann mich noch erinnern, als damals jemand zu mir sagte: wieso zum Teufel steckst du dir freiwillig eine Knarre in den Mund? Ich dachte mir nur: weil ich die Freiheit und Privilegien besitze, es auf kreativer Ebene zu tun.


Freida Pinto in "Miral"
Prokino
Freida Pinto in "Miral"
Ricore: Haben Sie Keine Angst gehabt, dass Sie als selbst erklärter Politikbanause vielleicht nicht genügend über den Stoff wissen?

Schnabel: Nein, aber das bilde ich mir vermutlich auch nur ein. Auf jeden Fall macht man sich auch mitschuldig, wenn man einfach so die Augen davor verschließt. Ich wollte wissen, was dort vor sich geht, ich interessiere mich für die Befindlichkeit der gesamten Region. Deshalb habe ich auch keine Position bezogen, sondern die Geschichte so ehrlich wie möglich aus einer neutralen Position erzählt.

Ricore: Wann ist ein Film für Sie erfolgreich?

Schnabel: Wenn mir das gelungen ist, was ich erreichen wollte. Natürlich will ich, dass sich die Leute meinen Film auch ansehen, aber es ist eben nicht meine oberste Priorität. Kommerzieller Erfolg ist ohnehin ein zweischneidiges Schwert: mein Film "Before Night Falls" kam etwa zur selben Zeit in die Kinos wie "Gladiator". Wäre ich lieber Ridley Scott? Nein. Bin ich der Meinung, dass Javier Bardems Leistung wesentlich besser war, als die von Russell Crowe, obwohl auch er sicher ein guter Schauspieler ist? Definitiv. Hat Javier den Oscar gewonnen? Nein. Macht es mir was aus? Überhaupt nicht.

Ricore: Ist Ihr kommerzielles Desinteresse also vielleicht gerade der Grund, wieso alles, was Sie als Künstler anfassen, trotzdem zu Gold wird?

Schnabel: Ich kann das jetzt nicht bejahen, weil ich sonst genau so klinge, wie viele mich sehen: wie der arrogante, von sich selbst überzeugte Schnabel. (lacht)


Julian Schnabel inmitten schöner Frauen in Cannes
Jean-François Martin/Ricore Text
Julian Schnabel inmitten schöner Frauen in Cannes
Ricore: Dann formulieren wir es um: wie stolz sind Sie darauf, dass Sie sich kreativ auf die vielfältigste Art und Weise in Ihrer Karriere ausleben können - und für alles auch noch Lob ernten?

Schnabel: Ich habe keine Karriere als Fotograf. Ich habe keine Karriere als Regisseur. Und ich habe auch keine Karriere als Maler.

Ricore: Wie bitte? Sie haben keine Karriere?

Schnabel: Nein, zumindest habe ich das nie so interpretiert. Meine Arbeit war für mich immer eine Art klösterliche Beschäftigung mit mir selbst, etwas, das ich einfach tun musste. Eine andere Wahl hatte ich nicht. Ich hätte meine Malerei zum Beispiel auch ohne finanziellen Erfolg immer weiter verfolgt.

Ricore: Könnten Sie ohne Ihre Kunst leben?

Schnabel: Wenn ich nie wieder einen Film drehen könnte, könnte ich damit vermutlich meinen Frieden machen. Ich habe die Filme gedreht, die ich drehen wollte, und habe dabei meiner Meinung nach auch noch einen guten Job gemacht. Aber wenn ich nicht mehr Malen könnte, wüsste ich nichts mehr mit mir anzustellen. Ich würde definitiv zum Problem für diejenigen werden, die sich täglich mit mir umgeben müssen. Wie alle Menschen bin auch ich nicht perfekt. Aber das, worin ich am besten bin, ist nun einmal die Kunst.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  26. November 2010

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