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Interview

Bradley Cooper in "Silver Linings"
Senator Film Verleih

Hunger auf breites Rollenspektrum

Senkrechtstarter Bradley Cooper
Zwei Mal erwacht er nach einer rauschenden Partynacht mit Filmriss und Riesenkater. In Berlin leidet er nicht an einen "Hangover" - vielmehr hat ihn eine Lebensmittelvergiftung ans Bett gefesselt. An einer Sightseeing-Tour durch die Hauptstadt ist daher nicht zu denken. Bradley Cooper hat Filmreporter.de trotzdem zum Interview getroffen hat. Der sympathische Schauspieler nimmt sich Zeit, um über die Tragikomödie "Silver Linings" zu sprechen. Er berichtet auch von seiner Kindheit in Philadelphia, seinem Vater, dessen Liebe zum Kino ihn zur Schauspielerei brachte und seinem großen Mentor Robert De Niro.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  2. Januar 2013
Bradley Cooper, Jacki Weaver und Robert De Niro in "Silver Linings"
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Bradley Cooper, Jacki Weaver und Robert De Niro in "Silver Linings"
Ricore Text: Mr. Cooper, Sie sind schon zum dritten Mal in Berlin. Wie gefällt es Ihnen hier?

Bradley Cooper: Ich habe dieses Mal von Berlin nicht viel gesehen. Ich lag gestern den ganzen Tag mit Magenschmerzen im Bett. Ich muss etwas gegessen haben, das mir nicht bekommen ist.

Ricore: Es war kein Hangover?

Cooper: (lacht) Nein, es war kein Hangover.

Ricore: "In Silver Linings" spielen Sie einen Mann, der an einer bipolaren Störung leidet. Dabei haben Sie während des ganzen Films eine Nabe am Nasenhöcker.

Cooper: Ja, ich habe an dieser Stelle tatsächlich eine Narbe. Deshalb haben wir uns entschieden, daraus einen Schnitt zu machen. Die Verletzung wird im Film nicht erklärt. Pat hat sie sich wohl in der Klinik zugezogen, wo er wegen seiner bipolaren Störung eingeliefert wurde. Vielleicht hatte er einen Kampf.

Ricore: Helfen Ihnen solche kleinen Details, um einen Charakter zu modellieren?

Cooper: Ja, sehr. Als Schauspieler versucht man immer nach Dingen Ausschau zu halten, an denen man den Charakter verankert. So etwa die Kette, die Pat am Hals trägt. Mein Großvater hatte auch so eine. Wir haben sie für den Film rekonstruiert. Er war 35 Jahre Polizist in Philadelphia und ein besonderer Mensch.

Ricore: Sie spielen den Sohn von Robert De Niros Figur. Der ist eine Ikone für viele junge Schauspieler. Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit?

Cooper: Wir haben schon mal einen Film zusammen gemacht ("Ohne Limit"; Anmerkung der Redaktion). Er ist mein Freund, was die Arbeit sehr komfortabel machte. Selbst die herausforderndsten Szenen waren leicht zu spielen. Die Freundschaft zu ihm war der Grund, wieso ich mich in der Rolle gut fühlte. Hätte ich Robert nicht so gut gekannt, wäre die Arbeit mit ihm sicher sehr einschüchternd gewesen. Er ist eine Art Vaterfigur. Als ich ihn mit Dad ansprechen musste, fühlte ich mich tatsächlich, als ob er mein Dad wäre.

Ricore: Kann man ihn als Ihren Mentor bezeichnen?

Cooper: Hundertprozentig ja. Er ist ein wichtiger Mentor für mich.


Silver Linings
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Silver Linings
Ricore: War Ihr Vater für Sie eine Inspirationsfigur?

Cooper: Ja, er war eine große Inspiration für mich. Ich bin in einer Familie großgeworden, die nichts mit Kino oder Theater zu tun hat. Es ist eine Arbeiterfamilie. Trotzdem war mein Vater ein großer Filmfan. Mit ihm habe ich mir oft Filme angeschaut. Man kann sagen, dass er mich zur Schauspielerei gebracht hat.

Ricore: Trotzdem soll er zunächst skeptisch gewesen sein, was Ihre Berufswahl angeht.

Cooper: Ja, er hatte Angst und machte sich Sorgen. Er dachte: Was zur Hölle machst du da? Er fürchtete die Konsequenzen, sollte es mit dem Beruf nicht klappen.

Ricore: "Silver Linings" wurde in Philadelphia gedreht. War diese Arbeit auch eine Erinnerung an Ihre Kindheit?

Cooper: Ja. Ich stamme aus Jenkintown, einer Kleinstadt in der Nähe von Philadelphia. Das ist auch das Zuhause der Hauptfigur von "Silver Linings". Ich bin in einer Gesellschaftsschicht aufgewachsen, die sich eine Stufe über der von Pat befand. Meine Eltern wuchsen eine Ebene tiefer auf. Ich kenne also die Welt, die wir im Film zeigen - die Art sich zu kleiden, das Essen... Wie Pat bin auch ich italienisch-irischer Abstammung. Diese Parallelen waren sehr hilfreich für mich. Wenn man einen Film macht, muss man sich die Welt - die man darstellt - vorstellen können. Bei "Silver Linings" war das kein Problem. Da war bereits alles da.

Ricore: Sie sagten, Ihre Eltern gehören zur Arbeiterschicht. Haben Sie vor Ihrer Schauspielkarriere viel gearbeitet?

Cooper: Ja, ich hatte eine Menge Jobs. Unter anderen war ich mal Portier in einem Hotel. Da habe ich viele seltsame Dinge gesehen. Außerdem arbeitete ich in einem Restaurant als Kellner und ich lehrte Jugendlichen Schauspielerei.

Ricore: Stimmt es, dass Sie gerne Kochen?

Cooper: Ja, ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem viel gekocht wurde. Meine Großmutter hat ohne Unterbrechung gekocht und ich habe sehr viel Zeit mit meinen Großeltern verbracht. Kochen war ein großer Teil meines Lebens


Bradley Cooper liebt Jennifer Lawrence in "Silver Linings"
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Bradley Cooper liebt Jennifer Lawrence in "Silver Linings"
Ricore: Pat ist ein sensibler und emotionaler Charakter. Zeigen auch Sie Ihre Emotionen oder verbergen Sie sie eher?

Cooper: Ich finde es wichtig, im Leben präsent zu sein, wie auch immer sich das manifestiert. Damit bin ich bis jetzt am besten gefahren.

Ricore: War das Tanzen in "Silver Linings" für Sie eine Herausforderung?

Cooper: Es hat großen Spaß gemacht und ich liebte es. Auch wenn Jennifer den Großteil der Arbeit getan hat. Mir blieb nichts anderes übrig, als es zu genießen.

Ricore: Anfangs kann Pat überhaupt nicht tanzen Ist es schwierig für einen Schauspieler, das Nicht-Können darzustellen?

Cooper: Ja, es war eine Herausforderung. Aber es ist ein gutes Gefühl, sich diesbezüglich hinter Pat zu verstecken. Wenn jemand meine Tanzqualitäten anzweifelt, kann ich behaupten, dass die Figur schlecht tanzt, nicht ich (lacht).

Ricore: Sie sind für "Silver Linings" für einen Golden Globe nominiert. Was bedeutet Ihnen das?

Cooper: Es ist wundervoll, dass der Film anerkannt wird.

Ricore: Sind Sie wegen der Verkündung der Oscar-Nominierung im Januar aufgeregt?

Cooper: Ich halte deswegen nicht meinen Atem an, aber es wäre schön. Sollte ich aber nicht nominiert werden, wäre es dumm von mir, wenn es mir was ausmachen würde. Vielleicht werde ich mich tatsächlich aufregen, aber ich hoffe, dass das nicht der Fall sein wird. Es wäre jedenfalls ein schöner Silberstreifen (lacht).

Ricore: Finden Sie es nicht unfair, dass Komödien bei Auszeichnungen weniger gewürdigt werden als Dramen?

Cooper: Letztlich kommt es nur darauf an, gute Filme zu machen. Wer regt sich heute schon darüber auf, dass "Manche mögen's heiß" nicht die Preise gewonnen hat, den er verdient hätte. Letztendlich erinnern wir uns an die großartigen Filme und nicht an die Preise, die sie gewonnen haben.


Regisseur David O. Russell mit Hauptdarsteller Bradley Cooper am Set
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Regisseur David O. Russell mit Hauptdarsteller Bradley Cooper am Set
Ricore: Sie haben sich für die Rolle in "Silver Linings" die Haare kurz geschnitten, um wie der amerikanische Durchschnittsmann auszusehen. War das auch eine Art Flucht vor dem Status des 'sexiest man alive'?

Cooper: Als das People-Magazin mich zum 'sexiest man alive" wählte, waren wir mit dem Dreh von "Silver Linings" noch nicht fertig. Insofern hat meine Entscheidung, meine Haare zu schneiden, nichts mit dem Titel zu tun. Wir wollten mir einen komplett anderen Look verpassen als in "Hangover".

Ricore: Im Film geht es auch um Beziehungen. Was ist die Grundlage für eine intakte Beziehung?

Cooper: Kommunikation und Ehrlichkeit.

Ricore: Hatten Sie nach dem Erfolg der "Hangover"-Filme keine Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden?

Cooper: Vielleicht hätte ich tatsächlich Angst haben sollen, aber ich hatte keine. Ich bin aber froh, dass ich die Chance hatte, mit Ryan Gosling "The Place Beyond the Pines" zu machen. Es ist ein sehr düsterer Film, der sich von den "Hangover"-Filmen stark unterscheidet. Trotzdem war dieser Film keine bewusste Entscheidung von mir und keine Strategie. Nichtsdestotrotz war für mich die Reaktion der Zuschauer auf "Silver Linings" überraschend. Viele haben mich davor für keinen Schauspieler gehalten.

Ricore: Regisseur David O. Russell sagte einmal, dass Sie sich danach sehnen, auf unterschiedliche Weise gesehen zu werden.

Cooper: Ja, das sagte er tatsächlich mal, aber ich weiß ehrlich nicht, was genau er damit meinte (lacht). Wenn ich eines in meinem Beruf gelernt habe, dann dass ich keine Kontrolle darüber habe, wie mich die Öffentlichkeit wahrnimmt.

Ricore: Wie empfinden Sie diese Machtlosigkeit.

Cooper: Es ist sehr befreiend, sobald man das erkannt hat. Denn das versetzt einen in die Lage, loszulassen.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de,  2. Januar 2013

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