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Interview

Nachdenklich: Viggo Mortensen in "Die zwei Gesichter des Januars"
Schauspiel als Fenster zur Wahrheit

Viggo Mortensen sucht nach Erkenntnis

Zum Interview mit Filmreporter.de im Rahmen der Berlinale erscheint Viggo Mortensen im eleganten dunklen Anzug. Stolz und für jeden sichtbar prangt darauf das Emblem seines Lieblings-Fußballvereins - des argentinischen Erstligaclubs CA San Lorenzo. Höflich und gelassen geht der 55-Jährige auf unsere Fragen ein und reflektiert diese ausführlich. So auch Fragen zu den Kostümen in "Die zwei Gesichter des Januars", einer Adaption des gleichnamigen Romans von Patricia Highsmith. Vom Konkreten wechselt er immer wieder ins Allgemeine, etwa wenn er über das Verhältnis zwischen Kino und Gesellschaft oder die Schauspielerei als Mittel der Bewusstseinserweiterung spricht. Selbst vor heiklen Themen scheut er nicht zurück und beantwortet uns Fragen zu Alter und Tod.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de, 28. Mai 2014

Viggo Mortensen mit Kirsten Dunst

Viggo Mortensen mit Kirsten Dunst

Zwielichtiger Charakter
Ricore Text: Wie fühlt es sich an, die Verfilmung von Patricia Highsmiths "Die zwei Gesichter des Januars" auf der Berlinale zu präsentieren?

Viggo Mortensen: Obwohl ich schon öfter in Berlin gewesen bin, war ich noch nie auf der Berlinale. Es ist eines der wichtigsten Festivals der Welt, insofern bin ich glücklich, dabei zu sein. Andererseits mag ich "Die zwei Gesichter des Januars" sehr und würde mich nicht schämen, ihn auch anderswo zu zeigen (lacht).

Ricore: Sie spielen im Film einen sehr zwielichtigen Charakter. Ist Chester ein Bösewicht oder ein Opfer der Umstände?

Mortensen: Er ist ein schlechter Mensch (lacht). Gleichzeitig hat er auch gute Eigenschaften. Das gilt auch für die anderen Figuren des Films. Oscar und Kirsten] haben eine gute Arbeit bei der Ausgestaltung ihrer Charaktere abgeliefert. Das Ergebnis ist sehr nuanciert. In gewisser Weise sind alle Figuren des Films schlecht. Sie alle sind Lügner und verlieren am Ende alles. Dieser Aspekt verbindet "Die zwei Gesichter des Januars" mit den Filmen des Film noir. Überhaupt ist das ein charakteristisches Element in den Romanen Patricia Highsmiths. Alle ihre Charaktere sind im Grunde sehr verzweifelt.

Ricore: Was ist die innere Triebfeder der Figuren?

Mortensen: Sie handeln, weil sie glauben, keine andere Wahl zu haben. Chester möchte nicht ins Gefängnis, also kann er nur in eine Richtung gehen: nach vorne. Das ist das Positive an dieser Figur. Chester ist ein Überlebenskünstler oder ein Boxer, der immer wieder aufsteht und weiterkämpft.

Ricore: Sie scheinen Highsmith-Experte zu sein. Haben Sie ihre Romane gelesen?

Mortensen: Ich habe einige ihrer Bücher gelesen. Vor allem liebe ich ihre Kurzgeschichten. Die Sammlung "Little Tales of Misogyny" (übersetzt "Kleine Geschichten für Weiberfeinde") ist voller Wendungen, bei denen man sich das Lachen nicht verkneifen kann. Sie war eine tolle Schriftstellerin, die interessante Charaktere gezeichnet hat. Außerdem mag ich ihren Sinn für Humor. Ihre Komik ist stellenweise sehr trocken.

Ricore: Wie waren Sie die Dreharbeiten in Griechenland?

Mortensen: Es war großartig.

Undurchsichtliche Rolle: Viggo Mortensen in "Die zwei Gesichter des Januars"

Undurchsichtliche Rolle: Viggo Mortensen in "Die zwei Gesichter des Januars"

Viggo Mortensen: einen freien Tag auf Kreta
Ricore: Konnten Sie die Zeit auch privat nutzen?

Mortensen: Ja, ich hatte einen Tag frei, an dem ich mir die Gegend ansah. Wir drehten unter andrem in Chania in Kreta, in den Bergen und im Zentrum der Insel. Wenn Sie dort noch nicht gewesen sind, kann ich Ihnen nur empfehlen, hinzureisen. Es ist wunderschön.

Ricore: Ein atmosphärisches Element des Films ist die Kleidung der Protagonisten. Interessieren Sie sich für Mode?

Mortensen: Nein, nicht wirklich. Ich trage gerne saubere Kleidung (lacht).

Ricore: Mochten Sie Chesters Kleidungsstil?

Mortensen: Ja, die Kostümabteilung hat gute Arbeit geleistet. Auch die Kleider der weiblichen Figuren sind großartig. Es steckt viel Aufwand dahinter. Das Ergebnis stimmt zwar nicht unbedingt mit der Wirklichkeit jener Zeit überein, ist aber trotzdem sehr interessant.

Ricore: Heute ist die Mode viel reduzierter. Legen die Menschen keinen Wert mehr auf ihre äußere Erscheinung?

Mortensen: Ich würde nicht sagen, dass sie keinen Wert darauf legen. Der Stil hat sich eben gewandelt. Mode sagt heute viel über die Persönlichkeit eines Menschen aus. Sie definiert ihre soziale Zugehörigkeit. Generell würde ich sagen, dass die Mode immer homogener wird. Es gibt heute dieselben Shops in Berlin, Madrid, New York, Buenos Aires oder sonst wo. Regionale Unterschiede gibt es kaum mehr. Es ist ein Trend, dessen Ursprünge in die USA der 1950er Jahre zurückreicht. Von hier aus ging er auch auf Europa über.

Ricore: Nicht zuletzt durch den Einfluss des Films.

Mortensen: Ja, Filme spielten im Laufe des 20. Jahrhunderts eine immer größere Rolle im Leben der Menschen. Vor allem ab den 1950er Jahren hatte das Kino einen großen Einfluss darauf, wie sich Menschen äußerlich geben. Jeder wollte plötzlich wie Marlon Brando und James Dean aussehen. Diese Wechselwirkung ging übrigens über Mode hinaus. Wenn man nicht gerade einen akademischen Hintergrund hatte, redete man plötzlich nicht mehr über Bücher, sondern über Filme, Popmusik oder Jazz.

Viggo Mortensen mit Kirsten Dunst

Viggo Mortensen mit Kirsten Dunst

Weltoffen bleiben
Ricore: Zurück zu ihrer Arbeit. Wie nähern Sie sich ihren Charakteren?

Mortensen: Es gibt verschiedene Arten, wie ich mich vorbereite. Eine wende ich jedoch immer wieder an. Ich frage nach der Vorgeschichte der Figur. Was ist sie für ein Mensch? Was ist ihre Lebensgeschichte vom Moment ihrer Geburt bis zur ersten Seite des Drehbuchs? Ein anderer Weg ist die Konfrontation mit der Lebenswirklichkeit der jeweiligen Figur. Einer meiner nächsten Filme zum Beispiel spielt in Algerien. Weil ich noch nie in Algerien war, reiste ich zur Vorbereitung dorthin. Ich sprach aber nicht arabisch, also musste ich es lernen. Französisch konnte ich vorher zwar schon, aber nicht so gut, wie es für den Film notwendig war. Meine Herangehensweise an ein Filmprojekt werden also von der Art der Geschichten und den Charakteren bedingt.

Ricore: Haben Sie auch mal Angst, einer Figur nicht beizukommen?

Mortensen: Wenn ich die Geschichte mag und die Leute mich für einen Film engagieren wollen, dann sind Versagensängste für gewöhnlich kein Grund, eine Rolle abzulehnen. Es hängt wirklich von der Geschichte ab.

Ricore: Machen Sie sich Gedanken übers Älterwerden?

Mortensen: Sicher, ich möchte nicht sterben. Es besteht aber durchaus die Chance, dass ich eines Tages doch sterben werde. Solange aber nichts anderes bewiesen ist, weigere ich mich zu glauben, dass das tatsächlich passieren wird (lacht). Was das Älterwerden angeht, so fällt mir der Satz einer Schauspielerin ein. Ich weiß leider nicht mehr, wer das war, aber sie sagte: 'Das Schöne daran, dass man bestimmte Dinge nicht mehr tun kann, ist die Tatsache, dass es einem egal ist, wenn es so weit ist.' Wenn der Körper nicht mehr mitmacht, dann genießt man andere Dinge. Wenn man immer nur an die Vergangenheit denkt, befindet man sich nicht im Hier und Jetzt. Die Erfahrung sollte einen Menschen nicht bremsen, sie sollte ihn befreien, ihn zu Erkenntnisgewinn führen.

Ricore: Betrachten Sie auch die Schauspielerei als Mittel des Erkenntnisgewinns?

Mortensen: Charaktere zu spielen, die anders sind als ich, ist für mich eine Möglichkeit, weltoffen zu bleiben. Schauspielerei geht immer mit Reflexion einher. Eine Rolle zwingt mich dazu, mich mit dem Charakter einer Figur und ihrer Welt auseinanderzusetzen. Schauspielerei erweitert das Bewusstsein. Meine Großmutter hat bis zu ihrem 92. Lebensjahr zwei Kreuzworträtsel pro Tag gelöst. Mann sollte sich im Leben geistig anstrengen. Durch meinen Beruf werde ich zum Glück dazu gezwungen.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 28. Mai 2014

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