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Interview

Doris Dörrie auf der Premiere zu "Der Fischer und seine Frau"
Ricore Text

Doris Dörrie über den Schlüssel zum Glück

Das Normale ist skurril
Doris Dörrie ist nicht zu stoppen: Seit mehr als zwanzig Jahren dreht die Powerfrau preisgekrönte Filme, schreibt Kurzgeschichten und Romane, inszeniert Opern und lehrt als Professorin an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Ihr Lieblingsthema - die Beziehung zwischen Mann und Frau - steht auch bei Ihrem neuesten Kinowerk "Der Fischer und seine Frau" im Vordergrund. In der Neuinterpretation des Grimmschen Märchens begleitet sie die Karrierefrau Ida (Alexandra Maria Lara) und ihren gemütlichen Mann Otto (Christian Ulmen) durch das Auf und Ab einer Ehe. In Berlin trafen wir die 50-jährige Künstlerin zum Gespräch.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  23. Oktober 2005
Regiesseurin Doris Dörrie auf der Münchner Premiere
Ricore Text
Regiesseurin Doris Dörrie auf der Münchner Premiere
Ricore: Frau Dörrie, ist das "nicht genug bekommen" ein Phänomen unserer Zeit?

Doris Dörrie: Zumindest ist es in allen westlich kapitalistischen Gesellschaftsformen anzutreffen. Die Menschen zerbrechen sich den Kopf, was genau ihnen noch fehlt. Es ist die zentrale Frage, die der Konsum an uns stellt, denn ohne Wünsche keine Verkäufe und ohne Verkäufe kein Geldfluss. Deshalb wird uns ständig suggeriert, dass uns etwas abgeht. Dabei ist die Frage, was wir schon alles haben, eigentlich viel wichtiger.

Ricore: Sie sind doch auch nie zufrieden und springen in Ihrem Beruf von einer Betätigung zur nächsten!

Dörrie: Ich bin ein Prototyp der Ilsebill, ganz bestimmt. Ich versuche zwar immer, mal wie Otto still dazusitzen und nichts zu tun, aber Unproduktivität fällt mir wahnsinnig schwer. Ich weiß trotzdem, dass es für mich der mögliche Schlüssel zum Glück ist: Man muss von Zeit zu Zeit auch mal anhalten und den Moment genießen. Unter Umständen ist das sogar viel wichtiger als die pure Geschwindigkeit. Sonst rauscht am Ende unser eigenes Leben an uns vorbei.

Ricore: Wovon können Sie nicht genug bekommen?

Dörrie: Zusammen mit Schauspielern und Sängern an einem prosaischen Ort zu stehen und eine Geschichte zu erfinden. Beim Schreiben befinde ich mich in einem ähnlich seligen Zustand. Ich bin in solchen Momenten sehr selbstvergessen und trotzdem konzentriert.

Ricore: Das zentrale Thema Ihres Schaffens ist die Beziehung zwischen Mann und Frau. Was ist das Wichtigste, das Sie in all den Jahren darüber gelernt haben?

Dörrie: Dass das Geheimnis offenbar darin besteht, den Rhythmus und die Rollen zu tauschen. Eine Art Tanz, bei dem der eine die Führungsrolle aufgibt und später wieder übernimmt. Wenn man diese Variation hinbekommt, hat man große Chancen, wirklich glücklich zu sein. Das gilt übrigens nicht nur für Heterobeziehungen.

Ricore: Wie hoch ist dabei Ihr Abenteuerfaktor?

Dörrie: Idiotisch hoch. Deshalb fahre ich für Filmdrehs auch nach Japan oder fange in meiner Freizeit an, plötzlich Opern zu inszenieren.


"Genau zuzuhören und genau hinzuschauen"
Ricore Text
"Genau zuzuhören und genau hinzuschauen"
Ricore: Ihre "Madame Butterfly"-Inszenierung im Münchner Staatstheater wurde von der Kritik umjubelt, Ihr "Rigoletto" an der Bayerischen Staatsoper dagegen wütend verrissen...

Dörrie: Für manche Opernkritiker bin ich wegen "Rigoletto" das Opernärgernis des Jahres - und darauf bin fast ein bisschen stolz. Denn meine letzten vier Opern waren alles Kassenhits und haben Leute in die Oper gelockt, die sonst nie in die Oper gehen würden. Und damit habe ich mein Ziel erreicht.

Ricore: Die deutsche Filmbranche kränkelt, aber Ihre Filme sind erfolgreich. Wie beurteilen Sie die aktuellen Probleme der Branche?

Dörrie: Die Situation wird momentan sicherlich nicht einfacher. Allerdings bin ich der Meinung, dass viele kleine Filme der Weg aus der Misere sein könnten. "Erleuchtung garantiert" war so ein Experiment, mit dem ich ein Exempel statuieren wollte. Wir brauchen nicht immer nur große Filme, eine Fülle an kleinen Filmen könnte genauso funktionieren.

Ricore: Ist die aktuelle Lage wirklich so bedrohlich?

Dörrie: Ach, das Kino hat sich schon immer in Wellenbewegungen entwickelt. Kommt einmal eine größere Krise, reagieren alle immer sofort mit Panik. Ich habe lediglich Angst, dass durch vorschnelles Handeln das pluralistische Konzept wieder aufgegeben wird und sich Verleiher wieder nur auf ein paar wenige Filme konzentrieren.

Ricore: Was inspiriert Sie im täglichen Leben? Das Normale oder das Skurrile?

Dörrie: Im empfinde das Normale durchaus als skurril. Wenn man genau hinsieht, wird alles interessant. Aus der Entfernung wirken Dinge oft gleichförmig, aber je näher man kommt, desto individuellere Züge sind erkennbar. Deswegen kommt es beim Erzählen in erster Linie auf den ganz genauen Blick an. Dinge müssen ihre Einzigartigkeit entfalten können.

Ricore: Ist das die elementare Aussage, die Sie Ihren Studenten an der Hochschule für Fernsehen und Film zu vermitteln suchen?

Dörrie: Regieführen und Schreiben basieren aus meiner Sicht primär auf zwei Fähigkeiten: Genau zuzuhören und genau hinzuschauen. Der berühmte Schriftsteller Vladimir Nabokov nannte es "das göttliche Detail streicheln".
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  23. Oktober 2005

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