Interview
Regisseur Peter Jackson
United International Pictures (UIP)

Peter Jackson: Entertainment pur!

Ich drehe Filme nicht für andere

Hollywoods umjubeltes Riesenbaby, Peter Jackson, will nicht erwachsen werden. Wieder schwelgt der 44-jährige Neuseeländer in alten Jugendphantasien und drehte nach seiner "Der Herr der Ringe"-Trilogie ein Remake seines Lieblingsfilms. Am 14. Dezember startet der 200 Millionen Dollar teure "King Kong" weltweit in den Kinos.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  14. Dezember 2005
Regisseur Peter Jackson bei der Premiere von King Kong
United International Pictures (UIP)
Regisseur Peter Jackson bei der Premiere von King Kong
Ricore: Mr. Jackson, man erkennt Sie fast nicht wieder: Wo sind Ihre Kilos hin?

Peter Jackson: Zwei Jahre Dauerstress tun das Nötige, glauben Sie mir! Wenn man so müde und ausgepowert ist, dass man einfach keinen Hunger mehr hat, purzeln die Kilos fast von selbst.

Ricore: Liegt in dieser Besessenheit das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Jackson: Keine Ahnung. Jeder, der Filme dreht, würde gerne hinter das Geheimnis des Erfolgs kommen. Hinter der Machart meiner Filme steckt zumindest kein Geheimnis. Ich denke über so was nicht nach. Ich drehe einen Film in erster Linie nicht, weil ich damit erfolgreich sein möchte, sondern weil ich ihn auf der Leinwand sehen will. Ich male mir etwas in meinem Hirn aus, und bin irgendwann so davon besessen, dass ich es in die Realität übertragen will. Ich lasse all die Schauspieler und Teammitglieder herumhüpfen, nur um meine Vision zu erfüllen. Es gibt auf der Welt so viele unterschiedliche Menschen, wie könnte ich da einen gemeinsamen Nenner finden? Also verfilme ich meine eigenen Wünsche und hoffe, dass andere es auch toll finden.

Ricore: Worin genau liegt Ihre Faszination für King Kong?

Jackson: Das Original ist Entertainment in reinster Form: Verlorene Inseln, Dinosaurier, ein riesiger Gorilla und nicht zuletzt eine wundervolle Liebesgeschichte. Der ursprüngliche "King Kong" hat mich als Neunjähriger dazu inspiriert, Filme zu drehen. Entertainment ist Ausflucht von den Alltagssorgen. Das ist heute noch genauso wie 1933, als das Original zu Zeiten der großen Depression entstand. Entertainment kennt keine zeitlichen Schranken. Es hat immer etwas faszinierendes, sich für ein paar Stunden in eine fremde Welt flüchten zu können. Genau deshalb wollte ich diesen Film drehen.

Ricore: Hatten Sie trotzdem nie die Befürchtung, mit einer neuen Version den Mythos des alten Films zu zerstören?

Jackson: Die Frage ist berechtigt, aber in gewisser Weise hatte ich mit J.R.R. Tolkien und seinen "Der Herr der Ringe"-Büchern dasselbe Problem. Ich habe mich für das Projekt entschieden, weil ich glaube, dass die Story eine derart emotionale Tiefe aufweist, dass man sie immer wieder erzählen kann.


Nach "Herr der Ringe" eine weitere Megaproduktion: King Kong-Regisseur Peter Jackson
United International Pictures (UIP)
Nach "Herr der Ringe" eine weitere Megaproduktion: King Kong-Regisseur Peter Jackson
Ricore: Worin liegt die Universalität der Geschichte?

Jackson: Ich denke nicht an Leitmotive - ehrlich. Ich sehe und drehe Filme zur Unterhaltung. Es gibt Filmemacher, die sich viel bewusster mit der Aussage ihrer Filme auseinandersetzen. Ich bin da anders. Aber ich glaube zu wissen, was die Kraft der Story ausmacht. Was dafür verantwortlich war, dass ich im Alter von neun Jahren in Tränen ausbrach, als King Kong vom Empire State Building stürzte. Einerseits ist es ein Mitfühlen mit dem Riesenmonster, das ganz offensichtlich ein Herz und eine Seele hat. Zum anderen schwingt die bittere Erkenntnis mit, dass es offenbar zu den Angewohnheiten der Menschheit dazugehört, allem Wundersamen und Erstaunlichen der Natur das Geheimnis zu nehmen, es auszubeuten, wenn nicht sogar zu zerstören. Das gilt damals wie heute.

Ricore: Warum besetzten Sie die Hauptrolle gerade mit Komiker Jack Black?

Jackson: Ursprünglich hatten wir bei der Rolle jemanden vom Typ Orson Welles im Hinterkopf: Ein junger, ehrgeiziger Regisseur, der bei der Durchsetzung seiner Visionen skrupellos vorgeht. Dann dachten wir drüber nach, wer diese Rolle spielen sollte. Jack Black machte das Rennen nicht zuletzt, weil meine Kids seinen letzten Film "School of Rock" über die Weihnachtsfeiertage gut und gerne 25 Mal gesehen haben. Es war also schwer, nicht an ihn zu denken. (lacht) Darüber hinaus verkörperte er alle für uns nötigen Eigenschaften.

Ricore: Für den Soundtrack beauftragten Sie zunächsts den "Herr der Ringe"-Komponist Howard Shore, der nach kreativen Differenzen allerdings von James Newton Howard Howard ersetzt wurde. Was genau ist passiert?

Jackson: Howard ist ein sehr guter Freund von mir, daher möchte ich nicht explizit auf die Gründe eingehen. Wir haben nach reifer Überlegung beschlossen, unsere Zusammenarbeit bei diesem Film nicht weiterzuführen.

Ricore: Andy Serkis, der im aufwendigen Motion-Capture-Verfahren mit seinen Bewegungen bereits Gollum Leben einhauchte, ist für die beeindruckende Darstellung des Riesenaffen verantwortlich. Denken Sie, die Acadamy könnte diese Leistung mit einem Oscar belohnen?

Jackson: Verdient hätte er ihn auf alle Fälle. Andy ist Kong! Er hat ihm Leben eingehaucht, und das nicht erst in der Postproduktion. Während der Dreharbeiten war er permanent am Set und diente den anderen Schauspielern als Anspielpartner. Nach Drehende arbeiteten wir für weitere zwei Monate im Studio und hauchten dem Affen im Motion Capture-Verfahren Leben ein. Es ging dabei nicht nur um Körperbewegungen, auch um die richtige Mimik. In seinem Gesicht waren zeitweise ca. 130 Pünktchen befestigt, mit denen wir seine Gesichtsregungen aufzeichneten. Ob er bei den Oscars eine Chance hat? Ich befürchte nicht. Die Academy ist in meinen Augen noch nicht soweit, die schauspielerische Leistung hinter einem so technischen Prozess zu erkennen und auch zu belohnen.

Ricore: Ab welchem Alter sollten Kinder Ihren Film sehen?

Jackson: Ich habe zur Alterfreigabe von Filmen meine ganz eigene Meinung. Ich finde, dass der Staat sich nicht anmaßen sollte, das zu entscheiden. Eltern kennen ihre Kids am Besten und sollten selbst urteilen, wann ihre Sprösslinge für was bereit sind. Meine Kids finden es zum Beispiel fantastisch, in Horrorfilmen erschreckt zu werden. Bei mir war das früher ähnlich. Entsprechend hemmungslos war ich, den Film meinen Kids zu zeigen - und sie haben ihn geliebt.

Ricore: Planen Sie bereits an einem neuen Projekt?

Jackson: Erstmal plane ich eine Pause! Ich habe die letzten zehn Jahre mit der Arbeit an "Der Herr der Ringe" und "King Kong" verbracht, und bin momentan einfach nur froh, den fertigen Film der Welt überreichen zu können. Mit der Wahl meines nächsten Projekts lasse ich mir Zeit. Ich will etwas Zeit mit meiner Familie verbringen und meine Batterien wieder aufladen. Ich habe keine Eile.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de,  14. Dezember 2005

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