Jürgen Prochnowgefiel das Drehbuch
Felix Cramer/Alamode Film
Jürgen Prochnowgefiel das Drehbuch
Mir hat das Drehbuch gefallen
Interview: Jürgen Prochnow auf der dunklen Seite
Jürgen Prochnow wurde mit dem "Boot" zum Weltstar. Hollywood macht ihn seither meist zum Bösewicht. Zuletzt waren zwei Filme mit dem 1941 geborenen Schauspieler in den Kinos. In Atom Egoyans "Remember - Vergiss nicht, Dich zu erinnern" spielt er einen vermeintlichen deutschen Nazi, der nach dem Krieg in den USA unterschlüpfte. In der Verfilmung von Martin Suters "Die dunkle Seite des Mondes" ist er jetzt als skrupelloser Geschäftsmann und Jäger zu sehen, dessen beruflicher Sprössling durchdreht und schreckliche Verbrechen begeht. Wir sprachen mit Jürgen Prochnow Anfang Oktober 2015 auf dem Filmfest Hamburg.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  22. Januar 2016
Die dunkle Seite des Mondes
Alamode Film
Die dunkle Seite des Mondes
Another day, another dollar
Ricore Text: Hätten Sie eine Figur ablehnen können, die den wunderbaren Namen Pius trägt?

Jürgen Prochnow: Der vielsagende Name war die Draufgabe. Mir hat das Drehbuch gefallen. Es erzählt, zu welchen Monstern unsere Gesellschaft den Menschen macht. In den USA hat sich Devise durchgesetzt, another day, another dollar. Wenn es der Sinn des Lebens ist, Geld zu scheffeln, möchte ich das nicht unterstützen. Ich halte die Entwicklung sogar für gefährlich.

Ricore: Kannten Sie den Roman?

Prochnow: Ich lese viel und gerne, aber diesen Roman kannte ich nicht.

Ricore: Was lesen Sie gerade?

Prochnow: Michel Houellebecqs "Unterwerfung". Er ist ein guter Autor, Beobachter und Visionär. Seine Romane sind faszinierend und abstoßend zugleich, man kann sich ihrem Sog nicht entziehen. Was er in "Unterwerfung" durchspielt, ist erschreckend real, könnte aber auch falsche Ängste schüren.

Ricore: Beneiden Schauspieler manchmal Schriftsteller, die alle Freiheiten haben, während sie selbst sich an Vorlagen halten müssen?

Prochnow: Das stimmt nur auf den ersten Blick. Das Kino gehorcht anderen Gesetzen und meine künstlerischen Freiheiten liegen in der Auslegung der Rolle. Die Figur Urs Blank wurde im Vergleich zum Roman verändert. Bei Suter ist er eine junge Ausgabe von Pius Ott. Moral ist ihm egal, für ihn zählt nur das Geld. Im Kino wird seine Katharsis durch einen schrecklichen Horrortrip ausgelöst, der auch mir Angst einflößte. Wenn Moritz sein Durchdrehen spielt, wirkt er animalisch und gefährlich. Er wird zum Wolf. Die Veränderungen in seiner Psyche führt Urs auf giftige Pilze zurück. Bis er entdeckt, dass in ihm die dunkle Seite des Menschen Überhand gewann.

Ricore: Im Roman ist der Pius vielleicht nicht mal ein realer Mensch, sondern ein Spiegel von Urs' Unterbewusstsein?

Prochnow: So habe ich das auch empfunden. Er würde zu diesem Pius werden, der für seinen Profit bildlich gesprochen über Leichen geht. Denken Sie nur an VW. Es dauerte lange, bis die Mauscheleien aufgeflogen sind.
Moritz Bleibtreu auf der suche nach magischen Pilzen?
Felix Cramer/Alamode Film
Moritz Bleibtreu auf der suche nach magischen Pilzen?
Jürgen Prochnow: Treiben der Hedgefonds ist verbrecherisch
Ricore: Die Skandale bei den Banken dürften Sie nicht überrascht haben, schließlich haben Sie Bankkaufmann gelernt?

Prochnow: Was mich nicht zum Kapitalisten macht. Investmentbanker gab es damals noch nicht, ihr Geschäft wurde von Thatcher in Europa durchgedrückt. Das Treiben der Hedgefonds ist verbrecherisch und sollte zum Teil verboten werden. Mich stört auch, dass Banker so viel Geld mit windigen Geschäften mit dem Ersparten anderer Leite machen. Das steht in keinem Verhältnis zum Aufwand oder zum Einkommen von Menschen, die für den Mindestlohn von 8,50 Euro den ganzen Tag schuften.

Ricore: Sind nicht auch 20 Millionen für Hollywood-Stars unmoralisch?

Prochnow: Na klar. Aber bei weitem nicht so pervers.

Ricore: Ist die bessere Bezahlung in den USA der Grund, warum Sie selten in Deutschland zu sehen sind?

Prochnow: Nach "Das Boot" kam aus Deutschland drei oder vier Jahre kein Angebot. Während sich die großen Agenturen aus den USA schon bei mir anklingelten, als der Film in zwei kleinen Kinos in New York gestartet war. Ich habe trotzdem lange gebraucht, um mich durchzuringen, die Angebote anzunehmen. Die Namen von Michael Mann oder David Lynch haben mich verführt.

Ricore: Haben Sie gezögert, weil Sie die Sprache nicht perfekt?

Prochnow: Mir ist die Vorbereitung lange sehr schwer gefallen. Ich war vom Theater gewohnt einen Prozess durchzumachen, der auf der Sprache basiert. Jede Nuance des Textes wird bei den Proben interpretiert. Im Englischen fiel es mir schwer, sie herauszuarbeiten. Ich war verunsichert. Der Druck hat mich gestresst. Ich war nach jedem Drehtag völlig geschafft.

Ricore: Ist Sprache für Sie ein Stück Heimat?

Prochnow: Sicher. Ich besitze beide Staatsangehörigkeiten, doch ich fühle mich als Deutscher. Das Land, in dem ich aufgewachsen bin, hat mich mit seiner Literatur, Kunst und Musik, seiner Politik und dem Umgang mit der Vergangenheit geprägt. Ich bin ein Teil davon.
Jürgen Prochnow in "Die dunkle Seite des Mondes"
Felix Cramer/Alamode Film
Jürgen Prochnow in "Die dunkle Seite des Mondes"
Ricore: Sind sie Dienstleister der Sprache?

Prochnow: Als Schauspieler hatten mich meine Engagements an den Theatern von Hamburg und Bochum geprägt, wo die Sprache großes Gewicht hat. Das war eine ganz intensive und wichtige Zeit für mich. Das musste ich in den USA abschütteln, denn die Sprache ist im Film sekundär. Es wird über Bilder erzählt. Der Schauspieler drückt Gefühle vorrangig über den Körper aus.

Ricore: Sie waren Nachbar von Monica Bleibtreu in Hamburg. Haben Sie bei Moritz einen bleibenden Eindruck hinterlassen?

Prochnow: Wir haben am Hofweg vier Jahre in den 1970ern nebeneinander gewohnt. Moritz war noch zu klein, er kann sich nicht erinnern. Wir hatten vorher nie miteinander gedreht, deshalb haben wir jetzt erst darüber gesprochen.

Ricore: Sie sind in Berlin geboren. Haben Sie noch einen Koffer in der Stadt?

Prochnow: Nein, aber ich will mir einen anzuschaffen. Ich suche eine Wohnung. Nach der Wende habe ich fasziniert den Wiederaufbau verfolgt. Ich werde nie vergessen, wie ich das erste Mal vom Hotel Adlon aus durch das Brandenburger Tor gegangen bin. Die Gegend war mir fremd. Ich bin in Steglitz aufgewachsen und kannte nur meinen Bezirk. Nur manchmal sind wir mit der Straßenbahn über den Potsdamer Platz gefahren, um Verwandte im anderen Teil der Stadt zu besuchen.

Ricore: Dann kehren Sie beruflich zurück?

Prochnow: Jetzt scheint sich eine Änderung anzudeuten. Das Angebot für "Remember" von Atom Egoyan kam über den deutschen Koproduktionspartner. Ich hatte von dem Projekt gehört und wollte diesen Film unbedingt drehen. Meinem amerikanischen Agenten wurde gesagt, die Besetzung sei abgeschlossen. Und ich habe in Berlin "Kundschafter des Friedens" abgedreht, wo ich einen Westagenten spiele, der von einer Gurkentruppe aus dem Osten aus einer brenzligen Lage gerettet wird. Das wird saukomisch. Und mir hat es riesigen Spaß gemacht, mit der alten Garde um Henry Hübchen, Michael Gwisdek und Thomas Thieme zu spielen.

Ricore: Sollte nicht langsam Schluss damit sein, die Leute danach zu beurteilen, was sie in der DDR gemacht haben?

Prochnow: Ich hatte und habe damit keine Probleme. In mir kommen jetzt andere Erinnerungen hoch. Meine Mutter ist mit mir aus Berlin 1944 zu meinen Großeltern nach Pommern geflüchtet. Anfang 1945 ist sie vor den Russen wieder westwärts nach Parchim geflüchtet, wohin die Dienststelle meines Vaters verlegt worden war. Er war Ingenieur bei der Post und sollte für Hitler das Fernsehen einführen. Er wurde dann von den Russen gefangen genommen und abtransportiert.

Ricore: Danke für das Gespräch.
Von  Katharina Dockhorn/Filmreporter.de,  22. Januar 2016
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