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Interview

Helen Mirren in "Trumbo"

Paramount Pictures

'Heute bin ich viel entspannter'
Helen Mirren - stark und gelassen
Er war ein Mann, der sich klar positionierte und dafür einen hohen Preis bezahlte: Schriftsteller und Drehbuchautor Dalton Trumbo. Als Mitglied der Kommunistischen Partei wird er 1947 vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe geladen, wegen Verweigerung der Aussage zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und anschließend von den Hollywoodstudios auf die Schwarze Liste gesetzt. Das Ende seiner Karriere bedeutet das nicht. Es folgen Arbeiten für Stanley Kubrick und Otto Preminger sowie das Drehbuch und die Regie zum Klassiker "Johnny zieht in den Krieg". Nun wurde die außergewöhnliche Lebensgeschichte des Kinorebellen mit Bryan Cranston und Helen Mirren in den Hauptrollen verfilmt.
Helen Mirren in "Trumbo"

Paramount Pictures

Das ist so unamerikanisch!

Ricore Text: Frau Mirren, "Trumbo" behandelt ein politisches Kapitel im ansonsten eher unpolitischen Hollywood.

Helen Mirren: Ja, viele junge Menschen werden sich fragen, ob das wirklich passiert ist. Als ich davon hörte, war mein erster Gedanke: Es ist so unamerikanisch. Gilt Amerika nicht als Land der Freiheit? Was ist Freiheit, wenn man seine Gedanken und politischen Ansichten nicht zum Ausdruck bringen darf? Es ist doch absurd, wenn man glaubt, dass man durch freie Meinungsäußerung die Freiheit bedroht.

Ricore: Sie stammen aus einer politisch interessierten Familie, nicht?

Mirren: Ja, mein Vater nahm in den 1930er Jahren im Eastend bei den Märschen gegen die Faschisten teil. Er war bei der berühmten Schlacht in der Cable Street dabei [blutige Auseinandersetzung zwischen den Anhängern der British Union of Fascists und Gegendemonstranten; Red.].

Ricore: So weit ging sein Engagement?

Mirren: Wenn man sich damals nicht engagierte, dann war man ... [überlegt eine Weile] ... nun, man war nicht gleich ein Idiot, aber jeder hatte sich Gedanken gemacht, wie das Leben sein sollte. Wer auch nur ein bisschen Anstand hat, wird sich auf dieser Seite des Zauns befinden. Intellektuelle sind im Allgemeinen links eingestellt. Wenn man über das Leben nachdenkt, kommt man zwangsläufig zu einer solchen Haltung.

Ricore: In einer Zeit politischer Ideologien war es einfacher, Stellung zu beziehen...

Mirren: Sicher herrschte auch ein gewisses Maße an Naivität. Davon war auch mein Vater nicht ausgenommen. Wenn das Gespräch auf die Gulags kam, tat mein Vater das Thema als Propaganda ab. Die Wahrheit kam erst mit Alexander Solschenizyn ans Tageslicht, der schilderte, wie es wirklich war. Das erst öffnete die Augen der Linken. Plötzlich sahen sie, was alles furchtbar schief gelaufen ist. Sie waren Idealisten.

Ricore: Stimmt es, dass in der ursprünglichen Fassung von "Trumbo" der konservative John Wayne eine negative Rolle hatte?

Mirren: Das weiß ich nicht. John Wayne und viele andere betrachteten sich damals als große Patrioten. Er liebte Amerika. Ich glaube, in der Art, wie sich sein Patriotismus manifestierte, wurde er vielfach missverstanden. Er war patriotisch, aber nicht zynisch. Es hatte nichts Diktatorisches an sich. Trotzdem war er nicht weniger naiv als die Linksorientierten. Beide Seiten hatten etwas Naives an sich. Beide Lager hatten aber auch extremistische Züge, die ihre Ursprünge im Zweiten Weltkrieg hatten.


Helen Mirren in Venedig

Jean-François Martin/Ricore Text

Helen Mirren: ich halte sie nicht für einen Bösewicht

Ricore: Sie spielen in "Trumbo" die Schauspielerin und Journalistin Hedda Hopper, die eine schillernde Persönlichkeit war. Würden Sie sie als Bösewicht bezeichnen?

Mirren: Die Ansichten und Methoden Heddas widersprechen allem, für das ich stehe und woran ich glaube. Aber ich halte sie nicht für einen Bösewicht im dramaturgischen Sinne. Als Schauspieler muss man so nah wie möglich an die Wahrheit einer realen Person herankommen. Dann erst kann der Regisseur mit dem Charakter nach Belieben verfahren und ihn für alle möglichen Zwecke verwenden. Meine Aufgabe besteht darin, ihn so wahr wie möglich zu gestalten.

Ricore: Ist diese Verantwortung bei einer realen Persönlichkeit größer als bei einer fiktionalen?

Mirren: Oh ja. Es geht um historische Genauigkeit. Ich hasse es, wenn Geschichte verfälscht und missbraucht wird. Sicher wird es Menschen geben, die genau das auch uns vorwerfen werden. Klar haben sich einige Dinge, die wir zweigen, nicht ereignet. Im Sinne des Storytelling mussten wir die Geschichte umformen. Dennoch ging Jay [Roach; Red.] gewissenhaft zu Werke, als es darum ging, die Nuancen und die Widersprüche der Ereignisse zu zeigen.

Ricore: Sie gelten als starke Persönlichkeit. Wie würden Sie reagieren, wenn man Ihre Freiheit als Künstlerin einschränken würde?

Mirren: Nun, ich bin in einer Zeit groß geworden, als die eine oder andere Form der Unterdrückung an der Tagesordnung war. Als Mensch konnte man seine Freiheit nicht ausleben. Was sexuelle Unterdrückung angeht, so findet diese in Großbritannien heute vor allem in der Welt der Musik statt, wo man viel mit jungen Menschen zu tun hat. Dabei ist es geradezu ein akzeptierter Zustand. Denken Sie an den Fall Jimmy Savile. Ach, nun ja, wissen Sie, es gab halt keine Möglichkeit für die 14-, 15-Jährigen Kinder, sich zu schützen. Sie mussten es halt akzeptieren. Kopf hoch und durch die Wand. Das ist die allgemeine Einstellung.

Ricore: Hat sich Ihre Rollenauswahl im Vergleich zu früher geändert?

Mirren: Ich sagte früher immer, dass ich niemals eine historische Persönlichkeit spielen werde. Ich dachte, man kann dem Original nie das Wasser reichen. Wenn man schlecht ist, dann ist man schlecht. Ist man gut, dann nicht so gut wie das Original. Man kann also nicht gewinnen. Offensichtlich habe ich meine Meinung dazu geändert (lacht). Ich habe erkannt, dass man als Schauspieler auch nur ein Künstler ist, der ein Charakter-Porträt zeichnet. Die echte Person ist nun mal die echte Person und das Porträt ist ein Porträt von ihr. Nicht mehr und nicht weniger.

Ricore: Inwiefern unterscheiden Sie sich sonst von der jüngeren Helen Mirren?

Mirren: Ich war früher sehr viel fauler, aber auch sehr intensiv. Es war eine seltsame Kombination. Heute bin ich bei der Arbeit viel entspannter.


Helen Mirren ist "Die Frau in Gold"

SquareOne Entertainment

Gefühl der Unsicherheit geht nie verloren

Ricore: Vielleicht, weil sie auch selbstsicherer geworden sind...

Mirren: Das Gefühl der Unsicherheit geht nie verloren. Aber man lernt, damit umzugehen. Man lässt es nicht dazu kommen, überrumpelt zu werden. Die Schauspielerei wird immer mehr zu einem Beruf.

Ricore: Gibt es Rollen, die bei Ihnen noch lange nachwirken?

Mirren: Ja, einige durchaus.

Ricore: Zum Beispiel.

Mirren: Vor recht langer Zeit habe ich in dem Film "Mütter & Söhne " mitgespielt. Die Rolle der Mutter ist mit mir geblieben. Auch Maria Altmann aus "Die Frau in Gold" war eine herausragende Persönlichkeit.

Ricore: Hedda Hopper gehört wohl nicht dazu...

Mirren: (lacht). Nein, sie war richtig böse. Aber wenigstens war sie nicht langweilig und es ist immer großartig, jemand zu spielen, der nicht langweilig ist. Ich glaube im wahren Leben war sie noch furchterregender, als ich sie dargestellt habe. Denn sie war trotz allem auch charmant. Das ist das furchterregende an ihrer Person. Sie konnte sehr charmant sein und sehr nett lächeln. Am Ende hing alles vom Einsatz ihrer Augenbrauen ab.

Ricore: ... und ihren Hüten...

Mirren: Natürlich auch von ihren Hüten und ihren Kleidern im Allgemeinen. Alles war ein bisschen zu viel.

Ricore: Haben Medien heute die gleiche Macht wie früher?

Mirren: Nein, niemals wieder werden Medien in der Unterhaltungsbranche so mächtig sein wie zu Zeiten von Hedda Hopper.

Ricore: Sind die Verhältnisse besser als früher?

Mirren: Besser schon. Andererseits kommt es heute vor, dass ich in Interview-Junkets sitze, wo mir junge Journalisten gegenüber sitzen, die weder einen John Wayne, einen Federico Fellini oder Roberto Rossellini kennen. Aber wer Quentin Tarantino ist, das wissen sie alle (lacht).

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.

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