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Interview

Michael Haneke
Düsterer Blick auf die Gesellschaft

Schuld des Unschuldigen

Verstört. So verlässt der Zuschauer nach Michael Hanekes psychologischem Thriller "Caché" das Kino. Wie kein zweiter Regisseur vermag der Österreicher die dunklen Seiten im Menschen zu enthüllen. Waren es in "Die Klavierspielerin" die seelischen Abgründe einer verbitterten Frau, so ist es hier die stillgeschwiegene Schuld eines Pariser Fernsehmoderators, die langsam aber sicher ans Tageslicht tritt. Hanekes Neuling wurde mit der Goldenen Palme für die beste Regie und mit dem Europäischen Filmpreis geehrt.
Von  Carlo Avventi/Filmreporter.de, 20. Januar 2006

Besteht darauf, Moralist zu sein: Michael Haneke

Besteht darauf, Moralist zu sein: Michael Haneke

Ricore: Lesen Sie Michel Houellebecq?

Haneke: Ja, natürlich.

Ricore: Ist Ihnen aufgefallen, dass Sie in seinem Werk Erwähnung finden?

Haneke: Ja, im letzten Roman. Das weiß ich schon. Houellebecq und ich haben den gleichen Agenten. Der hat mich angerufen und gefragt: Hast du schon Michels letzten Roman gelesen? (lacht)

Ricore: Im Text werden Sie als Moralist dargestellt. Wie sehen Sie sich in dieser Rolle?

Haneke: Das ist mir relativ wurscht. Wenn jemand mich so nennen will, soll er's halt tun. Ich empfinde das nicht als Ehrenbeleidigung. Inzwischen ist es ja fast ein Schimpfwort geworden. Wenn man zu jemandem sagt: Er hat Moral. Es so, als ob man sagen würde, er ist ein Dummkopf oder jemand von vorgestern. Ich hab mit so Etiketten überhaupt Schwierigkeiten. Aber ob ich jetzt als Moralist bezeichnet werde, oder nicht, beeinflusst mich in meiner Arbeit nicht wahnsinnig. Ich glaube, dass Kunst immer auch etwas mit Moral zu tun hat. Nicht im Sinne von Verordnung von irgendwelchen Verhaltensregeln, sondern im künstlerischen Sinne.

Ricore: Seit einigen Jahren haben Sie Frankreich als Drehort gewählt.

Haneke: Ich würde eher sagen: Frankreich hat mich gewählt.

Michael Haneke beim Interview mit Ricore Text

Michael Haneke beim Interview mit Ricore Text

Ricore: Wie kam es dazu?

Haneke: Juliette Binoche hat mich eines Tages angerufen. Sie hatte meine österreichischen Filme gesehen und hat mich gefragt, ob wir nicht etwas miteinander machen könnten. Da hab ich gesagt: Gerne, aber was? Ich hab mir den Kopf zerbrochen: Was könnte ich, der ich nicht aus Frankreich stamme, den Franzosen über Frankreich erzählen? Dann hab ich mich drei Monate hingesetzt, hab viel recherchiert und so ist schließlich "Code: unbekannt" entstanden.

Ricore: Sie gelten als penibler Regisseur, als jemand, der alles unter Kontrolle halten will. Gleichzeitig haben Sie das Ziel, Ihre Filme so natürlich wie möglich erscheinen zu lassen. Gibt es da nicht einen Widerspruch?

Haneke: Das ist ja genau das Wesen jeder theatralischen Kunst: Mit artistischen Mitteln eine Wirklichkeit zu kreieren, die der Realität so täuschend ähnlich ist, dass der Zuschauer sie dafür halten kann. Das ist das Wesen dieser Kunstform und auch das Schwierige daran. Auch für die Schauspieler. Deswegen sind gute Schauspieler so rar. Natürlich und glaubwürdig zu sein, ist alles andere als einfach.

Ricore: Sie sind dafür bekannt, in Ihren Filmen keine Musik einzusetzen. Warum dieser Verzicht? Ist es auch eine Frage des Realismus?

Haneke: Hören Sie hier Musik? In der Realität gibt es nur Musik, wenn jemand spielt oder ein Radio aufdreht. Ich liebe Musik zu sehr, um sie dazu zu verwenden, meine Fehler zu kaschieren. Leider ist das ja meistens der Fall. Wenn ein Film funktioniert, braucht er einfach keine Musik. Bei diesem dämlichen Fernsehscheiß, den man dauernd sieht und der nichts transportiert, wird die Musik als Soße drübergelegt, damit das Ganze halbwegs erträglich wird. Natürlich ist es etwas anderes, wenn man einen Genrefilm macht. Ein Film von Hitchcock ohne die Musik von Bernard Herrmann ist nur der halbe Film. Aber das ist eben ein Genrefilm. Das ist was anderes. Ich benutze zwar gewisse Ingredienzien des Genres Thriller, aber mein Film ist kein Genrefilm.

Haneke mit Juliette Binoche am Set von "Caché"

Haneke mit Juliette Binoche am Set von "Caché"

Ricore: In "Caché" geht es vor allem um das Thema Schuld. Die alten Tragödien arbeiten mit dem merkwürdigen Begriff des Unschuldig-Schuldigen. Ödipus ist ein klassisches Beispiel dafür. Im christlichen Abendland ist Schuld meistens an Handlung gekoppelt. Man muss schuldig handeln, um schuldig zu werden. Außerdem muss es auch ein Bewusstsein über Schuld geben, damit jemand überhaupt schuldig sein kann. Wie sieht es mit der Schuld in "Caché" aus? Haben wir es dort mit einem antiken Schuldbegriff zu tun?

Haneke: Ob das jetzt antik, christlich, jüdisch oder was auch immer ist, das ist ja völlig egal. Wir haben alle die Erfahrung gemacht, dass wir im Laufe unseres Lebens schuldig geworden sind. Manchmal absichtlich, weil wir wirklich jemandem schaden wollen, manchmal halbabsichtlich - wie etwa bei einem Kind. Bei Kindern kann man sich fragen, in welchem Maße sie für ihr Handeln verantwortlich sind. Können sie als schuldig bezeichnet werden oder nicht? Gerade deshalb, wollte ich einen Film machen, wo jemand mit der eigenen Kinderschuld konfrontiert wird. Aber die Schuldfrage spielt sich nicht da ab, sondern in der Gegenwart. Sie kommt dann zum Tragen, als der Erwachsene mit den verheerenden Konsequenzen seiner Handlung als Kind konfrontiert wird. Da hätte der Protagonist nämlich die Chance, anders zu handeln. Da steht er vor der Wahl. Und genau an dieser Stelle stellt sich die klassische, christliche oder jüdische Schuldfrage.

Ricore: Welche Beziehung gibt es zwischen Bild und Gewalt und sind Bilder ein Teil der Gewalt?

Haneke: Sie können auf jeden Fall dazu beitragen, die Gewalt zu mehren, weil Bilder interpretationslos sind. Gerade gewalttätige Bilder haben einen großen Attraktionswert. Wenn Sie sich nur Mal anschauen, wie heute die Bilder in den Nachrichten ausgewählt werden: Sie werden schlicht und einfach nach dem Schauwert ausgesucht. Wenn brennende Autos zu sehen sind, wird das an erster Stelle stehen, denn es schaut einfach geil aus. Es gibt den Leuten das Gefühl, da passiert was. Wenn Sie Ihr Weltbild nur über die Nachrichten formieren, dann können Sie sich eigentlich nur erschießen, denn Sie leben in einer Welt permanenter Katastrophen. Die Gefahr der medialen Repräsentation von Gewalt ist, dass sie verharmlost wird durch die permanente Präsenz, sowohl im dokumentarischen Bereich, also im Fernsehen, als auch im Actionfilm, der die Gewalt immer konsumierbarer macht. Das Geheimnis des Actionfilmes ist ja, dass er Gewalt als Konsumprodukt zeigt und dass das funktioniert. Das halte ich in der Tat für eine Gefahr, gerade für Jugendliche, weil man sich einfach an Gewalt gewöhnt. An den Nachahmungscharakter glaube ich nicht, das ist lächerlich. Durch die Tatsache, dass man ununterbrochen mit einer Bilderwelt konfrontiert ist, die Gewalt als Unterhaltungsfaktor darstellt, verliert man den wahren Charakter von Gewalt aus den Augen. Das halte ich für gefährlich. Um das geht es aber weniger im Film. Es geht mehr um die Frage: Was ist mediale Realität? Wie sehr kann ich dem vertrauen, was mir da als Realität vorgeführt wird? Das ist die eigentliche Gefahr der Medien. Jedes Medium bringt Manipulation mit sich. Was man damit machen kann, wissen wir alle, gerade in diesem Land. Man muss nur ein Bisschen zurückblicken. Oder man braucht nur diese amerikanischen Filme anzuschauen. Wie jemand wie Wolfgang Petersen einen Film wie "Air Force One" machen kann, ist mir rätselhaft. Da muss man schon eine Portion Zynismus haben, um so einen üblen politischen Propagandafilm zu machen...

Ricore: Zynismus oder totale Naivität....

Haneke: ...also so dumm kann man nicht sein. Das regt mich auf. Ich finde, wenn Film eine Kunstform sein will, hat er eine Verpflichtung, den illusorischen Charakter des eigenen Mediums im Werk mitzureflektieren. Noch mal, ich wollte keinen Katastrophenfilm machen. Dazu habe ich gar nicht die Mittel, ich würde es aber auch gar nicht wollen. Das interessiert mich einfach nicht.

"Gerade gewalttätige Bilder haben einen großen Attraktionswert"

"Gerade gewalttätige Bilder haben einen großen Attraktionswert"

Ricore: Könnten Sie sich vorstellen, massentaugliche Filme zu drehen und welche Zugeständnisse müsste man dabei machen, ohne seine Ideen zu verraten?

Haneke: Das hängt vom Thema ab, dass Sie behandeln wollen. Je komplexer das Thema ist, umso weniger Leute spricht es an. Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss. Ich habe nichts gegen das sogenannte Mainstreamkino, wenn es gut gemacht ist. Ich bin zum Beispiel ein absoluter Fan von Fred-Astaire-Filmen. Die kann ich stundenlang anschauen.

Ricore: Sie bekommen auch hin und wieder amerikanische Drehbücher in die Hand...

Haneke: Ja, seit zwei, drei Jahren werden mir irgendwelche Ladenhüter zugeschickt. Wahrscheinlich, weil ich immer wieder in Cannes auftauche. Dann denken die sich: Dem schicken wir auch ein paar Drehbücher.

Ricore: Ist Ihnen die Zeit zu schade dafür?

Haneke: Ich habe nichts dagegen in Amerika zu drehen, wenn ich mein eigenes Ding machen kann. Wenn ich machen kann, was ich machen will, ist es mir egal, in welchem Land ich drehe.

Ricore: Wie sehen Ihre nächsten Filmprojekte aus?

Haneke: Es gibt ein Drehbuch, das ich schon geschrieben habe. Das ist aber sehr aufwendig und daher nur schwer finanzierbar. Das andere Buch, das ich noch nicht geschrieben habe, ist eine kleinere Geschichte...wir werden sehen. Ich halte es mit dem Sprichwort: Man soll die Haut des Bären nicht verkaufen, bevor man ihn erlegt hat.

Ricore: Ihre Frau gilt als Ihre schärfste Kritikerin. Inwiefern unterstützt Sie Ihre Arbeit?

Haneke: Sie ist für mich der ideale Normal-Zuschauer. Sie ist die erste, die den Film im Rohschnitt sieht und die erste, die mir sagt, was sie darüber denkt. Sie hat immer Recht damit, denn genauso würde auch der Zuschauer reagieren. Das versuche ich auch meinen Studenten einzubläuen: Das Schwierige als Filmemacher ist, sich den naiven Blick zu bewahren. Es ist Gold wert, wenn Du jemanden hast, dessen Urteil Du vertrauen kannst. Früher hatte ich auch eine Tante, die über 90 war. Der habe ich immer meine Drehbücher gegeben. Ihr Urteil war mir auch immer sehr wichtig. Denn sie verkörperte das breite Publikum. Für einen Regisseur ist es schwer, neutral zu bleiben, dazu ist man zu sehr in die Geschichte involviert.

Ricore: Herr Haneke, vielen Dank für das Gespräch.
Carlo Avventi/Filmreporter.de - 20. Januar 2006

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