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Interview

Holliday Grainger & Jean Anna Paquin in "Der Honiggarten - Das Geheimnis der Bienen" ("Tell It to the Bees" 2018)

Capelight Pictures, Neil Davidson

Interview auf Filmfest Zürich

Annabel Jankel "Der Honiggarten - Das Geheimnis der Bienen"

Annabel Jankel gehört seit den 1980er Jahren zu den gefragtesten Musikvideo- und Werberegisseurinnen. Sie gewann mehrere Emmys und ihr 1978 inszenierter Clip zu Elvis Costello's "Accidents Will Happen" wurde 2003 in die Collection des Museums of Modern Art in New York (MOMA) aufgenommen. Außerdem war sie einer der Schöpfer der populären Cyberpunk-Figur Max Headroom. 2013 gab sie ihr Spielfilmdebüt mit "Super Mario Bros.". 2018 stellte sie in Toronto und Zürich die Adaption des Romans "Der Honiggarten - Das Geheimnis der Bienen" vor. Im Zentrum steht die alleinerziehende Lydia (Holly Grainger), die vor ihrem übergriffigen Ehemann flieht. Die Arbeiterin macht sich Sorgen um ihren Sohn Charlie, der in der Schule gemobbt wird. Bei der Ärztin Jean (Anna Paquin) und deren Bienen finden sie Zuflucht.

Gregor Selkirk in "Der Honiggarten - Das Geheimnis der Bienen" ("Tell It to the Bees" 2018)

Capelight Pictures, Neil Davidson

Ausdruck von Natur und Leben

Ricore Text: Lieben Sie Bienen?

Annabel Jankel: Natürlich, sie sind für mich Ausdruck von Natur und des Lebens. Wenn Charlie zum Schluss dieses Films sagt, achtet auf die Bienen, meint er, achtet auf den Planeten. Sonst haben wir bald nichts mehr, auf das wir achten können.

Ricore Text: Seit den 60ern eroberte sich die schwule Film-Community den Mainstream. Warum fehlten lange Filme über die gleichgeschlechtliche Liebe von zwei Frauen?

Annabel Jankel: Selbst schwulen Filmemachern ist ja lange nicht aufgefallen, dass das weibliche Pendant fehlt und erst in den vergangenen Jahren herausragende Filme wie "Carol" oder "Blau ist eine warme Farbe" entstanden. Beide Filme wurden von Männern inszeniert. Die meisten Filmemacher aus der Gay-Community bringen nur ihr eigenes Lebensgefühl auf die Leinwand. Und da Frauen im Film allgemein unterrepräsentiert sind, könnte das zum Fehlen von Filmen über ihre Zuneigung zum eigenen Geschlecht fehlen.

Ricore Text: Wie aktuell sehen Sie Ihren Film?

Annabel Jankel: In der ländlichen Gegend von Wales werden gleichgeschlechtliche Paare heute noch auf viele Vorurteile treffen. Die Homophobie war im Westen ja nie verschwunden. Sie überlebte im Geheimen, weil sie lange nicht ins gesellschaftliche Klima passte, das gleichgeschlechtliche Paare ermutigte, ihre Liebe ohne Repressalien auszuleben. Heute fühlen sich viele Menschen leider wieder ermutigt, ihre Ablehnung von Menschen zu zeigen, die anders sind als sie selbst.

Ricore Text: Was gibt Ihnen Hoffnung?

Annabel Jankel: Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückzudrehen. Wenn Menschen mit Beziehungen von Homosexuellen konfrontiert werden, werden sie ihre Vorurteile ablegen. Denn im Kern ängstigt sie das Fremde, die andere Lebensweise. Selbst das Vorurteil ist ja noch verbreitet, Homosexualität sei ansteckend. Dieser Schwachsinn fördert die Angst um die Zukunft der Kinder.

Ricore Text: Haben Homophobie und Brexit ähnliche Wurzeln?

Annabel Jankel: Der Vergleich trifft den Kern. Die Brexiters schürten die Angst vor Überfremdung. Aber es ist idiotisch, sich auf seiner Insel einzuigeln und von seinen Nachbarn abzusondern.


Jean Anna Paquin in "Der Honiggarten - Das Geheimnis der Bienen" ("Tell It to the Bees" 2018)

Capelight Pictures, Neil Davidson

Brexiters schüren die Angst

Ricore Text: Wie haben Sie gewichtet, wie viel Sie von der lesbischen Liebe zeigen?

Annabel Jankel: Sexualität ist für jeden Filmemacher eine delikate Gratwanderung. Sex sollte nie aufdringlich wirken oder vordergründig eingesetzt werden. Andererseits sollten Filmemacher sich nicht davor drücken. Sex ist ein integraler und wichtiger Teil des Lebens.

Ricore Text: Was sprach dafür, dass Geschehen vorrangig aus der Sicht des Jungen zu erzählen?

Annabel Jankel: Ich habe lange überlegt, wessen Geschichte das ist. Von Charlie, weil er sich an die Verwirrung der Gefühle jener Monate erinnert und die Geschichte erzählt? Wenn wir uns auf seine Wahrnehmungen beschränkt hätten, wäre die Love-Story aus der Handlung verschwunden und zur Affäre geworden. Daher haben wir die Handlung für die Sicht der beiden Frauen geöffnet. Die Ärztin wurde als Teenager ausgegrenzt und kehrte als geachtete Persönlichkeit zurück. Ihre Praxis setzt sie durch die Beziehung zu Lydia aufs Spiel. Lydia entwickelt sich durch die Beziehung zu einem freien Geist? In erster Linie ist es ihre Geschichte.

Ricore Text: Die beiden Frauen mussten auch damit fertig werden mussten, dass die Frauen Anfang der 1950er Jahre wieder zurück an den Herd gedrängt wurden und sie nicht dem Ideal entsprachen?

Annabel Jankel: In allen westlichen Ländern machte die Gesellschaft eine Rolle rückwärts. Nachdem Frauen während des Krieges 'ihren Mann standen', wurde nun Hausfrauen heroisiert und idealisiert. Aus unabhängigen Frauen wurden wieder Anhängsel der Männer. Die Feministinnen brauchten Jahrzehnte, um das wieder zu ändern.

Ricore Text: Hat es Ihnen Spaß gemacht, sich in die fünfziger Jahre zu versetzen?

Annabel Jankel: Das Eintauchen in diese Zeit war ein riesiges Vergnügen. Es war aber schwierig, stets akkurat zu sein. Der Film spielt 1952, das Auto der Ärztin wurde erst 1953 zugelassen. Ich überhäufte die Schauspieler auch mit Material über das Nachkriegs-Großbritannien, damit sie wussten, wie sich Menschen bewegten. Es war ein ja einfacheres und langsameres Leben. Die Männer arbeiteten hart, die Frauen brachen die Familie durchs Jahr. Die Kinder haben in den Tag hinein gelebt. Wer dem Krieg entkommen war, wollte einfach nur ein ruhiges Leben.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.

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