Neue Visionen Filmverleih
Jacques Audiard ("Wo in Paris die Sonne aufgeht", 2021)
"Wo in Paris die Sonne aufgeht"
Interview: Filmfest Zürich: Jacques Audiard
Jacques Audiard, 69, gehört seit mehr als 40 Jahren zur französischen Filmszene. Zuletzt inszenierte er "The Sisters Brothers" und "Ein Prophet". Auf dem Filmfest von Cannes feiert er im vergangenen Jahr "Les Olympiades, Paris 13e" Premiere, der unter dem Titel "Wo in Paris die Sonne aufgeht" in die deutschen Kinos kommt. Er bezieht sich auf das 13. Arrondissement der französischen Metropole, wo der Altmeister die Liebesbeziehungen von drei jungen Leuten um die 30 beobachtet.
erschienen am 14. Mai 2022
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Lucie Zhang & Makita Samba in "Wo in Paris die Sonne aufgeht" ("Les Olympiades, Paris 13e", 2021)
Was macht Papa mit den Sexszenen?
Ricore Text: Ist dies ein Film für Ihre Kinder?

Jacques Audiard: Die beiden Älteren waren glücklich, dass ich das Thema mit einer romantischen Komödie anging. Natürlich waren sie skeptisch, wie ihr Vater mit den Sexszenen umgeht. Das Resultat hat sie befriedigt, sie haben viele Witze gerissen.

Ricore Text: Wie haben Sie die erotischen Liebesszenen mit den Schauspielerinnen erarbeitet?

Jacques Audiard: In diesen Momenten trete ich als Regisseur zurück. Eine Trainerin arbeitete mit den Schauspielerinnen und ließ sie entscheiden, was sie zeigen wollen. Sie boten mir vieles an, was ich nie gewagt hätte anzufragen. Durch diese Herangehensweise fühlten sich alle sicher und der Film bekam eine ganz besondere Note.

Ricore Text: Was reizte Sie an der Verfilmung der Graphic Novels "Eindringlinge" und "Summer Blonde" des New Yorker Cartoonisten Adrian Tomine?

Jacques Audiard: Es ist immer schwierig, die Motive zu ergründen. Wahrscheinlich inspirierten sie mich zum Vergleich meiner eigenen Jugend mit den Wünschen und dem Leben der jungen Leute, die nach 1980 geboren wurden.

Ricore Text: Was hat sich verändert?

Jacques Audiard: Meine Referenz war der Klassiker "Meine Nacht bei Maud" von Eric Rohmer aus dem Jahr 1967. Ich war damals 15. Mich haute um, wie sich eine Frau und ein Mann die ganze Nacht über Philosophie, Politik, Religion unterhalten und am Morgen feststellen, dass sie den Sex vergessen hatten. Mich interessierte, ob eine solche Nacht im Zeitalter von Dating Apps und allgegenwärtigem Sex noch möglich ist.
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Noémie Merlant & Lucie Zhang in "Wo in Paris die Sonne aufgeht" ("Les Olympiades, Paris 13e", 2021)
"Beide könnten meine Töchter sein"
Ricore Text: Haben Sie den Eindruck, dass die Lust auf romantische Schmetterlingsgefühle und die Lust auf Beziehungen verschwunden sind?

Jacques Audiard: Wir können uns nicht ändern, wir alle träumen von romantischen Begegnungen. Die jungen Leute in diesem Film finden ja nach etlichen Irrwegen heraus, dass sie mit ihren Vorstellungen falsch lagen. Sie müssen sich erst richtig verlieben, um ihren Kompass zu finden.

Ricore Text: Hat die Jugend die Lust auf Diskussionen verloren?

Jacques Audiard: Das Bedürfnis nach Austausch hat sich seit Rohmers Film nicht verändert, daher reden meine Figuren so viel. Über den Austausch finden sie auch den Zugang zu wahrer Liebe.

Ricore Text: Haben Sie das Buch mit Léa Mysius und Céline Sciamma geschrieben, die selbst hervorragende Filme wie "Porträt einer jungen Frau in Flammen" und "Petite Maman - Als wir Kinder waren" inszenierte, um den Figuren altersmäßig näher zu kommen?

Jacques Audiard: Erstmals habe ich mit zwei Koautorinnen geschrieben, beide könnten meine Töchter sein. Léa war 35 und Cèline knapp über 40. In meinem Unterbewusstsein könnten ihr Alter und ihr Geschlecht eine Rolle gespielt haben. Andererseits muss ich keine Transsexuellen verpflichten, wenn ich einen Film über einen Transsexuellen machen möchte. Für die Verpflichtung von Léa und Célines sprach, dass ich sie gute Autorinnen halte und ich sie als Regisseurinnen schätze. Bei Céline war ich sehr überrascht, dass sie meine Einladung annahm. Sie hätte sich vorher sicher nie vorstellen können, für mich zu arbeiten.

Ricore Text: Céline Sciamma hat sich selbstverständlich einen Platz in der Filmcommunity erobert. Inwieweit kann auch die Sprache das Ringen um Gleichberechtigung befördern?

Jacques Audiard: Es fällt mir schwer, mich mit Forderungen nach einer geschlechtergerechten Sprache anzufreunden. In anderen Sprachen mag es einfacher als im Französischen sein. Wie bringe ich zum Beispiel acteur und actrice ohne sprachliche Verrenkungen zusammen? Bis zu einem gewissen Level mag dies vielleicht klappen. In der Kunst und Literatur wird es komplizierter. Die Komplexität und Schönheit einer gewachsenen Sprache sollten wir nicht Modetrends opfern.

Ricore Text: Danke für das Gespräch.
erschienen am 14. Mai 2022
Zum Thema
Jacques Audiards Schwarzweißfilm basiert auf den Kurzgeschichtensammlungen und Graphic Novels "Eindringlinge/Killing and Dying" und "Summer Blonde" des in Sacramento geborenen und in New York lebenden Cartoonisten Adrian Tomine.
2022