Another Year - 2010 | FILMREPORTER.de
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Another Year

OriginaltitelAnother Year
GenreDrama
Land & Jahr Großbritannien 2010
Kinostart    27.01.2011 (Prokino Filmverleih)
FSK & Länge 129 min.
RegieMike Leigh
DarstellerJim Broadbent, Lesley Manville, Ruth Sheen, Peter Wight, Oliver Maltman, David Bradley
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Intensives Drama über gescheiterte Existenzen

Mike Leigh ist der Regisseur der Mittelschicht. Er entstammt nicht nur dieser gesellschaftlichen Ebene, sie ist auch in seinen Filmen meist Thema - oder vielmehr unter Beobachtung. Sein präziser Blick richtet sich insbesondere auf ihre Probleme, Ängste und die mit der Zeit verlorenen Illusionen.

Dass Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen) nicht zur Mittelschicht gehören, wird dem Zuschauer durch schnell klar. Tom arbeitet als Geologe, Gerri als Psychotherapeutin. Das Paar ist um die 30 und führt seit Jahren ein harmonisches Eheleben. Das Verhältnis zu ihrem Sohn Joe (Oliver Maltman) ist liebevoll und wird nur durch den kleinen Makel getrübt, dass es bei dem Nachwuchs mit dem Liebesleben einfach nicht klappen will. Anders sieht es mit ihren Freunden aus. Von Glück und Harmonie ist im Leben Marys (Lesley Manville) nicht viel zu spüren. Die bereits in die Jahre gekommene Frau ist eine zutiefst labile Frau, die ihren Frust und ihre Enttäuschungen vor allem hinsichtlich ihres Liebeslebens zunehmend in Alkohol ertränkt.

Zuflucht findet Mary bei ihrer Freundin Gerri, ebenso wie Toms Freund Ken (Peter Wight) bei den verständnisvollen Eheleuten ein offenes Ohr für seine Probleme findet. Während Tom und Gerri mit Kens Problemen wenigstens für die Dauer seines Besuchs konfrontiert werden, wird die exzentrische Mary immer mehr zu einem Dauergast. Das wird für sie zu einem Problem, als ihr Sohn seine neue Freundin Katie (Karina Fernandez) nach Hause bringt und Mary auf diese eifersüchtig und offen feindselig reagiert.
Alkohol ist der heimliche Hauptdarsteller der Gesellschaftsstudie von Mike Leigh. Unentwegt wird getrunken, ob in der Kneipe oder den vier eigenen Wänden. Anlässe gibt es genug... Mit dem Alkohol ertränken viele ihre Ängste, ihre Enttäuschungen und ihr tiefes Unglück, das sich mit dem Verlust ihrer Illusionen und ihrer Hoffnungen einstellt. Unglückliche Charaktere gibt es in "Another Year" jede Menge. Ken etwa, der Tom und Gerri besucht und schon am ersten Abend Brüche in seiner Persönlichkeiten offenlegt. Er kann seine Tränen nicht unterdrücken, wenn er die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleicht. Alkohol, das wird in diesen Szene deutlich, hat eben auch eine Ventilfunktion. So sehr es ihm gelingen mag, das Unglück für die Dauer des Rausches zu betäuben, so heftig kann es sich unter seiner Wirkung aber auch verstärken. Die labilere Person ist Mary. Selten hat man im Kino eine so verletzte und gebrochene Figur gesehen, wie sie uns Leigh mit aller Deutlichkeit und Konsequenz vorführt. Verzweifelt ist sie bemüht, ihre Angst vor dem Alleinsein im Alter zu überwinden. Dabei stürzt sie sich in die absurde Hoffnung auf eine Beziehung mit dem viel jüngeren Joe und vergrößert dadurch noch ihre Isolation, weil sie sich dadurch den Unmut von Tom und Gerri, ihrer einzigen Freunde, zuzieht.

Als Kontrast zu den unglücklichen Figuren dient die Harmonie zwischen Tom, Gerri und ihrem Sohn Joe. Bei ihnen landen die vom Leben Gezeichneten früher oder später, sei es weil sie hier Trost finden, dass sie hier eine Kompensation ihres Unglücks erfahren oder sich hier selbstquälerisch ihr eigenes Schicksal vor Augen führen. Durch die Gegenüberstellung der heilen Welt von Tom und Gerri mit der in Scherben liegenden von Mary und Ken zeigt Leight auf eindrückliche Weise, welch kostbares Gut das Glück ist. Es hängt einerseits von äußeren und abstrakten Faktoren ab, wie Leigh vor allem an Mary demonstriert, die das Pech regelrecht anzieht. Andererseits liegt es in der Verantwortung des Menschen. Dass Tom und Gerri ihres gefunden haben, hat seine Ursache darin, dass sie ihr "Leben klar umrissen" haben und "eins mit sich sind", so Leigh in einer Pressemitteilung.

Formal ist "Another Year" ein Wunder an reduzierter und unprätentiöser Erzählung. Erzählung trifft hier nur bedingt zu. Leighs leiser, zwischen Tragik und Komik schwankender Film ist kaum mehr als ein Aneinanderreihen von Szenen. Wie der Regisseur sein Drama in vier Blöcke gliedert, von denen jeder durch eine Jahreszeit bestimmt wird, so präsentiert er im Kleinen Szenen-Tableaus, auf denen Begegnungen und Gespräche stattfinden, die innere Befindlichkeiten offenlegen. Die Bilder von "Another Year" sind präzise, nichts entgeht dem sezierenden Blick der Kamera und doch ist ihr Blick voller Empathie für die komplexen und schwierigen Charaktere. Eine Eigenschaft der Bilder ist die Tatsache, dass sie Raum für die Leistung des großartig agierenden Schauspielensembles einräumen. Besondere Erwähnung verdient Lesley Manville. Sie verkörpert Mary mit so viel Intensität, dass ihr Leiden auf den Zuschauer überspringt. Lässt sich Besseres über einen Schauspieler oder einen Film sagen? "Another Year" ist eines der Glanzlichter des Kinojahres 2010.
Another Year

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