Winterschläfer - 1997 | FILMREPORTER.de
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Winterschläfer

OriginaltitelWinterschläfer
GenreDrama, Komödie
Land & Jahr Deutschland 1997
FSK & Länge ab 12 Jahren • 117 min.
KinoDeutschland
AnbieterProkino Filmverleih
Kinostart30.10.1997
RegieTom Tykwer
DarstellerUlrich Matthes, Harry Täschner, René Schönenberger, Simon Donatz, Robert Meyer, Saskia Vester
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Formal brillantes Drama von Tom Tykwer

In seinem zweiten Spielfilm "Winterschläfer" erzählt Tom Tykwer von fünf Schicksalen, die er auf hohem filmischem Niveau miteinander verschränkt und zu einer virtuosen Zustandsbeschreibung der deutschen Gesellschaft der 1990er verdichtet. Im Zentrum des Geschehens, des wenige Tage nach Weihnachten in den bayerischen Bergen angesiedelten Dramas stehen zwei Paare um die 30 und ein Bauer, deren Lebenslinien durch Zufall auf eine tragische Weise gekreuzt sind. Da sind Rebecca (Floriane Daniel) und Marco (Heino Ferch), deren Beziehung eher von oberflächlicher Natur ist und von zahlreichen Streitereien geprägt ist. Sie hangelt sich von einem Job zum nächsten und träumt vom großen Glück im Leben. Marco ist ein begüterter Skilehrer, der die Feiertage lieber bei seinen Eltern und seiner Geliebten verbringt, als mit seiner Freundin.

Laura (Marie-Lou Sellem) und René (Ulrich Matthes) lernten sich durch Zufall kennen und wollen das Wochenende ebenfalls in den Bergen verbringen. Laura ist Krankenschwester und träumt von einer Karriere als Schauspielerin. Filmvorführer René leidet unter Störungen seines Kurzzeitgedächtnisses, weshalb er sein Leben mit Hilfe eines Fotoapparats dokumentiert. Nach einer durchzechten Nacht entwendet René Marcos Auto und begibt sich damit auf eine Spritztour. Auf der eisglatten Straße kommt es zu einem Unfall, bei dem die kleine Tochter des Bauern Theo (Josef Bierbichler) schwer verletzt wird. René selbst kommt unbeschadet davon, kann sich aber wegen seines Gebrechens nicht mehr an den Unfall erinnern kann und begeht ungewollt Fahrerflucht. Theo kann sich nur an eine Einzelheit erinnern: die Narbe an Renés Hinterkopf. Anhand des eingeprägten Bildes will er den Unfallverursacher finden und ihn zur Rechenschaft ziehen.
In traumhaften Cinema-Scope-Bildern seines Stammkameramannes Frank Griebe und formal virtuoser Weise erzählt Tom Tykwer in "Winterschläfer" vom Schicksal seiner Protagonisten, die jede Orientierung im Leben verloren haben. Bei allen vier handelt es sich zwar um wohlhabende junge Menschen, deren Sehnsüchte nach einem besseren und erfüllteren Leben durch ihre materielle Sorglosigkeit jedoch nicht kaschiert werden können. Tykwer zeichnet eine Generation, der das Bewusstsein ihrer Lage abhanden gekommen ist und die sich weigert, sich mit ihren existentiellen Problemen auseinanderzusetzen. Renés Gedächtnisstörungen symbolisieren diese mangelnde Selbsttranszendenz. Wie der Titel suggeriert, sind es allesamt Winterschläfer, die sich in die "isolierten Hüllen ihrer Körper und Wohnhöhlen zurückgezogen" (Josef Lederle in: Film Dienst, Nr. 21, 1997) haben. Körperliche Freuden - versinnbildlicht etwa durch die Promiskuität Marcos - oder Selbsttäuschungen - Lauras Traum von der Schauspielerei - sind nur vorübergehende Kompensationen und Ersatzbefriedigung.

Gefangene sind Tykwers Protagonisten auch in einer anderen Hinsicht. Wie in "Lola rennt" und den nachfolgenden Werken des Regisseurs ist auch "Winterschläfer" eine Reflexion über die Macht des Zufalls. Der Mensch ist nicht Herr seines Schicksals, sein Leben ist vielmehr Folge zufälliger Ereignisse. Andererseits haftet Tykwers Weltsicht nichts Determinierendes an. Mag die mehrere Erzählstränge miteinander verschränkende Montage einen gottähnlichen Blick suggerieren, ist der Zufall in "Winterschläfer" bloßer Zufall und nicht das Walten des Schicksals bzw. einer göttlichen Instanz. "Dem Zufall", so Lederle, (…) "fehlt jeder Anflug von Schicksalhaftigkeit, wie auch die weißen Berge bar jeder mystischen Aura sind. Weder über den Wegen der beiden Liebespaare, die sich in der Villa kreuzen, noch über dem sterbenden Kind wacht ein guter Gott". Auch in der Anlage der Charaktere schreibt Tykwer eine gewisse Entwicklung hinein. Am besten wird dies durch die Figur Marcos illustriert. Ausgerechnet er, der zunächst als der moralisch indifferenteste Charakter erscheint, kommt zu einer selbsttranszendierenden Erkenntnis über Leben und Dasein. Renè und Laura schauen am Ende "skeptisch aber entschieden" (Lederle) einer Zukunft entgegen und erwachen dadurch zumindest ansatzweise aus ihrem "Winterschlaf". Selbst Theo erfährt letztlich eine Erlösung, allerdings liegt er hier einem Irrtum auf und auch das ist dann wohl bezeichnend.
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