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Feature

Take Shelter - Ein Sturm zieht auf
Apokalyptische Zeiten

Michael Shannons verstörende Vision

Weite, bis zum Horizont reichende Felder und ein klarer, blauer Himmel. Wenn nur nicht die grauen Wolken wären, die am Horizont aufziehen und das gesamte Land zu verschlingen drohen. So fesselnd wie die Unheil verkündenden Bilder in Jeff Nichols' "Take Shelter" ist auch das darin gezeichnete Portrait eines Mannes, der von apokalyptischen Visionen eines verheerenden Sturms heimgesucht wird.
Von  Carlos Corbelle/Filmreporter.de,  6. März 2012

Kann Michael Shannon Licht ins Dunkel bringen?

Kann Michael Shannon Licht ins Dunkel bringen?

Untergang des Hauses LaForche
Als Kulisse seines apokalyptischen Szenarios wählt Regisseur Jeff Nichols die weitläufige Natur Ohios. Die alptraumhaften Visionen eines alles vernichtenden Sturms bohren sich in Form von überlebensgroßen Bildern in den Kopf seines gepeinigten Helden Curtis LaForche (Michael Shannon). Das eigentliche Unheil spielt sich allerdings im kleineren Rahmen ab und wird von Nichols als intimes Familiendrama inszeniert. Angesichts der Visionen mag man um das Wohl der gesamten Welt bangen. Mit ansehen zu müssen, wie die Familie des Protagonisten aufgrund seines irrationalen Verhaltens allmählich zerbricht, wiegt jedoch weitaus schwerer als die effekthaschenden Weltuntergänge, die uns das apokalypsefreudige Hollywood-Kino meist sonst beschert.

Graue Wolken drohen das gesamte Land zu verschlingen, doch treiben nicht nur die Naturgewalten den Protagonisten in die Enge. Das Geld reicht vorne und hinten nicht und ohne finanzielle Unterstützung ist das Zahlen der Krankenversicherung sowie der Förderschule von LaForches gehörloser Tochter kaum zu bewältigen. Als der Familienvater durch seine Vorahnungen immer obsessiver wird und aufgrund seines befremdlichen Verhaltens seinen Job verliert, droht die im Kern intakte Familie zu zerbrechen. Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr gehen die apokalyptischen Visionen und die finanzielle Ohnmacht des Helden Hand in Hand. So sind in Nichols' Film die Stürme, die das Land durchziehen und den amerikanischen Himmel der unbegrenzten Möglichkeiten verfinstern, nicht nur meteorologischer, sondern auch ökonomischer Natur.

Michael Shannon wird in "Take Shelter" von Visionen geplagt

Michael Shannon wird in "Take Shelter" von Visionen geplagt

Moderne Kassandra
Aus dem Changieren zwischen Phantastik und Realismus bezieht "Take Shelter" einen wesentlichen Teil seiner Spannung. Bis zum Ende bleibt unklar, ob LaForches Visionen tatsächlich übersinnlicher Art oder doch nur Zwangsvorstellungen eines Schizophrenen sind. Nichols' Charakterstudie eines von Vorahnungen gequälten Helden erinnert an Stephen Kings Roman "Dead Zone" beziehungsweise David Cronenbergs gleichnamige Verfilmung mit Christopher Walken. Beide Werke blicken tief in die Psyche eines Mannes, der gleich Kassandra in der griechischen Mythologie die Mitmenschen vergeblich vor der bevorstehenden Katastrophe zu warnen versucht. Hauptdarsteller Michael Shannon liefert dabei eine überragende Leistung und überträgt durch sein eindringliches Spiel auch auf den Zuschauer ein zunehmendes Gefühl der Verzweiflung.

Ohnehin versetzt uns Regisseur und Drehbuchautor Nichols in gewisser Weise in eine ähnlich schizophrene Lage wie seinen Protagonisten. Einerseits fürchten wir, dass die verheerenden Visionen wahr werden könnten. Andererseits hoffen wir, dass sie sich bewahrheiten und sind nur allzu bereit, die Welt zum Teufel gehen zu lassen, denn dies bedeutet zugleich, dass unsere Identifikationsfigur nicht den Verstand verliert. In jedem Fall scheint ein versöhnlicher Ausweg unmöglich. Darin liegt die nihilistische Brillanz von Nichols' dramaturgischer Schlinge, die sich unbarmherzig um unseren Hals zieht und uns bis zum atemberaubenden Finale nicht loslässt.
Carlos Corbelle/Filmreporter.de - 6. März 2012

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