Filmkritik: Anton Corbijn auf den Spuren eines Mythos' | FILMREPORTER.de
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Dane DeHaan und Robert Pattinson in "Life"
"Life" - Legende James Dean

Anton Corbijn auf den Spuren eines Mythos'

Mit "Life" hat Anton Corbijn einen Film über James Dean inszeniert. Gleichrangig neben der Ikone des Kinos steht Fotograf Dennis Stock, der mit dem Schauspieler eine Fotoserie realisierte und damit den Mythos James Dean mitbegründete. Corbijn ist selbst ein bedeutender Fotograf und so ist es kein Wunder, dass sein Biopic auch ein feiner Film über das Wesen der Fotografie ist.
Von  Willy Flemmer, Filmreporter.de, 27. September 2015

Dane DeHaan und Regisseur Anton Corbijn stellen "Life" auf der Berlinale vor

Dane DeHaan und Regisseur Anton Corbijn stellen "Life" auf der Berlinale vor

Leise Schritte, große Wirkung
Es ist ein leiser Film geworden. Ein Film über eine kurze, eher unscheinbare Zeitspanne aus dem Leben einer wenig später bekannt gewordenen Filmikone. Zu einem Mythos ist James Dean auch dank seines kurzzeitigen Begleiters aufgestiegen: Dennis Stocks Bilder haben das Image des ewigen Kino-Rebellen maßgeblich geprägt - vor allem das mit James Dean auf dem Times Square.

Mit "Life" macht sich Fotograf und Filmregisseur Anton Corbijn auf die Spur der Bildwerdung dieser Legende. Dabei zeichnet sich der niederländische Stilist einmal mehr durch die ihm eigene Ästhetik des Aussparens und Andeutens aus. Man sieht diesen Minimalismus vor allem in der Szene, als das besagte Foto in New York entstand. So gigantisch der Stellenwert des Bildes in der Geschichte der Fotografie auch ist, so zufällig scheint es entstanden zu sein. Zumindest deutet dies Corbijn an. Und so still und beiläufig setzt der Filmemacher dessen Genesis in Szene.

Da treffen sich zwei Männer am verabredeten Ort, plaudern ein wenig miteinander, Banales und Essentielles wird thematisiert. Der Himmel ist Wolkenbehangen, es regnet, die Straßen glitzern vor Nässe - zugegeben, das Wetter spielt dem Fotografen in die Hände. Dann positioniert sich Stock mit seinem Apparat, den er besser beherrschen will als jeder andere in Amerika, Dean läuft los und Stock drückt den Auslöser.

Robert Pattinson als Fotograf Dennis Stock in "Life"

Robert Pattinson als Fotograf Dennis Stock in "Life"

Geburt einer Bildikone
Spätestens hier zeigt sich Corbijns Leisetreterei in aller Deutlichkeit. Der Regisseur weigert sich strikt, den Moment zu exponieren. Alles bleibt beiläufig, keine Großaufnahme drängt sich dem Zuschauer auf, kein dramatischer Score überhöht den entscheidenden Moment. Nur einen flüchtig-irritierenden Blick gesteht Corbijn Stock-Darsteller Robert Pattinson zu, der signalisiert: eben ist etwas Magisches entstanden.

Auch im Großen entfaltet sich die Begegnung der beiden Protagonisten mit einer Gelassenheit, die ihresgleichen sucht. Ausgangspunk ihrer Reise durch die USA ist eine Filmparty, wo der unterforderte Stock und der gelangweilte Dean, souverän gespielt von Dane DeHaan, ins Gespräch kommen. Schnell erkennt der Fotograf das Besondere an dem jungen Nachwuchsschauspieler und fasst den Entschluss, mit ihm eine Fotoserie zu realisieren. Dabei muss er nicht nur seinen Chef (Joel Edgerton) überzeugen, sondern auch Dean selbst, der schon früh seine berüchtigte Null-Bock-Haltung perfektioniert.

"Life" ist ein Film über zwei Ausnahme-Erscheinungen der Popkultur des 20. Jahrhunderts: Über James Dean auf der einen Seite, der gerade seinen ersten großen Film gedreht hat ("Jenseits von Eden") und sich an der Schwelle zum Durchbruch befindet. Cobijn zeigt die wenigen Tage, die er aus dessen kurzen Leben greift, als entscheidende Phase. Der talentierte Schauspieler ahnt seinen bevorstehenden Erfolg voraus und diese Ahnung stürzt ihn in eine schwere Krise. Dean fühlt, welche Opfer auf ihn zukommen werden: Etwa dass er von Zuhause, seiner Familie, dem einfachen Leben auf dem Land Abschied nehmen werden muss und er Gefahr laufen wird, sich selbst zu verlieren.

Robert Pattinson und Dane DeHaan bei der "Life"-Premiere auf der Berlinale 2015

Robert Pattinson und Dane DeHaan bei der "Life"-Premiere auf der Berlinale 2015

Das Wesen der Fotografie
Im gleichen Maße ist "Life" aber auch ein Film über Dennis Stock. Wie der Schauspieler Dean befindet sich auch der Fotograf zu Beginn der 1950er Jahre am Anfang einer bemerkenswerten Laufbahn. Anders als jener, dem angesichts seiner Zukunft als Filmstar bange wird, sehnt dieser den Erfolg herbei. Corbijn legt die Figur als ambivalenten Charakter an. Stock ist einer, dem der Beruf über alles geht, ein Künstler, der als solcher nicht arbeitet, sondern die Kunst lebt. Die Familie gerät dabei zur Nebensache. Wenn der Fotograf mit seinem Sohn gezwungener Maßen Zeit verbringt, dann ist die Kamera immer dabei, die der Kleine auch mal halten darf.

"Life" ist auch ein Film über das Wesen der Fotografie und die Macht, die sie hatte, als Bilder noch Stars erschaffen konnten. Mit der dynamischen Personenkonstellation schwingt zugleich eine wichtige Frage mit. Wer ist der eigentliche Star in einem Fotograf-Künstler-Verhältnis? Auch Dean und Stock geraten darüber in einen Konflikt. Jeder von ihnen hält sich für den Künstler, der den anderen fördert. Letztlich können sie die Kluft zwischen sich, trotz zunehmender Annäherung, trotz gegenseitiger Wertschätzung nicht überbrücken. Auch das zeichnet Corbijn mit zarten Strichen.

In einem Punkt trägt der Regisseur dann aber doch etwas dick auf. Darin, die Welt Deans und Stocks in bewegten Bildern einzufangen, ist Corbijn alles andere als zurückgenommen. In seinen ersten beiden Filmen hätte er ein Sicherheitsnetz gebraucht, sagte er im Interview mit Filmreporter.de und dieses Netz sei die Bildkomposition gewesen. Mit "A Most Wanted Man" wollte er diese Garantie nicht mehr haben, aus diesem Grund sei der Film optisch lockerer ausgefallen.

"Life" hingegen lebt wieder ganz von den Bildern, die Corbijn so kräftig gestaltet wie ein Maler. Das kommt auch der Atmosphäre zugute. New York - die pulsierende Metropole der 1950er Jahre mit ihren verrauchten Bars und den in den Himmel ragenden Häusertürmen; das Landleben als aus der Zeit gefallener Ort des Stillstandes - das alles lebt vor allem von der Bildgestaltung von Kamerafrau Charlotte Bruus Christensen. Die Optik von "Life" resultiert auch aus einem Fluchtgedanken Corbijns. Auf keinen Fall hätte er die Fotografien Stocks nachahmen wollen. Und so erscheint sein Film nicht in Schwarz-Weiß, sondern in leuchtenden, gesättigten Farben.
Willy Flemmer, Filmreporter.de - 27. September 2015

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