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Zarah Leander am Berliner Flughafen Tempelhof

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Nazi-Sirene wird Schwulenikone
Zarah Leander: Diva aus dem Norden
Kaum eine Dokumentation über das Ende des Zweiten Weltkriegs kommt ohne Zarah Leanders Schlager "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" aus. Der kraftvoll vorgetragene und voluminös orchestrierte Ohrwurm ist eine einzige vertonte Durchhalteparole. Zarah selbst erscheint in diesem Licht als Stütze des Nazi-Regimes und Mitverantwortliche für millionenfaches Leid. Erst anlässlich des 100. Geburtstages der 1981 verstorbenen Schwedin kommt es zu einer differenzierteren Auseinandersetzung.
Von  André Weikard/Filmreporter.de,  10.09.2019
Zarah Leander in Aktion

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Zarah Leander: Das Leben einer Diva

Einen Beitrag dazu leistet Jutta Jacobis 2006 erschienene Biografie "Zarah Leander: Das Leben einer Diva". Dort erfährt man von Triumph und Selbstinszenierung über die verhängnisvolle Verstrickung in den deutschen Propagandaapparat bis zu Alkoholsucht und Depression alles über die Schlagersängerin aus dem schwedischen Karlstad.

Ihre Karriere beginnt 1930 als Revuedarstellerin und Sängerin. Schon bald dreht sie erste Filme in Schweden, ohne damit besonderes Aufsehen zu erregen. Entscheidend für die Karriere der geborenen Sara Hedberg war die Übersiedlung nach Wien. Beziehungen zu Deutschland hatte sie schon in ihrem Elternhaus. Eine Urgroßmutter stammt aus Hamburg, der Vater studierte in Leipzig Orgelbau und Musik. Die junge Sara hat einen deutschen Klavierlehrer und ein deutsches Kindermädchen.


Zarah Leander

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Zweite Marlene Dietrich?

Am 1. September 1936 zahlt sich diese Erziehung aus. In Wien feiert die Operette "Axel an der Himmelstür" Premiere. In der Hauptrolle ist nicht wie ursprünglich vorgesehen Greta Garbo, sondern die junge Schwedin zu sehen. Das Publikum - zu dem ab 1938 diktatorisch regierende Bundeskanzler des Bundesstaates Österreich gehört (seit 1936 auch Führer der österreichischen Einheitspartei Vaterländische Front) - ist hingerissen. 62 Mal zwingt das Publikum seine Leander vor die Bühne, um ihr mit stürmischem Applaus zu huldigen. Ein Star ist geboren.

Noch während dem Bühnenengagement dreht sie ihren ersten deutschsprachigen Film. Bezeichnenderweise heißt dieser "Premiere" und handelt von einem Mord bei einer Revue. Zur Besetzung gehören Karl Martell, Theo Lingen und Attila Hörbiger. Schon im Oktober 1936 nimmt die deutsche Ufa den Nachwuchsstar unter Vertrag. Wie prominent sie zu diesem Zeitpunkt schon ist, zeigen die Konzessionen, die man ihr in Berlin macht. So darf die junge Schwedin ihre Drehbücher selbst auswählen, und bekommt die Hälfte ihrer Gage in schwedischen Kronen ausgezahlt.


Zarah Leander

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Best bezahlter weibliche Star der Ufa

In den Jahren 1937 bis 1942 ist Zarah Leander unumstritten der wichtigste weibliche Filmstar der Ufa - und der bestbezahlte. Jährlich übernimmt sie in mindestens einem Film die Hauptrolle. 1943 zieht sie sich auch unter dem Eindruck alliierter Bombenangriffe auf Berlin, nach Schweden zurück. Dort erwirbt sie bereits 1939 ein Landgut mit Wäldern und einer eindrucksvollen Villa mit 22 Zimmern. Die deutsche Staatsbürgerschaft schlägt sie ebenso aus, wie den Titel "Staatsschauspielerin". 1937 setzt sie sich vehement für den Komponisten Ralph Benatzky ein, obwohl der mit einer Jüdin verheiratet ist. Sie zum Kunstgeschöpf von Goebbels zu erklären, wo ihr Erfolg in Wien auf der Zusammenarbeit mit zahlreichen Exil-Deutschen fußt, ist schlichtweg unwahr. Ihre Naivität im Umgang mit Politik und die fehlende Einsicht nach Kriegsende bleibt jedoch als großer Makel stehen.


Zarah Leander

Film Revue

Nachkriegserfolge auf der Bühne

Zu den Legenden um Zarah Leander gehört auch die ihre Erfolglosigkeit nach Kriegsende. Tatsächlich kann die vierzigjährige Schwedin nicht mehr an die großen Kinohits aus der Zeit anknüpfen, als die Ufa in Deutschland über ein Monopol verfügt. Ihre Deutschlandtournee als Sängerin ist aber bereits 1948 wieder gut besucht, eine internationale Tournee folgt im Jahr 1951. Seit 1950 erscheinen künstlerisch wenig ambitioniert Kinofilme, die finanziell jedoch recht erfolgreich sind. Peter Kreuder komponiert für sie die Musicals "Madame Scandaleuse" und "Lady aus Paris". Bis zu ihrem Schlaganfall 1978, der sie an den Rollstuhl fesselt, steht die Diva aus dem Norden auf den großen Bühnen Europas. Die Jahre bis zu ihrem Tod 1981 verbringt sie auf ihrem Gut in Lönö.


Zarah Leander

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Mata Hari des Zweiten Weltkriegs

2008 ist der Mythos Zarah Leander immer noch vital. Zum hundertsten Geburtstag der Schauspielerin und Sängerin wird in Stockholm die Oper "Zarah" aufgeführt, in Härradshammar, wo sie nach dem Krieg lebte, soll ein Leander-Museum eröffnet werden. In Deutschland, Österreich und der Schweiz touren Künstler mit Zarah Leander-Programmen durchs Land.

Nicht selten wird die Schwedin mit der sonoren Stimme und der androgynen Erscheinung in solchen Vorstellungen von der Diva zur Drag Queen stilisiert. Zu den Spekulationen und Legenden, die um ihre Biographie kreisen, gehören abstruse Geschichten wie jene, die Sängerin sei in Wahrheit eine sowjetische Spionin, eine Mata Hari des Zweiten Weltkriegs gewesen. Jenseits solcher Verklärung wird die schwedische Sängerin, die Joseph Goebbelss zum deutschen Filmstar machte, den Makel für ein totalitäres Regime vereinnahmt worden zu sein, nie los werden. Ihre Anhänger werden sicher noch lange streiten, ob der Pakt mit dem Teufel, der ihr so viel Ruhm einbrachte, gedankenlos oder gewissenlos war.
Von  André Weikard/Filmreporter.de,  10.09.2019

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