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Interview

Jennifer Lynch
Barbara Mayr

Wie eine große Party

Vater als Vorbild
Auf dem Filmfest München 2008 wird der Thriller "Unter Kontrolle" vorgestellt. Darin führt eine brutale Mordserie zwei FBI-Agenten in eine amerikanische Kleinstadt, wo sie die Überlebenden eines Massakers befragen sollen. Doch alle Zeugen lügen, und am Ende ist nichts wie es scheint. Filmreporter.de war auf der Podiumsdiskussion mit Regisseurin Jennifer Chambers Lynch, Hauptdarstellerin Julia Ormond und dem Produzenten Marco Mehlitz.
Von  Barbara Mayr/Filmreporter.de,  25. Juni 2008
Marco Mehlitz und Jennifer Lynch immer zu Scherzen aufgelegt
Barbara Mayr/Ricore Text
Marco Mehlitz und Jennifer Lynch immer zu Scherzen aufgelegt
Ricore: Frau Ormond, einer Ihrer ersten Filme war "Das Wunder von Macon" von Peter Greenaway. Sein letzter Film "Nightwatching" ist hier am Münchner Filmfest. Wie ist die Arbeit mit ihm?

Julia Ormond: Er ist sehr bewundernswert. Er hat jeden einzelnen Tag für den Film gearbeitet. Ich habe es geliebt, mit ihm zu arbeiten und es war mir eine große Ehre. Der Film feierte 1993 seine Premiere in Cannes und war auch auf anderen Festivals. Es gibt eine Szene, in dem meine Figur von 191 Soldaten vergewaltigt wird. Die Zuschauer saßen zehn Minuten vor dem schwarzen Bildschirm und hörten die Schreie. Das sind meine deutlichsten Erinnerungen.

Ricore: Sie haben später eine Reihe von Hollywood-Produktionen gedreht: 1994 "Legenden der Leidenschaft" mit Brad Pitt und Aidan Quinn, 1995 "Sabrina" von Sydney Pollack. Können Sie uns etwas über ihn erzählen?

Ormond: Sydney war unglaublich. Er hatte einen sehr hohen Maßstab. Für mich war er ein außergewöhnlicher Mensch und es war beeindruckend, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Als Regisseur verfügte er stets über großes Budgets. Andere lehnen sich zurück und entspannen, aber das hat er sich nie erlaubt. Auch der Kameramann arbeitete gegen die Stoppuhr. Jede Sekunde am Set wurde ausgenützt. Die Stimmung war nicht gerade so, wie man es sich bei einer romantischen Komödie vorstellt. Wir hatten alle ein bisschen Angst. Wenn wir über Witze lachten, brachte ihn das durcheinander und dann mussten wir sie Ihm erzählen. Er hatte ein großes Wissen über Filme. Er wußte einfach alles.


Szene aus "Unter Kontrolle"
Warner Bros. Pictures
Szene aus "Unter Kontrolle"
Ricore: Würden Sie Ihre Rolle in "Unter Kontrolle" als Richtungsänderung Ihrer Karriere bezeichnen?

Ormond: Ja, ich spiele eine FBI Agentin und das hat mir großen Spaß gemacht. Ich bin Jennifer sehr dankbar für die Rolle und glücklich darüber, dass Sie mich als Europäerin dafür besetzt hat. Ich bin froh, dass Jenny und ihr Team mir die Chance gegeben haben, einmal etwas anderes zu machen.

Ricore: Gibt es Unterschiede zwischen der Arbeit mit Jennifer Chambers Lynch und der Arbeit mit ihren Vater David Lynch? Sie hatten ja auch eine Rolle in "Inland Empire".

Ormond: Jenny hat mich nicht dazu angehalten, kurze Shorts anzuziehen. Die Arbeit mit David bei "Inland Empire" war natürlich vollkommen anders. Wir wussten nichts über die Details und die Geschichten. Man wurde ins kalte Wasser geworfen. Es war aber auch lustig. Jenny hatte viel an Energie. Sie gab auch allen genug kreativen Freiraum. Es war ihr sehr wichtig, dass alle das Projekt schätzen. Und dass jeder beste Ergebnisse erreichen konnte. Es war bewundernswert, und wir haben jeden Tag am Set genossen.

Ricore: Wo fanden die Dreharbeiten statt? Sie hassen ja die Sonne, an solchen Tagen waren die Dreharbeiten besonders schlimm, oder?

Ormond: Nein, ich hasse die Sonne nicht. Ich mag es nur nicht, wenn das Wetter wie über Wochen und Monate gleich ist, wie beispielsweise in Los Angeles. Wetter ist eine größere Macht, die mich bescheiden hält, weil man keinen Einfluss darauf hat. Ich mag es, wenn etwas passiert, egal ob ich es will oder nicht. Ich mag es, dass unter dem gleißenden Sonnenlicht in Regina, Saskatchewan, wo wir den Film drehten, derart dunkle Dinge passieren. Mit dem blauen Himmel und den weißen Wolken im Hintergrund.


Julia Ormond
Barbara Mayr/Ricore Text
Julia Ormond
Ricore: Frau Lynch, Ihr letzter Film "Boxing Helena" stammt aus dem Jahr 1993. Was haben Sie seither getrieben?

Jennifer Chambers Lynch: Das ist eine sehr lange Geschichte. Die Kurzversion ist: Es sprechen nicht viele Leute über "Boxing Helena". Außerdem habe ich in der Zwischenzeit ein Kind bekommen und alleine aufgezogen. Ich hatte drei Bandscheibenoperationen, die mich eine Weile lahm legten. Das alles hat ein paar Jahre gedauert.

Ricore: Wie hat sich das Projekt entwickelt und an welchem Punkt stieß Produzent Marco Mehlitz dazu?

Lynch: Marco kam genau zum richtigen Zeitpunkt dazu. Das Script war schon fast ein Shooting-Script, daran wurde aber noch gefeilt. Marcos Mut und Sinn für Masochismus hat dem Projekt sehr gut getan. Wir hatten eine tolle Zeit.

Ricore: Marco, möchten Sie das kommentieren?

Marco Mehlitz: Es war genau so. Ich habe das Drehbuch gelesen und war begeistert. Es war gleich klar, dass ich den Film produzieren wollte.

Lynch: Ich würde gerne noch etwas loswerden. Sie haben vorhin gesagt, "für Jennifer Lynch" arbeiten. Es hat noch nie jemand für mich gearbeitet. Einen Film zu machen ist wie eine Party, es ist eine Gemeinschaftsleistung. Man kann das nicht alleine machen, deshalb ist jeder Einzelne wichtig. Julia hat mit mir gearbeitet und ich habe mit den anderen gearbeitet, nicht sie für mich. Man kann nie alles über einen Charakter oder eine Situation wissen. Wir haben alle Hand in Hand gearbeitet.

Ricore: Was haben Sie von Ihrem Vater gelernt?

Lynch: Er ist sehr hingebungsvoll, er will seine Geschichten wirklich erzählen. Er ist niemandem außer sich selbst und der Geschichte verpflichtet. Er hat mit immer gesagt, ich soll nichts auf das geben, was andere Leute sagen. Egal, ob es gut oder schlecht ist. In Sachen Mut ist er für mich ein Vorbild.
Von  Barbara Mayr/Filmreporter.de,  25. Juni 2008

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