Salzgeber & Co. Medien
Zoltan Paul
Wenn das Baby auf die Welt kommt
Interview: Zoltan Paul sagt die Wahrheit
Er ist stolz auf seinen Sohn, obwohl es bei der Musikauswahl zu "Unter Strom" zwischen Regisseur Zoltan Paul und seinen mittlerweile 22-jährigen Nachwuchs Julian Adam Pajzs heftig gekracht hat. Doch die Gemüter haben sich beruhigt. Nun blickt auch der gebürtige Ungare entspannt auf die teilweise schwierigen Produktionsbedingungen zurück. Offen erzählt uns Paul, dass die Dreharbeiten alles andere als harmonisch waren. Raum für Diskussionen gab es keine. Das Filmprojekt "Unter Strom" wurde regelrecht durchgeboxt.
erschienen am 12. Dezember 2009
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Unter Strom
Ricore: "Unter Strom" stand anfänglich unter keinem guten Stern. Es hat einige Schwierigkeiten gegeben.

Zoltan Paul: Es hat nur Schwierigkeiten gegeben - in finanzieller Hinsicht. Für öffentlich-rechtliche Fernsehsender ist der Film zu schräg, für die privaten Kanäle nicht zielgruppengenau orientiert. "Unter Strom" liegt irgendwo dazwischen.

Ricore: Wie wurden Sie gefördert?

Paul: Die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM), der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) und der FilmFernsehFonds Bayern (FFF) hat uns unterstützt. Hinzu kam Cine+ als Koproduzent, der uns mit Kameras unter die Arme gegriffen hat. Sonst sind alle abgesprungen. Wir haben das Projekt dennoch gestemmt, allerdings mussten die Schauspieler auf Rückstellung arbeiten. Das heißt, sie haben auf den größten Teil des Gehalts verzichtet. Sie haben vielleicht zehn Prozent ihrer Gage bekommen. Ist der Film erfolgreich, erhalten sie natürlich mehr. Aber solches Vorgehen ist in der Branche üblich. Das kennt jeder.

Ricore: Also mussten Sie die Schauspieler nicht lange überzeugen.

Paul: Nein, erstens ist so ein Vorgehen in unserer Branche normal und außerdem lieben Schauspieler gute Drehbücher (lacht). Das Buch hat überzeugt. Alle haben innerhalb weniger Tage zugesagt. Ich musste keinerlei Überredungskunst aufwenden.

Ricore: Als der Film dann auf dem diesjährigen Filmfest München ließ, muss das eine große Genugtuung für Sie als Regisseur gewesen sein?

Paul: Absolut. Das hat richtig gut getan. Vor allem hat man bei der ersten Vorstellung immer das Gefühl, jetzt kommt das Baby auf die Welt.

Ricore: Lebt "Unter Strom" von Ihrem Humor?

Paul: Nun ja, ich bin ungarisch-jüdischer Herkunft. Wir haben einen ganz speziellen Humor, der sich stark von dem der Deutschen unterscheidet. Ich bin in Wien aufgewachsen und kenne mich daher auch gut mit dem bösen, morbiden Humor der Wiener aus. Das liegt mir eher. Auch mein österreichischer Koautor Uli Brée, der übrigens mehrfach prämiert ist, fühlt sich in der Ecke um Wolfgang Haas sehr wohl. Solche Filme wie "Der Knochenmann" oder auch "Silentium" gibt es in Deutschland nicht, die mit eben diesem Humor spielen.
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Harald Krassnitzer
Ricore: Es gibt überhaupt wenige Kinokomödien wie "Unter Strom" in Deutschland.

Paul: Ja, aber gute Komödien sind generell rar. In Deutschland gibt es das Lager Bully Herbig und Otto Waalkes, wo mit Slapstick und Brachialhumor gearbeitet wird. Ich habe sehr großen Respekt davor, aber es ist nicht meine Art. Mir gefällt eher die gehobene Unterhaltung, eine Art Boulevardtheater.

Ricore: Sie haben sowohl zu Ihrem ersten Film "Gone - eine tödliche Leidenschaft" als auch zu "Unter Strom" die Drehbücher selbst geschrieben.

Paul: Ja, aber aus der Not heraus. Ich finde einfach keine guten Drehbücher hier in Deutschland. Das nächste entsteht in Zusammenarbeit mit einer Koautorin. Das Drehbuch ist bereits gefördert und wird 2010 gedreht. Es ist auch eine Komödie.

Ricore: Sie haben lange Zeit auch als Schauspieler gearbeitet.

Paul: Ja, und daher kenne ich die deutsche Kinolandschaft sehr genau. Nach meiner Zeit als Schauspieler habe ich am Theater gearbeitet, später habe ich einige Kinos hier in Bayern betrieben und dann kam mein erster Film. Das hat sich so ergeben. Allerdings hat ich diese Doppel- und Dreifachbelastung derart überfordert, dass ich es schließlich aufgegeben habe. Allerdings habe ich in dieser Zeit etwas Fundamentales gelernt: Man muss für Zuschauer Filme machen. Manchmal gingen Filme derart am Publikum vorbei, das war nicht mehr schön. Das lag manchmal auch am zu schwachen Verleiher, der keine Werbung für den Film machen konnte. Natürlich, woher soll das ganze Geld kommen. Aber die Realität muss man wahrnehmen: abgefahrene Arthausfilme, die der Selbstverwirklichung dienen sind gut und schön, aber es kostet einfach sehr viel Geld. Das muss sich wirtschaftlich rentieren.

Ricore: Ihr erster Film "Gone" war ein reiner Arthaus-Film.

Paul: Ja, er lief auf internationalen Festivals auch erfolgreich. Aber kein Verleiher wollte den in die Kinos bringen. In Deutschland habe ich ihn dann mit sechs Kopien selbst verliehen. Das war gar nicht so schlecht.
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Hanno Koffler mit der Pistole im Nacken
Ricore: Man darf das Publikum nicht unterschätzen!

Paul: Nein, auf keinen Fall. Bei "Unter Strom" habe ich versucht, zwischen Arthaus und Unterhaltung zu pendeln. Klar tendiere ich eher ins Künstlerische, aber ich will die Leute auch unterhalten und zum Lachen bringen. Auch im Privatleben. Das Leben ist lustiger, wenn man nicht immer alles ernst nimmt. Ich selbst unterhalte mich gerne im Kino. Es geht mir auf den Geist, wenn sich die Leute anschweigen und man zwischen dem einen und dem anderen Satz in Urlaub fahren kann.

Ricore: Ging es auf Ihrem Set auch lustig zu?

Paul: Nein, bei uns war es alles andere als lustig. Es war purer Stress. Der Adrenalinpegel war permanent hoch. Wir mussten täglich mindestens fünf Minuten drehen. Wir hatten aufgrund des finanziellen Notstands ja nur 22 Drehtage. Ich musste den Film konsequent durchziehen. Es gab keine Zeit für Diskussionen. Am Ende haben wir es auch geschafft, nicht zu überziehen. Aber zum Teil hat dies zu ordentlichen Krisen geführt.

Ricore: Auch mit den Schauspielern?

Paul: Ja. Im Nachhinein wird immer erzählt, dass alles so wunderbar und so toll war. Das stimmt nicht. Es war für alle Beteiligten ein wahnsinniger Stress. Ich sage aber immer, lieber habe ich ein tolles Endprodukt, als eine tolle Zeit während der Dreharbeiten. Das war aber auch mein Plan: Die Figuren müssen todernst agieren. Niemand macht Witze, jeder ist obsessiv hinter seinen Bedürfnissen her. Die Figuren verstehen kein Spaß. Die Komik entsteht dabei situationsbedingt.

Ricore: In "Unter Strom" wird so häufig "ich liebe dich" gesagt, wie in kaum einem anderen Film. Welche Absicht steckt da dahinter?

Paul: Keine. Liebe ist ja unser Hauptthema. Die Krimihandlung ist nur Vorwand, der Motor sozusagen.

Ricore: Glauben Sie an die wahre Liebe?

Paul: Selbstverständlich. Ich kenne ein Ehepaar, das seit 30 Jahren verheiratet und extrem gut befreundet, aber ständig nur am Streiten ist. Auch ich war 24 Jahre lang verheiratet. Auch wir haben nur gestritten. Dennoch war es eine wunderbare Ehe. Als wir zu streiten aufgehört haben, ging es bergab. Wir wurden uns dann gleichgültig.
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Szene aus "Unter Strom"
Ricore: Haben Sie das Filmpaar in "Unter Strom" an Ihre eigene Ehe angelehnt?

Paul: Ja. Unser alleinerziehende, unverstandene Vater, gespielt von Harald Krassnitzer, das bin eigentlich ich. Nach meiner Theaterzeit wollte ich unbedingt zum Film und habe Drehbücher geschrieben. Meine Frau war beschäftigt und viel unterwegs. So habe ich die letzten zehn Jahre auf unseren Sohn aufgepasst. Wie das Projekt "Kind" dann vorbei war, da er langsam erwachsen wurde, brach unsere Ehe langsam auseinander.

Ricore: Ihr Sohn hat auch bei "Unter Strom" mitgewirkt.

Paul: Ja, er hat die Filmmusik gemacht.

Ricore: Gibt es zwischen Ihnen diese klassische Männerfreundschaft, von der jeder Vater träumt?

Paul: Ja, absolut. Das war schon immer so. Er ist genau wie ich und daher haben wir uns bei der Musik ziemlich in die Haare gekriegt und uns oft gefetzt. Ursprünglich habe ich ihn als Punkrocker engagiert, aber dann studierte er Jazz und meinte, wir sollen es doch anders machen als alle anderen. Jeder donnert Filme mit irgendwelchen Punkrock-Sachen voll, das wollte er nicht. Er war da schlauer. Er musste mich allerdings sehr überzeugen, dass wir uns in der Mitte getroffen haben. Jetzt finde ich, dass die Musik sehr eigenständig geworden ist.

Ricore: Sie haben beide nachgeben?

Paul: Ja klar. Wenn es nach seinem Kopf gegangen wäre, wäre "Unter Strom" ein Free-Jazz-Konzert geworden (lacht).

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.
erschienen am 12. Dezember 2009
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Der aus Ungarn stammende Regisseur Zoltan Paul ist ein Multitalent. Zu Beginn seiner Karriere wirkt er als Nebendarsteller in kleinen Filmen mit, später inszeniert er Theaterstücke. Erst dann verschlägt es ihn zum Film, er beginnt, Drehbücher zu schreiben. In dieser Zeit betreibt er im Raum Bayern mehrere Kleinkinos, die aufgrund ihrer künstlerischen Ausrichtung vom finanziellen Ruin bedroht sind. Doch der Doppelbelastung hält der geschiedene Vater eines Sohnes nicht lange stand und widmet..
Unter Strom (Kinofilm)
Regisseur Zoltan Paul inszeniert mit "Unter Strom" eine solide deutsche Komödie, die an die Screwball-Komödien der 1960er Jahre angelehnt ist. Das namhafte Schauspielensemble merzt einige Schwächen des Drehbuchs gekonnt aus. Der Film lebt vor allem von seinen pointierten Dialogen und der teilweise schwarzen Komik. "Unter Strom" reicht zwar nicht an die Großen des Genres heran, liefert dennoch passable Unterhaltung.
2022