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Interview

Ulrich Noethen bei der Premiere zu "Verliebt in die Braut"
Sony Pictures

Mit ganzem Herzen dabei?

Ulrich Noethen spricht Klartext
In Jo Baiers "Henri 4" spielt Ulrich Noethen Karl IX. Wir trafen den Charakterdarsteller während der Berlinale 2010 in einem luxuriösen Berliner Hotelzimmer. Der 51-Jährige philosophierte mit uns über die Hürden der Schauspielerei, welche Gefühle beim Drehbuchlesen durch seinen Körper strömen und dass er sich über die Rollenangebote eigentlich nicht beklagen kann. Offen gibt er zu, dass man sich seine Rollen nicht immer aussuchen kann, denn schließlich muss man ja von etwas leben. Die Schauspielerei ist eben auch sein Brotberuf.
Henri 4
Central Film
Henri 4


Ricore: Herr Noethen, Jo Baier sagte mal, Sie würden immer Normalbürger spielen. Sehen Sie das auch so?

Ulrich Noethen: Das ist die Sichtweise von Jo Baier. Regina Ziegler [Produzentin] meinte zwar auch, dass man mich so noch nie gesehen habe. Ich bin davon überzeugt, dass sie nicht alles von mir gesehen haben können. Sie haben höchstens einen Ausschnitt von dem gesehen, was ich bisher gemacht habe. Das nehmen sie dann als Grundlage, um sich berechtigterweise ein Urteil zu bilden. Das deckt aber natürlich nicht alles ab. Irgendwas muss Jo aber gesehen haben, um mich in dieser Rolle zu sehen. Es war jedenfalls kein einfacher Weg, dahin zu kommen. Ich wollte die Rolle zuerst nicht spielen, er musste mich sehr überzeugen.

Ricore: Schauspieler neigen dazu, sich zu präsentieren. Wenn Sie auf Ihr Spektrum angesprochen werden, was geben Sie an?

Noethen: Jeder macht sich sein eigenes Bild. Ich weiß nicht, wie Besetzungen zustande kommen. Ich weiß auch nicht, wie im Theater über den Schauspieler geredet wird. Man hat einfach ein Bild von einem Menschen. In viele wird etwas hineininterpretiert, was unter Umständen nicht da ist. Ein klassischer Fall von Überbewertung. Umgekehrt gibt es Leute, die unterschätzt werden. Aber das war nicht die Antwort auf Ihre Frage.

Ricore: Nein. Aber das macht nichts.

Noethen: Man kennt den Menschen hinter der Rolle natürlich nicht, wenn man einen Film mit ihm sieht. Aber man macht sich ein Bild von ihm. Man fragt sich: Wird meine Erwartungshaltung gegenüber der Rolle erfüllt?

Ricore: Hat sich diese bei Ihnen erfüllt. Sie meinten ja, Sie wollten die Rolle anfangs nicht.

Noethen: Nun ja. Schon vor Jahren las ich das Buch mit großem Genuss. Es ist das Hauptwerk Heinrich Manns. Tolle Sprache, irrsinnige Geschichte. Tolle Literatur, die ich sehr liebe. Dann hörte ich, dass das Buch verfilmt werden soll. Und so sagte ich Sabine Schroth [diese machte das Casting zu "Henri 4"], dass ich gerne dabei sein würde. Naturgemäß leide ich beim Lesen des Drehbuchs an einem riesigen Verlustschmerz. Vieles an dem Buch ist nicht mehr da, kann nicht mehr da sein. Es ist etwas anderes, ob ich zwei dicke Romane oder ein Drehbuch schreibe. Im Film fehlt immer etwas. Es ist das alte Problem bei Literaturverfilmungen. Hinzu kam, dass sich mir das Drehbuch nicht so schnell entschlüsselt hat. Mir fiel auf, dass bei Heinrich Mann alle Figuren etwas über 20 Jahre alt waren. Ich musste überzeugt werden, dass die Leute damals mit 20 so aussahen wie ich jetzt. Sie sehen, es hat lange gedauert, aber irgendwann war es so weit.


Ulrich Noethen
Andrea Niederfriniger/Ricore Text
Ulrich Noethen
Ricore: Sind Sie geschichtsaffin?

Noethen: Ich bin kein Historiker, aber ich lese mit großem Interesse historische Stoffe. Das sind Geschichten, die wirklich stattgefunden haben. Sie sind meistens besser als Fiktion. Wenn diese Geschichten gut erzählt werden, macht die Lektüre großen Spaß. Es macht mir auch Spaß, dieses Gitter in meinem Kopf allmählich aufzufüllen.

Ricore: Welche historischen Ereignisse ziehen Sie besonders an?

Noethen: Ich habe ein paar Fixpunkte: die Französische Revolution, 1492, die Entdeckung Amerikas. Darum gruppiert sich mein Wissen. Im Laufe der letzten Jahre ist es mir gelungen, Lücken zu schließen und Verbindungen zu sehen. Dann fängt es erst an, interessant zu werden.

Ricore: Sie spielten in Ihrer Karriere vornehmlich fiktionale Charaktere. Nun eine historische Figur. Gibt es einen Unterschied in der Herangehensweise?

Noethen: Beispiel "Gripsholm": Das war ein schönes Drehbuch. Als aber ein neuer Regisseur kam, erhielt das Buch einen neuen Schliff. Plötzlich war es eine Biografie über Tucholsky. Ich dachte mir, was ich soll Tucholsky spielen? Ich kriegte also Skrupel. Je näher man historisch an einer Figur ist, umso vorsichtiger ist man. Ich habe dann das Gefühl, die Leute haben es nicht verdient, von einem Hanswurst in ihrer Persönlichkeit entstellt zu werden und dass nur eine Facette ihres Wesens herausgegriffen wird. Andererseits gibt es bei historischen Figuren Vorgaben. Es gibt Fakten, die im Dunkeln der Geschichte verschwommen sein können und andere, die noch sehr präsent sind. Diese zu interpretieren, finde ich riskant. Andererseits haben wir die künstlerische Freiheit. Wir wollen etwas Bestimmtes erzählen. Die Fantasie erlaubt es uns, mehr aus einer Sache herauszuholen. Historische Fakten bieten allerdings viel Futter für Geschichten.

Ricore: Historische Figuren kann man sich aussuchen und ausschmücken, bei Fakten muss man genau sein.

Noethen: Ein großer Teil unserer Fernsehunterhaltung besteht darin, verbrecherische Menschen am Vorabend über den Bildschirm laufen zu sehen. Die sind auch alle fiktional.


Ulrich Noethen ("Henri 4")
Central Film
Ulrich Noethen ("Henri 4")
Ricore: Es wird also keinen Tatort-Kommissar von Ihnen geben?

Noethen: Sag niemals nie. Vermutlich nicht, nein. Es ist doch wie im Theater: Das Intendanten-Karussell hat sich letztes Jahr gedreht. Im Moment sind alle Plätze besetzt (lacht).

Ricore: Es wirkt, als dürften Sie in "Henri 4" den Verrückten spielen.

Noethen: Jo Baier hat ein expressives Spiel eingefordert. Das hat mich zutiefst verunsichert. Wenn ich das bei Kollegen sehe, würde ich sagen, das ist ein bisschen zu viel. Ich hatte auch Angst, dass es zu dick aufgetragen sei. Im Fernsehen oder auch bei vielen Kinofilmen wird Normalität eingefordert. Meine Erfahrung in den letzten Jahren war die, dass man in der Regel eingebremst wird. Plötzlich von einem Tag auf den anderen das Gegenteil zu machen, war sehr ungewohnt und ich fühlte mich unwohl. Ich hatte das Gefühl, gegen sämtliche Gesetze zu verstoßen, die ich verinnerlicht hatte.

Ricore: Aber aus Ihren Kinder- oder Familienfilmen können Sie auch aus dem Vollen schöpfen und den Figuren Farbe verleihen.

Noethen: Da gibt es große Unterschiede. "Das Sams" beispielsweise ist eine eigene Welt mit eigenen Regeln. Und diese werden im Film festgelegt. Da sind die wunderbarsten Sachen möglich. Aber normalerweise bewegen wir uns in der Branche nicht in fantastischen Welten. Das deutsche Kino ist weit davon entfernt, ein amerikanisches Traum-Kino zu sein. Es ist meistens mehr an Realität gebunden. Das hat auch Gründe. Wir haben ja keine Traumbudgets. Aus diesem Grund ist man an den Realismus gekettet.

Ricore: War es nicht trotzdem eine Art Befreiung - sofern man sich daran gewöhnt hat?

Noethen: Das mit der Gewöhnung ist so eine Sache. Es wäre anders gewesen, wenn ich die Drehtage hintereinander gehabt hätte. So waren es zwölf Drehtage von September bis Dezember. Ich hatte jedes Mal den Eindruck, ich komme neu an den Set und muss hier jetzt wieder etwas in die Höhe stemmen. Die sonst übliche Selbstverständlichkeit war dieses Mal nicht gegeben, es war eher eine große Anstrengung da hinzukommen. Mir wäre es auch lieber, ich könnte sagen, mein Spiel sei mit großer Leichtigkeit geschehen. Aber das war nicht der Fall. Es war ein innerer Kampf.


Dr. Jo Baier
Central Film
Dr. Jo Baier
Ricore: Hängt das vielleicht mit der gebundenen Sprache zusammen?

Noethen: Mit Sicherheit. Beim rhythmisierten Sprechen, ist das, was man transportieren möchte, schwer abzulesen. Jo war immer sehr gut vorbereitet. Er hat die Szenen durchgestellt und wir haben immer versucht zu sehen, was im Moment geschieht. Worum geht es, was wird hier verhandelt? Das war zeitweise sehr anstrengend.

Ricore: Ist die Leidenschaft und Begeisterung für den Beruf dieselbe wie vor 15 oder 20 Jahren?

Noethen: Ja, ich finde schon. Aber die Begeisterung lässt schlagartig nach, wenn ich mit Stoffen und Drehbüchern konfrontiert bin, wo ich das Gefühl habe, für doof verkauft zu werden. Manchmal denke ich, dass ich Drehbücher nicht lesen kann. Andererseits kann ich Drehbücher sehr gut lesen und kann genau sagen, was funktioniert und was nicht. Über die Jahre habe ich mir ein handwerkliches Können und Wissen angeeignet. Und dieses Wissen möchte ich anwenden können. Wenn Leute kommen und sagen, es spielt keine Rolle, was du denkst, mach es einfach, dann klappt unsere Zusammenarbeit nicht. Dann verliere ich schlagartig die Lust.

Ricore: Sind Sie bei aller Fähigkeit und Wissen mal an eine Grenze gestoßen, wo Sie sagen, das würde ich mir nicht zutrauen, das mache ich nicht?

Noethen: Nein. Ich versuche, immer alles gut und richtig zu machen. Diesen Ehrgeiz habe ich, und eine Herausforderung finde ich toll. Ich weiß aber auch, dass es die einzige Wahrheit oder das Topergebnis nicht gibt. Ich bin zufrieden, wenn ich hinterher sagen kann, das war eine schöne, tolle, interessante Erfahrung. Es kommt oft vor, dass man erst hinter die Szene oder die Figur versteht und sich denkt, ich hätte es doch anders spielen sollen. Man muss eben aus dem Moment schöpfen. Beim Drehen werden keine Wahrheiten für die Ewigkeiten geschaffen. Es sind Momente, die verwendbar sind.

Ricore: Lassen Sie sich leicht begeistern oder gehen Sie grundsätzlich an ein neues Drehbuch skeptisch an die Sache heran?

Noethen: Ich lasse mich total leicht begeistern. Es gibt Drehbücher, die einen von der ersten Zeile an fangen. Aber auch Bücher, wo man schon nach den ersten Seiten skeptisch wird.


Ulrich Noethen ("Henri 4")
Central Film
Ulrich Noethen ("Henri 4")
Ricore: Was aber nicht bedeutet, dass Sie das nicht machen wollen.

Noethen: Nein, das bedeutet es nicht. Dazu muss ich hinzufügen, dass ich die Filme nicht nur nach künstlerischen Kriterien aussuche. Denn schließlich muss ich ja auch Geld verdienen. Natürlich macht man da auch Kompromisse. Die Schauspielerei ist mein Brotberuf. Bei Produktionen, die mich ansprechen, bin ich aber mit ganzem Herzen dabei. Aber solche Filme sind rar gesät.

Ricore: Schön, dass Sie so ehrlich sind. Das geschieht nicht oft.

Noethen: Das gilt für alle in unserer Branche. Für die einen mehr, für die anderen weniger. Mir wäre es auch lieber, ich wäre Leonardo DiCaprio. Selbst bei dem bin ich aber nicht sicher, ob der sich immer richtig entscheidet. Egal.

Ricore: Um auf den Unterschied zwischen fiktionalen und historischen Stoffen zurückzukommen: Gibt es Unterschiede in der Einflussnahme des Schauspielers auf das gesamte Werk? War Ihre Einflussnahme bei "Das Sams" größer als bei "Henri 4"?

Noethen: Bei "Das Sams" war ich viel präsenter und stand dem Regisseur viel öfter auf den Füßen als bei "Henri 4". Mit jedem Regisseur ergibt sich ein anderes Zusammenarbeiten, werden andere Töne verwendet, entsteht eine Nähe oder Distanz.


Gernot Roll
Central Film
Gernot Roll
Ricore: Das ist unabhängig von der Größe der Figur?

Noethen: Es kommt drauf an. Jo Baier hatte eine sehr starke Vision. Er wollte bestimmte Kinobilder haben. Von daher war ein enges Korsett vorgegeben. Auf der anderen Seite versuchte er mir nahe zu bringen, wie ich meine Figur spielen sollte. Ich konnte mir nicht den Satz natürlich nicht verkneifen: "Soll ich das jetzt so spielen, wie du mir das vorgemacht hast?" Natürlich nicht, sagte er, bloß nicht. Ich wollte es nur vormachen." (lacht)

Ricore: Als Schauspieler produziert man immer nur Fragmente. Am Ende stehen manchmal Werke, die nicht den Erwartungen entsprechen.

Noethen: Ich habe leider nicht die Distanz. Bei der ersten Sichtung des Films guckt man auf sich selbst. In gewisser Weise ist es ein ängstlicher Blick. Das macht einen nicht sehr frei, um den Film als Ganzes bewerten zu können.

Ricore: Letzte Frage: Wie steht es um den Zustand der deutschen Filmbranche?

Noethen: Das kann ich nicht sagen. Ich selber hatte jahrelang immer Glück. Es waren gute Produktionen dabei. Der Höhepunkt war für mich "Ein fliehendes Pferd". Dann kamen zwei Folgen "Kommissar Süden", dessen Figur, Tabor Süden, ich sehr geliebt habe. Und seitdem ist Sand im Getriebe. Ich warte auf etwas, das mich wieder gefangen nimmt. Seit zwei Jahren frage ich mich, wo die guten Filme sind! Die Kollegen drehen ja auch schöne Filme. Jetzt fange ich an zu jammern, und das will ich nicht.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch.

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