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Interview

Eytan Fox
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Israel braucht eine Umkehr

Eytan Fox: Yossi ist zurück
Der israelische Regisseur Eytan Fox ist ein Vorkämpfer für die Rechte von Lesben und Schwule. Mit seinem langjährigen Lebensgefährten, dem Journalisten, Produzenten und Drehbuchautor Gal Uchovsky hat der gebürtige New Yorker Filme realisiert, die auf internationalen Festivals ausgezeichnet werden und in Israel die Kinos füllen. Filmreporter.de hat Fox zu "Yossi" befragt, der Fortsetzung seines erfolgreichen Dramas "Yossi & Jagger". Dabei erfuhren wir, dass selbst Offiziere in Israel keine Probleme mit ihrem Outing haben und wie das bei ihm lief.
Von  Richard Rendler, Filmreporter.de,  24. Januar 2013
Eytan Fox
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Eytan Fox
Ricore Text: Herr Fox, Sie kommen mit Ihren Filmen immer wieder nach Berlin…

Eytan Fox: Ja stimmt. Ich mag die Stadt und verfolge, was hier passiert. Mein erster Spielfilm - "Das Lied der Sirene" - wurde 1995 im Panorama gezeigt. Auch meine letzten drei Spielfilme liefen im Panorama - "Yossi & Jagger", "Walk On Water" und "The Bubble". Danach habe ich viel fürs israelische Fernsehen gemacht und bin jetzt mit "Yossi" erneut in Berlin.

Ricore: Mich hat an der Figur Tom frappiert, wie selbstverständlich er mit seiner Homosexualität umgeht, obwohl er Soldat ist. Wie ist die Lage von Schwulen und Lesben in Israel?

Fox: Das hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch geändert. Als ich in der Armee gedient habe - dem Schrein der israelischen Männlichkeit - war die Idee in der Armee seine Homosexualität offen zu zeigen, undenkbar. Wie gesagt, hat sich das in der Zwischenzeit dramatisch geändert und ich bin stolz darauf, dass ich mit Filmen wie "Yossi & Jagger" und Produktionen fürs Fernsehen meinen Anteil an diesem Prozess hatte. Heute ist es völlig normal, dass sich schwule Soldaten und Offiziere nicht mehr verstecken müssen.

Ricore: Wie war das zu Beginn Ihrer Karriere?

Fox: Als wir "Yossi & Jagger" drehten, haben wir die Armee um Unterstützung gebeten, um Uniformen, Waffen, Bunker etc. zu bekommen. Es ist schwer einen Film über die Armee ohne deren Unterstützung zu realisieren. Sie verweigerten die Hilfe wegen dem Thema. Wir haben den Film also ohne ihre Hilfe gemacht und er war in Israel ein großer Erfolg und wurde so gut aufgenommen. Er war auf der Berlinale und wurde auf vielen weiteren Festivals gezeigt. Schließlich hat die Armee den Film für sich entdeckt und ihn ihren Soldaten vorgeführt. Als sie erfahren habe, dass wir die Fortsetzung "Yossi" drehen werden, haben sie von sich aus Ihre Unterstützung angeboten. Sie sehen, die Dinge haben sich geändert, Israel hat sich geändert, denn die Armee ist in vieler Hinsicht ein Spiegel der israelischen Gesellschaft.

Ricore: In welchem Israel sind Sie aufgewachsen?

Fox: Das Israel in dem ich aufwuchs, das Israel, dem Yossi zum Opfer fiel, war sehr isoliert, sehr nationalistisch, militaristisch, sehr macho - dazu gehört das Bild des Mannes, der hetero, männlich und stark ist, es galt Held zu sein, Überlebender. All diese Begrifflichkeiten lagen schwer auf unseren Schultern. Schwul zu sein, passte nicht ins Bild. Als junger Mann der spürte, dass er schwul ist, merkte ich, dass ich nicht in dieses Bild passte.

Ricore: Wer wusste zu dieser Zeit, dass Sie schwul waren?

Fox: Nur ich…


Oz Zehavi, Eytan Fox und Ohad Knoller relaxen am Set von "Yossi"
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Oz Zehavi, Eytan Fox und Ohad Knoller relaxen am Set von "Yossi"
Ricore: … nur Sie?

Fox: (lacht) … nur ich. Weder Freunde, Freundinnen noch meine Familie - nur ich…

Ricore: Wann haben Sie sich geoutet?

Fox: Nach meinem Militärdienst. Ich habe in Tel Aviv und Film- und Fernsehwissenschaften studiert. Die Atmosphäre war von Künstlern und einer progressiven politischen Stimmung geprägt. Hier habe ich meinen jetzigen Lebensgefährten [Produzent und Drehbuchautor Gal Uchovsky] kennengelernt - wir sind jetzt seit 24 Jahren zusammen. Das gab mir die Kraft mich meiner Mutter und meinem Vater - einem Rabbi - zu erklären. Das war sehr schwer für beide. Heute haben Eltern so viele Informationen was es bedeutet, schwul zu sein und es gibt so viele Vorbilder in den Medien. Deshalb kann es für Eltern so viel leichter sein, damit zurechtzukommen.

Ricore: Konnten Sie mit Ihrem Lebenspartner am Sabbat zu Ihren Eltern gehen?

Fox: Meine vor zehn Jahren verstorbenen Eltern waren geschieden, so gingen wir ein Freitag zu meiner Mutter, den nächsten zu meinem Vater. Aber es hat natürlich Zeit gebraucht, bis sie meine Homosexualität akzeptieren konnten. Heute sind wir in Israel ein bekanntes schwules Paar, das sich seit langem für schwule Bürgerrechte einsetzt. Unsere ersten Filme waren Teil der schwulen Jugendbewegung Israels. Also repräsentiert Yossi die alte Gesellschaft, das alte Israel. Er trifft in "Yossi" auf Tom, der für das neue, aufgeklärte Israel steht. Der lebt seine Homosexualität offen aus, er ist Offizier der israelischen Armee und ist ein richtiger Mann, dessen Freunde heterosexuell sind und niemand stört sich daran. Yossi weiß nicht wie er mit dieser Offenheit und Selbstverständlichkeit im Umgang umgehen soll, er kann nicht glauben, dass das die Realität ist. Teil der Aussage dieses Films ist, ich habe Yossi und mich vor zehn Jahren in einer sehr schwierigen Lage sich selbst überlassen. Jetzt gehe ich zurück, hole ihn aus dieser Verzweiflung heraus und sage ihm: sieh, das ist die neue Gesellschaft, du bist in deinem Trauma stecken geblieben, du bist in deiner Vergangenheit stecken geblieben, aber hier ist eine neue Gesellschaft. Mach sie dir zu eigen, umarme sie. Yossi braucht sehr lange, das zu verstehen und umzusetzen.

Ricore: Sie konzentrieren sich ganz auf Yossi, es gibt keine einzige Szene ohne ihn...

Fox: Die Charaktere in meinen bisherigen Filmen standen für gesellschaftliche Zusammenhänge, engagierte Schwule, gläubige Juden, Soldaten, die mit dem Krieg zurechtkommen müssen etc. Auch bei "Yossi" werden politische Themen angedeutet, aber hier konzentriere ich mich viel mehr auf meinen Protagonisten Yossi, lasse ihn Schritt für Schritt eine Entwicklung durchmachen.

Ricore: Sind Ihnen viele Yossis begegnet, als Sie den Film gezeigt haben?

Fox: Ja, da waren viele sehr verschiedene Yossis, die kamen und mir sagten, ich bin Yossi'. Es kamen nicht nur Homosexuelle, es kamen Frauen, die mit ihrem Körper unzufrieden waren, Menschen, die mit ihrer Geschlechteridentität haderten, Menschen, die Verluste und andere Traumas verarbeiten mussten und damit nicht voran kamen, die nicht die Kraft hatten, sich zu ändern und wieder in die Gesellschaft zu treten und sich dem Leben zu stellen. So gab es viele, die sich mit der Szene identifizieren konnten, in der Yossi wegen seinem Aussehen abgelehnt wird, weil er nicht mehr dem schwulen Schönheitsideal entspricht.

Ricore: Die schwule Gemeinschaft idealisiert den Körper noch mehr…

Fox: Ich sage Ihnen was: ich habe am Set von "Yossi" mit einer hübschen jungen Maskenbildnerin gesprochen, als wir diese Szene gedreht haben und sie hat geweint. Ich fragte sie, 'was ist passiert' und sie antwortete, dass sie jedes Detail der Szene, in der Yossi von einer Internetbekanntschaft wegen seinem Aussehen zurückgewiesen wird, selbst erlebt habe. Jeder Zurückweisung, die ihr widerfahren sei, finde sie in Ohad Knollers Gesicht [der Yossi-Darsteller]. Viele kommen mit ihrem Aussehen nicht zurecht, fühlen sich deshalb abgelehnt oder verspottet, die gesamte westliche Kultur - nicht nur die schwule, die das natürlich auf die Spitze treibt - macht das. Wie fühlen sich etwa junge Mädchen, wenn sie im Fernsehen die Stars sehen, das ist komplett verrückt... Die schwule Kultur, und das ist vielleicht meine Kritik in diesem Film - liegt mit ihrem überzogenen Körperkult völlig falsch. Viele haben mir gesagt, 'ok wir verstehen, dass sich Ohad Knoller [der Yossi-Darsteller] in Oz Zehavi verliebt, ein in Israel sehr angesagter, junger und gut aussehender Star, aber warum soll sich Oz Zehavi bitte in Ohad Knoller verlieben?' Das ist ein derart enger, begrenzter Blick auf die Liebe und die sexuelle Anziehungskraft! Es fühlen sich sehr unterschiedliche Menschen voneinander angezogen. Man fühlt sich von der psychischen Stärke des Gegenübers angezogen, das liegt eben nicht immer nur am Aussehen.


Eytan Fox
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Eytan Fox
Ricore: Sie wurden in New York geboren und sind in Israel aufgewachsen. Wann ist ihre Familie nach Israel ausgewandert?

Fox: Als ich drei war. Mein älterer Bruder war zehn, mein jüngerer ein Monat alt. Meine Familie war sehr amerikanisch. So sind wir viel zwischen beiden Staaten hin und hergependelt und behielten unsere amerikanische Identität auch in Israel. Wir lebten im New York der 1960er Jahre in Manhattan an der Upper East Side. Wir waren Fremde in Israel, so amerikanisch in der sehr israelischen Stadt Jerusalem des Jahres 1967, die wie ein jüdisches Schtetls aussah. Also meine Mutter - eine elegante, städtisch geprägte Dame im kleinen schwarzen Kleid und Perlenohrringen kam in dieses Schtetl und auch ich war ein ganz und gar amerikanisches Kind. Das Essen bei uns war anders, unsere Wohnung war anders eingerichtet. Aus der heutigen Sicht des Filmemachers hatte ich damals schon den Blick des Außenstehenden, was mein Gefühl prägte, anders zu sein. Als ich mir bewusst wurde, dass ich schwul war, habe ich mir gesagt: 'Ich bin anders, ich bin amerikanisch bin schwul in dieser israelischen Machogesellschaft'. Ich habe die Gesellschaft von außen betrachtet, sie untersucht und beobachtet.

Ricore: Wenn sie die israelische jüdische Gesellschaft mit der amerikanischen jüdischen Gesellschaft vergleichen, wo liegen die größten Unterschiede?

Fox: Das amerikanische jüdische Leben ist wirklich jüdisch. Als ich nach Israel kam wurde mir klar, wie unjüdisch das Leben vieler Juden hier ist. Sie sind in Israel aufgewachsen, wissen aber wenig über die Religion, etwa was koscher oder jüdisches Benehmen ausmacht. Sie haben israelische Eigenschaften, die amerikanische Juden nicht haben. Es ist eine andere Kultur. Heute gibt es Spannungen zwischen dem amerikanischen Judentum und dem israelischen Judentum, weil die amerikanischen Juden eine kritische Einstellung zur israelischen Politik haben. Für sie ist das Verhältnis zu Israel komplizierter geworden.

Ricore: Sie unterstützen Israel als Staat, haben aber eine kritische Einstellung zur israelischen Politik?

Fox: Ja.

Ricore: Und wenn Sie sich die jüdischen Gemeinden in Deutschland ansehen? Was wissen Sie über diese?

Fox: Wenig. Die Vorstellung von Juden in Deutschland ist für mich immer noch seltsam. Das ist für mich schwer zu verstehen. Wie funktioniert das? Selbst nach 60 Jahren, wie geht das? Wie leben sie damit? Ich weiß es nicht.

Ricore: Woher stammt Ihre Familie ursprünglich?

Fox: Sie kamen aus Polen und Russland. Es gab auch Familienmitglieder, die im Holocaust umkamen, aber die meisten verließen die alte Welt und übersiedelten in die USA um 1910, 1915, 1920...

Ricore: Sie sind oft in Deutschland, mindestens einmal im Jahr für die Berlinale, nicht?

Fox: Stimmt.

Ricore: Fühlt sich das auch seltsam an?

Fox: Nein, es ist faszinierend. Israelis und Deutsche haben - ob sie das wollen oder nicht - eine sehr starke Verbindung. Es gibt seit einiger Zeit das Phänomen, das tausende junger Israelis in Berlin leben wollen. Sie halten die Stadt für eine coole, attraktive Metropole, was sie auch ist. Vielleicht weil ich ein Künstler bin und das gerne so sehen will sage ich, da steckt mehr dahinter. Vielleicht ohne dies zu wollen haben sie vielleicht das Gefühl, etwas in Ordnung bringen zu müssen, zu sagen: das ist eine neue Gesellschaft. Deshalb ist es Berlin, nicht London, nicht Paris, nicht New York. Ja, Berlin ist sexy!

Ricore: Reisen Sie auch privat nach Berlin?

Fox: Ja, ich habe Freunde hier.

Ricore: Sie haben "Walk On Water" in Deutschland gemacht, werden Sie hier einen weiteren Film realisieren?

Fox: Vielleicht. Ich bin gerade mit einer Produktionsfirma im Gespräch, die wahre Story des 19-jährigen schwulen Berliners Gad Beck zu verfilmen. Der ging als Teenager in den Widerstand und war Teil einer Gruppe von Juden, die sich während dem gesamten Zweiten Weltkriegs in Berlin versteckt hielten. Er war schwul und hatte auch Beziehungen zu deutschen Offizieren. Er hat 1990 seine Autobiographie geschrieben. Und jetzt will diese große deutsche Produktionsfirma den Stoff entwickeln. Ich spreche immer wieder mit Deutschen über Filmprojekte und finde das deutsch-israelische Verhältnis als Thema sehr interessant.

Ricore: Haben Sie das Gefühl in Deutschland wie ein rohes Ei behandelt zu werden?

Fox: Vielleicht, aber ich hoffe das ändert sich. Angela Merkel hat Benjamin Netanjahu zumindest in der Öffentlichkeit wie ein rohes Ei behandelt, sie sollte ihm vielmehr eine Ohrfeige geben. Deutschland sollte Israel zum Wandel auffordern, Israel braucht einen Politikwechsel! Europa sollte das unterstützen ohne antisemitisch oder antiisraelisch zu sein. Helft uns in eine neue Richtung zu gehen, Israel braucht den Wandel! Israel ist ein furchtbarer Ort, nicht nur wegen der Terroristen. Die Menschen sind niedergeschlagen, sie leiden. Viele junge Israelis wollen das Land verlassen, weil es keine Hoffnung gibt, kein Licht am Horizont.

Ricore: Kommende Woche wird in Israel gewählt, wie ist die Aussicht?

Fox: Sehr schlecht, es läuft alles auf Benjamin Netanjahu heraus und der ist sehr konservativ. Ich und meine Freunde wählen die Linke.

Ricore: Wer sind die Linken in Israel?

Fox: Das ist eine gute Frage.

Ricore: …denn die Arbeiterpartei ist nicht mehr sehr stark und steht auch nicht mehr sehr links…

Fox: Es gibt sie noch, aber wir mögen sie nicht so sehr. Die Menschen in meiner Welt wählen Meretz. Sie repräsentiert unser Meinungen und Werte.

Ricore: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die heutige Premiere.
Von  Richard Rendler, Filmreporter.de,  24. Januar 2013

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