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Interview

Keira Knightley auf der Hamburger Premiere von Stolz und Vorurteil
Keira Knightleys Halbwertszeit

Sex als Tabuthema?

Keira Knightley hat es geschafft. Seit "Fluch der Karibik" gehört sie zu Hollywoods heißesten Newcomern. Die Bankkonten sind gefüllt, Rollenangebote gibt es reichlich, und ihr Langzeit-Lover ist ein irisches Topmodel. Bevor sie als Piratenbraut auf die Leinwand zurückkehrt, sehen wir sie in zwei Filmen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: in "Domino" als eiskalte Kopfgeldjägerin und der Literaturverfilmung "Stolz und Vorurteil" als Tochter einer Gutsbesitzerin, die in den Wirren des 18. Jahrhunderts nach Liebe und Anerkennung sucht - und in der reichen Oberschicht auf Missmut und Arroganz trifft. Wie es zu den beiden Projekten kam, verriet uns die 20-jährige Engländerin in Hamburg.
Von  Johannes Bonke/Filmreporter.de, 19. Oktober 2005

Ist weder Stolz noch ignorant

Ist weder Stolz noch ignorant

Ricore: Mrs. Knightley, ist Stolz eine gute oder eine schlechte Eigenschaft?

Keira Knightley: Beides! Ich bin stolz auf diese Literaturverfilmung und auf meine Arbeit der vergangenen Jahre. Wenn sich dieser Stolz aber in Eitelkeit verkehrt, kann das auch sehr schnell widerlich wirken. Vorurteile sind dagegen nur negativ. Man sollte sie möglichst vermeiden - was aber leider oft gar nicht so einfach ist.

Ricore: In "Stolz und Vorurteil" dreht sich alles um Liebe und Partnerschaft. Wie romantisch sind Sie?

Knightley: Romantik ist mir ziemlich wichtig. Wenn ich mich schlecht fühle, gibt es für mich nichts Besseres als eine romantische Buchlektüre. In Jane Austens Bestseller bin ich vernarrt, seit ich sieben Jahre alt bin. Damals hatte ich sogar das zugehörige Puppenhaus. Ich denke, wir alle haben eine tiefe Sehnsucht nach Romantik. Sonst könnte ein Buch, das 1790 geschrieben und 1810 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, nicht all die Jahre überdauern.

Ricore: Das Buch wurde 1940 zum ersten Mal fürs Kino verfilmt, seitdem folgten vier - teils hoch gelobte - TV-Serien. Was macht die neue Adaption so einzigartig?

Knightley: Das Buch gehört zu den populärsten Werken der Welt. Meiner Meinung nach kann und sollte man so eine Geschichte immer wieder erzählen. Speziell diese Thematik kann problemlos in die heutige Zeit übertragen werden, und sie diente ja auch schon als Vorlage für Blockbuster wie "Bridget Jones": Es geht um Liebe und die Wirren der Jugend, um Fehltritte und Lektionen. Um das Erwachsenwerden im Taumel der Gefühle. Das sind alles zeitlose Themen.

Ricore: Allerdings gibt es bei Jane Austens Romanen immer ein Happy End. In Ihrem eignen Leben auch?

Knightley: In der Realität ist nie alles nur Sonnenschein. Gerade das macht den Charme solcher Märchen aus. Ich brauche solche Geschichten regelmäßig. Ich will träumen und mich in eine andere Welt entführen lassen.

Keira hat den Durchbruch geschafft

Keira hat den Durchbruch geschafft

Ricore: Deswegen entscheiden Sie sich also immer wieder für historische Filmstoffe wie zuletzt "Fluch der Karibik" und "King Arthur"?

Knightley: Falsch! Bei diesen beiden Filmen hatte ich gar keine andere Wahl. Rückblickend bin ich natürlich froh über die Angebote, aber damals wurde mir einfach nichts anderes angeboten. "Stolz und Vorurteill" sowie meine nächsten beiden Filme "The Jacket" und "Domino" sind die ersten Projekte, für die ich mich selbst entschieden habe.

Ricore: In "Domino" spielen Sie das frühere Top-Model Domino Harvey, die ihre Modekarriere mit 23 Jahren an den Nagel hing, um Kopfgeldjägerin zu werden.

Knightley: Aber der Film ist keine authentische Biographie! Wir orientieren uns an ihrem Leben, haben aber eine fiktive Story darum konstruiert. "Domino" ist ein Actionfilm, sehr brutal.

Ricore: Im Juli diesen Jahres wurde Harvey tot in ihrer Badewanne aufgefunden. Welche Gefühle beschleichen Sie rückblickend?

Knightley: Es ist ein menschliches Drama, das mich natürlich sehr bestürzt hat. Ich habe Domino ein paar Mal persönlich kennen gelernt und war für diese inspirierenden Treffen sehr dankbar. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit ihr verbringen können. Auf unseren Film hat ihr Tod entgegen aller Gerüchte keinen Einfluss. Wir werden nichts kürzen, geschweige denn zusätzliche Szenen nachdrehen.

Ricore: Zwischen dem Dreh der Literaturverfilmung "Stolz und Vorurteil" und Ihrer Arbeit an dem Actionreißer "Domino" blieben Ihnen genau vier Tage Zeit. Wie verkraftet man so eine Umstellung?

Knightley: Von der Romantik einer längst vergangenen Zeit hin zur Kopfgeldjagd in Downtown L.A. ist es nicht der kürzeste Weg, da haben Sie recht! (lacht) Rückblickend gesehen ging es auch etwas zu schnell, aber terminlich ließ es sich nicht anders machen. Also schnitt ich mir die Haare ab - das half mir bei der Rollenfindung. Ich brauche solche radikalen Brüche von Zeit zu Zeit. Wenn ich zu oft dasselbe mache, langweile ich mich schnell. Abwechslung tut gut.

Ricore: Wo wollen Sie denn auf Dauer hin?

Knightley: Wenn ich das so genau wüsste! Es gibt einfach zu viele gute Rollen. Aber einer meiner Lieblingsfilme ist "Der Löwe im Winter" von 1968 mit Peter O'Toole und Katharine Hepburn. Für die Rolle, die ich darin gerne spielen würde, muss ich wohl erst sechzig werden. Es liegt also noch ein weiter Weg vor mir. Momentan verschlinge ich ein Drehbuch nach dem anderen...

Ricore: Für normale Bücher bleibt keine Zeit?

Knightley: Ich komme nicht mehr wirklich dazu und muss auch zugeben, dass ich nicht besonders gut lesen kann. Wenn ich mich mal dazu aufraffe, kann ich regelrecht darin versinken, aber dazu muss es erst mal kommen. (lacht) Ich bekomme bei dem Thema immer ein schlechtes Gewissen. Meine Mutter vergöttert Bücher nämlich und ist ständig am lesen.

Szene aus: Stolz und Vorurteil

Szene aus: Stolz und Vorurteil

Ricore: Welches Buch können Sie empfehlen?

Knightley: Auch wenn es prätentiös klingt: "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi und "Doktor Schiwago" von Boris Pasternak.

Ricore: Pasternak wurde Dichter, als ein Mädchen seinen Heiratsantrag ablehnte. Sie selbst sind mit einem irischen Model liiert. Würden Sie im Fall der Fälle zustimmen?

Knightley: Ich bin zwanzig! Darüber will ich mir jetzt beim besten Willen noch nicht den Kopf zerbrechen. Nicht dass ich Familie und Kinder kategorisch ablehnen würde, aber dafür ist in zehn Jahren noch genug Zeit.

Ricore: Hilft es Ihnen eigentlich im Umgang mit Männern, dass Sie mit einem großen Bruder aufgewachsen sind?

Knightley: Ich habe mit den Jahren gelernt, dass man gar nicht erst versuchen soll, das andere Geschlecht zu verstehen. Besser ist es, die Fehler des anderen zu akzeptieren und die Unterschiede zu feiern. Dann kommt man wesentlich besser über die Runden. Zu meinem Bruder Caleb habe ich nach wie vor ein enges Verhältnis. Wir wohnen sogar zusammen...

Ricore: Hatten Sie nicht erst letztes Jahr ein Apartment in London für sich und sechs Freundinnen gekauft?

Knightley: Das war nur ein Spaß, und irgendjemand hat es für bare Münze genommen. In der Wohnung wohnen nur ich, mein Bruder und seine Freundin.

Ricore: Sind Sie in Beziehungen genauso unbescholten wie Ihre Rolle in "Stolz und Vorurteil"?

Knightley: (lacht) Das ist in unserem heutigen Zeit doch gar nicht mehr möglich! Damals, als man noch nicht über Sex und Liebe gesprochen hat, war das für zwanzigjährige Mädchen noch ein Tabuthema. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert. Die heutige Jugend ist in allen Belangen wesentlich abgebrühter.

Keira bleibt auf dem (roten) Teppich...

Keira bleibt auf dem (roten) Teppich...

Ricore: Sie sind das beste Beispiel: Ihren ersten Agenten bekamen Sie mit gerade mal sechs Jahren!

Knightley: Mit drei Jahren habe ich angefangen, darum zu betteln. Meine Eltern waren natürlich dagegen. Doch dann stellten sie fest, dass ich erhebliche Probleme beim Lesen hatte. Niemand wusste Rat, und so versprach mir meine Mutter einen Agenten, wenn ich während der Sommerferien jeden Tag eine Stunde mit ihr üben würde - freiwillig und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Ich war so Feuer und Flamme, dass ich mich wirklich reingehängt habe. Und siehe da, meine Noten wurden besser und besser, und solange das anhielt, durfte ich auch weiter Schauspielen.

Ricore: Mit sechzehn haben Sie die Schule allerdings geschmissen. Bereuen Sie diese Entscheidung manchmal?

Knightley: Definitiv! Ich bin mir meiner Halbwertszeit als Schauspielerin durchaus bewusst. Wenn ich mit 35 Jahren noch einen Job kriege, habe ich Schwein gehabt. Ansonsten stehe ich da und habe gar nichts. Außerdem fehlt mir ein richtiger Freundeskreis, mit dem ich durch Dick und Dünn gehen kann. Mit dem du deine unterschiedlichen Lebensstufen gemeinsam gehst. Ich habe mich als Sechzehnjährige verabschiedet und meinen eigenen Weg eingeschlagen. Und trotzdem war es vermutlich die richtige Entscheidung. Ich hatte einen Traum, und den musste ich verdammt noch mal verfolgen. Ansonsten wäre ich sicher nicht glücklich geworden.

Ricore: Heute zählen Sie zu Hollywoods heißesten Newcomern und spielen an der Seite von großen Filmstars wie Johnny Depp und Orlando Bloom. Wirft Ihr Erfolg auch Schatten?

Knightley: Teil meines Jobs als Schauspieler ist es, die Manierismen und Eigenheiten von Menschen zu beobachten und nachzuahmen. Ich musste in der Vergangenheit bemerken, dass ich das inzwischen nicht mehr unbemerkt tun kann. Ich kann nicht mehr friedlich und beobachtend in einem Cafe sitzen, ohne aufzufallen. Außerdem macht es mich verrückt, wenn Passanten meinen Namen schreien oder um ein Autogramm bitten. Ich weiß, dass ich damit zum Teufel noch mal klarkommen sollte, und irgendwann werde ich mich wohl damit abfinden, aber bisher ist es für mich die reinste Qual. Andererseits bin ich mit meiner derzeitigen Position in Hollywood mehr als zufrieden. Alles ist besser aufgegangen, als ich es erwarten konnte. Alle Möglichkeiten stehen mir offen, und ich kann tun und lassen, was ich will. Erfolg hat also immer Vor- und Nachteile.
Johannes Bonke/Filmreporter.de - 19. Oktober 2005

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